Lukas Bärfuss: Koala (2014).

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BotanischerGarten (9)„Nur für diesen Zweck wurde der Mensch erschaffen:
Zu lehren, wer eine einzige Seele zerstört,
Zerstört die ganze Welt.
Und wer eine einzige Seele rettet,
Rettet die ganze Welt…
Deshalb kann der Mensch sagen:
Die Welt wurde um meinetwillen erschaffen.“

Aus dem Talmud.

Die Weltgesundheitsorganisation hat 2003 den 10. September zum jährlichen Suizidpräventionstag ernannt. Aus gutem Grund: Jedes Jahr nehmen sich mehr als eine Million Menschen nach offiziellen Angaben weltweit das Leben, in Deutschland sterben 10.000 Menschen jedes Jahr durch Suizid – mehr als durch Verkehrsunfälle. Der Präventionstag soll dazu beitragen, Suizide zu verhindern, Menschen in Krisen zu helfen. Aber auch, so ebenfalls ein Anliegen der Aktionen, die an diesem Tag stattfinden, den Angehörigen Beistand leisten – denn ein Suizid hinterlässt Fragen, ist mit Schuld, Scham und Selbstvorwürfen behaftet. Auch wer zurückbleibt, braucht Hilfe und Unterstützung.

Dennoch ist die Selbsttötung immer noch in gewisser Weise auch ein gesellschaftliches Tabuthema. „Suizid ist eine Todesart, die häufig vorkommt, aber die auch häufig verschwiegen wird“, sagt die Leiterin der Bundesgeschäftsstelle der Selbsthilfeorganisationsgruppe für Angehörige nach Suizid (AGUS), Elisabeth Brockmann. Auch mit den Angehörigen darüber zu sprechen, kann helfen, meint die Fachfrau.

Sprechen, nicht schweigen. Auch schreiben, nicht schweigen, kann ein Versuch sein, mit diesem schwer erträglichen Lebenseinbruch umzugehen. Lukas Bärfuss hat diesen Versuch mit seiner romanhaften Erzählung „Koala“ nach dem Suizid seines Bruders unternommen. Wie im Leseheft zur Longlist zum Deutschen Buchpreis 2014 zu lesen ist, hat das Nachdenken jedoch kaum dabei geholfen, mit der Erschütterung zurande zu kommen, im Gegenteil, sagt Bärfuss:

„Die literarische Auseinandersetzung mit einem Thema vertieft die Wunden und vergrößert die Fragen.“

In einem Interview mit der „Welt“ sagt Bärfuss dagegen:

„Ich muss mit dieser Tat umgehen und entwickelte mit der Zeit eine Faszination für die eigene Sprachlosigkeit. Ich habe keinen Austausch gefunden, mit niemanden, obwohl es einige Menschen in meiner Bekanntschaft gibt, die auf diese Weise jemanden verloren haben.“

Also dennoch: Schreiben über das Unerklärliche ist besser doch als Schweigen, als Verdrängen, als Wegschieben – denn die Fragen, die auch Bärfuss in seinem schmalen Buch benennt, holen immer wieder ein. Dazu nochmals Elisabeth Brockmann:

„Suizid ist eine Todesart, die sehr viel mit dem eigenen Leben zu tun hat. Man fragt sich: Hab` ich versagt? Hab` ich etwas übersehen? Warum lässt du mich allein?“

Lukas Bärfuss, 1971 in der Schweiz geboren, wird vor allem als Dramatiker und Theaterautor gefeiert, aber auch sein 2008 erschienener Debütroman „Hundert Tage“ wurde zu einem großen Erfolg. Umso schwerer taten sich nun etliche Kritiker mit diesem sehr persönlichen Buch, zu unfassbar die Form der Erzählung, so wenig in Schubladen einzuordnen, schwankend zwischen einer Autobiographie, Historischem und Naturgeschichte. Von Euphorie bis zum Verriss (ein für mich enttäuschend unverständiger, oberflächlicher Artikel in der Zeit) reichen die Stimmen der Feuilletonisten. Wenig verwunderlich also, dass „Koala“ es nicht in die Shortlist zum Buchpreis geschafft hat.

Aber was soll`s: Das Lesen und Leben lässt sich nicht in Listen messen. Das Leben lässt sich nicht mal überlisten. Denn: Ob auch der „Freitod“ (ein schreckliches Wort, sind doch jene Menschen, die ihn begehen, zuvor alles andere als frei und ist es fraglich, ob „danach“ die Freiheit kommt) ein Ausweg ist, eine Befreiung, auch dies zählt zu den großen Fragen, die sich nicht beantworten lassen. Und um die dieser im Grunde hochphilosophische Roman kreist. „Koala“ ist ein Buch, das in mir lange nachwirken wird – und deshalb von mir meinen ganz persönlichen Buchpreis erhält.

Und nun zum Versuch einer strukturierten Wiedergabe und Auseinandersetzung:
„Koala“, 2014, Wallstein Verlag – hier die Verlagsangaben zum Buch:
http://www.wallstein-verlag.de/9783835306530-lukas-baerfuss-koala.html

Bärfuss trifft bei einem Vortrag in seiner Heimatstadt über einen der berühmtesten Selbstmörder der Literatur – Heinrich von Kleist – ein letztes Mal seinen Halbbruder. Sie sind sich fremd, haben sich wenig zu sagen. Wochen später erreicht ihn die Nachricht über den Suizid des Bruders, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit beginnt, es setzen die Selbstvorwürfe über die Entfremdung ein, die ganzen Emotionen kommen hoch, die Angehörige durchleben. Schonungslos, auch sich selbst gegenüber, dabei die Sprache des Schriftstellers:

„Und wenn auch die Gründe privat sein mochten, der tote Körper war öffentlich, eine Verwaltungssache, eine gesellschaftliche Affäre. Eine Leiche musste aus dem Haus in die Gerichtsmedizin getragen werden. Es würde eine Akte anzulesen sein, doch selbst wenn die Leiche verbrannt oder vergraben war, blieb der Tote eine unerledigte Sache. Man wurde mit einem Selbstmörder nicht fertig, niemals. Daran entzündete sich mein Zorn, ich war wütend, dass ich mich nicht mit den Kindern an den Gämsen erfreuen konnte, die hoch oben von Fels zu Fels sprangen, sondern stets von neuem in den Mahlgang der Gedanken gezwungen wurde.“

Der Mahlgang der Gedanken kreist um das Motiv: Der Bruder einer, der sich dem System verweigerte, ein Ex-Junkie, der sich mit einem brotlosen Job über Wasser hielt, der wenige Freunde hatte, wenig Interessen außer einigen Comicheften, der nichts hinterlässt. Ein Außenseiter, ein Einzelgänger, als „Original“ abgestempelt, ein scheinbar leeres Leben, das mit einer Überdosis Heroin beendet wird. Nichts wird erklärt.

„Ich hätte mir einen Abschiedsbrief gewünscht, einige Zeilen, die ein für alle Mal die Gründe dargelegt hätten, weshalb er freiwillig aus dem Leben geschieden war. Dieses Schreiben, so stellte ich mir vor, hätte mich von meinen Fragen erlöst (…).“

Bärfuss ist zu klug, um platt zu psychologisieren. Die schwierige Kindheit der Halbbrüder, die unbeständige Mutter, deren wechselnden Männer, das Gefühl der Ablehnung und Ausgrenzung, die die beiden von der Mutter erfahren, Schicksalsschläge, ein Unfall, charakterliche Disposition – all dies Mosaiksteine, die dennoch nicht erklären können, warum der eine leben will, der andere nicht. Letztendlich bleibt die Tat unerklärlich, müssen Erklärungsversuche im Ungefähren stecken bleiben:

„Ich fand einen Begriff für jenes Gefühl, das mich seit dem Tod des Bruders gefangen hielt, und ich nannte das Gefühl Einsamkeit. Ich fand sie bald in allem, nicht nur im Leben des Bruders, in jedem Leben, die meinem eigenen, in den Leben, die ich teilte und betrachtete. Ich erkannte in der Einsamkeit den Preis und die Strafe, ich sah, wie diese Einsamkeit zunahm unter meinen Freunden. Ich erkannte darin die Krankheit meiner Zeit, die Ursache des Unglücks, das jeder, der ein offenes Herz hatte, empfinden musste. Am Ende war jeder allein, das spürte ich, und ein Ende gab es alle Tage.“

Und als Leser spürt man an solchen Absätzen, in welcher Unsicherheit und Ungewissheit der Autor bei diesen Zeilen schwebt. Das Ringen um Worte, um einen Zustand des Zweifels – am Leben, an der Welt – benennen und überwinden zu können. Sicheren Boden unter den Füssen findet Bärfuss erst wieder in Australien.

Der „Koala“ unternimmt hier eine Volte. „Koala“, das ist der Spitzname, den der verstorbene Bruder als Kind im Pfadfinderlager erhielt. Fast die Hälfte des Buches geht Bärfuss dem Beutelbär auf die Spur. Von den Anfängen dieses urzeitlichen Tiers, dessen Anpassungsleistung, dem Überleben, der fast vollendeten Ausrottung, der Vereinnahmung und Verniedlichung. Zugleich schreibt er hier eine Kurzgeschichte der Anfänge Australiens als Straflager der Briten, die Inbesitznahme des Landes im Namen der Queen. Der Koala, der sich eigentlich verweigert, der sein Heil in der Flucht sucht – nicht von ungefähr wird das Tier zum Bruder-Stellvertreter, lassen sich Parallelen ziehen.

Um dann wieder auf die große, die eine Frage zurückgeworfen zu sein: Welchen Zweck hat das Leben?

„George Perry, der englische Schneckenforscher, schrieb, unter allen seltsamen Tieren, die aus der Neuen Welt bekannt seien, gebühre dem Koala bestimmt ein besonderer Platz, und wenn man seinen ungeschickten und unbeholfenen Körper betrachte, ganz abgesehen von seiner seltsamen Physiognomie und seinem bizarren Lebenswandel, dann fehle einem jede Erklärung, zu welchem Zwecke der große Autor der Natur ein solches Wesen erschaffen haben mochte.“

Die Frage nach dem Zweck: Sie mündet in Reflektionen über Arbeit, die einerseits Struktur und Sinn vergeben zu mag, die andererseits aber als Wertmaßstab in unserer Gesellschaft pervertiert ist. Wir definieren uns über unsere Arbeit, der Wert des Menschen wird an Leistungsvermögen und Karriereverlauf gemessen. Wer nichts arbeitet, ist nichts wert. Ich arbeite, also bin ich? Koala – der Bär und der Bruder – verweigern sich dem. Und scheinen zum Untergang verurteilt.

„Und Faulheit war, so lernte ich, nicht hinzunehmen. Wer auf ihr bestand, musste vernichtet werden. Sein Friede wurde ihm genommen und seine Garderobe, man zerlegte ihn und versilberte die Überreste. Nur in geringer Zahl, in Zoos und Naturreservaten, zu plüschigen Kuscheltieren entstellt in harmlosen Kinderbüchern, ertrug man die Kreaturen der Faulheit. Das Prinzip ihrer Existenz, die Ehrgeizlosigkeit, sollte sich nicht frei entwickeln dürfen, zu groß war die Gefahr und die Provokation.“

Bärfuss beschreibt in diesen Bildern einen ewigen Kreislauf – die Angst der Menschen vor dem Leben, vor dem Tod. Die Angst vor der Einsamkeit. Die Angst vor der Sinnlosigkeit. Und kommt auf ein lapidares, auch für ihn unbefriedigendes Fazit:

„Die Medizin gegen die Angst war der Fleiß.“

Ein Teufelskreislauf – Beschäftigung, um der Angst nicht ausgesetzt zu sein, Arbeit als Sinn des Lebens. Wer, wie sein Bruder, diese Hilfskrücke gegen die Angst jedoch verweigert, lebt gefährdet. Auf den letzten Seiten ringt Bärfuss nochmals um Erklärungen:

„Er gab keine Ruhe, er ruhte nicht, er gab keinen Frieden, es gab kein letztes Bild im Fotoalbum, jedes Bild im Album seines Lebens war das letzte, das die ganze Existenz beinhaltete, seine Existenz hatte sich in keine Erzählung gerundet, nichts hatte sich vollendet, kein Sinn sich gezeigt, keine Moral ließ sich schließen aus dem, was er vorgelebt hatte.“

„Koala“ ist ein schmales, dafür aber umso gehaltvolleres und sprachmächtiges Buch.
Ein Buch über die wesentlichen Fragen, die aufbrechen angesichts des Verlusts eines Menschen. Was macht das Leben aus?
Auch Bärfuss findet nicht die eine, die alles erklärende Antwort. Aber er findet für sich eine Lösung, um weiterzumachen. Der letzte Satz der Erzählung lautet:

„Ich stieg in den Wagen, fuhr nach Hause, setzte mich an den Schreibtisch und machte mich an die Arbeit.“

Weiterführende Links:

Mein Dank an Claudia von DasGraueSofa, die mich über ihr Longlist-Leseprojekt auf den „Koala“ gebracht und mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. Bei ihr finden sich noch weitere Angaben zu Lukas Bärfuss und Koala:
http://dasgrauesofa.wordpress.com/2014/08/22/lll-2014-kurzportrat-2-lukas-barfuss-koala/

Ich empfehle sehr das Interview mit Bärfuss in der Welt:
http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article125726580/Ich-fuerchte-mich-immer-noch-vor-diesem-Buch.html

Und hier die Adresse zur Selbsthilfeorganisation AGUS: http://www.agus-selbsthilfe.de/

Zum Gedenktag am 10. September findet sich auch eine WordPress-Seite:
http://suizidpraevention.wordpress.com/

28 comments on “Lukas Bärfuss: Koala (2014).”

  1. Nachdem ich bereits einige weniger gute Kritiken zu dem Buch gelesen und das Buch eigentlich erst einmal weit hintangestellt hatte -obwohl ich glaube, die Hundert Tage gern gelesen zu haben-, kommen Sie nun dankbarerweise mit einer überzeugenden Besprechung zu dem Buch und es gerät dadurch wieder auf meinen Radar. Sehen Sie mal, soweit ist es schon mit unserer Blogbeziehung, dass mir Ihr Wort genügt, einem Buch eine zweite Chance zu geben.

    Freundlichst
    Ihr Herr Hund

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    1. Ach herrje…soviel Verantwortung…!
      Aber ich nehme es auf meine Kappe. Geben Sie eine Zweitchance. Insbesondere der Koala-Teil erinnert mich ein wenig an die Sprache von Sven Nadolny in „Entdeckung der Langsamkeit“ – vielleicht auch dies ein Argument (dafür oder dagegen).

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  2. Liebe Birgit,
    wow – was für ein Beitrag! Und dann noch die – mehrfache – Verknüpfung mit dem Suizidpräventionstag. Damit hast Du mir noch einmal eine Facette des Romans ganz deutlich gemacht, die ich über die Geschichte des Koalas, besonders aber der Besiedlung Australiens, ein wenig aus dem Auge verloren habe, obwohl sie ja der wichtige Ausgangspunkt des Romans ist: die langfristigen Wirkungen eines Suizids auf die Lebenden. Und in Deiner Besprechung wird so richtig schön deutlich, wie Literatur wirken kann, wenn sie die Leserin so richtig packt. Da hat wirklich das richtige Buch der Longlist den Weg zu Dir gefunden.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia,
      ja, ich muss Dir nochmals danken – ohne Dich wäre das Buch dann doch an mir vorbeigegangen,aber es hat bei mir dann viel Nachdenken angeregt. Zumal ich mit dem Thema ab und an beruflich konfrontiert bin. Ich hab den Koala zweimal gelesen – es ist schon so, dass man vielleicht beim ersten Schnelllesen aufgrund der zweiten Hälfte des Buches den Blick für das Kernthema verliert. Aber Lukas Bärfuss hat das so gut verknüpft – mich hat das sehr überzeugt. Hätte er 180 Seiten „nur“ über die Bewältigung des Suizids geschrieben, wäre das vielleicht nicht so Gedanken anstoßend wie diese Auseinandersetzung mittels einer Metapher, dem Koala. Viele Grüße Birgit

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  3. Ein ganz außerordentlicher Beitrag, den ich gerne gelesen habe. Ich bin froh, dass ich dieses Buch nun auf meinem literarischen Radar habe – es behandelt ein Thema, das tatsächlich viel zu oft unbeachtet bleibt.

    Vielen Dank!

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  4. Gerade letztens habe ich ein Heft mit Leseproben der Longlist in die Hände bekommen und dieses Buch ist eins der wenigen, die schon einen kleinen Knick bekommen haben, damit ich nicht vergesse, sie zu lesen. Dein Beitrag ist ganz großartig. Vielen Dank.

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  5. Liebe Birgit,
    Ein lesenswertes Buch für mich, denn ich selbst versuche über diese schwierige Sache ‚Freitod‘ zu schreiben, auch den Verrat, den man damit an seiner Familie, den Freunden begeht, die, unabhängig ob sie in diese Entscheidung mit einbezogen werden oder nicht, immer vor dem Kopf des Betreffenden außen vor bleiben müssen. Nicht immer beendet ein Freitod ein Leben auf abrupte Weise.
    Manche bringen sich jahrzehntelang mit Messer oder Gabel oder mit Alkohol um und die Familien und Angehörigen müssen hilflos zusehen.
    Ein großes und schweres Thema, das mich jederzeit künstlerisch umtreibt, eben weil es eine so große Dunkelziffer von Suiziden gibt…
    So viele Suizide werden als schwere Krankheit dargestellt… Doch in Wirklichkeit sind es Selbstmorde…
    Und jeder Einzelne schweigt vor Scham und sucht wieder andere Sündenböcke und Gründe…
    Dieses Buch will ich sehr gern lesen, habe es notiert und nehme nun mit Dank an Dich die Links in Angriff.
    Herzliche Grüße
    von der Karfunkelfee

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    1. Liebe Karfunkelfee,
      das sehe ich ähnlich – dass manche Sucht eben ein Suizid auf Raten ist. Gestutzt habe ich bei dem Wort „Verrat“: Dass neben Schuld- und Versagensgefühlen bei den Hinterbliebenen (Warum konnten wir „es“ nicht verhindern?) auch Wut vielleicht da ist, Zorn sich in die Trauer mischt, ist gut nachvollziehbar. Ich bezweifle nur, dass Verrat das angemessene Wort ist für das, was einer tut, wenn er sich das Leben nimmt – und für die Hinterbliebenen ist das vielleicht nicht der gesündeste Weg, mit der Trauer umzugehen – oder habe ich dich da völlig missverstanden?

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  6. Liebe Birgit,

    ‚der Verrat‘ ist ein Gefühl fassungsloser Angehöriger…
    Der Ausdruck läuft mir im Zusammenhang mit einem Freitod nicht das erste Mal über den Weg, vor allem dann nicht, wenn sich jemand das Leben nimmt und dieser Suizid nicht angekündigt ist, völlig überraschend kommt.

    Die Zurückgebliebenen fühlen sich in ihrer Liebe verraten, unangenommen und verleugnet. Dies ist eine Spiegelung, wenn das Beziehungsverhältnis vorher vielleicht gespannt war oder nicht ganz in Ordnung.
    Eine Mutter die ihre Tochter verloren hatte sagte mir einmal: Meine Tochter hat meine Liebe verraten. Wie konnte sie mir das nur antun?

    In diesem Zusammenhang kommt mir das Wort ‚Verrat‘ nicht das erste Mal unter. Es ist überhaupt keine gesunde Weise mit einem Selbstmord umzugehen, ihn als ‚Verrat‘ zu empfinden, da gebe ich dir vollkommen Recht.
    Doch eine Art und Weise zu finden, überhaupt damit umgehen zu können, diesen Weg zu finden, ist in einer versöhnlichen Weise für Angehörige manchmal sehr schwer.
    Da finde ich Eigenschaften wie Wut, Hass, Angst, Vorwurf…all das auch – und ich finde es sehr ungesund -aber nicht unangemessen…denn was an Gefühlen könnte angemessen sein beim Verlust eines Menschen, der sehr geliebt wurde und eine haltlose Fassungslosigkeit hinterlässt.

    Ein gesunder Weg sind Menschen, die für Trauernde da sind und ihnen helfen, irgend einen Weg zu finden, damit sie gut weiterleben können.
    Konnte ich es erklären?

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      1. …ja… Selbsthilfegruppe ist gut, wenn eine Gruppe erwünscht und hilfreich ist. Eine Freundin verarbeitete die Trauer um ihren Sohn, der bei einem schweren Autounfall starb, indem sie seither zusammen mit der Polizei und dem Rettungs-Personal, sowie weiteren ‚verwaisten‘ Eltern, denen Ähnliches wiederfuhr, in Schulen und in die Öffentlichkeit tritt, um Kinder und andere darauf hinzuweisen wie unglaublich gefährlich es ist, unter Alkohol-Einfluss (Überhaupt Drogen Einfluss )Auto zu fahren und um aufzuzeigen, wie furchtbar ein solcher Verlust für Eltern ist. In dem sie Bewusstsein bei anderen weckt, hilft sie sich selbst in ihrer Trauer und hält ihren Sohn für sich selbst lebendig, wie sie mir sagte. Das ist auch ein gesunder Weg…

        Damit will ich nur sagen, dass eine Selbsthilfegruppe auch nicht für jeden gleich gut geeignet ist…
        Und herauszufinden was ein Trauernder für sich selbst braucht um sich zu helfen, das ist leider etwas was jeder für sich selbst erst erkennen muss… das erfordert Geduld, Liebe und Zeit.
        Wie so vieles, dass im Leben gut werden soll…☺️

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  7. Liebe Birgit, Deine eindrucksvolle Buchbesprechung trifft mich – welch ein seltsamer Zufall – zu einer Zeit, in der ich gerade Kleiner-Entdecker-Sorgen habe. Gerade erst 6 geworden, ist bei ihm das Realitätsbewusstsein aufgegangen (oder soll ich sagen, das Bewusstsein über die Endlichkeit des Lebens?) und er entwickelt mehr oder weniger irrationale Ängste. Damit meine ich nicht Monster im Kleiderschrank, sondern Angst, krank zu werden und zu sterben. Gleichzeitig ist er ständig lustlos und traurig. Das ist, wie ich mich nun im Internet belesen habe, wohl eine ganz natürliche Phase. Aber Deine Buchbesprechnung zeigt mir, dass die Fähgkeit, mit den eigenen Ängsten umzugehen, lebenswichtig ist, und der Lernprozess beginnt schon im Kindesalter.
    In diesem Sinne, hab Dank für die Vorstellung dieses wertvollen Buches. Gut, dass der Autor den Mut hatte, offen über seine Gefühle und Fragen zu schreiben, auch wenn es nicht auf alles eine Antwort gibt. Seine Leser können davon vielleicht zehren und fühlen sich in einer ähnlichen Situation weniger alleingelassen. Ganz liebe Grüße wieder aus Greenwich, Peggy

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    1. Liebe Peggy,
      vor einer halben Stunde las ich in einem Erzählband von Irmgard Keun, in dem sie aus Sicht eines kleinen Mädchens schreibt: „Ich habe so furchtbare Angst, das kann ich keinem sagen, auch meiner Mutter nicht, die findet mich dann dumm.“ Es geht allgemein um Kinderängste, vor realen Dingen, aber auch vor Gespenstern etc. Die Erzählung hat in mir auch dieses Gefühl wieder wachgerufen, als Kind oft mit bestimmten Ängsten allein gelassen worden zu sein – Erwachsene neigen ja oft dazu, vorschnell zu beruhigen und das ab zu tun. „Man stirbt nicht so schnell“: Das ist einer der Sätze, die ich noch in Erinnerung habe. Und dann erfährt man mit den Jahren, dass das durchaus ganz schnell gehen kann, das ein Freund, ein Verwandter, ein Kollege aus dem Leben gerissen wird. Ja, ich denke auch, dass es wichtig ist, mit Kindern da – wie über alles andere – sehr ehrlich zu reden. Und ich wünsch euch beiden alles Gute für diese Phase. Kinder, die aufgeweckt, wissbegierig und sensibel sind, nehmen natürlich auch das Schwere schwerer wie andere …Liebe Grüße, Birgit

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