Katja Lange-Müller: „Drehtür“ (2016).

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P1040126„Das Bedürfnis, dem Artgenossen beizustehen, das wir mit vielen Tieren teilen, selbst so niederen und unsympathischen wie Wespen oder Ameisen, nannten und nennen neunmalkluge Schwachköpfe Helfersyndrom, als sei das eine multiple, entsprechend komplizierte Krankheit, eine Psycho-Seuche, die nur Exemplare unserer Gattung befällt. Warum zum Henker soll es krank sein, den Mitmenschen gesund sehen zu wollen – oder tot, falls Heilung nicht mehr möglich ist? Und was würde aus der Welt, wenn alle auf dem Gebiet der Medizin Tätigen plötzlich kuriert wären von diesem angeblichen Helfersyndrom, wenn sie es unwiederbringlich verloren hätten?! Katastrophaleres als jede Katastrophe spielte sich ab in den Städten und Dörfern, den Wäldern, Steppen, Wüsten sämtlicher Länder unseres verkommenen Planeten.“

Katja Lange-Müller, „Drehtür“, 2016, Kiepenheuer & Witsch Verlag

Es ist die Sprache dieser Autorin, die mitreißt: Lakonisch, frech, böse, zubeißend. Rund neun Jahre musste man seit „Böse Schafe“ (2007) auf den nächsten Roman der Schriftstellerin warten. Und der ließ mich, bei allem Lesefluss den der sprachliche Schwung auslöste, zunächst ein wenig verdutzt zurück: Ist denn diese Aneinanderreihung von Anekdoten über das Helfen und die Helfer ein Roman? Und ist es tatsächlich ein Roman mit einem Leitmotiv, wie in den Feuilletons zu lesen war, ein Roman über die Helfer“kultur“ (es ist derzeit immer gut einem Ausdruck das Wort „Kultur“ anzuheften und ihn dadurch aufzuwerten)?

Ja und Ja: Ja zum Roman, ja zum Leitmotiv – denn „Drehtür“ ist ein Buch, das man auch mit viel Genuss und unter neuen Blickwinkeln ein zweites Mal lesen kann: Da erzählt eine moderne „Scheherazade“ (Katja Lange-Müller nimmt selbst in einem Interview Bezug auf diese orientalische Figur) buchstäblich nicht nur von ihrem, sondern auch um ihr Leben. Ob das gut geht, möge sich der interessierte Leser selbst erlesen.

Asta, 65 Jahre alt, jahrzehntelang im Auslandsdienst als Krankenschwester ge- und verbraucht, sitzt am Münchner Flughafen vor einer „Drehtür“, irgendwo am Rande, zögernd, wohin der Weg sie führen soll. Kettenrauchend, Geschichten aneinander reihend, mit Wörtern jonglierend: Es ist, als sei die Hauptfigur in einem Niemandsland gelandet, nicht mehr gebraucht, nirgends mehr dazu gehörend:

„Asta denkt – und schweigt. Mit wem, fragt sie sich, soll ich reden?  Ich kenne doch keinen mehr, hier am Boden meines Vaterlandes, das nicht meines ist, weil es mir ebenso wenig gehört wie die Muttersprache; ich steh bloß drauf.“

2016-08-20 08.33.54.jpgWeil sich zuletzt die Fehler im Dienst am Kranken häuften, wohl auch, weil Asta immer unverträglicher im Umgang mit den Kollegen wurden, haben diese ihr als „generöse“ Geste einen Urlaub für immer geschenkt – ein One-Way-Ticket nach München, für Berlin, den eigentlichen Herkunftsort der Schwester, hat das Geld nicht mehr gereicht. Und so sitzt sie nun am Rande dieses glitzernd-gläsernen Ungetüms und sinniert:

„Ja, die Kollegen in Managua sehen das ganz richtig; ich habe genug geholfen. Nur wohin ich nun soll oder will, das weiß ich nicht. Kein Geld, kein Zuhause, keine Familie, keine Freunde, keine Perspektive…“

Während sie zögert vor dem Weitergehen, dienen ihr Passanten, Fluggäste, Wartende, Servicepersonal und Arbeiter als „Opfer für ihre Projektionen“: Gesicht für Gesicht rufen in Asta Erinnerungen an Freundinnen, Wegbegleiter, Verflossene, Mithelfer hervor, an Episoden und Ereignisse. So lassen sich aus diesen Geschichten nicht nur ein ostdeutscher Lebenslauf rekonstruieren – Asta absolvierte ihre Ausbildung in Ost-Berlin und Leipzig, eine der eindrücklichen Geschichten dieser Scheherazade handelt von einem nordkoreanischen Koch, den sie mit unsäglichen Zahnschmerzen nachts unweit der Botschaft (die auch heute noch so grausig aussieht, wie im Buch beschrieben) aufgabelt. Sie hilft ihm – gerät aber schon hier an die Grenzen des Helfens: Was der Mann außerhalb der Botschaft suchte, bleibt offen, wohin er verschwindet, was mit ihm geschieht, ist ebenso ungewiss.

Und so kristallisiert sich bei den verschiedenen Episoden immer wieder diese Grundthematik heraus, die Katja Lange-Müller schon durch ein dem Buch vorangestelltes Nietzsche-Zitat durchklingen lässt:

„Es scheint mir, daß ein Mensch, bei dem allerbesten Willen, unsäglich viel Unheil anstiften kann, wenn er unbescheiden genug ist, denen nützen zu wollen, deren Geist und Wille ihm verborgen ist.“

Ob der in München ausgesetzten Krankenschwester Asta am Ende zu helfen ist? Man lese selbst. Es lohnt sich.

Anbei das oben erwähnte Interview in der FAZ, in dem die Autorin auch über autobiographische Bezüge (sie arbeitete selbst als Hilfsschwester in der Psychiatrie, das Schreiben half ihr, mit der Erfahrung des Sterbens von Patienten zurecht zu kommen), über „gut“ und „böse“ und natürlich das „Helfersyndrom“ reflektiert:
FAZ-Interview mit Katja Lange-Müller.

23 comments on “Katja Lange-Müller: „Drehtür“ (2016).”

  1. Ich danke dir, liebe Birgit, für diesen wunderbaren Beitrag zum Buch „DREHTÜR“. Es ist ein schwieriges Thema und ich frage mich manchmal auch, was das für mich richtige Mass beim Helfen ist! Auf jeden Fall sollte man auch ein bisschen seinen gesunden Menschenverstand walten lassen. Hab ein schönes Wochenende.:)

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    1. Liebe Martina, die Autorin verpackt die verschiedenen Aspekte des Helfens literarisch sehr gut – auch jenen, dass manche Helfer aus den falschen Gründen in ihrem Job sind, dass man manchmal auch aus Scham oder Feigheit sich das Helfen verkneift, usw. Ja, man muss schon auch die eigenen Motive immer ehrlich hinterfragen…
      Auch Dir ein schönes Wochenende, viele Grüße Birgit.

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  2. Liebe Birgit,
    ich lese auch gerade die Geschichten der „Drehtür“ und bin neben allem, was Du lobend erwähnst, besonders von der Sprache angetan, die Du ja so treffend als „lakonisch, frech, böse, zubeißend“ beschreibst. Mal davon abgesehen, dass die Protagonistin ja auch selbst immer wieder über die merkwürdigen Windungen der deutschen Sprache nachdenkt und dabei ganz besondere Deutungen zutage fördert. Ein ganz starke Stimme ist das, die uns da ihre Geschichten erzählt. Und ja, es ist ein Roman, der der Erinnerung folgt und die ist nun einmal assoziativ, hin- und herspringend, fragmentarisch.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia,
      ja das Reflektieren und Spielen mit Sprache macht an diesem Buch ebenfalls Freude. Ich habe heute beim Einkaufen sogar geschaut, ob es „Gutsherrenleberwurst“ gibt (obwohl ich gar keine Leberwurst mag). Mit der Frage nach dem Roman – eben, dieses assoziative, fragmentarische hat mich beim ersten Lesen etwas verwirrt – ich hab zu schnell gelesen, das „Gerüst“ nicht richtig eingeordnet. Aber im Grunde ist ja das Leben auch so: Niemals geradlinig, sich an einem „eindeutigen“ Plot orientierend. Und irgendwie fügen sich die Erzählungen, die Lebensstationen und Fragmente beim intensiven Lesen doch zu einem Bild zusammen. Mir gefällt das sehr gut. LG Birgit

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  3. Jetzt hast du mich sehr neugierig gemacht, liebe Birgit, allein schon durch die Zitate, deren Sprache mich sofort in ihren Bann zieht, aber auch wegen dem Thema. Helfen ist ein grosses Thema, nicht immer ist gut gemeint, auch gut gemacht, da gilt es immer wieder abzuwägen.
    ich wünsche dir ein schönes Wochenende und grüsse dich herzlich
    Ulli

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    1. Eben, nicht immer ist gut gemeint gut gemacht, und oftmals ist es noch nicht mal wirklich gut gemeint – weil die Helfer von egozentrischen Motiven angetrieben werden (irgendwo im Roman schreibt sie, dass Macht geil macht – und der Helfer hat Macht, daher ist auch Helfen „geil“.)
      Auch dir ein schönes Wochenende, viele Grüße von Birgit

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      1. Ach naja, ich habe da ja vor allem deswegen daran gedacht, weil Du mir von Deinem Wedding – Besuch erzählt hast und ich dann wieder daran denken musste, dass wir ja eine Zeit lang in derselben Straße wie KLM gelebt haben und ich immer noch nichts von ihr gelesen habe … jetzt muss ich aber wirklich.

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