Wilhelm Genazino: Außer uns spricht niemand über uns (2016).

Als Chronist des Wandels unserer Innenstädte bleibt Genazino auch mit diesem Buch auf der Höhe. Ebenso als Alltagsbeobachter, Wortschöpfer, Sprachspieler.

16 Kommentare
2016_Frankfurt (39)
Frankfurt, Fußgängerzone.

„Ein wenig Hoffnung schöpfte ich, als ich zu einem Sommerfest eingeladen wurde. Auf dem Sommerfest würden bestimmt ein paar in Frage kommenden Frauen herumflirren und Nachtfalterblicke aussenden. Ich fürchtete mich vor meinen humoristisch gemeinten Reden, die sich bei solchen Anlässen unangenehm in den Vordergrund schoben. Ich hörte mich schon jetzt, wie ich zu einer alkoholisierten Frau sagte: Ich habe den seriösen Paarungsdrang eines Maikäfers und biete problemfreie Anhänglichkeit. Am liebsten wollte ich mich nach solchen Sätzen selber ohrfeigen, wenn derlei nicht noch peinlicher gewesen wäre.“

Wilhelm Genazino, „Außer uns spricht niemand über uns“, Hanser Verlag, 2016.

Kennt man einen, kennt man alle. Nein, ich meine nicht die Männer an sich. Sondern jene Männer in den Genazino-Romanen der vergangenen Jahre, die sich, bis auf einige wenige Ähnlichkeiten, so ähneln wie … na eben ein Genazino-Mann dem anderen.

Auch im erst vor wenigen Tagen veröffentlichten neuesten Roman des Wahl-Frankfurters ähneln sich Konzept und Interieur: Ein gescheiterter Schauspieler, der sich als Radiosprecher, Modeschauen-Moderator und Gedichte-Vorleser gerade so durchschlägt. In einer Gewohnheitsbeziehung verharrend. Mit lockeren Zähnen und dem nahenden Alter hadernd. Und dazu noch: Die Stadt, das Spazierengehen, der Müll.

Als Chronist des Wandels unserer Innenstädte bleibt Genazino auch mit diesem Buch auf der Höhe. Ebenso als Alltagsbeobachter, Wortschöpfer, Sprachspieler. Doch irgendwann, ich muss es mit schmerzendem Leserherzen gestehen, wird man der ewig lebenslustlosen Helden dieser Romane müde. Und gerade dieses Buch wirkt, als wäre sein Schöpfer selbst beim Schreiben müde geworden, zermürbt von der anhaltenden Alltagsuntauglichkeit seiner Protagonisten. Waren in den vorhergehenden Romanen die Spaziergangs-Assoziationen und die Liebeswirren noch von einer gewissen erzählerischen Stringenz, so wirkt dieser Roman, so schmal er auch ist, verheddert, undurchdacht, so zerrissen wie das Seelenleben seines Helden.

Dieser wird durch den Suizid seiner Partnerin in eine Krise geworfen: Es fehlt ihm etwas „Körperliches (Carola)“, der Verzicht auf Frauen, „eine“ Frau zu finden als Ersatz (gleich welche), will ihm aber auch nicht gelingen. Er wehrt sich gegen eine Trauerbehaftung und wird dennoch zur „Ein-Personen-Peinlichkeit“. Es ziehen die Geliebten vergangener Tage, Freundinnen, ältere Frauen, die den Jungen verführten, usw. am geistigen Auge des Mannes vorüber – nichts davon wirkt besonders lustvoll, lebenslustvoll. Eine neue Frau findet sich zunächst auch nicht, zumal sich auch die Suche danach nur halbherzig gestaltet. Und wer will schon mit einem Kerl, der mit Tomatenflecken auf der Hose, löcherigen Unterhemden und einem anhaltenden Missmut kokettiert, Maikäfer-Tänzchen wagen? Kurzum: Der Sexualtrieb ist noch so ziemlich der einzige Antrieb, der bei diesem Genazino-Helden nicht im Halbschlaf schlummert. Und Thema des Buches ist die Pein des Nicht-Ausleben-Könnens.

Aber selbst wenn das Begehren ein Objekt findet, wirkt das irgendwie und irgendwann schal… Am Ende schläft er mit der Schwiegermutter, der ganze Akt verschmilzt in der Vorstellung zu einer Liebeshandlung mit der eigenen Mutter. Endlich, möchte man als Leser sagen: Unterschwellig wartet dieser Ödipus-Komplex schon seit etlichen Büchern Genazinos auf eine Auflösung.

Man könnte dem Buch zugutehalten, dass es die beiden stärksten Triebe der Menschen, Todesangst und Paarungswillen, in knappster Form miteinander verknüpft. Aber ganz ehrlich? Das Ganze wirkt bis zum Finale uninspiriert und blutlos.

Jörg Magenau urteilte in der Süddeutschen Zeitung:

„All die kleinen, feinen Alltagsbeobachtungen, die Genazinos Prosa seit jeher tragen, können den Roman auch nicht mehr retten. Über die Marathonläufer im Ziel bemerkt der Erzähler, dass hier endlich einmal einige Menschen ihre Erschöpfung öffentlich zeigen, dass es dazu hierzulande aber wohl eines Marathonlaufs bedarf. Dieser Roman, ließe sich ergänzen, kann das aber auch: Eine große Erschöpfung spricht aus ihm, die sich zu nichts mehr aufschwingen kann.“

16 comments on “Wilhelm Genazino: Außer uns spricht niemand über uns (2016).”

  1. Schau an … ist es also soweit. Der Genazino-Überdruß ist da.
    Erinnert mich ein klein wenig an den Roman „Daldossi“ von Gruber, den ich gerade abgebrochen habe. Alternde Männer sinnieren selbstmitleidig über ihre Verflossenen …

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    1. Noch kein Überdruss, wie schon besprochen – nur eine Enttäuschung, verbunden mit diesem aktuellen Buch. Aber ja, das mit den alternden Männern wäre mal ein eigener Beitrag – da gibt es ja eine literarische Linie von Goethe und Marienbar bis hin zu Martin Walser…

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  2. Ich habe es zigmal mit Genanzino versucht und brauchte schon nach ein paar Sätzen und ‚Martha machte Mhm…’s frische Luft. Ich kann diesem Autor leider nichts abgewinnen, ich werde nicht mit ihm warm. Wenn ich ihn lese, erscheinen alte staubige Aktenschränke vor meinem inneren Auge, warum weiß ich nicht. Aber da ich das Bild und die Stimmung darin als trostlos empfinde, kapituliere ich dennoch vor Genanzinos zweifelloser großer Feinfühligkeit bei der Beschreibung seiner Charaktere. Mir ist von denen kein einziger auch nur randbezirkssympathisch…
    Sie sind mir zu überdrüssig und ich suche vergeblich eine satte Prise Humor irgendwo zwischen, denn das ist ja das Verrückte: Genanzinos Figuren begegnen mir im Alltagsleben. Es gibt sie tatsächlich. Darum finde ich Genanzino auch wieder groß und auch genial und das alles, obwohl ich diese zwei Bücher von ihm von vorn bis hinten ungern las, denn wenn ich lese, brauch ich keine unlustigen Gesellen, lebensüberdrüssig und heillos verstrickt in irgendwelche Beziehungswirren, denen ich kaum zu folgen vermochte. Dies hatte jedoch wieder eine Erkenntnis zur Folge: Bislang hielt ich mich für kompliziert und zeitweise misanthropisch. Seit Genanzino finde ich mich himmlisch unkompliziert und erfrischend optimistisch.
    Darum sind Genanzinos Bücher auch weiterhin lesenswert für mich.
    Liebe (leicht augenzwinkernde) freche Grüße von der Fee ✨

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      1. Danke…der Ausdruck ‚Randbezirkssympathie‘ ist leider nicht von mir, ich hab ihn nur ausgeliehen und ein wenig verbogen. Dieses schöne Wort gehört nämelich Herrn Disputnik, dessen Blog ich wärmstens empfehlen kann und das Lob gebührt ihm.✨

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    1. Ich mag ihn, weil er ein sehr guter Alltagsbeobachter ist (und für mich verbirgt sich da auch oft ein – naja, schon sehr spezieller Humor dahinter). Also lese ich ihn schon gerne und auch immer wieder – vielleicht weil ein Teil von mir sich in diesen unlustigen Gesellen wiederfindet? Aber es ist auch diese Sprache und die speziellen Wortschöpfungen, die ich einfach bewundere – nur leider geht das in dem jüngsten Buch ziemlich unter…

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  3. Ich kenne ihn nicht und weil mein Deutsche ist nicht nur so gute denke ich von dass du hast geschrieben-gibt es eine lange Zeit ehe ich es will. Wikipedia sagt trotzdem ein klugen Mensch zu sein-nicht wahr?

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  4. Liebe Birgit, ich weiß genau, was du meinst – aber von mir wird es in diesem Leben voraussichtlich keine negativen Äusserungen über Herrn G. geben, weil ich sonst, damit die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleibt, nichts anderes mehr zu tun hätte, als auf ihn Lobreden zu halten … Viele Grüße in die Sommerfrische!

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    1. Na, Lobreden habe ich auf ihn ja auch schon viel und lange gehalten 🙂 An meiner Anhänglichkeit ändert das nichts, ich mag seine Bücher und hoffe einfach, dass dieses eine nur das eine „schwache“ ist, das ein Autor sich ja auch mal leisten darf 🙂

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  5. Ich habe mich nicht abschrecken lassen und habe jetzt meinen ersten Genazino gelesen und zwar „Bei Regen im Saal“ und fand es wunderbar! Es stimmt schon, dass der Held mit seinen neurotischen Ängsten und der Unschlüssigkeit manchmal nervt, aber wer macht das nicht… Ich fand es gar nicht deprimierend, war eher oft amüsiert und bin noch dabei mir einige Textstellen aufzuschreiben. Ich werde jetzt auf jeden Fall noch mehr von Genazino lesen, mal sehen wann es mir zu viel wird… Liebe Grüße, Claudia

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    1. Na, abschrecken wollte ich mit der letzten Besprechung nicht 🙂 Das war ja eher geschrieben aus der Enttäuschung einer Liebhaberin heraus 🙂 Daher freue ich mich, dass Du mit „Regen im Saal“ angefangen hast – das mochte ich auch sehr (habs ja auch besprochen, wie du seinerzeit gesehen hast). Ja, man kann bei ihm viele Zitate abschreiben … und sich amüsieren, freut mich, dass es Dir da ebenso geht. Und dass Du jetzt mehr von ihm lesen willst – es lohnt sich. Liebe Grüße Birgit

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