BUMMELEIEN: Bernried, Buchheim und das Boot.

Am Starnberger See hat sich Lothar-Günther Buchheim ein Denkmal gesetzt: Ein Museum zeigt die umfangreiche Kunstsammlung des kreativen Tausendsassas.

21 Kommentare

20160724_104118Ich muss zugeben, ich habe noch nie ein Buch von Lothar-Günther Buchheim gelesen. „Das Boot“ (veröffentlicht 1973) steht zwar in meinem Regal, seit ich den Film (1981) gesehen habe, aber unbeachtet. Es ist einfach nicht mein „Genre“. Über den Maler, Fotografen und Verleger sowie Autoren, der temperamentvoll und klug über Kunst schrieb, vor allem die des Expressionismus, bin ich dagegen öfter gestolpert. Bei Buchheim (1918 bis 2007) kam die Liebe zur Malerei ganz offensichtlich über seine Mutter, die Malerin Charlotte Buchheim, die ihre beiden Söhne jeden Sonntag ins Museum schleppte.

2001, sechs Jahre vor seinem Tod, wurde der Traum von einem eigenen Museum verwirklicht: Buchheim, der kurzfristig auch eine Galerie in Frankfurt betrieben hatte, hatte bereits ab den 1950er-Jahren Meisterwerke deutscher Expressionisten gesammelt – Max Beckmann, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Ernst-Ludwig Kirchner, Emil Nolde und viele mehr. Die Sammlung ist heute in ihrem materiellen Wert kaum schätzbar – und doch fand Buchheim jahrzehntelang keinen festen Platz für sie.

Der kreative Tausendsassa wollte zwar ein Haus für seine Gemälde (finanziert haben), einfach machte er es aber seinen Verhandlungspartnern nicht, mit denen er sich in schöner Regelmäßigkeit zerstritt. Selbst in seinem langjährigen Wohnort, Feldafing am Starnberger See, scheiterte das Projekt letzten Endes an einem Bürgerbegehren – der „Polterer von Feldafing“ tobte. Eine „Wutspritze“ nannten ihn die, die ihn kannten und seine Zornausbrüche miterleben durften. Ein leidenschaftlicher Streiter für die Kunst, aber wohl auch kein einfacher Mensch.

Mit den politisch Großkopferten zeigte er sich dagegen gerne (in der „Ahnengalerie“ im Museum sieht man ihn mit FJS beim Plausch in der Staatskanzlei und mit Stoiber) – er suchte offenbar ihre Nähe, er brauchte sie, auch wegen seiner Museumspläne. Das „Museum der Phantasie“ wurde letzten Endes doch am Starnberger See gebaut (überwiegend mit Mitteln des Freistaats Bayern): Auf dem parkartigen Gelände einer Klinik direkt am See, in Bernried, unweit von Tutzing. So gesehen war die Feldafinger Entscheidung ein Glücksfall für Bernried und vor allem für die Besucher: Das freistehende Gebäude besticht durch seine Lage und Architektur.

Es ist ein Werk von Günter Behnisch, der unter anderem das Münchner Olympiazentrum schuf und damit einen weltweit renommierten Namen als Architekt erlangte. Die lichte Bauweise, die vielen Terrassen, der Steg, der aus dem Museum zwölf Meter über dem Wasser ins Freie führt – all das vermittelt den Eindruck, man sei auf einem der Starnberger Dampfer.

Im Inneren zeigt sich, warum mit Buchheim, der zunächst bis zu seinem Tod selbst als Direktor des Museum leitete, die Zusammenarbeit wohl nicht allzu einfach war: Es erinnert wenig an die kühle Strenge eines klassischen Kunstmuseums, das den Fokus allein auf die Gemälde lenkt und wie es sich mancher Interessant an der Sammlung vielleicht gewünscht hätte. Sondern eher an die Spielwiese eines Kunst-Messies, der der Welt präsentieren will, was er alles gesammelt hat – neben den Expressionisten unter anderem auch bayerische Volkskunst, auf seinen Reisen Kunst, Kunstgewerbe und Gebrauchsdinge aus Asien und aus Afrika, und vieles mehr. Und selbstverständlich darf auch einer nicht fehlen: Buchheim selbst, in Wort und Bild, beispielsweise mit seinen knalligen PiPaPop-Postern, die 1968 und 1969 entstanden.

Zur Eröffnung des Museums stand in der FAZ: „Für Buchheim sollte es von Anfang an kein „normales Museum“ werden. Er wollte als eine „Art Wellenbrecher“ gegen die „Woge der Gleichmacherei“ antreten und zeigen, „dass Kunst nicht im Vakuum entsteht, sondern immer aus Kunst kommt“. So war es für ihn geradezu ein innerer Auftrag, auch Kunst der Primitiven, Volkskunst und Trivialkunst mit den Expressionisten zusammenzubringen.“

Und, fast schon klar, auch mit dem Architekten war der besessene Sammler nicht einverstanden:

„Ich wollte Wände, Wände, Wände – Behnisch baute Balkone, Terrassen und große Sichtfenster.“ Diese „Ausblicke ins Grüne“ würden von dem eigentlichen Inhalt des Museums ablenken. „Die Symbiose von Kunst und Natur soll außen und nicht innen stattfinden.“ Aber Buchheim weiß auch: „Es hätte schlimmer werden können.“ Für den unbefangenen Besucher zeigt sich schon heute ein beeindruckendes Bild: In klaren Linien hat Behnisch ein „architektonisches Juwel“ geschaffen, das sich harmonisch in die hügelige Landschaft des Alpenvorlandes einfügt.“

Man mag als Besucher vom „Museum der Phantasie“ zunächst etwas verwirrt-erschöpft sein – aber am Ende geht das Konzept des „Alten“ irgendwie doch auf. Es ist einfach ein sinnliches, verspieltes Erleben von Kunst. Selbst Kinder muss man hier nicht unter Zwang durch die Ausstellung schleifen – sie können sich im „Labor der Phantasie“ austoben, vor dem „Zirkus Buffi“, den Buchheim selber schreinerte, staunen oder in einer kleinen Röhre „U-Boot-Feeling“ erfahren. Wer jedoch das „echte“ U-Boot (den Film mochte Buchheim natürlich auch nicht) im Museum oder auf dem Seegrund sucht, der wird enttäuscht werden – das steht auf dem Bavaria-Filmgelände. Dafür kann man selber abtauchen – entweder auf einem Schattenplatz in dem Park, der für jeden öffentlich zugänglich ist oder im See. Rund um das Museum gibt es tatsächlich freie Zugänge zum Wasser – also Badezeug nicht vergessen!

Ausführliche Informationen über das Museum gibt es hier: http://www.buchheimmuseum.de/

 

21 comments on “BUMMELEIEN: Bernried, Buchheim und das Boot.”

  1. Hach, wie schön, beim Lesen deiner Zeilen und Betrachten der vielen bunten Bilder habe ich gerade noch einmal meinem Besuch auf Buchheims Spielplatz vor ein paar Jahren nachschmecken können. Ein wunderbarer Ort für alle, die (ab und zu) nach Herzenslust Kind sein können!

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  2. Danke für diesen sehr schönen Tipp – klingt überaus reizvoll. „Das Boot“ gehört sicher zu diesen Büchern, die alle ob der Verfilmung kennen, aber kaum jemand gelesen hat (ich selbst auch nit 🙂 ). Von seiner von Dir beschriebenen Kinskischen Brummligkeit erinnert mich ein bisschen an Thomas Bernhard. Jedenfalls sehr schöne Text/Bild-Collage – merci dafür!

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    1. Sehr gerne – und für Dich ist das wäre das ja auch ein geeignetes Ausflugsziel in der Nähe. Man kann im Museum gut einige Stunden verbringen und zudem gilt die Karte den ganzen Tag, das heißt, Du kannst auch raus gehen, die Umgebung erkunden und kommst dann wieder rein.

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  3. Liebe Birgit, es ist bestimmt schon 10 Jahre her, dass ich dort war. Ich brachte damals einen kleinen Katalog von einer Künstlerin mit nach Hause, den ich gerade in den tiefen meines Bücherregals nicht mehr finde. Ich weiss den Namen der Künstlerin nicht mehr. Sie legte Collagen aus Naturfunden. Hätte ich damals schon meinen Blog geführt, dann würde ich jetzt ganz schnell ihren Namen finden….
    Einen schönen Abend von Susanne

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    1. Was wieder einmal zeigt, dass ein Blog auch eine gute Art Tagebuch ist …
      Und danke für Deinen Kommentar – ich habe vergessen, im Text darauf hinzuweisen, dass das Museum ja auch viele Wechselausstellungen zeigt. Dir eine schöne Woche, Birgit

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  4. Liebe Birgit,
    kaum lese ich von Buchheim, kaum von den Blick ins Museum, kaum betrachte ich die Bilder, geht mir doch eine Melodie durch den Kopf: die Titelmusik zum „Boot“, ich glaube von Klaus Doldinger. Und schon schiebt sich das Boot vor Deinen Text, durchpflügt den Atlantik, schwupps schon wieder eine Welle durch den Ausguck ins Innnere und alle sind kletschnass – und die Musik läuft immer noch. Solche merkwürdigen Wirkungen eines Textes…
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Upps …ich hoffe, Du bist nicht pitschnass geworden 🙂 Ob es Buchheim freuen würde, wenn jemand beim Lesen über sein Museum gleich so abtaucht? Vielleicht doch 🙂
      Ja, die Musik ist von Doldinger – aber ich vermische sie immer mit der zum weißen Hai: Das ist mein Reflex auf Unterwassergeschichten… Viele Grüße, Birgit

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      1. Nein, ich bin nicht von einer Atlantik-Welle nass geworden :-). Tja, Unterwassergeschichten. der „weiße Hai“ ist nicht so meins. Aber dass derjenige, der „das Boot“ geschrieben hat, sich auch so für Kunst interessiert, sie sammelt und sie ausstellen möchte, das hat mich schon sehr beeindruckt.
        Viele trockene Grüße, Claudia

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  5. Ein guter Freund hat auf dem Bavaria-Filmgelände jahrelang Führungen gegeben, einmal hatte er einen Koreaner in der Gruppe, der war absoluter „Boot“-Junkie, der hat den Film in der deutschen Version hunderte Male gesehen und konnte alle Dialoge auswendig runterbeten, obwohl er eigentlich kein Deutsch sprach.
    Liebe Grüße,
    Gerhard

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  6. Danke, jetzt weiß ich, wohin ich einen Ausflug mache, wenn ich das nächste Mal meinen Freund in München besuche. Eigentlich mag ich ja Privatsammlungen nicht, weil neben der Vielfalt auch die Enge des Sammlerhorizonts deutlich wird. Aber du hast Buchheim so liebevoll und verpielt beschrieben, dass es Lust macht – und wegen des Gebäudes sowieso.
    Ich habe übrigens einen Blick in das Boot-Buch gewagt: Es ist langweilig. Auch wenn ich sonst alles über die Kriegszeit verschlungen habe, das ist mir zu sehr bärtige, bärbeißige Männer, die sich selbst genug sind. Sehr schön dagegen ist Buchheims erstes Buch über seine Faltbootfahrt auf der Donau. Da erlaubt er sich Unsicherheit und Enthusiasms.
    Lieben Gruß Rolf

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    1. Ich ahnte schon, dass das U-Boot-Buch langweilig ist … vielleicht kommt es einfach ungelesen in den offenen Bücherschrank, jemand wird sich schon freuen…
      Danke dagegen für den Hinweis auf sein erstes Buch (Tage und Nächte steigen aus dem Strom?) – da gibt es auch ein schönes Foto im Museum, so ein bißchen deutscher Hemingway 🙂 Ja, ich könnte mir vorstellen, Dir macht Bernried Spaß – und wenn Du dann eh am Starnberger See bist, dann fahr doch noch auf die andere Seite: Da triffst Du dann Oskar Maria Graf ….https://www.literaturportal-bayern.de/literaturland?type=trip&id=73

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