John Steinbeck: Meine Reise mit Charley (1962).

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Dieses Monster von einem Land, diese mächtigste aller Nationen, dieses Keimbeet der Zukunft erweist sich als der Makrokosmos des Mikrokosmos meiner Person.“

John Steinbeck, „Meine Reise mit Charley“

Manchmal ist es vor der eigenen Haustür exotischer als in der Fremde. Nun ja, in den USA liegt zudem auch ziemlich viel vor der Haustür. Und deshalb fasste John Steinbeck (1902 – 1968) Anfang der 60erJahre einen Plan.

„Mein Plan war klar, präzise und vernünftig, denke ich. Viele Jahre bin ich in allen Teilen der Welt gereist. In Amerika lebe ich in New York oder schaue kurz in Chicago oder San Francisco vorbei. Aber New York ist so wenig Amerika, wie Paris Frankreich ist. So entdeckte ich eines Tages, dass ich mein eigenes Land nicht mehr kannte.“

Von einem, der auszog, sein eigenes Land wieder kennen zu lernen. Davon erzählt „Die Reise mit Charley“. Und dass man von dem großen Linken der amerikanischen Literaten, dem Nobelpreisträger der „kleinen Leute“, keinen verklärenden Reisebericht erwarten darf, das ist vom Start an klar. Sein Blick auf das Land ist und bleibt kritisch: so kennt man ihn bereits aus seinem 1939 erschienenen Roman über die Ausbeutung der Landarbeiter, „Früchte des Zorns“, auch das gewissermaßen ein Reisebuch. So bitter, streckenweise melancholisch und resigniert der Erzählton in der Reise mit Charley jedoch klingt, wenn Steinbeck die Verhältnisse und Zustände schildert, mit soviel Wärme – wie man es auch aus der „Straße der Ölsardinen“ und „Von Mäusen und Menschen“ kennt – beschreibt er dagegen die  Begegnungen mit Bekanntschaften und Freunden, während er „on the road“ ist.

Von Long Island zum Pazifik

Es ist – so steht es auch im Untertitel – eine Suche, eine Reflexion über das eigene Verhältnis zum Heimatland, die Steinbeck bei seiner Fahrt von der West – an die Ostküste unternimmt. Diese Suche nach dem eigenen Standpunkt, vielleicht auch nach der eigenen Herkunft, den Wurzeln – unter anderem streift er auch seinen Heimatort Salinas – mag in der persönlichen Lebenssituation Steinbecks gelegen haben: Bereits 1954 erlitt er einen ersten Schlaganfall, 1959 erneut und diesmal auch ernsthafter. Eine Grenzerfahrung, die ihn auf die Straße führt. Im Herbst 1960 legt er mit einem zu einem Wohnmobil umgebauten Kleinlaster namens „Rosinante“ los, Reisebegleiter ist Pudel Charley, und fährt in drei Monaten von Long Island über Maine bis an die pazifische Küste und zurück nach New York.

Ein Land im Kalten Krieg mit sich selbst

„Auf der Suche nach Amerika“ findet Steinbeck ein Land in Erstarrung, wenn nicht gar im Niedergang. Steinbeck, auch schon in den 60iger-Jahren ein engagierter Umweltschützer, geht menschlich mit den Menschen um, mit der Gesellschaft und Politik jedoch scharf ins Gericht. Eine Zustandsbeschreibung als Beispiel:

„Amerikanische Städte sind wie Dachsbauten: von Abfall umgeben – alle ohne Ausnahme -, umzingelt von Bergen rostender Autowracks und fast erstickt unter Müll. Alles, was wir brauchen, kommt in Kisten, Kartons, Behältern, der sogenannten Verpackung, die wir so lieben. Die Berge dessen, was wir wegwerfen, sind sehr viel größer als die der Dinge, die wir benutzen.“

Des Mülls zuviel, der Worte zuwenig – Amerika erstarrt in dieser Zeit im Kalten Krieg. Zwar werden die Begegnungen auf der Landstraße mit viel Humor beschrieben – köstlich ist der Dialog mit einem Farmer zu Chruschtschows berühmter „Schuh“-Rede bei der UNO. Doch deutlich wird daran auch, wie viel Kälte dieser Krieg nach Innen ausstrahlt. Politische Gespräche im Misstrauensmodus.

„Genau das sollte ich im ganzen Land finden – keine Argumente, keine Diskussion“, bedauert Steinbeck. Dagegen: Verunsicherung, Ängste, Hilflosigkeit – letztendlich auch dieses die Ursachen für den bitteren Hass, den Steinbeck in New Orleans erleben und beobachten muss. Er trifft dort ein, als ein kleines Mädchen von einem großen Polizeiaufgebot in eine Schule für Weiße eskortiert wird – auch heute noch verursachen die beschriebenen Szenen eines aufgebrachten Mobs aus gruseligen, überfütterten amerikanischen Frauen Kälteschauer.

Keine einfachen Wahrheiten

John Steinbeck durchstreift sein Land auf der Suche nach Wahrheiten – sein Fazit ist melancholisch:

„Wie schön wäre es, wenn ich über meine Reise mit Charley sagen könnte: `Ich bin ausgezogen, um die Wahrheit über mein Land zu finden, und ich habe sie gefunden.´ Wie leicht wäre es dann, meine Funde niederzuschreiben und mich bequem zurückzulehnen mit dem schönen Gefühl, Wahrheiten entdeckt und meinen Lesern mitgeteilt zu haben. Ich wünschte, es wäre so einfach.“

Zurück bleibt nach dem Lesen das Gefühl, eine einzigartige Reise mit einem wunderbaren Menschen und einem komischen Pudel miterlebt zu haben – und doch immer noch vor diesem großen, exotischen Rätsel namens Amerika zu stehen. Und dies macht das Buch auch heute noch, fünf Jahrzehnte später, über seinen literarischen Wert hinaus so lesenswert – vieles an dieser USA-Reise meint man auch heute noch so erleben zu können.

10 comments on “John Steinbeck: Meine Reise mit Charley (1962).”

  1. Der Pudel ist klasse, gar nicht die bei uns so häufig zu sehende Art der Zwergpudel, sondern ein richtig großer Vertreter seiner Rasse. Der hat die Reise im Wohnmobil und den ganzen Tag mit seinem Menschen zusammen sein zu können, bestimmt genossen. Und zur Not auch überall ein Schlafplätzchen gefunden. – Nun hat mich der Hund wieder einmal völlig abgelenkt vom Wesentlichen: Deine Buchvorstellung macht jedenfalls Lust, die Reise Steinbecks nachzulesen, wenn auch lieber in heimatlicher Sprache
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Leider wurde Charlie während der Reise sehr krank – aber auch das hat er mit der Contenance eines reisegewöhnten Großpudels weggesteckt. Übrigens scheinen etliche Autoren eine Affinität zu Pudeln gehabt zu haben: Auch Thomas Mann (da gibt es sogar ein Denkmal) und Gertrude Stein – die aber mit kleinem französischen Pudelschen. Aber für die Stein wäre eh kein Pudel groß genug 🙂 Und das Buch ist wirklich schön – Steinbeck hat immer die richtige Mischung aus Humor und kritischem Hinschauen – auch bei der russischen Reise: https://saetzeundschaetze.com/2014/02/19/john-steinbeck-und-ropert-capa-russische-reise/

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  2. Liebe Birgit,
    danke für Deine schöne Besprechung. Ich habe das Buch vor kurzem zum zweiten Mal gelesen (ca. 25 Jahre nach der Erstlektüre) und ich kann Deinem Fazit, dass Du im letzten Abschnitt Deines Artikels ziehst nur zustimmen. Und ja, es ist und bleibt ein grossartiges Buch, eine Momentaufnahme, von der man in mancher Hinsicht meinen könne, dass sich dieser Moment nun seit einigen Jahrzehnten hinzieht.

    In diesem Zusammenhang noch ein Hinweis auf das Buch ‚Hundert Tage Amerika‘ von Zora del Bueno. Darin schildert die Autorin ihre eigene Reise Ende der 2000er Jahre durch Amerika – im Auto und mit ihrem Hund Lino…
    Ich fand diesen Bericht jedenfalls sehr interessant und habe ihn sehr gerne gelesen. Übrigens ist Frau del Buenos sowieso eine interessante Journalistin und Autorin von in meinen Augen sehr lesenswerten Romanen >>> http://www.zoradelbuono.de/buch.html

    Zurück zu Steinbeck: den auch von Dir besprochenen Bericht über die Russische Reise mit den Bildern von Capra fand ich einfach sehr lesenswert und weniger oberflächlich, als oftmals beschrieben. Im Gegenteil, ich glaube, für 1948 war das damals ein echtes Wagnis (insbesondere, wenn man die Kalte-Kriegs- und Anti-Russland-Stimmung in den USA mit einrechnet) und vielleicht einfach einen Versuch wert. Nämlich den Versuch, den amerikanischen Bürgern näher zu bringen, dass da auch Menschen leben (als solche wurden sie in diesem seltsamen Land USA ja durchaus nicht durchgängig angesehen), so banal das auch erschienen mag. Aber nein, das betraf ja nicht nur die USA: Ich erinnere mich da noch sehr lebhaft an die Ausbürgerung von Wolf Biermann 1978 (?) und die Reaktion meiner Oma, nachdem sie ein Fernsehinterview mit ihm gesehen hat. Da verstieg sie sich nämlich zu der Einschätzung: Das ist ja doch ein Mensch, obwohl er Kommnist (Kommunist konnte sie nicht aussprechen) ist. Meine Oma hat, das muss man dazu wissen, das Luftbrücken-Berlin erlebt, fühlte sich Zeit ihres berliner Nachkriegslebens als russische Gefangene).
    So, jetzt höre ich besser mal auf mit meiner Rumschwadroniererei, zum Russland-Buch der Vollständigkeit halber nur noch soviel: neben dem Steinbeck-Text gibt es ja auch noch die Capra-Bilder, und die sind einfach beeindruckend.
    Liebe Grüsse
    Kai

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    1. Lieber Kai,
      hab Dank für Deinen ausführlichen Kommentar (und alle Deine Kommentare – denn ich ich weiß, ich mach manchmal ein bißchen viel, aber wenn das dann so gründlich gelesen wird, freut mich das einfach…). Danke für den Hinweis auf Zora del Bueno – schon der Name! Die gute Zora!!! Ich kannte das gar nicht, weder Autorin noch Buch, aber das scheint direktemang in mein Muster zu passen.
      Ja, und zu Deinen Bemerkung zur Russischen Reise: Steinbeck war einfach ein großer Humanist – und so wie der „schrägen“ Typen in der Straße der Ölsardinen angenommen hatte, so versuchte er in allen menschlichen Begegnungen wohl Vorbehalte zu überwinden. Und obwohl meine Oma auf dem tiefsten Land in Süddeutschland lebte und sicher nie im Leben einen Sowjetbürger sah, war auch eine ihrer Lieblingsdrohung: „Folgsch odr dr Russ kommt!“ So tief saßen die Vorurteile und Ängste (die natürlich aufgrund der Gewaltakte gegen Frauen nicht ganz von ungefähr kamen).

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  3. Liebe Birgit, sowohl die amerikanische als auch die russische Reise klingen überaus lesenswert, zumal man momentan beim Schauen der Weltnachrichten ein bisschen das Gefühl hat, dass sich nicht allzu viel verändert hat. Liebe Grüsse aus Eastbourne, Peggy

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    1. Liebe Peggy, ja, das denke ich mir öfter, wenn ich Bücher aus dieser Zeit mit politischem Hintergrund in der Hand habe – wie aktuell sie eigentlich leider noch sind bzw. wie wenig fortschrittsfähig die Menschheit ist bzgl. eines friedlichen Zusammenlebens. Kalter Krieg vs. ewiger Frieden – schon Kant schrieb (vergeblich) darüber .

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