Bummeleien: 111 Orte in Augsburg. Biene und Stachelschwein.

20160704_102626_resizedEinige Male habe ich schon das Areal umrundet, aber bin immer noch nicht fündig geworden. Endlich, an diesem ruhigen Nachmittag, ein weiterer Spaziergänger. Als ich den älteren Herrn nach der Grabstätte der Sybilla von Leonrod frage, schaut er zunächst verständnislos. Doch plötzlich blitzen seine Augen auf, er lacht und meint: „Ach so, Sie wollen zum Kini!“

Selbstverständlich liegt der Märchenkönig nicht auf dem Augsburger Hermanfriedhof begraben – seine leiblichen Überreste wurden in München bestattet, das Herz ward ihm postum entrissen und nach Altötting verbracht. Nicht mal im Tode durfte der arme Kerl ganz bei sich sein. Und trotzdem hat Ludwig II. von Bayern seine Spuren auf dem zentralen Friedhof in der Fuggerstadt hinterlassen: Eine der vielen skurrilen Geschichten, die ich nun erst, obschon seit einigen Jahren in Augsburg, durch Gregor Nagler erfuhr.

Der Kunsthistoriker und Volkskundler ist Autor des Buches „111 Orte in Augsburg, die man gesehen haben muss“, eine Reihe, die der emons: Verlag herausgibt. Die Bücher springen einem mittlerweile überall entgegen. Welche Qualität sie für das Kennenlernen anderer Städte bieten, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber der Augsburger Band lässt mich „meine“ Stadt mit neuen Augen erfahren.

Klar, etliche der 111 Orte sind mir bekannt – doch Gregor Nagler bietet einem immer wieder neue Perspektiven, ungewohnte Zugänge, kleine Geschichten am Rande, Hinter- und Abgründiges beispielsweise von Himmelslöchern, Kunstledertapeten und Fahrradküchen. Mir scheint die Reihe eher geeignet zu sein für Einheimische, die ihre Stadt neu entdecken wollen oder bummelnde Gäste mit Muse. Nichts für Touristen, die die wichtigsten Sehenswürdigkeiten im Minutentakt abhaken wollen: Rathaus, Perlachturm, Fuggerei, Textilviertel, fertig. (Kurzer Einschub: Ich muss dabei an eine japanische Reisebekanntschaft denken, mit der ich vor Jahren einmal von einer Avignoner Jugendherberge nach Arles durchstarten wollte. Sur le pont war Schluss mit dem Plan – der Reiseführer „Europe in 28 Days“ hätte mir eine Warnung sein müssen…)

Zurück nach 111mal Augsburg: Jedem Ort ist eine Doppelseite gewidmet, eine Seite Text, ein großes, oft überraschendes Bild. An zwei „Augschburger“ Geschichten, die ich noch nicht kannte, will ich das Konzept des Buches verdeutlichen.

Da ist „Das Grabmal“ und „Die Treue des Märchenkönigs“. Gregor Nagler schreibt:

„Es sieht ein bisschen aus, als habe jemand Schabernack getrieben, eines der neugotischen Türmchen von Schloss Neuschwanstein abgebrochen und auf dem Augsburger Hermanfriedhof abgestellt. So war es natürlich nicht. Ludwig II., der legendäre bayerische Märchenkönig, stiftete das Denkmal höchstselbst und beglich auf ewig die Grabgebühren. Denn Sybilla von Leonrod, die hier auf dem Hermanfriedhof begraben wurde, hatte Ludwig zeit seines Lebens ins Herz geschlossen.“

Die Dame war Kindermädchen des kleinen Ludwigs bis zu dessen neunten Lebensjahr. 1860 hatte sie, kurz vor ihrem 46. Geburtstag, einen Freiherrn von Leonrod geehlicht und den Hofdienst verlassen. Mit ihrem Mann, der Kommandant in Augsburg wurde, lebte sie in der Fuggerstadt. Ludwig II. hielt stets Verbindung zu ihr, über 80 Briefe sind überliefert.

Sein Auge für nicht ganz so Offensichtliches, für Geschichte abseits der bekannten Reiseführer-Trampelpfade beweist der Autor auch an einem anderen Ort: Nahe beim neuen Augsburger Justizgebäude ist ein älteres Haus (Jahrgang 1870) mit Backziegelmauer zu finden, früher gehörte es zum Artilleriedepot, heute haben einige Firmen dort ihren Sitz. Man muss schon genau hinsehen, um die eingeritzten Inschriften zu finden – aber dann entdeckt man immer mehr, Personengeschichten an der Wand, oder, wie Nagler schreibt: „Es ist ein Aufmarsch der Schriften.“ Und:

„Das Artilleriedepot aber bewahrt mit den Schriften die Erinnerung an die Personen hinter der Militärgeschichte. Es waren Soldaten, die sich hier verewigten. Dann, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, waren hier auch Entwurzelte, „Displaced Persons“ untergebracht. Am 2. April 1948 etwa schrieb ein Stasys Kukauskas sich seine Sehnsucht nach Litauen von der Seele, fein eingepasst in die Ziegelgröße. Schon seit über 60 Jahren trotzt dieses Bekenntnis eines großen Heimwehs Wind und Regen, Sonne und Schnee.“

So poetisch kann Stadtgeschichte auch geschrieben werden. Die 111Orte-Reihe scheint mir empfehlenswert für alle, die Lust haben, ihre Stadt, ihren Ort neu zu entdecken und hinter die Kulissen zu sehen.

Weil ich sowieso gerade in Schwung war, drehte ich mit „d`Stroßabah“ noch eine Runde – immerhin setzt Nagler auch der Tram in seinem Buch ein Denkmal, die in Augsburg einfach dazugehört wie der Zwetschgendatschi und der Einkauf samt Tratsch am Samstag vormittag auf dem Augsburger Stadtmarkt. Schon Paul Klee betrieb in seiner Augsburger Zeit in der Straßenbahn Feldforschung, weiß Nagler. Am 22. Januar 1917 schreibt er nach einer Fahrt im Nebel: „Augsburg sah ich nicht, nur einige Augsbürger. Auch ein Eindruck.“

Ich steige kurz vor dem „Klausenberg“ aus der Tram, will bei dem schönen Wetter eigentlich in den Park am Kurhaustheater. Und stolpere hier mehr durch Zufall über ein etwas seltsames Denkmal für einen Vorort-Augsbürger. Seither geht mir „Schön ist es auf der Welt zu sein“ nicht mehr aus dem Ohr. Schuld daran ist dieses Buch.

Die Reihe „111 Orte in xxx, die man gesehen haben muss“, erscheint beim www.emons-verlag.de.

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Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

26 thoughts on “Bummeleien: 111 Orte in Augsburg. Biene und Stachelschwein.

    1. Da passt ja der Link zum Roy Black-Anita-Lied sehr gut – eigentlich ja ein ganz anarchischer Text, der die Freiheit feiert 🙂 Also, streif Dein Zeitkorsett ab, und auf nach Augsburg, denn das Gute liegt ja so nah – und ich mache gerne die Stadtführerin, inzwischen habe ich darin schon Übung 🙂

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      1. oh, das war mir gar nicht klar, dass du in augsburg lebst. da sind wir fast nachbarinnen 😉 am abstreifen oder wenigstens lockern des zeitkorsetts scheitere ich regelmäßig, ich glaub, es ist schon stellenweise festgewachsen. zur zeit pendle ich wochenends via A8 nach oberschwaben, wohin mich familienpflichten rufen. da fahre ich ja an augsburg vorbei und werde dir also grüße in den äther winken und ganz laut das lied schmettern 🙂

        (was wohl aus der kleinen aniata geworden ist?)

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      2. Das mit der Anita hab ich mich übrigens auch gefragt … aber war zu faul zum googeln. Dein Zeitmanagement ähnelt offenbar meinem – auch ich pendle, da die Eltern älter werden, öfters am Wochenende nach Oberschwaben (auch da wohl eine Gemeinsamkeit), um genau zu sein in den LK Biberach a.D. Riß (Laupheim). Jetzt sag bloß nicht, dass Du aus Baltringen, Burgrieden oder so woher stammst 🙂

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  1. Welch unterhaltsamer Streifzug durch die Fuggerstadt, liebe Birgit! Die eingeritzten Namen und offenbar sogar Geschichten in den Backsteinen des alten Artilleriedepots finde ich besonders anrührend. Bisher habe ich immer die Finger von Büchern wie „xxx places to see before you die“ gelassen, aber deine Vorstellung macht mich doch ein bisschen neugierig darauf, einmal nachzusehen, welche 111 Orte man denn in meiner Stadt angeblich gesehen haben muss und ob wohl Überraschendes dabei ist. Liebe Grüße!

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    1. Liebe Maren, ja, diese Geschichten hinter den Orten, das beschreibt er sehr gut, da habe ich inzwischen einiges entdeckt, was nicht direkt an unserer Prachtstraße mit den Fuggerhäusern liegt … mal sehen, ob die Hamburger Ausgabe auch was taugt, ich glaube, das hängt einfach stark vom örtlichen Autoren ab 🙂 Aber Du bist ja eine Wald-, Wiesen- und Stadtwanderin …Herzliche Grüße

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  2. Liebe Birgit, eine gelungene Art, dem Besucher Orte näher zu bringen. Ich wollte auch schon immer mal solch ein Buch für Berlin zur Hand nehmen, jedoch die Zeit hat es noch nicht zugelassen….
    Liebe Grüße von Susanne

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      1. übrigens: die freude war gross, sie wird sich das buch kaufen und erzählte gleich von roy black als er in augsburg auftrat, als er noch nicht roy black war … also lange bevor er sogenannt berühmt war/wurde.

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      2. Fein! Leider habe ich das Augsburger Poplexikon nicht mehr, sonst könnte ich vom frühen Roy Black alias Gerhard Höllerich mehr erzählen – aber als er seine musikalischen Anfänge machte, war ich noch in den Windeln und nicht in Augsburg 🙂 Soviel ist darüber dem Augsburger Stadtlexikon zu entnehmen: „Seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte Gerhard Höllerich im Fasching 1963 in der Band „The Honky Tonks“. Am 14. September 1963 gründete er zusammen mit Günter Ortmann, Dieter Schwedes, Peter Schwedes, Helmut Exenberger und Dieter Sirch die Band „Roy Black and his Cannons“. „

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  3. „Sur le Pont war dann Schluss…“ Ich kann die Japanerin gut verstehen. Über eine kaputte Brücke kommt man schließlich nicht weit. Oder haben sie die inzwischen fertig gebaut? 😉

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    1. Liebe Peggy,
      ich hoffe nicht, dass dieses „mehr Zeit“ bedeutet, dass es mit unguten Umständen oder dem Brexit oder solchen Dingen zusammenhängt. Wie auch immer: In Augsburg wärst Du herzlich willkommen! Ich erwäge, ein B&B-Angebot für nette Bloggerinnen aufzumachen: Kost & Logis gegen literarische Gespräche 🙂
      Eine gute Zeit wünscht Dir Birgit

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      1. Doch, liebe Birgit, wir sehen uns nach Optionen um. Wir wollen lieber unsere eigenen Entscheidungen treffen als am Ende von den Ereignissen ueberrumpelt zu werden. Noch ist alles offen, aber sich umschauen schadet ja nie. Und nach all Deinen Entdeckungstouren in den letzten Monaten haette ich auch mal wieder Lust auf Deutschland 🙂 Liebe Gruesse, Peggy

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      2. Ach herrje … das ist natürlich einerseits schade, wenn da schon solche Fluchtbewegungen einsetzen. Aber von außen betrachtet ist das, was man an Rechtspopulismus, Ausländerfeindlichkeit etc. gerade von GB mitbekommt, alles andere als erfreulich – und die Unverantwortlichkeit dieser politischen Populisten. Keine Insel der Seligen…

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