Donald Ray Pollock: Das Handwerk des Teufels (2012).

P1040222– Ein Gastbeitrag von Bernd Hohlen –

Arvin Russels Vater Willard gibt seinem Sohn zwei Sätze mit auf den Weg. Der Erste: »Wenn  das nächste Mal einer mit dem Mist anfängt, dann will ich, dass du es zu Ende bringst«. Der Zweite: »Du musst nur den richtigen Augenblick abwarten«. Um diese zwei Aussagen zu beherzigen, benötigt man Geist, Kraft, Ausdauer, Energie und Mut. Romanfiguren, die diese Eigenschaften nicht mitbringen, sind entweder Volltrottel oder es ist schlechte Literatur.
William Faulkner sagte in seiner Nobelpreisrede (laut John Steinbeck war er dabei betrunken): »Die kleinste Erzählung ist wertlos, wenn sie nicht die alten Einsichten und Wahrheiten des Herzens, die für die ganze Welt gelten: Liebe, Ehre, Erbarmen, Stolz, Mitgefühl und Opferbereitschaft, enthält«.

Arvin liebte seinen Vater, es war ihm eine Ehre, seine Ratschläge umzusetzen. Sein Mitgefühl galt seiner Familie. Für sie war er bereit sich zu opfern. Es ist dabei unerheblich, ob die bestimmende Romanfigur dabei mordet. Sie muss nur auf der richtigen Seite stehen. Da beginnt die Brechung der Figur und der Leser kommt moralisch ins Schleudern, bringt er doch Sympathie auf für einen, der andere Menschen tötet. Eine andere Figur, die dem Gesetz verpflichtet ist, steht auf der falschen Seite. Wir ahnen, dass wir beim Lesen in Konflikt geraten können mit unseren Interessen, mit unseren moralischen Vorstellungen.  Denn überall ist Gott. Er taucht auf als Prediger, als Perverser, als Mörder, als Verzweifelter, als Kind, als Hure, als Polizist. Gott ist alles und nichts. Er wird gerufen. Ihm wird geopfert. Tagelang, wochenlang, monatelang. Er taucht nicht auf. Er ist eine Fiktion, die die Menschen in den Wahnsinn treibt, weil ihr Glaube alles andere übersteigt. Sogar ihre grenzenlose Dummheit und Verkommenheit. Gott ist für alle da. Überall, auch im amerikanischen Niemandsland.

Diese zwei Sätze, eine korrupte Enklave in der größten Demokratie der Welt, der Glaube an das Gute und die Angst vor dem Bösen, die damit verbundene Einhaltung einer Ordnung und die dabei auftretenden Konflikte, erzählt in einer präzisen Sprache, in der kein falsches Wort zu finden ist, ergeben ein fantastisches Buch.

Der Autor Donald Ray Pollock stammt aus der Gegend, über die er schreibt. Er arbeitete im Schlachthof, in der Papiermühle und als LKW-Fahrer. Mit 50 Jahren (!) besuchte er http://english.osu.edu/creative-writing-ohio-state-university und entdeckte sein großes Talent: Andere Menschen zu faszinieren.

Creative Writing-Seminare zu besuchen ist in Amerika so selbstverständlich, wie bei uns Mitglied in einem Verein zu werden. Fast jeder Amerikaner, der Schreiben kann oder einen Computer besitzt, hat ein fertiges oder halbfertiges Drehbuch herumliegen. Es gehört dazu. In Deutschland ist das Schreiben immer noch eine Geheimwissenschaft, die nur ausgesuchten Spezialisten vorbehalten ist. Wer einmal herausfinden möchte, wo unsere großen deutschsprachigen Schriftsteller schreiben gelernt haben, wird nichts herausfinden. Scheinbar alles Naturtalente. Und wer ist schon ein Naturtalent? Dabei ist bei Pollock nachzulesen, wie erstklassiges Handwerk funktioniert. Keine Kinkerlitzchen, kein Geschwurbel, keine psychologischen Deutungen, kein Gejammer.  Etwas mehr als nur ein Krimi. Fast eine Anleitung, um gute Bücher zu schreiben.

»Das Handwerk des Teufels« – München, Liebeskind, 2012, und inzwischen auch als Heyne Taschenbuch.

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Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

10 thoughts on “Donald Ray Pollock: Das Handwerk des Teufels (2012).

  1. Es ist spannend , dass ich bei dir immer hängen bleibe und bis zum letzten Satz lesen muss. Das klingt so spannend und lesenswert, dass ich es mal nach ganz oben setze auf meine Liste. Man müsste nicht altern um all die guten Bücher lesen zu können.

    LGXeniana

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    1. Liebe Xeniana,
      danke für diesen netten Kommentar – das freut einen doch, wenn die Besprechungen schon an sich so spannend sind. Und ja – beide Pollock-Bücher sind einfach grandios! Mit das Beste aus diesem Bereich, das mir in den letzten Monaten unterkam. LG Birgit

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    1. … das klingt wirklich sehr Klasse. 6 Zutaten für eine gute Erzählung lt. Faulkner (Ehre, Erbarmen, Mitgefühl, Stolz, Opferbereitschaft, Liebe) am Rande eingestreut zu bekommen, das ist doch mal was. Wenn Faulkner das gesagt hat, dann muss es ja stimmen. Vielen Dank für diese eindrückliche Beschreibung.

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