Mrs. Highsmith und Mr. Ripley. Mörderisches Traumpaar.

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Hinter welcher Brille steckt dieser Tom Ripley? Bild: (c) Michael Flötotto

„Aber er fühlte sich einsam. Es war anders als der Eindruck, allein und doch nicht allein zu sein, den er in Paris gehabt hatte. Er hatte sich ausgemalt, daß er einen fröhlichen neuen Freundeskreis erwerben und ein neues Leben beginnen würde, ein Leben voller neuer Ansichten, Haltungen und Gewohnheiten, die denen, die er sein ganzes bisheriges Leben lang gekannt hatte, weit überlegen waren. Doch jetzt sah er ein, daß es unmöglich war. Er würde sich von anderen Leuten fernhalten müssen, und das immer.“

 

Patricia Highsmith, „Der talentierte Mr. Ripley“, 1955, Diogenes Verlag.

Nun, ganz so schlimm kommt es nicht. Tatsächlich gelingt es Tom Ripley im Verlauf von vier weiteren Romanen ein Leben voller neuer Ansichten zu führen – und das nicht einmal zu schlecht. Die kurz aufflackernde Depression ist bei Ripley bald überwunden – und ein geringer Preis für einen Mord. Und als Leser freut man sich beinahe, dass er, dieser ambivalente Held, sich aus seelischen Nöten und äußeren Gefahren einmal mehr herausgewunden hat. Doch so ist es oftmals bei Patricia Highsmith: Die Grenzen zwischen „Gut“ und „Böse“ verschwimmen, der Sünder, der in jedem von uns steckt (wer wünschte sich nicht ab und an, sein eigenes Leben gegen ein scheinbar besseres tauschen zu können?), wird fast zum Sympathieträger.

Manchen Herrschaften sieht man einfach alles nach. Tom Ripley ist so einer. Immerhin mordet der smarte Junge aus den USA sich durch halb Europa und fünf Romane (die Zahl der Leichen bleibt zwar überschaubar, aber gezählt habe ich sie nicht), lügt, betrügt und ist an und für sich durch und durch amoralisch. Und dennoch möchte bei jedem Wiederlesen einfach nur, dass er davon kommt – was oft genug nur um Haaresbreite geschieht und mit etwas „windigen“ Tricks auch der Autorin. Doch die kriminalistische Logik steht bei Patricia Highsmith eben nicht im Vordergrund – wie man der Meisterin des psychologischen Spannungsromans auch Unrecht tut, wenn man sie „nur“ in einem Genre verortet, der Kriminalliteratur. So wie man – das nur nebenbei – auch der Kriminalliteratur natürlich ebenfalls Unrecht tut, wenn man sie per se als Literatur zweiten Ranges betrachtet. Aber das ist wie die ewig leidige Unterscheidung zwischen E- und U-Kultur: Uralte Klischees, die irgendwie überleben.

Zurück zu Patricia Highsmith und einem meiner Lieblingshelden aus ihrer Feder: Was die Tom-Ripley-Romane so faszinierend macht, ist die Charakteranlage der Figur. Von Buch zu Buch gewinnt Ripley immer mehr an Kontur und bleibt bei aller Vertrautheit doch Rätselhaft. Mit dem ersten Roman nimmt er die Identität eines anderen an: Er wird zu dem von ihn ermordeten Millionärssohn Dickie Greenleaf. Und auch in den späteren Büchern schlüpft er immer wieder in verschiedene Rollen, spielt einen verschollenen Maler in London, gibt in Berlin in einer Bar den Transvestiten in Frauenkleidern: Tom Ripley, in mehr als einem Sinn einfach nicht zu fassen.

Wer ist dieser Mann? Immerhin reicht die Zeitspanne der Veröffentlichungen von 1955 bis 1991, er begleitete Highsmith demnach über vier Jahrzehnte ihres Lebens. Ripley selbst bleibt jedoch jung: Die Ripley-Welt vom talentierten Mr. Ripley bis zu Ripley unter Wasser umfasst nur wenige Jahre.

„Im ersten Band haben wir es mit einem Mann ohne Bildung und fast ohne Herkunft, mit einer Vollwaise und einem verzweifelten Liebenden zu tun. (…) Tom Ripley ist einer der wenigen, die in der Highsmith-Welt davonkommen, und sein Schicksal heißt nicht nur Überleben (wie etwa für die Hauptfigur des Romans „Der Schrei der Eule“), sondern unvermischter Triumph.“

Paul Ingendaay, der mit Anna von Planta beim Diogenes Verlag die neuübersetzte Werkausgabe der Highsmith-Romane und Stories herausgab, begleitet Ripleys Entwicklung in seinen Nachworten (wie groß das Interesse an den Büchern der Autorin und an Ripley nach wie vor ist, zeigte sich 2015 – der Verlag brachte die Ripley-Romane gebunden im Schuber heraus, die kurze Zeit darauf bereits vergriffen waren):

„… daß wir ihn, nach insgesamt fünf Romanen, die seinen Titel im Namen tragen, genau zu kennen meinen, was aber ein Irrtum sein könnte. Denn obwohl keiner seiner Tricks und Winkelzüge ein Geheimnis ist, weil die Bühne in jedem Augenblick ganz ihm gehört, sind seine seelischen Antriebskräfte durch die spätere Verwandlung in einen wohlhabenden, entspannten Serienhelden womöglich etwas in Vergessenheit geraten.“

Das genau aber ist es, was mich an diesen Romanen fesselt: Eben nicht die Frage, ob und wie Ripley wieder einmal davon kommt – das weiß man ja bereits, spätestens beim zweiten Wiederlesen. Sondern die Frage: Wer sind Sie, Mr. Ripley? Wenn Ingendaay vom „verzweifelten Liebenden“ des ersten Buches schreibt, müsste er eigentlich hinzusetzen: Ein Liebender im Rahmen seiner Möglichkeiten. Tatsächlich verbindet Ripley mit dem oberflächlichen Dickie, den er in Italien im Auftrag des Vaters aufspürt, eine eher einseitige Freundschaft. Ripley wünscht sich vor allem die äußeren Attribute des verwöhnten Millionärssöhnchens und Kunstdilettanten: Materielle Sicherheit, die Freiheit gibt, Leichtigkeit, Anerkennung durch Wohlstand. Die „Freundschaft“ zwischen den beiden ist niemals durch Ebenbürtigkeit gekennzeichnet – und so wachsen in Ripley Neid und Eifersucht auf den Lebensstil des anderen. In einer Szene schlüpft er in die Kleider des anderen – symbolhaft deutet dies auf den späteren Mord hin, durch den Ripley dann Identität und vor allem das Geld Dickies übernehmen kann, der Grundstock für seinen späteren Wohlstand. Ohne Zweifel: Tom Ripley ist verliebt in Dickie – aber nicht so sehr verliebt, dass er aus Leidenschaft zum anderen mordet. Sondern die Leidenschaft gilt: Vor allem ihm selbst. Und dennoch wird er einem beim Lesen nicht unsympathisch, ist kein kaltblütiges Monster – das ist die Kunst der Highsmithschen Psychologie.

Von einer Art nüchternen Distanz zu anderen Menschen sind Ripleys Beziehungen auch in den späteren Büchern geprägt: Seiner wohlhabenden Frau Héloise begegnet er mit derselben zärtlichen Zuneigung wie seinen Antiquitäten und Bildern, die er ungern missen möchte, aber auf die er notfalls auch verzichten könnte – den stets ist sein Status wackelig, stets droht, dass die Schatten der Vergangenheit in einholen könnten. Nur zu wenigen Menschen, immerzu Männern, womit die homoerotische Komponente der Dickie-Tom-Beziehung des ersten Buches weitergeführt wird (obwohl Patricia Highsmith ihren Helden „asexuell“ anlegte), knüpft Ripley ein intensiveres Band: Zum todkranken Nachbarn Jonathan, den Ripley aus einer Laune hinaus zum Auftragsmörder macht (Ripley`s Game) und zu dem amerikanischen Millionärssohn Frank (Der Junge, der Ripley folgte) – es blitzt ein anderer Ripley auf, der einen eigenen Wertekodex in sich trägt, der die Sünden der Vergangenheit wieder gutmachen möchte.

Highsmith-Biograf Andrew Wilson sah Parallelen zu Oscar Wildes „Dorian Gray“ – ein etwas unglücklicher Vergleich, wie ich finde. Denn auch wenn in den Ripley-Romanen der Geschmack in der Hauseinrichtung, beim Essen, in der Kleiderwahl, kurz im ganzen Lebensstil eine große Rolle spielt, auch wenn Ripley nach und nach seinen Musik- und Kunstgeschmack verfeinert – das wirkt nur dezent dekadent. Vor allem aber: Im Gegensatz zu Dorian Gray ist Tom Ripley kein bißchen vom Wahnsinn gestreift – wenn er tötet, dann aus Selbsterhaltungstrieb, zwar nüchtern und gefühllos, jedoch nicht aus Lust oder Wahn. Ein Narzisst, ja, aber kein Wahnsinniger.

Noch ein weiterer Aspekt, warum es sich, abseits der faszinierenden Hauptfigur lohnt, die Ripley-Romane zu lesen: Sie führen einen durch halb Europa, Paris, London, Berlin, Salzburg, usw. (und die Frisur sitzt immer) – und Patricia Highsmith erweist sich hier einmal mehr als Meisterin der atmosphärisch dichten Ortsbeschreibungen. Wer Ripley durch Salzburg folgt, wird die Stadt beim Lesen vor Augen haben. Das Berlin der 1970er-Jahre in „Der Junge, der Ripley folgte“: Von der Mauer begrenzt, vom „heißen Herbst“ (der RAF-Terrorismus wird im Buch erwähnt) geschüttelt, geprägt auch von der Party-, Disco- und Underground-Szene, die zahlreiche Künstler in dieser Zeit nach Berlin lockte. Zwar erntete eben dieser späte Ripley auch viel Kritik, weil Patricia Highsmith der Beziehung zwischen den beiden Männern mehr Sorgfalt widmete als der kriminalistischen Story, die etwas verquer ist – aber die Atmosphäre des Romans wiegt alle losen Fäden auf.

Und am Ende ist es einfach so: Für Ripley-Fans kann dieser seltsame, eigenartige Held doch gar nichts falsch machen.

PS: Mehrere der Ripley-Bücher wurden verfilmt, insbesondere der erste Roman. Und auch wenn Matt Damon („Der talentierte Mr. Ripley“, 1999, Regie: Anthony Minghella) der Beschreibung in den Büchern optisch näher kommt – für mich wird er immer aussehen wie der schöne Alain Delon („Nur die Sonne war Zeuge“, 1960, Regie: René Clément).

14 comments on “Mrs. Highsmith und Mr. Ripley. Mörderisches Traumpaar.”

  1. Sehr schöner Beitrag. Ich habe nur den ersten Ripley gelesen und ich fand die „windigen“ Tricks von Highsmith, um Ripley durchkommen zu lassen, fast schon zu viel. Dennoch eine faszinierende Hauptfigur.

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    1. Aus Sicht eines Krimiexperten lassen die Ripleys schon zu wünschen übrig 🙂 Aber dennoch hervorragende Literatur – ich wußte gar nicht, das habe ich erst jetzt beim Querlesen zu Patricia Highsmith aufgeschnappt, dass sie sogar einmal wohl für den Nobelpreis vorgeschlagen war. Ich denke ihr Anteil ist es, wie andere (Simenon z.B.) das Genre auch bei den Feuilletons hoffähiger gemacht zu haben.

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  2. Ach, ich wusste gar nicht, dass es Fortsetzungen gibt. Ich habe damals nur den Film gesehen und muss an dieser Stelle doch bitte schön auch an die gute schauspielerische Leistung eines unserer lokalen Talente erinnern (Jude Law kommt aus Lewisham, gleich um die Ecke von Greenwich). Ich habe übrigens in einem Buch über tägliche Rituale von Kreativen gelesen, dass Patricia Highsmith ihre Romane in Emryonalstellung über der Schreibmaschine gebeugt sozusagen geboren hat – und dass sie Schnecken als Haustiere hatte, die sie in ihrer Handtasche auch zu Parties mitnahm.

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    1. Ja, Jude Law ist tatsächlich (trotz seines guten Aussehens) ein guter Schauspieler 🙂 Das mit den Highsmith-Ritualen glaube ich unbesehen – sie war schon sehr eigen, je älter sie wurde umso schrulliger. Es gibt von ihr eine Erzählung, „Der Schneckenforscher“ – ich kann mich nur noch dunkel erinnern, die fand ich jedoch beim Lesen reichlich merkwürdig …

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