Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe (2016)

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Mein Leben begann ruhig, ich wohnte in Bergbaustädten und zog zu oft um, um Freunde zu haben. Ich suchte mir einen Baum oder einen Platz in einem alten verlassenen Hüttenwerk und saß in der Stille. Meine Mutter las normalerweise oder schlief, und so sprach ich meistens mit meinem Vater. Sobald er zur Tür hereinkam oder wenn er mich in die Berge und ins tiefe Dunkel der Minen mitnahm, redete ich ununterbrochen. Dann ging er ins Ausland, und wir lebten in El Paso, Texas, wo ich die Vilas-Schule besuchte. In der dritten Klasse konnte ich gut lesen, hatte aber vom Addieren keine Ahnung. Ein schweres Korsett auf meinem Rücken. Ich war hochgewachsen, aber immer noch wie ein Kind. Ein Wechselbalg in dieser Stadt, als hätten mich Bergziegen in den Wäldern aufgezogen.“

 

Aus der Erzählung „Stille“, Lucia Berlin, „Was ich sonst noch verpasst habe“, Arche Literatur Verlag, 2016.

Ein Wechselbalg, eine Außenseiterin, von Kindheit an unterprivilegiert, niemals dazugehörend. Stille, Einsamkeit, Melancholie als Erbe. Sie dringen durch jede dieser Erzählungen. Zugleich aber auch eine Sprödigkeit, eine Lakonie, trockene Humorsicht auf die Welt, das Streben der Ehrgeizigen nach einem Quäntchen mehr an Glück leise belächelnd. Lucia Berlin erzählt von jenen – meist Frauen – die sich dennoch behaupten, im alltäglichen Elend ihre Würde bewahren, den Lebenswillen auch. Sie erzählt von unterbezahlten Krankenschwestern, ausgebeuteten Putzfrauen, illegalen Einwanderinnen, Suchtkranken in der Reha, Alkoholikerinnen im wiederholten Entzug, von den Underdogs, die sich in Waschsalons, auf der Straße, auf der Flucht treffen – und sie erzählt immer auch von sich selbst, an ihrer eigenen Biographie entlang.

Die Frauen, von denen sie erzählt, das sind trotz ihrer Schwächen, ihrer Demütigungen und Verletzungen jedoch keine Gebrochenen – es sind die dunklen Königinnen der Selbstbehauptung. Ein Abbild dieser Schriftstellerin vielleicht, die in einem Brief an einen Freund über sich selber schrieb: „Keine Gefühle zeigen. Nicht weinen. Lass niemanden an dich ran.“ Nicht gerade das Heilsrezept, das die moderne Psychotherapie Menschen mit einer Biographie ähnlich derer der amerikanischen Autorin (1936 – 2004) verordnen würde – Sprechen lautet da die Diagnoseempfehlung. Manches ist jedoch vielleicht einfach auch unsagbar. Und nur durch die Verwandlung in Literatur findet es seinen Ausdruck – so stelle ich mir das Schreiben der Lucia Berlin vor, für die vielleicht (das ist meine Spekulation) das Verfassen von Texten der einzige Ruhepol in einem unruhigen Leben war, die einzige Möglichkeit, Schläge abzuwehren, Verletzungen zu heilen.

Ein Blick auf die Biographie: In Alaska geboren, der Vater Bergbauingenieur, der beruflich bedingt ein unstetes Leben führen muss, die Mutter eine Trinkerin. Im Alter von zehn Jahren erkrankt Lucia Berlin in Chile an Skoliose, der Vater verlässt die Familie, die bei den Großeltern unterkommt. Großvater und Onkel sind ebenfalls Trinker, wie in zwei Erzählungen angedeutet ist, wird Lucia Berlin zudem Opfer sexuellen Missbrauchs durch den Großvater. Sie selbst kämpft später ihr Leben lang gegen den Alkoholismus an, heiratet Männer, die selbst am Abstürzen sind, erzieht ihre vier Söhne größtenteils alleine, wechselt häufig die Wohnorte. Und ist daneben noch, vor allem in den 1960er bis 1980er Jahren literarisch überaus produktiv – wenn auch öffentlich kaum beachtet.

„Lucia Berlin“, so heißt es in einer wunderbaren Annäherung an die Schriftstellerin durch Mara Delius in der „Welt“, „blieb so unbekannt, dass sie noch nicht einmal vergessen werden konnte, als sie gestorben war.“ Tatsächlich gelangt die amerikanische Autorin erst jetzt, eine Dekade nach ihrem Tod, zu einer Art literarischen Berühmtheit. Als 2015 die Erzählungen unter dem Titel „A  Manual for Cleaning Women“ erschienen, wurde diese Wiederentdeckung zu einer literarischen Sensation. Und auch im deutschen Sprachraum  bekommt Lucia Berlin nun die Aufmerksamkeit, die ihr – und davon bin ich fest überzeugt – gebührt. Der Arche Verlag brachte die Erzählungen Anfang 2016 unter dem Titel „Was ich sonst noch verpasst habe“ heraus, wunderbar übersetzt von Antje Rávic Strubel.

Diese zeigt sich in ihrem Vorwort begeistert von der Amerikanerin – eine Begeisterung, die ich nur teilen kann:

„Mit ihrer unbehauenen Sprache, ihren ungeschönten Schilderungen und komplexen Figurenporträts, durchwoben von abgründigem Witz, hat Lucia Berlin allerdings ein unverkennbar eigenes, einzigartiges literarisches Universum geschaffen. Diese Autorin schaut dorthin, wo es wehtut. Den Schmerz fängt sie in einem dunklen Lachen auf.“

Das dunkle Lachen, das vom Schmerz in jeder Freude weiß – es klingt durch viele dieser Erzählungen, die sind wie „Tigerbisse“ – so lautet der Titel einer Erzählung über eine geplante Abtreibung in Mexiko:

„Und da war sie, Bella Lynn! Auf dem Parkplatz des Betriebsbahnhofs. Stand aufrecht winkend in einem taubenblauen Cadillac-Cabrio, in fransenbesetzten wildledernen Cowgirl-Klamotten. Sie war bestimmt die schönste Frau in West-Texas und hatte tausend Schönheitswettbewerbe gewonnen. Langes hellblondes Haar und goldbraune Augen. Ihr Lächeln, nein, es war ihr Lachen, ein dunkles, tiefes, wasserfallartiges Lachen, das Freude verströmte, das vom Schmerz in jeder Freude wusste und sich darüber lustig machte.“

Schon in etlichen Feuilletons besprochen, ist Lucia Berlin jedoch wohl immer noch so etwas wie ein Geheimtipp – vielleicht wird sich das jedoch mit dem nächsten „Literarischen Quartett“, das am 24. Juni ausgestrahlt wird, ändern. Anschauen werde ich mir das jedoch nicht: Wird Maxim Biller die Erzählungen loben, werde ich mich grämen. Wird er sie hämisch verreißen, gräme ich mich ebenfalls. Mehr Aufmerksamkeit muss man Herrn Biller nicht geben, Lucia Berlin dagegen schon – ich meide sonst solche Superlative, doch hier und in diesem Zusammenhang ist das angemessen: Für mich sind diese Erzählungen das Beste, was ich in diesem Jahr und in der vergangenen Zeit aus der amerikanischen Literatur gelesen habe.

Man nehme die Stories von Carver, Cheever und Yates, gebe ihnen einen weiblichen Blick auf das Amerika der 1970er- bis 1980er Jahre, verdunkle sie, intensiviere sie, mache sie noch vollkommener, kristallklarer, diamantenhart – und dann stößt man auf die Essenz der Lucia Berlin. Doch anders als die erwähnten erzählenden Männer lässt sich Lucia Berlin ihren Blick auf die Welt nicht durch abgeklärten Zynismus verstellen – anders als sie überrascht sie auch in den dunkelsten Ecken ihres erzählerischen Daseins durch Freude.

Ihr Herausgeber und enger Freund Stephen Emerson sagt über ihre Art des Erzählens:

„Freude ist ein wesentliches Element in ihrem Werk. Ein seltenes Gut, das man nicht so oft findet. Balzac, Isaac Babel, García Márquez fallen einem ein. Eine Prosa, die so tief in die Welt hineingreift wie die Lucia Berlins, feiert sie. Ihr Werk ist von einer Freude durchdrungen, die von dieser Welt abstrahlt.“

Lesen! Und über die Wiederentdeckung dieser Autorin freuen!

Read Lucia: http://www.luciaberlin.com/

 

 

Veröffentlicht von

Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

17 thoughts on “Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe (2016)

    1. Dann hoffe ich, dass Du bald an das Buch kommst. Ich bin auf Deine Meinung sehr gespannt. Besser als Carver: Ich lese seine Erzählungen gerne, empfinde sie aber, wenn ich einige am Stück gelesen habe als leicht monoton-destruktiv … und manchmal kommt mir dieser Ton dann auch „aufgesetzt“, etwas künstlich vor. Da blitzt bei Lucia Berlin dann, obwohl auch die Themen ähnliche sind – zerbrochene Partnerschaften, die Unmöglichkeit der Liebe oder Annäherung zwischen neurotischen Personen etc. – doch noch so etwas wie Zuversicht auf. Und zu Yates gibt es natürlich biographische Parallelen – Mutterfixierung, Alkoholismus – aber ich finde, sie ist in ihrem Blick auf die Außenwelt offener und nicht ganz so zynisch in dem Sinne, dass sie den Figuren keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr zulässt … ich hoffe, es ist verständlich, was ich damit meine. Viele Grüße, Birgit

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  1. Ganz und gar verständlich, Birgit.
    Yates´Stories finde ich wirklich sehr gut. Mich stört dabei das destruktive nicht. Aber dennoch bin ich gespannt auf den Blick der Frau. Ist ja auch schon wieder merkwürdig, dass so wenig dergleichen von Frauen aus dieser Zeit bekannt ist. Es ist gut und wichtig, solche Entdeckungen zu machen …

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    1. A. R. Strubel zieht in ihrem Vorwort auch Parallelen zu Joan Didion und Carson McCullers. Dann könnte man noch Joyce Carol Oates hinzuziehen, die wie Lucia Berlin anfangs von Black Sparrow Books verlegt wurde. Aber dennoch: Frauen, die für das Schreiben leben konnten und dann auch zu Lebzeiten einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichten, waren dann eher doch Ausnahmeerscheinungen. Mir fallen noch die Lyrikerinnen Marianne Moore, Elizabeth Bishop ein, und die Damen der älteren Generation, Wharton, Willa Carther – aber alles überschaubar.

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    1. Ja, das stimmt immer traurig – man würde solchen Talenten mehr öffentliche Wertschätzung wünschen. Wobei ich nicht konkret weiß, warum sie so unbekannt blieb – ihre Erzählungen kamen zu Lebzeiten bei Black Sparrow Books heraus, die auch Paul Bowles und Bukowski, also keine ganz Unbekannten, verlegten, und sie wurde durchaus von schreibenden Kollegen geschätzt. Passte sie nicht in das Bild eines „biederen“ Amerikas? Waren ihre Geschichten zu hart für viele Leser, v.a. weil sie von einer Frau kamen? Oder lag es an der damals noch mehr von Männern dominierten Literaturszene? Oder war ihr Leben einfach auch zu unstet? Viele offene Fragen.

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