Ian McEwan – Schuld und Unschuldige

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Augsburg (27)

Die jüngsten Coups des britischen Schriftsteller Ian McEwan machten Furore: „Honig“, jene Geschichte um Liebe und Verrat zwischen einer jungen Spionin und einem Schriftsteller, wurde in Zeitungsrezensionen und in der Bloggerwelt hoch gelobt. In „Honig“ kommt Ian McEwan, der in frühen Jahren als Talent ebenso wie als „enfant terrible“ der britischen Literaturszene gefeiert wurde, auf ein Thema zurück, um das etliche seiner Romane kreisen: Serena, die 20jährige MI5-Spionin, die im Namen Ihrer Majestät einen jungen Schriftsteller für den Geheimdienst einspannen soll, muss im Laufe der Geschichte ihre moralischen Überzeugungen stetig überprüfen, revidieren, über Bord werfen. Es ist auch die Geschichte einer Entwicklung, einer Reifung – eine Geschichte vom Erwachsenwerden, wie sie McEwan häufig schreibt.

So auch in „Kindeswohl“: Auch dies ein fesselnder Roman, der um die Fragen von Schuld und Unschuld kreist, der zeigt, dass man, auch wenn man das Richtige will, das Falsche erreicht, dass Justitia und Gerechtigkeit nicht immer auf einen Nenner zu bringen sind.

Immer wieder stellt er in seinen Büchern Jugendliche und junge Erwachsene in den Mittelpunkt, die mit den ganz existentiellen Fragen – ohne es selbst konkret zu wissen oder benennen zu können – konfrontiert sind: Was ist gut? Was ist böse? Ist jedes Handeln außerhalb der gesellschaftlichen Normen ungesetzlich oder gar moralisch schlecht? Wo stehen die eigenen Werte den sozialen Normen entgegen? Die Jugend ist die Zeit, in der man seine persönlichen Wertmaßstäbe entwickelt. Selten jedoch in der Dramatik und den Ausnahmesituationen der McEwan`schen Welt. Doch gerade deshalb schätze ich seine Romane (trotz mancher Mängel, beispielsweise einer zeitweiligen Langatmigkeit oder auch seiner Detailverliebtheit bei mir fernstehenden Themen) sehr: Der Leser wird zurückgeworfen auf Fragen, die im Alltag des Erwachsenenlebens oftmals verschüttet sind. Über allem steht die Frage: Wie hätte ich gehandelt?

Aufgezeigt sei dies an dreien seiner älteren Romane.

„Der Zementgarten“:
Ian McEwan, 1948 geboren, veröffentlichte 1975 zunächst einen Erzählband. „Erste Liebe, letzte Riten“ war sofort erfolgreich. 1978 sein zweites Buch – „Der Zementgarten“. Ein verstörendes Buch.  Vier Geschwister bleiben allein in einem abgelegenen Haus zurück. Der cholerische Vater von einem Schlaganfall dahingerafft, die Mutter stirbt einige Zeit später an Krebs. Um dem System der Waisenpflege zu entkommen, beschließen die Geschwister, die Mutter im Keller einzuzementieren. Fortan sind sie auf sich allein gestellt. Ohne „Führung“, Anleitung, Vorbildfiguren gerät der Kinderhaushalt in Chaos und Unordnung, der Jüngste der Geschwister, ein Schulkind, retardiert, verhält sich wie ein Säugling, auch andere Geschehnisse symbolisieren den Verlust anerzogener Werte. Schleichend langsam übernehmen die beiden älteren Geschwister die Elternfunktion – und damit auch die Paarbeziehung. McEwan lässt den Leser mit einem irritierenden Ende zurück: Während die Außenwelt in das einsam gelegene Haus der Kinder eindringt, vollziehen die beiden Geschwister einen inzestuösen Geschlechtsakt. Sie spielen die Welt der Erwachsenen nach – ohne zu wissen, dass das, was für die Eltern legitim ist, als Akt zwischen Bruder und Schwester von der Gesellschaft verdammt wird. Vielleicht will McEwan damit zeigen: Ohne gesellschaftliche Normen (die in einer Familie von den Eltern vorgegeben werden), im Naturzustand des Menschen, ist er ein moralfreies Wesen – das ist zunächst weder guten noch schlecht. Im Zusammenleben erst ergeben sich die Spielregeln, Grenzen, auch Konventionen – ein zivilisatorischer Entwicklungsprozess, hier aufgezeigt an einer „führungslosen“ Familie.

„Unschuldige“:
Der Buchtitel passt. 1989 erschienen, ein Liebes- und Spionageroman, der zehn Jahre nach dem 2. Weltkrieg im geteilten Berlin spielt. Der 25jährige, jungmännliche Brite Leonard kommt in die immer noch vom Krieg gezeichnete Hauptstadt, um als Techniker für die amerikanische Army und das britische Militär zu arbeiten. Vor Ort wird ihm klar, dass er mit dazu beiträgt, Abhöraktionen gegen die Sowjetunion zu organisieren. Doch nicht nur politisch verliert der junge Mann seine Unschuld – er verliebt sich in die ältere Deutsche Martha. Bei einer Auseinandersetzung mit deren Mann, von dem Martha bereits getrennt lebt, einem gewalttätigen Kriegsheimkehrer, stirbt dieser. Das Paar zerstückelt die Leiche und versucht die Einzelteile in Koffern zu „entsorgen“. Mit dem Ehemann ist jedoch auch die Liebe Leonards zu Martha gestorben – er verlässt sie, kehrt nach England zurück und holt sie, entgegen seinem Versprechen, nicht nach. Drei Jahrzehnte später holt ihn die Vergangenheit wieder ein – auf Umwegen erreicht ihn ein Brief der früheren Geliebten. Leonard kehrt noch einmal nach Berlin zurück – ein melancholisches Wiedersehen, unwiederbringlich hat er sein Leben vertändelt.

Es ist nicht McEwans überzeugendster Roman, auch wenn die Spionagegeschichte heute angesichts des NSA-Skandals wieder einen gewissen Reiz gewinnt. Die absurde Wendung des Geschehens – letztendlich kommen die Russen in Besitz der Koffer mit den Leichenteilen, die Leonard im Abhörtunnel deponiert hat – täuscht nicht über gewisse Längen hinweg. Interessanter ist unter dem Aspekt der verlorenen Unschuld die Figur Leonard zu betrachten: Im Lauf der Liebe entwickelt der junge Mann zum Teil auch sadistische Phantasien, schaltet von Anbetung zu Erniedrigung Marthas um, glüht und erkaltet. Zunächst ein unbeschriebenes Blatt in Liebesdingen testet Leonard an Martha gleichsam alle Facetten der Liebe aus – ohne viel Gefühl für das von ihm angebetete Objekt, so erscheint es mir. Zunächst bereit, aus Liebe alle Normen zu übertreten, erschreckt ihn der Totschlag und der ungeschickte Versuch, ihn zu vertuschen. Dies treibt ihn in die Enge seiner Herkunft zurück. Am Ende ist er es, der mehr als nur die Unschuld verloren hat – ein ganzes Leben nach Berlin erscheint umsonst gelebt.

„Abbitte“:
Erschienen 2001. Für mich immer noch der beste Roman, den Ian McEwan bislang schrieb. Hier kommt, so formulierte es seinerzeit die FAZ, „das Böse in Form eines zwölfjährigen Mädchens daher“. Der Roman ist in drei Abschnitte unterteilt – in einen langen Sommertag in der Vorkriegszeit, der dramatisch endet, in die Kriegserlebnisse der Protagonisten und in die Erinnerungen der Hauptfigur im Alter, Jahrzehnte später. Briony, die zwölfjährige, eigensinnige, auch verwöhnte Tochter aus gutem Hause, steigert sich in der Hitze des Sommertages in eine unsinnige Abneigung und einen fatalen Verdacht hinein. Auf ihre Aussage hin wird am Ende des Tages fälschlicherweise ein enger Freund, der Geliebte der Schwester, wegen Vergewaltigung verhaftet. Eine Schuld, an der sie ihr Leben lang zu tragen haben wird. Das Mädchen verliert seine (moralische) Unschuld, indem es halbbewusst den Pfad der Bosheit beschreitet. Sie zerstört zudem die Unschuld einer erst aufkeimenden Liebe zwischen den beiden jungen Leuten. Und gewissermaßen verliert auch das Leben an diesem überhitzten Tag, den McEwan so fulminant beschreibt, seine Unschuld – von der Hitze des Sommers geht das Geschehen über in die Hitze der Front. Europa erlebt ein zweites Mal nach der „Urkatastrophe“ des 1. Weltkrieges, was der Mensch dem Menschen sein kann.

So wenig, wie Briony sich selbst verzeihen kann, so wenig konnte ich mit ihr beim Wiederlesen dieses Buches Nachsicht üben: Sie hätte Gelegenheiten gehabt, das einmal gesagte Wort zurückzuholen, doch viel zu spät kommt ihr Schuldeingeständnis. So bleibt das Mädchen mit der Falschaussage als einer der unsympathischsten literarischen Figuren in einem der besten englischen Romane der letzten Jahrzehnte zurück. Schuld kann vielleicht abgetragen werden. Der Zustand der Unschuld ist nicht wiederherstellbar.

38 comments on “Ian McEwan – Schuld und Unschuldige”

  1. Ich weiß gar nicht mehr, woran es gelegen hat, dass ich Bücher von Ian McEwan immer mal wieder in der Hand hatte, aber sie dann doch ungelesen blieben – gerade kommt es mir so vor, als sollte ich das unbedingt ändern … Herzlichen Dank! J.

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    1. Hallo,
      beim Zementgarten habe ich mich – so schmal der Roman auch ist – schon ab und an gefragt, WARUM ich das jetzt lese. Ein reines Vergnügen ist – auch wenn manche ihn so als Unterhaltungsautor einordnen – McEwan nicht. Manches mal auch ein wenig zäh. Aber immer mit einem Gewinn, den man aus dem Buch ziehen kann – finde ich. Also: Greif wieder zu 🙂

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  2. Ich stehe mit Herrn Ian McEwan irgendwie etwas auf dem Kriegsfuß, entweder stoßen mich seine Bücher total ab, „Zementgarten“ fand ich beispielsweise sehr unglaubwürdig oder ich bin hin und weg …

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    1. Zementgarten ist schon verstörend, abstoßend würde ich nicht sagen…ja, unglaubwürdig insofern, wenn man die Situation als soche nimmt: Dass der Tod der Mutter von den Behörden etc. unbemerkt bleibt, dass die vier Kinder also allein hausen können, das ist natürlich ein Konstrukt, was vielleicht nicht vorstellbar ist (wobei ich neulich von einem Schweizer gelesen habe, der anderthalb Jahre tot in seiner Wohnung lag…). Aber es geht ja weniger um das Konstrukt, sondern um das, was er damit zeigen will: Wie sich eine Gesellschaft – oder eine kleine Gruppe – organisiert, wenn die Regeln erst einmal offen sind…

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  3. Hab Dank für diese großartige Besprechung, Birgit! Ich glaube, den „Zementgarten“ werde ich mir doch einmal vornehmen müssen. Bisher bin ich immer davor zurückgeschreckt. „Abbitte“ hat mich auch ungeheuer beeindruckt, vor allem wohl, weil der Roman so gnadenlos deutlich macht, dass man Dinge nicht ungeschehen machen kann, auch wenn man es noch so sehr wünschen mag.

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    1. Was bemerkenswert (für mich) ist: Der Zementgarten ist auch stilistisch ganz anders als Abbitte, Daher kann es durchaus auch sein, dass einem das eine liegt, das andere Buch nicht. Das zeigt die stilistische+sprachliche Spannbreite, die der draufhat. Was ich durchaus beeindruckend finde.Aber der Zementgarten ist schon sehr verstörend – das muss man wissen. Er zeigt jedoch auch, wie du schreibst: Man kann Dinge nicht ungeschehen machen – auch über den vier Kindern im Zementgarten liegt sozusagen der Fluch der Tat (weder „böse“ noch „gut“ zu werten) – einmal die Entscheidung zum Zementgrab getroffen, nimmt das Geschehen seinen Lauf…

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  4. ich kenne von diesen drei romanen nur „abbitte“, dazu schreibte ich seinerzeit: „Im ersten Teil des Buches muss man sich einfach von der Behäbigkeit der Betrachtungen und dem Glast der Sonne in dieser sommerlichen Umgebung einfangen lassen… dann wird es auch nicht langweilig. Langatmig ist es schon…. Aber sei es drum: ein großes Thema verlangt auch noch einer großen Darstellung. Und die ist gelungen!“ wie ich lesen konnte, bist du zu einem ähnlichen urteil gekommen…

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    1. Ja, wobei diese detaillierte Beschreibung des Sommertages in Abbitte – der eine Tag nimmt ja in diesem Buch fast ein Drittel ein – mir nicht zu langatmig erschien (da gibt es in „Unschuldige“ mehr zu mäkeln). Sondern vielmehr als eine recht kunstvolle HInführung – man kann ja diese Mischung aus Hitze&Lethargie, aus Überreizung der Nerven, was ja zur Katastrophe führt, fast mit Händen greifen.

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  5. Liebe Birgit,
    wie witzig. Gerade dachte ich daran, dass ja im Herbst ein neuer McEwan erscheint und dass das auch so ein Autor ist, der zwar immer ähnliche Themen hat, und in Bezug auf unseren gestrigen FB-Dialog, dass ich seiner Bücher nie überdrüssig werde. Ganz ähnlich auch bei William Boyd, der ja auch oft die Spionage-Thematik bearbeitet.
    Schöne Besprechungen!
    Viele Grüße, Marina

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    1. Liebe Marina, stimmt, auch McEwan passt zu unserem Dialog – ich hab auch kaum eines ausgelassen. Aber jedes – in meinen Augen – „schwache“ Buch, beispielsweise „Solar“ – machte er im Anschluss wieder mit einem Treffer gut…Viele Grüße, Birgit

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  6. Wie so oft machst du mich neugierig, liebe Birgit, bislang habe ich einen Bogen um McEwan gemacht … warum kann ich gar nicht so genau sagen, vielleicht war einfach anderes wichtiger. Abbitte steht bei uns im Regal, muss mal meinen Mann fragen wie er es fand …
    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende
    Ulli

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      1. Es tut mir leid,Birgit, wenn ich dich verletzt habe. Ich wollte dir mit meinem Gruss auf italienisch, Sprache meines Wohnorts, nur zeigen , dass ich darum die deutschen Titel der Ian Mc Evan Buecher nicht kenne. Gute Nacht😀

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      2. Liebe Martina, Du hast mich in keinster Weise verletzt – wie kommst Du denn da drauf? Ich kann nur vermuten, dass manchmal der kurze Austausch in den Kommentaren vielleicht einen falschen Eindruck erweckt. Also – ich fand die Mischung der Sprachen bei Dir einfach witzig! Und ich bewundere Menschen, die mehrere Sprachen so gut beherrschen wie Du. Da wollte ich einfach mit meinen rudimentären Französisch- und Spanischkenntnissen ein wenig „angeben“. Ich hoffe, es ist alles gut? Herzliche Grüße, Birgit

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  7. Bei Ian McEwan mochte ich in „Honig“ und „Solar“ das Uni-Motiv, das in der „Abbitte“ auch etwas anklingt. Alle drei fand ich fesselnd und tragisch. In „Abbitte“ ist nicht nur der Sommertag, sondern auch die Kriegsfront zu durchleiden, verhängnisvoll in der Verstrickung von Biografie und Zeitgeschichte. Plastisch, drastisch, liebevoll und von „Schuld und Sühne“.

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  8. Schöne Besprechung! Ich mag ihn auch, „Saturday“ fand ich großartig, kennst Du das? „Abbitte“ auch, da habe ich aber deutlich weniger Erinnerungen und möchte den Roman unbedingt nochmal lesen… irgendwann 😉 Honig und Solar fand ich dagegen eher schwach, aber ich finde, ein mittelmäßiges Buch von McEwan ist immer noch insgesamt betrachtet ein gutes. 🙂 „Der Zementgarten“ ist mir vor allem als Film in Erinnerung, verstörend, meine erste Begegnung mit Charlotte Gainsbourg, nie vergessen. Danke für die Erinnerung!

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  9. Ich lese Ian McEwan sehr gerne. Gar nicht so einfach da einen Favoriten zu nennen. „Enduring Love“ / Liebewahn mochte ich besonders gern, aber bislang habe ich eigentlich alle gern gelesen. Einzig mit „Chesil Beach“ bin ich nicht warm geworden. „Honig“ und „Solar“ habe ich noch nicht gelesen.

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      1. Chesil Beach heißt „Am Strand“ 🙂 Aber oh ich meinte eigentlich, ich mochte „Liebeswahn“ besonders gerne und „Am Strand“ nicht so sehr.

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      2. Jetzt! Am Strand habe ich noch nicht gelesen … Liebeswahn war da vielleicht nicht so meins, weil ich, als ich das las, irgendwie keinen Zugang fand zu dieser Beziehung zwischen Joe und ??? Ich muss vielleicht nochmals reinschauen

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