Mozart musiziert mit Worten

P1040136Du wirst im Ehstand viel erfahren
was dir ein halbes Rätsel war;
bald wirst du aus Erfahrung wissen,
wie Eva einst hat handeln müssen
dass sie hernach den kain gebar.
doch schwester, diese Ehstands Pflichten
wirst du vom Herzen gern verrichten,
denn glaube mir, sie sind nicht schwer;
doch Jede Sache hat zwo Seiten;
der Ehstand bringt zwar viele freuden,
allein auch kummer bringet er.
drum wenn der Mann dir finstre Minen,
die du nicht glaubest zu verdienen,
in seiner üblen laune macht:
So denke, das ist Männergrille,
und sag: Herr, es gescheh dein wille
beitag – – und meiner bei der Nacht.

Dein aufrichtiger bruder
W: A: Mozart

Das zeugt von geschwisterlicher Verbundenheit – da schreibt der kleine Bruder ein aufmunterndes Briefgedicht (Mozart: Briefe und Aufzeichnungen, 2005, dtv) an die ältere Schwester, sein „Nannerl“. Ein Rat- und Trostgedicht, das seinem „poetischen Hirnkasten“ entsprang, diesem Hirnkasten, aus dem die Worte so leicht und mozartianisch flossen wie die Noten auf das Papier. Auf Orthographie konnte so ein quicklebendiger Geist da keine Rücksicht nehmen. Zumal die „Rechtschreibschwäche“ wohl auch das Ergebnis der einseitigen Förderung und Bildung des musikalischen Wunderkindes war.

Auch Maria Anna Walburga Ignatia Mozart konnte ein Lied vom allzu gestrengen Vater singen: Das Nannerl, selbst eine überaus talentierte Pianistin, wurde 1784 mit dem wesentlich älteren Reichsfreiherrn zu Sonnenburg verheiratet – ihre eigene Wahl wäre eine andere gewesen. Glücklich wurde die Ehe, trotz der brüderlichen Aufmunterung, nicht – aber das „Nannerl“ war wohl, entgegen des süßlichen Klischees, das immer noch über sie geklebt wird, eine tüchtige, lebens-anpackende Frau, die trotz der großen Kinderschar ihr eigenes Klavierzimmer erhielt, regen Schriftverkehr betrieb und so versuchte in der Provinz (sie lebte in St. Gilgen) am Puls der Zeit zu bleiben. Nach dem Tod ihres Mannes ging sie zurück nach Salzburg und betätigte sich dort als Klavierlehrerin.

Vater Leopold, der Ehrgeizige, entstammte einer Familie aus Bauern, Handwerkern und Kunsthandwerkern, die sich durch „schwäbische Tüchtigkeit“ langsam ihren Aufstieg sicherten. Leopolds eigener Vater war Buchbinder gewesen, der Sohn Leopold dagegen macht schon Karriere – und trieb seine Kinder auf diesem Weg mit eisernem Willen voran.

Mit Leopold, 1719 in Augsburg geboren, wurden die „Mozarts“ zur Künstlerfamilie – und Augsburg zur „Deutschen Mozartstadt“. In Leopolds Geburtshaus, einem Handwerkerhaus in der Augsburger Stadtmitte, ist heute ein kleines Museum untergebracht. Und hier ist auch Sitz der Deutschen Mozart-Gesellschaft.

In der ganzen Stadt – und auch im Umland – sind noch Spuren der Mozart-Familie zu finden. Und auch Wolfgang Amadeus, obwohl in Salzburg geboren, wo Leopold ab 1737 lebte, pflegte die Familienbande nach Augsburg: Berühmt-berüchtigt sind die derben „Bäsle-Briefe“, die bis in das letzte Jahrhundert hinein noch von den Sachwaltern eines gepflegten Mozart-Images nur stark zensiert herausgegeben wurden.

1777 lernte Wolfgang Amadeus bei einem zweiwöchigen Augsburg-Aufenthalt seine Cousine Maria Anna Thekla kennen – jene junge Frau, an die er die berühmten „Bäsle (=Base=Cousine)-Briefe“ schrieb – mehr davon in der „bibliotheca Augustana“:

De Salsbourg / a Mademoiselle / Mademoiselle Marie / Anne de Mozart ph: [oder: ps:] / a / Augsbourg / In Schwaben. / Abzugeben in der / Jesuiten Gassen / Par Munic

liebstes, bestes, schönstes, liebenswürdigstes,
reizendstes,
von einem unwürdigen Vetter
in Harnisch gebrachtes
bässchen.
oder
Violoncellchen! –

Salsbourg den 10ten May
1709ni
blass mir hint‘ aini.
– : –
gut ists
wohl bekomms.

Ob ich Joannes Chrisostomus Sigismundus Amadeus Wolfgangus Mozartus wohl im stande seyn werde, den ihre reizende schönheit |:visibilia und invisibilia:| gewis um einen guten Pantofel-absatz erhöhenden Zorn zu stillen, mildern, oder zu besänftigen, ist eine frage die ich aber auch beantworten will: – besänftigen will so viel sagen, als Jemand in einer sänfte sanft tragen – ich bin von natur aus sehr sanft, und einen senf esse ich auch gern, besonders zu dem Rindfleisch – mithin ist es schon richtig mit leipzig: obwohl der M:r feigelrapèe durchaus behaupten oder vielmehr beköpfen will, daß aus der Pastette nichts werden soll – und das kann ich Ja ohnmöglich glauben – es wäre auch nicht der mühe werth daß man sich darum bückte -Ja wenn es ein beutel voll Conventions-kreutzer wäre – da könte man so was endlich aufklauben, heben, oder langen. – drum, wie ich gesagt habe, ich könnt es nicht anders geben, das ist der Nächste Preis – handeln lass ich nicht, weil ich kein Weibsbild bin; und hiemit Holla! Ja mein liebes violoncellchen! so geht und steht es auf der Welt, einer hat den beutel, und der andere hat das geld, und wer beydes nicht hat, hat nichts, und nichts ist so viel als sehr wenig, und wenig ist nicht viel, folglich ist nichts immer weniger als wenig, und wenig immer mehr als nicht viel, und viel immer mehr als wenig, und – so ist es, so war es, und so wird es seyn. mach ein End dem brief, schliess ihn zu, und schick ihn fort an ort und End – feigele:

dero gehorsamster unterthänigster diener
mein arsch ist kein Wiener

So, jetzt wissen wir das auch! Von Wolfgangs Aufenthalt in Augsburg 1777 und 1790 zeugt eine Plakette, wo einst das Gasthaus „Zum Weißen Lamm“ stand – damals ein vornehmes Haus, auch Goethe stieg hier 1790 ab. Einige Jahre zuvor residierte die Familie Mozart (in den 1760er-Jahren während der Westeuropareise mit den beiden Wunderkindern)  im nicht minder vornehmen Hotel „Zu den drei Mohren“ – dieses gibt es bis heute. Leopold klagte nicht schlecht über die üppigen Preise.

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Der Perlachturm am Augsburger Rathausplatz: Glockenspiel mit Mozartklängen

 

Vielleicht warf er auch einen Blick in den „Kleinen goldenen Saal“: Vater Leopold hatte das Gymnasium des Jesuitenkollegs St. Salvator besucht. Die Jesuiten leisteten sich wahrlich eine prächtige Aula – heute ist der spätbarocke Saal Spielstätte für Konzerte, auch während der Mozart-Tage in Augsburg. Und wer außerhalb des Konzertbetriebs in Muse die barocken Bilderwelten studieren kann, der kann sich einen Spaß draus machen, in dem Gewusel eine Maus, eine Brezel, den Dompfaff und den Schmetterling zu suchen – ich könnte wetten, auch das verspielte Kindgenie Wolferl hätte daran seinen Spaß gemacht.

Während ich das schreibe, denke ich einmal mehr, welcher schöne Zufall mich eigentlich in diese Stadt verschlagen hat, in der sowohl mein favorisierter Schriftsteller – BB – und der grandioseste Musikschaffende aller Zeiten ihre Wurzeln haben. An einem sonnigen Tag mit einer Mozartmelodie durch Augsburg zu schlendern: „Schön ist es, auf der Welt zu sein.“ Und aus lauter Jux und Dollerei überlege ich mir, ob ich demnächst mal was über den zweitberühmtesten musikalischen Menschen aus AuXburg berichte: Gerhard Höllerich.

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Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

16 thoughts on “Mozart musiziert mit Worten

    1. Liebe Peggy, ertappt … ich bewege mich so langsam aus dem reinen Literatourismus weg … das Leben besteht ja nicht nur aus Lesen. Und wenn Dir das Spaß macht, dann bringe ich gerne mal wieder was aus der über 2000jährigen Geschichte von Augsburg – ist zwar mir London keineswegs zu vergleichen, aber ein bißchen was erzählen können wir aus der Gegend hier auch. LG Birgit

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      1. Ach Birgit, ich lebe doch auch im eher beschaulichen Greenwich. Es ist zwar schön, London vor der Haustür zu haben, aber ständig Großstadtgetümmel brauche ich auch nicht 😀
        Ich fände es sehr interessant, mehr über Augsburg und Umgebung zu erfahren. Du weißt doch, die Kombination von Geschichte, Literatur und Kultur mit Orten macht für mich erst den richtigen Reiz aus. 😀 Liebe Grüße, Peggy

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      2. Liebe Peggy, ja, die Kombination macht es – Beschaulichkeit und doch eine tolle Großstadt vor der Tür (na ja, München ist nicht London, Augsburg nicht Greenwich, aber so ähnlich leben wir dann doch!) Und: Dein Wunsch sei mir Anregung! Herzlichst Birgit

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  1. Ach da Wolferl…..welch Genie…ein sehr schöner Beitrag wieder von dir…ich beame mich wirklich bald zu dir….. ❤
    Wir haben in Wien das Mozarthaus….da war ich erst vor kurzer Zeit…..so interessant, an dem Ort zu sein, wo er einmal lebte….da liegt viel in der Luft!
    Servus zu dir….Karin

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  2. Hach, ich bin großer Mozart-Fan (nicht sehr originell, ich weiß) und mag ihn auch für den Humor, der aus seinen Briefen spricht. Danke für den netten Mozart-Bummel… (Jetzt will ich dringend ein Kaffeetscherl und eine Mozart-Kugel!)

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