Freude und Urteil: Literarisches „Jurieren“ hat zwei Seiten

29 Kommentare

P1040110Selbstverständlich habe ich mir sehr gefreut, als die 42erAutoren mich baten, für ihre diesjährige Literaturpreisverleihung mit in der dreiköpfigen Jury zu sein. Eine Bloggerin in einer Jury – das ist auch eine Art Anerkennung für die Bloggerei hier. Klar war ich hocherfreut, geschmeichelt, gebauchpinselt und wahnsinnig überrascht.

Aber von Beginn an begleitete mich auch so eine leise Stimme im Hinterkopf: Kann ich das denn, über literarische Texte urteilen? Und: Es kann nur einer gewinnen – auch beim Putlitzer-Preis. Welche Maßstäbe lege ich an? Was macht einen Text preiswürdig, den anderen nicht? Im Januar las ich mich so durch rund 20  Bewerbungen: Erzählungen, Roman-Exposés, Kürzestgeschichten und lyrische Texte.

Ich las dieses Mal anders als sonst. Sonst entscheidet sich oft auf den ersten Seiten aufgrund des eigenen Geschmacks, der momentanen Stimmung und Großwetterlage, ob ich mich mit einem Text länger und gerade jetzt beschäftige. Diese Entscheidungsfreiheit hatte ich diesmal nicht: Die Texte mussten (und wollten) JETZT gelesen werden.

Mir wurde bei diesem Leseprozess einmal mehr bewusst, wie schwierig es ist, Geschriebenes aus einer quasi distanzierten Perspektive zu lesen: Da ist der Text und nichts sonst als das. Es geht bei der Betrachtung eines Textes für einen Literaturpreis NICHT um  meinen eigenen Geschmack, meinen Stil, meine Vorlieben. Ich bemühte mich, das zurückzustellen – auch wenn es schwerfällt, wie mir mehr und mehr deutlich wurde, auch wenn jede Entscheidung letztlich doch subjektiv ist.

Doch gerade jene Texte, die in mir beim Anlesen einen leisen Widerstand auslösten, nahm ich mir dann nochmals besonders vor – um das „Eigene“ eben möglichst beiseite zu schieben, um ihnen, unabhängig von meiner Prägung dennoch möglichst gerecht werden zu können. Und zumindest eine Erzählung rutschte so doch noch bei mir in den engeren Favoritenkreis – im Grunde gar nicht mein Stil, auch nicht mein Thema, aber von einer ganz überzeugenden Sprache.

Wie beurteilt man die literarische Qualität von Texten? Sprache, Stil, Inhalt, Originalität (oder auch Seriösität?) des Erzählkonzeptes, inhaltliche Idee, usw. usf.? Hilfreich waren dabei besonders für mich die Anmerkungen meiner beiden Mitjuroren – Stärken und Schwächen der einzelnen Texte wurden diskutiert und abgewogen.

Was mir dieser Ausflug ins Jurywesen einmal mehr vor Augen geführt hat: Jeder Text verdient, unabhängig vom Geschmack des Lesers, Respekt. „Achtsamkeit“ – da passt das Wort. Geschriebenes verdient es, achtsam und aufmerksam gelesen zu werden. Es muss mir nicht gefallen. Es kann auch sprachlich missglückt sein – aber jemand hat sich hingesetzt, eine Zeit seines Lebens in einen Text investiert, sich Gedanken gemacht. Schreiben ist Arbeit – aber eine zunächst „intime“ Arbeit. Und diese Arbeit aus der Hand zu geben, jemanden darüber urteilen zu lassen, das erfordert Mut respektive Wagemut. Und davor habe ich hohe Achtung.

Das hat erst einmal auch nichts mit „Kritiklosigkeit“ zu tun. Wohlfundierte Verrisse oder negative Rezensionen haben ihren Platz, müssen auch sein, insbesondere da alles und jedes in einer Weichspülmentalität untergehen zu droht. Beim aufmerksamen Lesen lernt man die kleinen Unstimmigkeiten, die falschen Zwischentöne herauszu“lesen“ – aber ebenso wird ein aufmerksamer Kritiker diese auch benennen können. Daher durchaus eine Aufruf zur kritischen Auseinandersetzung, auch wenn sie zu negativen Ergebnissen führt – aber eine Voraussetzung sollte erfüllt sein: Eine fundierte Kritik spricht von einer intensiven Beschäftigung mit dem Text. Ich erwarte mir insbesondere von der negativen Kritik  Argumente, mehr als beim Lob – eine hingeworfene Abwertung reicht da nicht aus. Das hat der Leser nicht verdient, der Autor erst recht nicht.

Ach ja, gewonnen hat ja auch einer beim PutlitzerPreis – einer von mehreren sehr guten Texten. Die Jury hatte es nicht leicht – ganz nach dem Motto „Qual der Wahl“. Wir einigten uns auf Tobias Schwartz mit seinem sehr interessanten Romanexposé. Mehr über den Autoren, der in Berlin lebt, lest ihr hier: http://www.literaturport.de/Tobias.Schwartz/

29 comments on “Freude und Urteil: Literarisches „Jurieren“ hat zwei Seiten”

    1. Danke (zur guten Wahl). Ach ja, ich dachte auch erst, was wollen die vom Pulitzer Preis denn von mir? Pfffft.
      Wenn die Verleihung vom Putlitzer Preis ist, weiß ich gar nicht – aber auf alle Fälle ist sie lustig: „Wenn anfänglich die jährliche Preisverleihung noch kaum bemerkt wurde, wie Peter Bauhaus 2006 in einem höchst amüsanten Bericht in der taz berichtete, entwickelte sie sich mit den Jahren zu einem wirklich Highlight. Oder kennen Sie einen Kurzgeschichtenpreis, bei dem die Preisträger mit einem Fanfarenzug und den Honoratioren der Gemeinde im Blitzlichtgewitter der brandenburgischen Presse in eine vollbesetzte Kirche geführt werden? Sehen Sie. Wir auch nicht.“

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  1. Vielen Dank für die Anmerkungen zu einer guten, fundierten Kritik, ich glaube, dass Deine „Forderungen“ da richtig sind und werde bestimmt daran denken, wenn mir mal wieder ein Buch nicht gefällt.

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  2. Liebe Birgit, ja immer diese Objektivität, von der ich immer mehr glaube, dass es sie nicht hundertprozentig geben kann, aber man sollte zumindest versuchen, sie so weit wie möglich zu erreichen. Schreiben ist wirklich Arbeit und zwar harte. Das glaube ich, wird häufig vergessen. Achtsamkeit und Respekt haben Werke, Autoren und ihre Leser verdient, da gebe ich Dir vollkommen recht und werde mich in Zukunft noch mehr bemühen, das umzusetzen! LG, Bri

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    1. Die Objektivität kann es bestimmt nie 100% geben – das halte ich auch für eine Täuschung und denen, die das von sich behaupten, begegne ich skeptisch. Aber 100% Fairness gibt es: Wenn es nur ums draufhauen oder abwerten geht in einer „Kritik“, dann wende ich mich ab …
      Aber bei Euch hatte ich eigentlich immer den Eindruck, dass ihr doch sehr differenziert schreibt, auch wenn mal ein Buch nicht nach eurem Gusto ist – von daher kein Nachholbedarf bei Dir, liebe Bri!

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      1. Kein Nachholbedarf, aber ein wachsam bleiben 😉 Ja, nur draufhauen, um des Vernichtens willen, nein. Das ist unfair, unangemessen und respektlos. Jeder, der schon einmal versucht hat, eine Geschichte oder ähnliches zu verfassen, weiß wie verdammt schwer das ist. LG, Bri

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  3. Liebe Birgit, was für eine interessante Erfahrung. Ich finde Deine Rezensionen immer sehr fundiert. Aber ich schätze, es ist ein Unterschied, wenn man plötzlich in einer Jury sitzt. Wirst Du denn dann auch nach Brandenburg reisen? Liebe Grüße, Peggy

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  4. Liebe Birgit,
    Deine Auseinandersetzung mit einer ganz anderen Art des Lesens, nämlich des Jurylesens, hat mir sehr gut gefallen. Deine Gedanken machen ja das Dilemma noch einmal so deutlich, in dem ja auch das normale Lesen – und Werten – steckt. Denn jeder Text, jeder Autor verdient erst einmal ganz viel Respekt – vor der Leistung, genau diesen Text geschrieben zu haben. Und sich dabei ja etwas gedacht zu haben. Und jeder Text verdient ganz viel Achtsamkeit im Umgang mit ihm. So mag es kommen, dass wir Lesenden dazu neigen, Texte eben sehr vollmundig zu loben und zu empfehlen. Was aber auch nicht im Sinne einer vertieften, einer kriteriengeleiteten Auseinandersetzung ist. Und dann kommt die Subjektivität, mit der wir ja nun einmal Texten begegnen, denn ganz können wir alle unsere eigenen Gedanken, Erlebnisse, Erkenntnisse, Erfahrungen sicherlich nicht aus dem Leseprozess heraushalten (Stichwort: Konstruktivismus), noch hinzu. Dass dieser Prozess noch einmal eine ganz andere Farbe bekommt, wenn man für eine Jury liest und ja doch den „besten“ Text sucht, das kann ich mir sehr gut vorstellen.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia,
      ja auch das vollmundige Loben, da hast Du vollkommen recht, ist auch nicht im Sinne einer Auseinandersetzung. Ich mag mehr lesen als „Das Buch ist schön und spannend“. (Mal überspitzt). Allerdings: Das Literaturbloggen soll ja auch „Hobby“ bleiben und Freude machen – also, man kann ja nicht vor jeder Buchvorstellung auf dem Blog eine literaturwissenschaftliche Untersuchung des Buches starten – das Mittelmaß zu finden, mal ganz schnell schwärmerisch zu schreiben, aber sich immer auch wieder vor Augen führen, was zum kritischen Lesen gehört, das fände ich mein Ideal für die Bloggerei. Deinen Umgang mit „Unterleuten“ fand ich deshalb auch so gelungen, weil du klar gemacht hast, dass das eine sehr persönliche Sichtweise von Dir ist, gleichzeitig aber auch konkrete Argumente benannt hast. Viele Grüße Birgit

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    1. Danke, Maren … das erhoffen wir ja insgeheim auf für die Beiträge auf unseren Blogs, nicht? Wir wollen ja auch nicht, dass irgendeine(r) nur so flapsig kommentiert: Mensch, ist das doof/langweilig/sch…Wenn einer einen Beitrag nicht gut findet, dann möchte ich Argumente hören – mehr noch wie bei positiven Rückmeldungen. Also denke ich, was für mich beim Bloggen gilt, gilt erst recht und viel mehr für jeden, der literarische Texte verfasst. LG Birgit

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