Kurt Kreiler: Der zarte Faden, den die Schönheit spinnt (2013).

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Augsburg (171)

Aus dem Blogarchiv gefischt ist dieser Beitrag, der sich gut an Mark Twains Buch anschließt. Daher:

„Empfanget, werte Dame, den roh und rauhen Vers,
leiht der Erzählung Euer Ohr, mit der ich vor Euch tret.“

Edward de Vere

Am 26. April 2014 wird – allen Zweiflern und Skeptikern zum Trotz – sein 450. Tauftag gefeiert: William Shakespeare, der wohl berühmteste Dramatiker und Dichter der Welt, manche sagen auch: „der Beste“, soll drei Tage zuvor das Licht der Welt erblickt haben, gesichert ist nur der Taufeintrag im Kirchenregister in Stratford-upon-Avon. Bevor ich jedoch den kompletten Beitrag im Konjunktiv verfasse und hätte, könnte, wäre schreibe: Gehen wir davon aus, dass es so ist, dass Shakespeare tatsächlich geboren wurde, und zwar in diesem April anno 1564 und zwar in der bei Birmingham gelegenen Stadt – es kann auch anderes behauptet werden, wie dieser Beitrag noch zeigen wird.

Vieles liegt im Dunkeln über Leben und Wirken des William Shakespeare: Schlug am 23. April tatsächlich die Geburtsstunde des „Gulielmus filius Johannes Sakspere“? Wo ging er zur Schule? Wann heiratete er? Wo sind die berühmten „verlorenen acht Jahre“? Und: Welche der überlieferten Sonette sowie der „Comedies, Histories and Tragedies“, die sich in „First Folio“ (herausgegeben von Freunden Shakespeares nach seinem Tod 1616) befinden, sind tatsächlich von ihm? War der Mann aus Stratford gar nur die Lerche, ein anderer jedoch die Nachtigall? Sein oder Nichtsein – Fragen über Fragen.

So hält der Dramatiker noch heute nicht nur das Theaterpublikum in Atem, sondern auch Scharen von Wissenschaftlern. Mit Wortfeldanalysen werden seine Texte und Zeitgenössisches auf den Ursprung hin untersucht, Historiker kramen in Archiven, Literaturwissenschaftler studieren hingebungsvoll Quellen. Nur eines scheint gewiss: Auch im 450. Geburtsjahr werden neue Theorien und Sensationen zu Shakespeares Leben und Sein die Runde machen.

Die Zuordnung Shakespear`scher Werke zu Francis Bacon oder Christopher Marlowe kursiert schon seit langem. Doch aller guten Dinge sind drei: Seit den 1920er Jahren gibt es auch die sogenannte „Oxford-Bewegung“, die nun durch einen deutschen Autoren weiter befeuert wird: Shakespeare war nicht Shakespeare, sondern Edward de Vere, Earl of Oxford, alias „Meritum petere grave“ alias „Master Fortunatus Infoelix“ alias „Spraeta tamen vivunt“ alias „Ferenda Natura“. Unter diesen Pseudonymen – „Es ist schwer, das Verdiente erbitten zu müssen“, „Der unglücklich Beglückte“, „Das Verschmähte lebt dennoch“ und „Die zu ertragende Natur“ – soll der lebenslustige Earl of Oxford (1550-1604) seine Gedichte veröffentlicht haben.

Dass zwischen den Lebensjahren, den vermeintlichen, des Shakespeare aus Stratford-upon-Avon und des Earls eine Lücke klafft und auch ansonsten die Oxford-These nicht allzu sehr gestützt wird, ficht Kurt Kreiler nicht an. Bereits 2009 veröffentlichte der Münchner Schriftsteller das Buch „Der Mann, der Shakespeare erfand“ – und heimste damit ein wenig Lob, vor allem aber viel Kritik und auch Häme ein. Von „Verschwörungstheorien“, „ausgemachtem Humbug“ und „obskurem Geniekult“ war in den Rezensionen die Rede, kurzum: Kreilers Theorie wurde von den Anglisten zunichte gemacht, bestenfalls als exotische Randnotiz zur Kenntnis genommen.

Doch Kurt Kreiler bleibt dabei: Es war die Lerche, und nicht die Nachtigall. In einem neu erschienenen Gedichtband beim Insel Verlag – „Der zarte Faden, den die Schönheit spinnt“ – veröffentlicht Kreiler hundert Gedichte des Earls, die er herausgefunden, übersetzt und kommentiert hat. Und wiederholt seine These: „Ein einmaliger Vorgang: Der Dichter – Edward de Vere, Earl of Oxford (1550-1604) – verbirgt seinen Namen von Anfang an hinter einem Schleier. Sein poetisches Werk, das sich von der mausgrauen Dutzendware der Zeit abhebt, wird aus dem Verkehr gezogen, weil es die höfische Gesellschaft provoziert – und entschwindet die nächsten Jahrhunderte den Blicken der Leser. (…) Allerdings gewinnen die Oxfordschen Gedichte ihren Wert nicht durch die mögliche Zuschreibung an William Shakespeare. Umgekehrt: Ihre Qualität stützt die These, dass Edward de Vere, Earl of Oxford, ab 1593 unter dem Pseudonym WILLIAM SHAKESPEARE publizierte.“

Wie Urs Jenny in seinem kenntnisreichen Spiegel-Essay „Der Dichter und sein Doppelgänger“ 2009 so trefflich schreibt: „Die Debatte wird weitergehen. Vielleicht ist das Geheimnis des Autodidakten Shakespeare aus der Provinz ganz einfach: Eben weil man nichts über ihn weiß, traut man dem Mann aus Stratford alles zu.“

Und in der FAZ hieß es:
„Tobias Döring lässt keinen Zweifel daran, dass er die in Kurt Kreilers Buch dargelegte, bereits seit 1920 kursierende These, hinter William Shakespeare stecke in Wahrheit der anonym bleiben wollende 17. Earl of Oxford, Edward de Vere, für ausgemachten Humbug hält. Als Anhänger einer „gut organisierten Oxford-Bewegung“ gehe es dem deutschen Autor darum, diese These zu untermauern, erklärt der Rezensent, der sich allerdings vor allem mit nicht belegten „Verschwörungstheorien“ und obskurem „Geniekult“ konfrontiert sieht. Für diesen Leserkreis sei es schlechterdings undenkbar, dass der Sohn eines Handschuhmachers derart tiefen Einblick in die englische Adelsgesellschaft haben sollte, weshalb sie de Vere, von dem offiziell lediglich mittelmäßige dichterische Werke bekannt sind, die berühmten Shakespeare’schen Dramen zuschrieben, erklärt der Rezensent. Wenn es aber darum geht, sich ein Bild von der elisabethanischen Gesellschaft und deren adligen Vertretern zu machen, kann man sich durchaus an den vielen Geschichten und Anekdoten des Autors erfreuen, für schlüssige Beweisführungen allerdings empfiehlt der Rezensent lieber die Sherlock Holmes-Romane von Conan Doyle.“
Quelle: Perlentaucher

Sei es, wie es will – wer „Venus & Adonis“, die vermutlich 1592 entstandene Versdichtung Shakespeares liebt, der wird auch die 100 schönen Gedichte am Faden des Edwards de Vere schätzen.  Shakespeare oder nicht Shakespeare: Gleichwohl, die Verse, zumeist der Liebe gewidmet, sprühen vor Sinnlichkeit, Witz, Lebendigkeit und Übermut.

„Ich weis nicht, ob ich Ew. Gn. beleidigen werde, indem ich Ihnen diese ungefeilten Zeilen zueigne…“ so Shakespeare (vermutlich) in seiner Widmung an den Grafen von Southampton und Freiherrn von Tichfield. Mit diesem Understatement läutet er eines der sinnlichsten Versepen der Literatur ein.

Auszug:
„Der Schweis begann der schönen Stirn
Der liebesiechen Liebesgöttin
Jetzt zu entquillen. Denn
Der Schatten war dem Ort entwichen,
Wo sie mit ihrem Liebling lag;
Und Titan, von der Mittagshitze müd,
Schos einen glühnden Blick auf sie,
Und wünschte dem Adon
Die Zügel seines feurigen Gespanns
Und sich des Knaben Plaz.-
(In der Übertragung von Heinrich Christoph Albert, aus der deutschen Erstausgabe 1793).

Und so schmachtet und spöttelt Edward de Vere:

Und wenn ich`s tat, was dann?

Und wenn ich`s tat, was dann?
Seid Ihr darum betrübt?
Das Meer hat Fisch für jedermann.
Und Ihr? was wollt ihr mehr?

So sprach sie, die ich liebt,
so hat sie mich verwirrt:
und warf mir dies als Frage hin,
in der ich mich verirrt.

Da sagte ich zu ihr:
Ein Fischer wünscht sich wohl,
daß allzeit auf hohem Meer
er ganz alleine wär.

So wünscht` auch ich: umsonst.
Doch da es nicht sein kann,
laßt andre ausfahr`n nach dem Fang
und leer laßt meinen Kahn.

Ein tiefer Abgrund war das Meer (Auszug)
Ein Liebender, den das Meer von seiner Lady trennt, beklagt sich

Ein tiefer Abgrund war das Meer,
das Hero von Leander trennte,
doch kein Bedenken hielt ihn mehr,
es gab nichts, das ihn retten konnte.
Schuldlos gab er sich selber hin,
den Willen Neptuns zu erfülln.

O gier`ger Schlund, verhexte Wellen,
O grause Flut, schmählicher Pfuhl,
gewillt, die Liebenden zu quälen
und Mann und Frau Gewalt zu tun.
Das offne Maul bleibt aufgesperrt,
bis es sein in die Tiefe zerrt.

Wie auch immer man Edward de Vere und die Theorie von Kurt Kreiler einordnen will – unterhaltsam zu lesen sind beide Bücher:

Kurt Kreiler, „Der Mann, der Shakespeare erfand“, insel taschenbuch 4015
Broschur, 595 Seiten, ISBN: 978-3-458-35715-5

Edward de Vere, „Der zarte Faden, den die Schönheit spinnt“, Insel Verlag, gebunden, 401 Seiten, ISBN: 978-3-458-17587-2

14 comments on “Kurt Kreiler: Der zarte Faden, den die Schönheit spinnt (2013).”

  1. Es gibt da ne BBC Reihe „Shakespeare Uncovered“, in deren Folgen britische Schauspieler und ein amerikanischer (Derek Jacobi, Jude Law, Jeremy Irons, Joely Richardson, David Tennant, Ethan Hawke) jeweils ein Shakespeare Stück vorstellen. Sehr empfehlenswert. Aber warum ich das hier erwähne: Derek Jacobi, der ja einige wunderbare Interpretationen von Shakespeares Figuren abgegeben hat, macht in seiner Folge das Fass mit Edvard de Vere ganz vehement und überzeugt auf. Und merkwürdigerweise kam er mir ab da sehr unsympathisch rüber, als wollte ich mit allen Mitteln, als Teil des kulturellen Unterbewußtseins, die Ehre Shakespeares wieder herstellen .-)

    Liebe Grüße

    Achim

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    1. Lieber Achim,
      das ist interessant (und unterhaltsam). Ich schaue mal, ob ich an die BBC-Serie komme. Nun, vielleicht ist es so, dass manch einer sich durch diese abenteuerliche Geschichte noch mehr geadelt fühlen würde – wobei ich das Jacobi nicht unterstellen will, ich kenne ihn ja nicht. Ich mag seinen Claudius, auch wenn ich Brannagh eine zeitlang einfach nicht mehr sehen konnte…. Tja, die de Vere-Geschichte: Irgendwie geht sie mir auch gegen den Strich, Shakespeare muss nicht zwingend „geadelt“ werden, mir ist die Vorstellung lieber, er war ein „Nobody“. LG Birgit

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  2. „Sie werden sich alle noch gut erinnern, wie vor gar nicht langer Zeit die Leute ernsthaft daran gingen aufzuklären, ob Shakespeare wirklich gelebt hat oder nicht, und es hat in den vergangenen hundert Jahren viele Theorien gegeben, die den Namen „Shakespeare“ durch andere ersetzten: Bacon, Marlowe, Oxford und so weiter. Das Widersinnige ist auch hier die Tatsache, daß es uns nicht weiterbringt. Man ändert den Namen und sonst gar nichts. Das Geheimnis bleibt bestehen.“
    Peter Brook, „Vergessen Sie Shakepeare“

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