Don Quijote in Brandenburg. Juli Zeh: „Unterleuten“ (2016).

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Zürich (78)„Er blieb auf der Lichtung, bis es dämmerte. Immer weiter starrte er in Richtung des Landstreifens, auf dem in wenigen Monaten Krönchens Zukunft aus Stahlbeton und Aluminium errichtet würde. Endlich war auch in Kron das 20. Jahrhundert zu Ende gegangen, diese Epoche des kollektiven Wahnsinns. Mit einem kleinen Schritt war er in der Gegenwart angekommen, im 21. Jahrhundert, dem Zeitalter bedingungsloser Egozentrik. Wenn der Glaube an das Gute versagte, musste er durch den Glauben an das Eigene ersetzt werden. Sich dagegen wehren zu wollen, wäre gleichbedeutend mit dem Aufstand gegen ein Naturgesetz.
Kron fühlte sich gut. Er war jetzt kein Kommunist mehr. Sondern ein Sisyphos, der verstanden hatte, dass die Lösung des Problems darin bestand, den Berg zu kaufen. Oder, dachte Kron, bevor er sich abwandte, um ins Haus zu gehen: ein Don Quijote, der entschieden hatte, seine eigenen Windmühlen zu errichten, statt gegen fremde anzurennen.“

Juli Zeh, „Unterleuten“, Luchterhand Verlag, 2016.

Über Juli Zehs Roman ist in den letzten Tagen auf vielen Blogs ausführlich berichtet worden. Überwiegend positiv. Dem ist nicht viel hinzuzufügen: Ein zügig lesbarer, anspruchsvoller Gesellschaftsroman, der viel aussagt über deutsche Befindlichkeiten und dabei herrlich zu unterhalten weiß. Flüssig erzählt, voller Geschichten in der Geschichte über dieses fiktive Dorf „Unterleuten“. Da steckt alles drin: Der Ausverkauf der neuen deutschen Bundesländer, einfallende westdeutsche Investoren, Ökowahnsinn und Ökospießertum, archaisches Dorf leben, Liebe, Leiden, Leidenschaften. Jeder gegen jeden: Jung gegen Alt, Eingesessene gegen Zugezogene, Vogelschützer gegen Menschenhasser, Altkommunisten gegen Neukapitalisten, Ost gegen West, Dorf gegen Stadt, Mann gegen Frau.

Vor allem dreht es sich in diesem Panoptikum um den Verlust von Utopien: Für die „Alten“ ist der Untergang der Mark Brandenburg, später der Fall der Mauer ein prägender Einschnitt. Für die Jungen geht mit dem tragischen Verlauf der Love Parade in Duisburg die Leichtigkeit verloren. Ganze Politik- und Wertesysteme gehen unter, moralische Leitlinien werden pervertiert – als buchstäblich überragendes Symbol dafür steht ein geplanter Windpark, der auf die Dorf“gemeinschaft“ seine Schatten wirft, alte Konflikte aufwirbelt und den letzten Zusammenhang unter den Leuten verweht.

Ein Untergang – mit Lust und feiner Ironie erzählt, manchmal eine Spur zu nahe an der Posse: Wer nennt seine Tochter „Püppi“? Die Berichterstatterin, eine Reporterin namens „Finkbeiner“! Und vor allem Gerhard: Der intellektuelle Soziologe, im wahren Leben gescheitert, der zum Dorf-Rambo montiert –  man sieht ihn beim Lesen förmlich vor sich, den ewig Engagierten, diskussionsfreudigen Mittvierziger, leicht erregbaren „Killjoy“, wie ihn die knallharte Linda insgeheim bezeichnet (die aber am Ende des Romans auch lernen muss, dass nicht alles im Leben kontrollierbar ist).

„Er war nicht aufs Land gezogen, um zu erleben, wie der urbane Wahnsinn die Provinz eroberte. Er verzichtete nicht auf Theater, Kino, Kneipe, Bäcker, Zeitungskiosk und Arzt, um durchs Schlafzimmerfenster auf einen Maschinenpark zu schauen, dessen Rotoren die ländliche Idylle zu einer beliebigen strukturschwachen Region verquirlten. Gerhard war ein Exilant, geflohen vor dem Gespinst aus Belästigungen, zu der das moderne Leben geworden war.“

Paare – oder besser die Unmöglichkeit des Paarseins – sind ebenfalls Thema dieses „Schmökers“ im besten Sinne: Keines davon wirkt glücklich, am Ende sind die meisten Beziehungen zerbrochen wie die Utopie vom „besseren“ Landleben. Die Frauenfiguren wirken ein wenig stärker, die Männer sind durchwegs Getriebene – von Macht, Geld, Anerkennung, Liebessehnsucht.

Man könnte am Ende meinen, in diesem lesbaren Stück Literatur wird alles niedergeschrieben, jede Hoffnung zerfleddert: Ganz so tragisch nehmen muss man das alles jedoch nicht – man überlese nicht die Ironie, die Übertreibung. „Unterleuten“ ist zwar am Ende – aber die ewig selben Geschichten werden dann eben andernorts erzählt: Schließlich ist das so „Zwischenmenschen“. Wovon Juli Zeh erzählt, ist vom Scheitern von Utopien – am Puls unserer Zeit. Aber wir wissen auch: Menschen sammeln die Scherben auf und basteln sich neue Hoffnungen.

 

32 comments on “Don Quijote in Brandenburg. Juli Zeh: „Unterleuten“ (2016).”

  1. Liebe Birgit!
    Ich bin gespannt und freue mich auf die Lektüre, auch wenn du das Ende ein bisschen „unzuversichtlich“ schilderst, gefällt mir der Gedanke der stärkeren Frauenfiguren.

    Liebe Abend- und Feierabendgrüße an Dich!

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    1. Liebe Birgit, ganz unzuversichtlich ist es nicht: Eine Frau wird Bürgermeisterin und der alte Kron setzt alle Hoffnungen auf seine Enkelin, das „Krönchen“ (allerdings eine kleine Divazicke). Jedoch: Die Frauen kommen besser davon (oder suchen klugerweise das Weite). LG Birgit

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  2. gerade heute hat mir meine langjährigste freundin, ein ausgesprochener bücherwurm (wie man bei uns in der schweiz sagt) über dieses buch erzählt. allerdings bin ich nun am lesen ihres andern tipps «Und was hat das mit mir zu tun» von Sacha Batthyany.

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      1. Ach, Eitelkeit ist das nicht … ich verstehe das nur zu gut 🙂 Ich bin zwar keine Lokalpatriotin, aber dennoch muss ich das auch korrigieren, wenn jemand meint, das Schwaben, in dem ich wohne, gehöre zu Stuttgart … wir sind Bayern :-). Dortmund ist cool, da lebte lange eine gute Freundin von mir, ich war gerne dort zu Besuch …

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  3. Liebe Birgit,
    ich bin wohl weit und breit die einzige Leserin, die mit dem Roman nicht warm wird, nein, ganz und gar nicht, die sich durch die ersten Seiten – mit großer Hoffnung darauf, dass der Funke doch noch überspringt – hindurchquälte und die bei Seite 150 beschlossen hat, dass es auch noch ein Leben ohne „Unterleuten“ gibt. Nun mache ich mir natürlich ganz große Sorgen um meine Verfasstheit, habe schon einmal in den gelben Seitengestöbert, ob es nicht doch einen Arzt/Coach/Therapeuten gibt, der hlefen kann, aber nirgendwo gibt es eine passende Therapie für aus der Reihe tanzende Leseerlebnisse (eine echte Marktlücke offensichtlich). — Vielleicht raffe ich mich ja noch auf und erkläre, was mir so auf die Nerven geht…
    Viele für die Leseleistung bewundernde Grüße, Claudia

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    1. Sehr, sehr schwierig, liebe Claudia.
      Leider brachte ein Schnellblick in die Romantherapie keine Aufschlüsse. Was sollen wir nur mit Dir machen, Kind? Immer so störrisch 🙂 Quatsch – nimm das nicht ernst. Das gibt es halt, dass man ein Buch nicht mag – Deckel zu, Schwamm drüber, nächstes Buch lesen. Wobei ich es schon toll fände, wenn Du einen Verriss schreibst und gegen den Stachel löckst (sagt man so)? Auf die Diskussion würde ich mich freuen 🙂 LG Birgit

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      1. Ich habe auch schon eine Idee, wie ich es, gerade mit Blick auf den Leseabbruch, hinkriegen könnte mit dem „Verriss“. Mal schauen. Aber neugierig, ob und wenn ja welche Diskussion das in Gang setzen würde, bin ich ja auch. Ich glaube, wenn Schnoddernase, Rachenkratzen und entzündete Augen sich wieder verabschiedet haben, werde ich mich da mal dransetzen.
        Viele Grüße, Claudia

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      2. Danke! Gute Wünsche kann ich gut gebrauchen, so einen Infekt-Murks habe ich seit dem Referendariat (mit untrainiertem Immunsystem und ständigem Prüfungsstress) nicht mehr gehabt. Und draußen ist der schönste Frühling…

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    2. Nein du bist nicht allein. Ich lese Juli Zeh sehr gern, aber mit diesem Buch hatte ich es auch schwer. Zum einen die thematische Nähe zu Stanisic´s „Vor dem Fest“ zum anderen der depressive Ton den man auch bei Bilkau finden konnte. Heb ich mir für depressive Tage auf.

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      1. Also depressiv fand ich den Ton eigentlich nicht, eher milde ironische. Juli Zeh ist jetzt sicher keine Autorin, die als Sprachkünstlerin gelten kann – aber ich finde diesen Roman geradlinig erzählt und unterhaltsam. Den Vergleich zu Bilkau finde ich interessant: Da sind ja ähnliche Typen drin. Allerdings finde ich, Bilkau ist da für meinen Geschmack noch zu nah dran und letzten Endes auch zu brav – im Nachhinein fand ich das Buch sehr fade. Juli Zeh schaut schon gnadenloser auf diesen „Typus“, das ist zum Teil zwar sehr überspitzt und auch eine Art Voyeurismus, macht aber Spaß.

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      2. Spannend. Ja gnadenlos trifft es. Das war genau das was ich bisher immer mochte an ihrem Stil. Sonst gebe ich dir Recht. Trotzdem liegt mir dieses Buch nicht, deine Rezension fand ich sehr spannend und gut getroffen.

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    1. Ich weiß nicht … wird Brandenburg in Romanen depressiv dargestellt? In diesem finde ich es jedenfalls nicht: Die Landschaft hat ihren Reiz, da flirrt die Hitze, weil das Dorf so pittoresk ist, ziehen die Berliner ja da hin – ich denke, sie hat Brandenburg als Standort wegen des Gegensatzes zu Berlin gewählt und wegen der politischen Komponente. Ansonsten könnte „Unterleuten“ auch ein bayerisches Dorf oder sonst wo sein: Da geht es durchaus auch so ab mit „Blutsbanden“ und „Blutfeindschaften“.

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      1. Vielleicht ist es auch nur eine subjektive Wahrnehmung, weil ich meine Wurzeln in Brandenburg habe und einfach mehr darauf achte, wenn ein Buch oder Film in Brandenburg spielt. Vielleicht hat es aber auch tatsächlich mit der prädestinierten Lage zu tun – die perfekte Region, wenn man die Gegensätze Stadt/ Land und Ost/West herausarbeiten will.

        Du willst mir das Buch anscheinend schmackhaft machen 😀Dass die Frauen die Hoffnungsträgerinnen sind, reizt mich natürlich sehr.

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  4. Ich lese es auch gerade – ob die Welt dann noch eine weitere Rezension von mir braucht weiß man nicht, aber eigentlich bin ich ja gnadenlos und besprech kurz alles was ich schreibe. Habe Deinen Text bisher noch nicht gelesen, weil ich immer gerne erst selbst lese und dann Rezensionen dazu lese. Bislang gefällt es mir …

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