Wolfgang Borchert: Schischyphusch (1949).

Lebensfroh, verspielt, bunt – auch so schrieb der früh verstorbene Schriftsteller Wolfgang Borchert, ganz anders, als es sein berühmtes Drama vermuten lässt.

41 Kommentare

nochnicht„Er wußte nicht: Hab ich nun eben Schischyphusch geschrien? Oder nicht? Hab ich schechsch Aschbach gekippt, ich, der Kellner dieschesch Lokalsch, mitten unter den Gäschten? Ich? Er war unsicher. Und für alle Fälle machte er eine abgehackte kleine Verbeugung und flüsterte: „Verscheihung!“ Und dann verbeugte er sich noch einmal: „Verscheihung. Ja. Verscheihen Schie dasch Schischyphuschgeschrei. Bitte schehr. Verscheihen der Herr, wenn ich schu laut war, aber der Aschbach, Schie wischen ja schelbscht, wenn man nichtsch gegeschen hat, auf leeren Magen.
Bitte schehr darum. Schischyphusch war nämlich mein Schpitschname. Ja, in der Schule schon.
Die gansche Klasche nannte mich scho.“

Wolfgang Borchert, „Schischyphusch oder der Kellner meines Onkels“, neu aufgelegt mit Illustrationen von Birgit Schössow, 2016, Atlantik.

Da begegnen sich zwei: Der eine Herr, der andere Diener. Der eine wohlhabend, der andere vom Leben gebeutelt. Da ist der Onkel: Lebenslustig, abenteuerlustig, überhaupt lustig. Kraftvoll, kraftstrotzend, trotz Kriegsversehrung, alles an ihm ist groß, auffallend, laut. Und der andere, jener Kellner: Klein, grau, niedergedrückt. Alles an ihm etwas schäbig. Vom Leben gezeichnet.
Das Einzige, was sie eint – ein Sprachfehler. Dem Onkel haben sie in Frankreisch die Zungenschpitze weggeschosschen, der Kellner trägt die sch-Laute scheid Geburt mit schich herum. In einem Gartenlokal geraten sie aneinander – jeder fühlt sich vom anderen bei der Bestellung („Alscho: Schwei Aschbach und für den Jungen Schelter oder Brausche. Oder wasch haben Schie schonscht?“) „veruscht“. Ist es die Hitze, der Lärm, sind es die fordernden Gäste, man weisch esch nicht. Doch an diesem Tag ist für den kleinen Kellner das Maß voll: Einmal wehrt er sich, einmal begehrt er auf, läßt die vermutete Veralberung wegen seines Sprachfehlers, der ihn seit seiner Kindheit Witzen aussetzt, nicht auf sich sitzen. Und hat Glück: Er trifft nicht auf den Typ eines autoritären Herrenmenschen, sondern auf diesen großzügigen, lebenslustigen Onkel (erzählt ist die Geschichte aus der Perspektive eines Kindes, des Neffen). Das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Eine anrührende Geschichte, humorvoll, zärtlich im Ton, die von Freundschaft, Toleranz und von Würde spricht. Und eine Erzählung, wie ich sie von Wolfgang Borchert nicht vermutet hätte – so lebensfroh, so kindlich auch im besten Sinne, so bunt.
Wie wohl viele kenne ich das Drama „Draußen vor der Tür“ des viel zu früh verstorbenen Hamburger Schriftstellers (1921 – 1947). Die dramatische Geschichte eines Kriegsheimkehrers, der keinen Platz mehr findet in der Heimat. Das Drama war Schulstoff zu meiner Zeit. Die Lektüre ist mit persönlichen Erinnerungen verknüpft, die bis in die heutigen Tage meine Borchert-Wahrnehmung prägten – ich las es in einer Zeit, als ich häufig bei meiner Großmutter essen war. Und die kochte auch in den 70ern immer noch so, als stünde draußen vor der Tür der nächste Krieg. Eine von Kriegsnot, Lebensmittelknappheit und zurückliegender Armut geprägte Küche: Eierflockensuppe. Allenfalls Sonntags ein magerer Braten, Resteverwertung am Montag dann. Borchert, das war für mich bislang: Bedrückende Atmosphäre. Der Geruch nach Kohl und Eierflockensuppe.

Und nun diese Erzählung, deren Stimmung wunderbar unterstrichen wird durch die Illustrationen von Birgit Schössow. Die Hamburgerin, die unter anderem auch für den New Yorker arbeitet, hat zarte, pastellfarbene Töne für dieses durchgehend bebilderte Buch gewählt. Ihre Figuren – Kinder in Matrosenanzügen, Frauen in Flatterkleidern – lassen den Schwung, die schwunghafte, lebendige Seite der 1920er-Jahre wieder auferstehen. Ein – im positiven Sinne – hübsches Buch. Das zudem eine gute Anregung für mich ist, endlich – ohne Kohlgeruch in der Nase – mehr zu lesen von Wolfgang Borchert. Das Rezensionsexemplar gebe ich gerne an interessierte Leser weiter – unter allen Kommentatoren bei diesem Beitrag verlose ich es am kommenden Sonntag, 10. April. Glück auf!

Mit Dank an Atlantik für das Rezensionsexemplar.
Trailer zum Buch: https://www.youtube.com/watch?v=mk85ad16eWM

41 comments on “Wolfgang Borchert: Schischyphusch (1949).”

  1. Liebe Birgit, mir geht es wie dir – ich kenne zwar „nur“ seine Kurzgeschichten aus dem „Hundeblumen-Band“, aber die haben es sozusagen ganz schön in sich, was Traurigmachen anbelangt. Um so schöner, von einer beinahe humoristisch klingenden Seite von ihm zu lesen (ich dachte ja am Anfang erst, es handelt sich um Mundart bzw. Dialekt)
    Ganz liebe Frühlingsgrüße an dich
    von B. zu B.

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  2. Eine berührende Geschichte, haben wir schon zu Schulzeiten gelesen. An der Verlosung nehm ich aber nicht teil, hab den Borchert schon komplett daheim (war ja leider nicht so viel von ihm), liebe Grüße + einen schönen Tag,
    Gerhard

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    1. Lieber Gerhard,
      ja, da habe ich noch einiges nachzuholen – aber es gibt ja antiquarisch die Erzählungen gut zu erwerben. Freue mich darauf. Ich kann mich tatsächlich nur noch an „Draußen vor der Tür“ aus Schullektüre erinnern, an „Die gestundete Zeit“ als Lyrikbeispiel und einen qualvollen Faust II… wir haben sicher mehr gelesen, aber das ist alles verdrängt 🙂

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      1. Nö, leider kaum. Borchert war damals tatsächlich eine Ausnahme bei uns in der Mittelstufe. Hab meine Matura ja auf dem zweiten Bildungsweg eingefangen, da kam dann wenigstens irgendwann Brecht und Böll in der Oberstufe…

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  3. Borchert zum Frühstück, das ist saetzeundschaetze. Die beschriebene Oma gab es in Deutschland ja zuhauf.
    Leider passt Wolfgang Borcherts Gesamtwerk durch den frühen Tod in einen
    einzigen Band. Gut, an ihn erinnert zu werden, er ist immer wieder eine Entdeckung.
    „Draußen vor der Tür“ ist an manchen Schulen auch heute noch Stoff.(Je nach Lehrer-Ausrichtung).

    Viele Grüße und danke, Birgit, für diesen Beitrag mit Bildern
    HS

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    1. Lieber Herbert … da hast Du den Luxus eines späteren Frühstücks heute gehabt 🙂
      Ja, diese Großmütter: Als Kinder haben wir uns noch lustig gemacht und hielten dies für einen schwäbischen Spleen … beispielsweise das Auswaschen der Papierkaffeefilter, bis die auseinanderbrachen. Es hat lange gedauert, bis ich das richtig verstanden habe (als eine Art Kriegstrauma).
      Die gesammelten Erzählungen habe ich mir heute morgen schon bestellt und freue mich auf die Entdeckungen…
      Liebe Grüße, Birgit

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  4. Dass Wolfgang Borchert mehr als (die Schullektüre) „Draußen vor der Tür“ geschrieben hat, wusste ich auch lange nicht. Kennst du sein Gedicht „Versuch es“? Auch ganz bezaubernd lebensfroh und kindlich im allerbesten Sinn:

    „Stell dich mitten in den Regen
    glaub an seinen Tropfensegen
    spinn dich in das Rauschen ein
    und versuche gut zu sein!

    Stell dich mitten in den Wind
    glaub an ihn und sei ein Kind
    lass den Sturm in dich hinein
    und versuche gut zu sein!

    Stell dich mitten in das Feuer
    liebe dieses Ungeheuer
    in des Herzens rotem Wein
    und versuche gut zu sein!“

    Herzliche Grüße!

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  5. Wie die meisten hier kenne ich auch nur »Draußen vor der Tür« von Borchert. Es ist eins der Lieblingsbücher meiner Mutter, ihr Vater war ein später Kriegsheimkehrer. Als ich es dann im jugendlichen Alter las, mochte ich es auch, trotz seiner Finsternis. Irgendwie hatte ich immer angenommen, dass er gar nicht viel mehr als dieses Buch geschrieben hat, nun habe ich richtig Lust bekommen noch einmal eine ganz andere Seite von Borchert kennen zu lernen.

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