Tod und Amüsement in Davos und München

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2016_Mann_Ausstellung_München (21)Lebewohl, Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sorgenkind! Deine Geschichte ist aus. Zu Ende haben wir sie erzählt; sie war weder kurzweilig noch langweilig, es war eine hermetische Geschichte. Wir haben sie erzählt um ihretwillen, nicht deinethalben, denn du warst simpel. Aber zuletzt war es deine Geschichte; da sie dir zustieß, mußtest du`s wohl irgend wohl hinter den Ohren haben, und wir verleugnen nicht die pädagogische Neigung, die wir in ihrem Verlaufe für dich gefaßt, und die uns bestimmen könnte, zart mit der Fingerspitze den Augenwinkel zu tupfen bei dem Gedanken, daß wir dich weder sehen und hören werden in Zukunft.

Fahr wohl – du lebest nun oder bleibest! Deine Aussichten sind schlecht; das arge Tanzvergnügen, worein du gerissen bist, dauert noch manches Sündenjährchen, und wir möchten nicht hoch wetten, daß du davonkommst. Ehrlich gestanden, lassen wir ziemlich unbekümmert die Frage offen. Abenteuer im Fleische und Geist, die deine Einfachheit steigerten, ließen dich im Geist überleben, was du im Fleische wohl kaum überleben sollst. Augenblicke kamen, wo dir aus Tod und Körperunzucht ahnungsvoll und regierungsweise ein Traum von Liebe erwuchs. Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?

FINIS OPERIS.

Finis operis – das Werk mag zu Ende sein, der Leser mit dem Werk noch lange nicht. „Der Zauberberg“ von Thomas Mann: Der Mount Everest der klassischen Moderne. Wer ihn besteigt, den lässt der Berg nicht los – man kann sich nicht einfach so abseilen aus diesem Jahrhundertroman, da hat einer verbale Haken und Ösen gelegt, die den Leser, der den Gipfel, sprich das Finale erreicht, lange an sich binden.

Lange ist es her, dass ich mich in diesem Opus verstiegen habe – und doch, jetzt beim Besuch der aktuellen Zauberberg-Ausstellung im Literaturhaus München genügten einige optische und akustische Anreize und ganze Gesteinsbrocken dieses Romans liegen wieder frei da. Was in meinen Augen für die Wertigkeit, für die Bedeutung des Textes, die er für mich hatte und hat, spricht.

„Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“

Zuviel darf man jedoch von einer Literaturhaus-Ausstellung nicht erwarten: Keine vollständige Erschließung eines so komplexen Romans, keine Interpretationshilfen und Deutungen, keine Werkgeschichte – wer das sucht, der ist mit der beim S. Fischer Verlag erschienenen Fassung innerhalb der Werkausgabe, dem dazugehörigem Kommentarband und den Erläuterungen von Michael Neumann sowie der entsprechenden Sekundärliteratur besser bedient. Die Ausstellung kann allenfalls eine Einstiegshilfe sein oder Lust darauf machen, die Höhen von Davos wieder einmal zu erklimmen – und diesen Zweck erfüllt sie recht unterhaltsam. „Tod und Amüsement“ (nach einem Zitat Manns zu seinen Darstellungsabsichten beim Schreiben des Romans) lautet der Untertitel zu der Schau, die noch bis zum 26. Juni in München zu sehen ist.

Die Kuratoren und Ausstellungsgestalterinnen, so stand es im Münchner Merkur zu lesen, „verstiegen sich eben nicht in den Klüften des wissenschaftlichen Hochmassivs, sondern blieben im Davoser Sanatorium für geldige Tuberkulosekranke. Die Berge rings um diesen eigentümlichen Mikrokosmos bleiben imposante Kulissen auf Großfolie und im Video – und lassen nur milde ahnen, dass sie symbolisch gewaltig aufgeladen sind.“

2016_Mann_Ausstellung_München (27)Von einer Videofahrt mit der Räthi-Bahn gelangt man als Besucher immer tiefer in das Innere eines Sanatoriums und seine Verstrickungen: Von der Sonnenliege bis zum Röntgenapparat, von der Ruhekur bis zu den nächtlichen Ausschweifungen. Die Ausstellung teilt sich auf in verschiedene Themenkomplexe, aber einen eigentlichen roten Faden gibt es nicht – und das ist für mich die Schwäche der Schau: Zuviel gestreift, zu wenig vertieft. So erfährt man einiges über die Entstehungsgeschichte – 1912 besuchte Mann seine Katia während ihres Kuraufenthaltes in der Schweiz. Seine Skepsis gegenüber der geldbringenden Kurpfuscherei verbarg er nicht – doch was zunächst als amüsante „short story“ im Gegenentwurf zum „Tod in Venedig“ angelegt war, wuchs sich bis zur Veröffentlichung 1924 zu einem über 1000-Seiten-Werk aus.

Mit Film- und Tondokumenten, Tagebuchauszügen und umfangreichen Fotomaterial werden die Tage der Manns in Davos veranschaulicht, treten die Menschen zutage, die Mann letztlich das Material für seine Typen lieferten. Frau Stöhr, Naphta und Settembrini, die verrucht-verführerische Madame Chauchat und nicht zuletzt wird an Mynheer Peeperkorn nochmals der damalige Skandal um das Buch aufgezeigt – herrlich ist es zu lesen (bzw. über die Audioführung zu hören), welche bebende Erregung Gerhart Hauptmann plagte, der sich in dem den Alkohol zugeneigten Kaufmann wiedererkannte. Beinahe schäumt er über „den Lumpensammler“, den  jüngeren Literaturnobelpreisträger, der zu allem Überfluss auch noch „schlechtes Deutsch“ schreibt.

Tod und Eros, Tuberkulose und Tändeleien, die Musik als „Paradigma aller Kunst“ und der Film als Inspiration, schaurig anzusehende Medizingeräte: An Information rund um einige der Zauberberg-Stationen mangelt es nicht. Die philosophischen Aspekte dieses Mammuts, die Reflektionen über die Zeit im Roman („Luxuriös ist oder war alles dort oben, auch der Begriff der Zeit“, so Mann 1939), die mir ins Gedächtnis eingebrannt sind, und vor allem die Bedeutung des Zauberbergs als der Götterdämmerungs-Roman, der erschien in jener Zwischenzeit, als zweimal die Welt brannte – das kommt in der Ausstellung zu kurz, war wohl auch nicht ihr Anliegen.

Da hilft nur eines – von wegen „FINIS“ und Ziel erreicht, das erneute Lesen des Zauberbergs möge beginnen…

36 comments on “Tod und Amüsement in Davos und München”

    1. Auf jeden Fall auch mein Lieblingsbuch von Thomas Mann … gegen den ich oft genug beim Lesen Gefühle hege wie die aufsässige Enkelin gegen den strengen (Ur-) Opa. Ganz warm ans Herz wurde mir bei ihm nie, aber es war immer auch gewisse Ehrfurcht und Bewunderung dabei. Den „Zauberberg“ den las ich jedoch mit innigster Bewunderung – und jetzt liegt er wieder obenauf für eine baldige Lektüre.

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  1. Auch wenn die Schau wohl eher schwach ist, danke für deinen informativen Beitrag.
    Und so ein Fehlurteil von Gerhart Hauptmann von wegen „schlechtem Deutsch“ !
    Beste Grüße. Wunderbar, dass du seit einiger Zeit wieder „da“ bist mit Deinen
    spannenden Texten.
    HS

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    1. Lieber Herbert, danke für Deine netten Worte. Ja die Schau ist eben … viel Schau, da gab es schon Ausstellungen im Literaturhaus, die mir persönlich mehr gegeben haben. Doch der Hauptmann-Ausfall ist spitzenklasse, vielleicht komme ich mal an den gesamten Text – dann bringe ich ihn hier zu eurem Amüsement. Eitle Schriftsteller unter sich …:-)

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  2. Liebe Birgit, nun bin also wieder da und ich habe unterwegs oft an dich gedacht, besonders dann, wenn ich die asturischen Berge rauf und runter gegangen bin, oder in dem feinen Gedichtband gelesen habe.
    Zauberberg, der liegt parat, als noch zu lesen, jetzt, nach deinem Artikel erstrecht, aber noch hält mich Ulla Hahn, in den Ferien las ich: Das verborgene Wort, nun ist Aufbruch dran- ich bin so begeistert!

    Herzliche Grüsse
    Ulli

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  3. Der Zauberberg und insbesondere Hans Castorp, haben mich viele Jahre meines Lebens begleitet. Ich nannte als Teenie sogar meine Katze Castorp. sie wurde 21.
    Diese Ausstellung macht Lust darauf das Buch noch einmal zu lesen, Du bringst mich außerdem auf die Idee während meines Sommerurlaubs in der Schweiz einen Abstecher nach Davos zu machen. Danke!

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    1. Ich wollte meine Katze Frau Stöhr nennen, aber das wurde verhindert 🙂 Ach ja, der Hans … ich mochte ihn auch sehr und manchesmal mochte ich ihn schütteln: Mach doch mal, Junge! Pack das Leben an … aber irgendwie hatte ich so ein Faible für diesen etwas naiven Zauderer….
      Mir kam in der Ausstellung übrigens auch der Gedanke: Ab in die Schweiz, nach Davos und einige Zeit im Liegestuhl vor sich hinsinnieren – es müssen ja keine sieben Jahre daraus werden…

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  4. Ich habe mich jetzt eine Weile lang am Berg versucht, habe mich dann aber in der Mitte abgeseilt. Versagt 😦 Auf die Ausstellung bin ich gespannt, die werde ich mir noch anschauen, vielleicht bekomme ich dann noch mal Lust und Mut den Wiedereinstieg zu wagen. Irgendwelche Tipps zur mentalen Vorbereitung ?
    Oder ist das einfach nix für mich ? Hmmmm ….

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    1. Liebe Sabine,
      zur mentalen Vorbereitung – drei Wochen mal nichts tun 🙂 Ich schätze Dich so von Deinen Aktivitäten eher so ein, dass dir das vielleicht schwer fällt … vielleicht ist der Zauerberg wirklich auch ein wenig Temperamentssache. Daher mach dir einfach nichts daraus, wenn Du ihn nicht ersteigst – es gibt ja noch mehr Spitzengipfelbücher.

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  5. „Der Zauberberg“ hat mich während meines Studiums wirklich gequält. Voller Optimismus habe ich diesen Wälzer damals begonnen. Voller Vorfreude, endlich mein erstes Thomas-Mann-Buch zu lesen. Ich fand es letztendlich unerträglich langatmig. Ich glaube, das mit dem „Zauberberg“ und mir wird nichts mehr. Aber die Ausstellung sieht sehr interessant aus.
    Liebe Grüße
    Juliane

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    1. Liebe Juliane,
      das langatmige Erzählen ist bei diesem Roman natürlich auch ein Prinzip, ein Kunstgriff … die ersten wenigen Monate werden auf hunderten Seiten sehr, sehr langsam erzählt, die restlichen Jahre dann zusammengeschnurrt: Das hat auch mit den Reflektionen im Buch über die Zeit zu tun. Aber es ist verständlich, dass das einfach nicht allen Lesern liegt. Ich denke, der Zauberberg spaltet wie andere große Bücher: Man liebt ihn oder man gibt auf – aber das ist ja kein Beinbruch…

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  6. Schöner Bericht, danke ! Muss ich mir glaub ich auch ansehen, hab ja mit dem ‚Zauberberg‘ nicht allzu viel anfangen können seinerzeit, obwohl ich Thomas Mann grundsätzlich schon mag, vielleicht bringt mich die Ausstellung dem Wälzer näher und ich tu’s mir nochmal an…
    Liebe Grüße,
    Gerhard

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  7. Liebe Birgit, mit dem „Zauberberg“ verbinde ich folgende Lese-Geschichte: drei-, viermal hatte ich ihn zu lesen begonnen und war doch nicht über die ersten Seiten hinausgekommen, ganz so, wie Juliane es oben beschreibt, so ging es mir damit. Und dann erlebte ich im Theater den Schauspieler Martin Benrath mit der szenischen Zauberberg-Lesung „Fülle des Wohllauts“. Und auf einmal hatte ich einen ganz anderen Ton im Ohr und konnte es geradezu „in einem Rutsch“ lesen … Viele Grüße!

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    1. Liebe Jutta, das ist eine schöne Geschichte … vor allem, weil es manchmal einfach auch ein besonderes Medium oder ein Erlebnis braucht, um uns Literatur nahezubringen – das ist ein schönes Beispiel. Und den Benrath hätte ich auch sehr gerne in der Lesung erlebt! Herzliche Grüße Birgit

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      1. Liebe Birgit, ja. Das verblüfft mich auch im Nachhinein: wie wenig es u. U. braucht, um sich einen vollkommen unzugänglichen Text öffnen zu können … Dir einen schönen (sonnigen?) Tag!

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  8. Liebe Birgit, für das erneute Lesen des Zauberbergs fehlt es mir leider an der nötigen Zeit, aber für feine Beiträge habe ich endlich mal Ruhe 🙂 Schade, dass das mit dem Katzennamen nicht geklappt hat 🙂
    Liebe Schmökergrüße von B.zuB.

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  9. Das stimmt. Es gibt wohl Bücher, die man zweimal oder mehrmals lesen kann. Meine Lektüre des Zauberbergs ist wohl fast 30 Jahre her … ich sollte da noch mal ran … Ganz sicher ergeben sich völlig andere Perspektiven und Einsichten.

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