Ulrike Schäfer: Nachts, weit von hier (2015).

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Bild: Michael Flötotto

„Es waren dann doch schöne Tage, die Tage vor Bernds Ankunft. Draußen an der Feuerstelle saßen wir beinahe eng beieinander, unser Schweigen erwärmte sich. Einmal legte Roland die Hand auf mein Knie, behutsam, wir waren Berührungen nicht mehr gewohnt, so weit hatten wir uns voneinander entfernt. Ich schob meine Hand in seine, und wir beobachteten einen Schwan, der unter Wehklagen über die Wipfel flog und an der Westseite des Sees landete. Nachts, in unserer Schlafkoje hinter der Küche, glaubte ich seinen Kuss auf meiner Haut zu spüren. Langsam und tastend kehrte die Nähe zurück.“

Aus der Erzählung „Tanzen“.

Manche Bücher wirken durch ihre Atmosphäre leise nach. Als ich nun meine Notizen zu diesem Band mit Erzählungen durchblätterte, den ich vor einiger Zeit gelesen habe, fiel es mir einmal mehr auf: Wie oft ich das Wort „Stille“ vermerkt hatte. Wie oft in diesen Erzählungen diese „Stille“ aufscheint, manchmal durch die Zeilen flüstert, manchmal auch aufschreit, weil das Wesentliche nicht gesagt werden kann. Stille, wortwörtlich genannt, umschrieben, atmosphärisch verdichtet.

Variationen der Stille: Schweigen, Sprachlosigkeit, Schweigsamkeit, aber auch die Stille, die die Vertrautheit zwischen Menschen kennzeichnet. Dort, wo viele Worte gemacht werden, wird wenig gesagt, dienen sie der Verschleierung, dazu, falsche Fährten zu legen, Fragen aus dem Weg zu gehen:

„Jemand hat nach dir gefragt: wie alles gekommen ist damals. Ich hab irgendwas geantwortet, ziemlich lang, ziemlich viele Worte, viel Weil und Deswegen und was nach was geschah. Die Frage ist mir gefolgt wie ein Tier, bis hierher, ich seh runter auf den grauen Stein, die von den Jahren verblassten Zeichen.“

Aus der Erzählung „Nele“.

Ulrike Schäfer, die für ihre Erzählungen und Texte bereits mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, spricht eine behutsame, zurückgenommene und poetische Sprache. Ja, beinahe „leise“, still. Ihr Erzählen ist ein nur scheinbar ruhiger Fluss – man ahnt die Untiefen, die ihre Figuren durchmessen, man ahnt die Unruhe im Untergrund, die Unwägbarkeiten hinter dünnem seelischen Firniss. Es sind nicht die großen Katastrophen auf den ersten Blick, die ihre Erzählungen ausmachen, es sind die größeren und kleineren Alltagsverletzungen, die Wunden der Vergangenheit, die unverarbeiteten Nöte, die jene, von denen Ulrike Schäfer erzählt, erschüttern. Oft Menschen am Rande des Scheiterns oder bereits Gescheiterte, oft Einsame und Traurige.

Auf den ersten Blick alltägliche Geschichten von alltäglichen Menschen: Der alte Mann, der seine sterbende Frau betreut, das Paar, das sich auseinandergelebt hat, der Mieter, der sich plötzlich um seine demente Hausbesitzerin kümmern muss. Hinter den Fassaden der Einfamilienwohnhäuser, der Mietwohnung spielen sich die „stillen“ kleinen Dramen des Lebens ab. Meist Menschen, die sich an das Leben herantasten. Oder dabei sind, aus demselben herauszufallen.

Bonjour tristesse? Könnte man nun meinen. Doch die Autorin besitzt Einfühlungsvermögen, schreibt mit viel Warmherzigkeit von ihren Gescheiterten – manch einer wächst einem zu. So der „Pralinenmann“, der Süßes in sich stopft, um seine Leere zu füllen.

„Freundlicher Austausch, und irgendwann der erste windschiefe Satz: „Wenn Berlusconi zurückkommt, geht`s mit Schalke bergab!“ Vielleicht war es auch die fliegende Feuerwehr. Oder sein freundlich leerer Blick, wenn ich auf eine seiner Nachrichten detaillierter einging. Ich weiß nicht, wann mir klar wurde, dass mit ihm etwas nicht richtig war. Ich weiß nicht einmal, ob es in dieser Bewusstheit jemals geschah. Charly war merkwürdig stimmig in sich. Er sagte alltägliche Dinge und streute, wie Perlen, hier und da kleine Absurditäten ein.“

Aus der Erzählung „Pralinenmann“

Ulrike Schäfer erzählt nicht alles aus, deutet an, umkreist den Kern ihrer Geschichten. Für mich sind die besten Geschichten immer jene, bei denen ein Geheimnis bleibt. Die ihr Eigenleben entwickeln. Denn Worte, so las ich neulich, werden nicht dazu gemacht, damit das Denken dazwischen keinen Platz hat. Den Platz gibt die Autorin ihren Lesern – und daher meine wärmste Empfehlung.

Zur Homepage von Ulrike Schäfer: http://www.ulrike-schaefer.de/

Der Erzählband „Nachts, weit von hier“ erschien bei Klöpfer & Meyer.

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