Friedrich Dürrenmatt: Das Nashorn schreibt der Tigerin (2001).

Friedrich Dürrenmatt gab sich als Nashorn, Charlotte Kerr war die Tigerin. Die Zeichnungen des Schweizers erzählen auch eine Paargeschichte.

23 Kommentare
2015-04-26 08.55.35
Das weltweit einzige erhaltene Exemplar eines Nastigers (auch Tigerhorn genannt) ist derzeit im Augsburger Zoo zu sehen. Bild: Birgit Böllinger

Was weiß man schon vom Innenleben eines Paares? Selbst wenn es öffentlich erscheint? Was weiß man schon davon, was zwei zusammenhält? Ein wenig lässt es sich erahnen, was Friedrich Dürrenmatt und Charlotte Kerr verband, sieht man die gemalten Zärtlichkeitsbeweise, die das Nashorn seiner Tigerin hinterließ.

Als Dürrenmatt Charlotte Kerr kennenlernte, war er der ältere Herr, knapp ein Jahr verwitwet, alkohol- und tablettenabhängig, und schien über den Zenit seines Schaffens hinaus. Die Kerr, anfangs ihrer Karriere Schauspielerin in B-Movies („Heißer Sand auf Sylt“) und Kultfigur auf der Raumpatrouille Orion, war zur Zeit des Kennenlernens  eine ernstzunehmende Journalistin. Kennen und lieben lernten sie sich über das Theater, die Beziehung vertiefte sich bei Kerrs filmischen Dürrenmatt-„Portrait eines Planeten„. Sie erlöste den Minotaurus aus seinem Gefängnis. Und baute sich damit vielleicht ein Stück ihr eigenes: „Die Frau im roten Mantel“ (so der Titel ihres Buches, in dem sie wunderbar über ihre wenigen Jahre mit dem Schweizer Schriftsteller schreibt), wurde sein kreativer Antrieb, sein Gegenstück, seine Ergänzung. Aber sie wurde auch zur Frau an Seite Dürrenmatts, erhielt später das Etikett der „Berufswitwe“, Sachwalterin seines Erbes. Als sie starb, titelte die NZZ: „Dürrenmatts Witwe Charlotte Kerr gestorben“.

Dass da noch mehr wahr, die eigenen Leistungen, der eigene Beruf: Das geht an der Seite eines solchen Mannes wohl auch unter, wird nicht gesehen. Ein schönes Portrait über eine starke Frau schrieb Pirmin Meier. Kerr plagten Depressionen, schwarze Stimmungen:

„Wenn der See grau ist,
wenn die schwarzen Vögel in den Bäumen hocken,
lauern, nach mir hacken,
wenn Depressionen nach unserem Glück gieren,
es zu verzehren drohen,
dann tritt die Familie in Aktion.“

Am Morgen findet Charlotte Kerr neben ihrem Bett eine Nashornzeichnung.
„Damit Joggeli beim Erwachen lacht …“
Die schwarzen Vögel stieben davon.

Sie brachte ihm die Kreativität zurück, er verscheuchte die schwarzen Vögel: Ein Buch, das ohne viele Worte auskommt, ist Zeugnis dieser innigen Beziehung, einer tiefen Verbundenheit.

Die Familie, das ist ein Kosmos aus liebevollen Figuren, eine Fabelwelt, die sich Dürrenmatt und Kerr erschufen, die Dürrenmatt liebevoll auf Papier bannte. 2001 wurden einige dieser Zeichnungen mit Anmerkungen von Charlotte Kerr unter dem Titel „Das Nashorn schreibt der Tigerin“ veröffentlicht.

Andreas Platthaus stellte „die Familie“ und das Buch am 1. November 2001 in der FAZ vor:

Denn Dürrenmatt hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, Charlotte Kerr mit selbstangefertigten Zeichnungen zu beglücken, auf denen er selbst als Nashorn, sie als Tigerin und außerdem noch drei weitere Akteure ihre Späße trieben. Die Verkörperung durch die beiden Tiere ging auf einen Scherz von Maximilian Schell zurück, die zwei Roboter Vinzenz und Vinzenza verdankten sich dem Science-fiction-Film „Das schwarze Loch“, der das Paar durch seinen niedlichen Adroiden begeistert hatte, und schließlich war da noch P.P., eine winzige Figur ohne individuelle Züge, deren Name ein Kürzel für „Pallepittli“ ist. Das war einmal der Name gewesen, bei dem ein kleines, noch nicht sehr sprachvirtuoses Mädchen den jungen Friedrich gerufen hatte: „Pfarrers Fritzli“ sollte das heißen. Die kindliche Lautverschiebung von R zum L wurde zum Prinzip der Texte, die Dürrenmatt seinen schnell dahingeworfenen Nashornzeichnungen beigab. Deshalb also das „Stasilinozelos“.

Die ausführliche Besprechung bei Literaturkritik hebt einen Punkt hervor:

Dominiert werden sämtliche Zeichnungen durch das Nashorn, das nicht nur im Mittelpunkt des Geschehens steht, sondern auch immer größer als die Tigerin und alle anderen Partizipanten ist. Selbst das Brandenburger Tor schrumpft im Verhältnis zum Schweizer Nationaldenkmal Dürrenmatt alias Rhinozeros. Das lässt natürlich Rückschlüsse auf das Selbstbild des Autors zu, und wäre da nicht die gleichzeitige Behäbigkeit und Komik des Nashorns, würde einem grauen vor so viel Egomanie.

Man würde es sich wohl jedoch zu einfach machen, sähe man in Charlotte Kerr nur die Frau an seiner Seite, die vieles aufgab und hinter sein Werk zurücktrat. Denn was weiß man schon vom Innenleben eines Paares? Ein wenig mehr weiß man nun vom Nashorn und seiner Tigerin.

23 comments on “Friedrich Dürrenmatt: Das Nashorn schreibt der Tigerin (2001).”

    1. Eben, was weiß man schon. Und bei so öffentlichen Paaren neigt man ja auch unbewußt vielleicht zum Klischee, auch zur einseitigen Stellungnahme manchmal. Aber was weiß ich…außer: Das Buch mag ich sehr, und ich mochte auch Dürrenmatt immer – und da zeigt er sich so schön verspielt, das ist einfach herzerwärmend.

      Gefällt 2 Personen

    1. Danke, Jan. Ja, man ist ja selbst manchmal so anfällig, Künstlerbeziehungen auch in Schubladen zu stecken: Genialer Mann + Muse. Arme Bachmann, böser Frisch. Brecht + Frauen – da kommen dann immer die selben Einwürfe vom frauenausbeutenden BB … Ich denke, man muss schon genauer hinsehen. Und kommt dann auf ein Nashorn mit Tiger im Gepäck.

      Gefällt 1 Person

  1. Liebe Birgit,
    Nastiger, Tigerhorn, eine Nashorn-Zeichnung frühmorgens am Bett – ein schöner, augenzwinkernder Beitrag über die ganz besonderen Momente einer „Beziehung“, passend zu einem – fast – frühlingshaften Sonntag.
    Viele Grüße, Claudia

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      1. Das glaube ich gerne, dass so ein Nastiger voller Ungedul nicht wirklich ruhig vor der Kamera stehen bleibt. Wahrscheinlich hast Du ihn mit dem Ausblick auf einen ganz besonderen Leckerbissen so lange geködert, bist Du mit Deinem Foto zufrieden gewesen bist. Und das kleine frisch geschlüfte Hörnchen im heimatlichen Zoo ist ja wirklich gar putziglich. – Auch Nashorn-Content kann die sonntägliche Seele also wirklich erfreuen :-)!

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  2. Ich habe damals „Die Frau im roten Mantel“ mit großem Genuss gelesen und stundenlang darüber nachgedacht. Danach konnte ich dann auch mit dem „Portrait eines Planeten“ etwas anfangen. Danke für das Erinnern, noch ein Buch, in das ich mal wieder schauen sollte …
    Liebe Grüße
    Christiane

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  3. Beim Foto zu diesem Beitrag handelt es sich natürlich nicht um einen Nastiger, sondern um einen Nastibraguar oder Nastibrapard. Pardon: Nastibraguar*in oder Nastibrapard*in, weil das Geschlecht ist ja aus dieser Perspektive nicht eindeutig verifizierbar.

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