Brief und Geheimnis und Bloggerpost.

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Oberschönenfeld 015

Liebe Leute,

ein schöner Nebeneffekt des Bloggens ist: Ich bekomme seither viel mehr Post. Also ECHTE Post, nicht allein die digitale. Zum Leidwesen meiner Briefträgerin – dicke Verlagsvorschauen, unverlangt zugesandte Manuskripte (bitte nicht mehr schicken!), aber vor allem flutschen zwischen einigen Bloggern die Buchpakete hin und her.
Ich finde das so einen erfreulichen Kreislauf – ich kann NICHT jedes Buch behalten, geschweige denn Bücher zwei- oder dreimal lesen. Es gibt einige wenige Lebensbücher, denen dieses Schicksal widerfährt, aber eben wenige. Und einige Bücher, mit denen ich schlicht und einfach eine Geschichte verbinde, die mit einem Menschen oder einem Ereignis verknüpft sind – auch die bleiben bei mir. Meist. Und die anderen: Sie bleiben hoffentlich im Gedächtnis gespeichert, dürfen aber weiterwandern. Und seit einiger Zeit wandern mir dafür im Gegenzug tolle Bücher zu – dafür meinen heißen Dank an dieser Stelle!

Noch etwas in Sachen Post. Und damit zur Kunst des Schreibens. Der Briefroman erfährt offenbar in Zeiten des Digitalen eine Renaissance. Unter dem Titel „Brief und Geheimnis“ bloggen die Autorinnen Luise Maier und Lara Hampe seit Oktober 2015 einen Briefroman – man kann ihm auf dem Literaturportal Bayern folgen. Bloggend tauschen sie sich über das Schreiben aus, über das „Sich-der-Schrift-stellen“.

In ihrem ersten Brief  stellt Luise Maier die Frage:

Woraus speist sich dein Schreiben, was glaubst du?

Ich tue mich schwer, etwas zu schreiben, wenn ich das Gefühl habe, gerade nichts zu sagen zu haben. Dann ist es besser, das Blatt leer zu lassen, denn auch wenn ich es mit Buchstaben fülle, würden diese nichts bedeuten.

Aber es werden auch ganz pragmatische Seiten des Schreibens angesprochen, so Lara Hampe in ihrer Antwort:

Wenn ich so zurück gucke auf das letzte Jahr: ich kam ans Institut und wusste also: ja,  das Schreiben. Ein Jahr später stehe ich jetzt da und weiß zehn mal weniger: ja, am begonnenen Roman schreiben, aber wie sich nebenbei noch konzentrieren auf das angefangene Stück, auf Lohnarbeit und andere Projekte? Ich beiße mir gerade die Zähne aus an dem sich auf mehrere Dinge gleichzeitig einlassen zu wollen. Und gleichzeitig suche ich nach einer anderen Form neben dem Schreiben und probiere mit Audio herum.

„Brief und Geheimnis“: Ein schönes Experiment, ein öffentlicher Schreib-Austausch, ein Brief an alle, die mit Sprache arbeiten, leben und jonglieren.

Ein Link zum Autorinnen-Blog beim Literaturportal:
http://www.literaturportal-bayern.de/autorinnen-blog

Annette Pehnt, die heuer den Preis der Ricarda-Huch-Poetik-Dozentur für Frauen und Gender in der literarischen Welt erhält, veröffentlichte im vergangenen Jahr „Briefe an Charley“:

31. Januar

Und was war es, das wir hatten? Was war der Kern? Warum habe ich dich nicht vergessen? Soll ich noch mehr Listen schreiben? Kann ich hineinfassen in diese sogenannte Sammlung, dieses verklebte, vertrocknete Archiv, in diese dreckige, falsche Mischung von selbst gemachten Bildern, die von ihrer Besitzerin jahrelang überzuckert wurden, und nun auf einmal will sie in einer heldenhaften Anwandlung alles freilegen und glaubt auch, das sei möglich? Kann ich tief hineinfassen und aus diesen überdehnten Fasern etwas herauslösen, das ich für das Herzstück halte? Lassen sich Wahrheiten herausschälen? Oder ist alles Schale, und wenn ich lang genug schäle, bleibt nur eine klebrige Endlosspirale zwischen den Fingern, sticky Charley?
Wenn ich wieder gesund und hell im Hirn bin, denke ich weiter.

Liebeskummer: Manchmal ein zu schwaches Wort. Sprechen wir bei dieser Briefeschreiberin besser von: Liebesschmerz. Eine, die schreibend sich bemüht, den Dingen auf den Grund zu kommen. Etwas ist aus. War da überhaupt etwas? Und was war das, was war?

Annette Pehnt lässt in diesem Briefroman eine Protagonistin zu Wort (zu Briefpapier) kommen, die nicht loslassen kann, in ihren Briefen sich des Geliebten, der sie verließ, erneut bemächtigt. Und sich dann erneut befreit: „und dies ist mein letztes Wort.“

Eine ausführliche Besprechung des empfehlenswerten Buches findet sich bei literaturleuchtet.

Briefe und Klassiker:

Briefe schreibt derzeit ebenfalls Tobias vom Buchrevier: An seine literarischen Heroen. Im ersten „Leserbrief“ eine Auseinandersetzung mit Martin Walser.

Lieber Tobias,
die Serie ist klasse.
Ich hoffe, Du schreibst bald eine Fortsetzung.

Viele Grüße, Birgit

PS: Bemerkenswert auch die Rezension von „Ein sterbender Mann“ bei Peter liest.

Auf diesem Weg auch entdeckt: Seine Serie literarischer Helden, darunter Hermann Hesse. So führt mich die Blogumschau vom Buchrevier zu CON=LIBRI – auf diesem Blog ist Hesse immer wieder zu Gast. Ich als Fast-Ulmerin bin natürlich hellauf begeistert von der ausführlichen Serie über Hesse und seine Ulm-Bezüge.
Von der Ulmer Donau zur Themse nach London: Peggy war auf ihrem Blog „entdecke england“ wieder einmal auf den Spuren von Charles Dickens unterwegs – da bin ich gerne eine „kleine Mitentdeckerin“!

Noch ein Briefabsatz über Neuerscheinungen:

Nach mehreren Empfehlungen habe ich nun auch hier liegen: „Der Fall Mersault – eine Gegendarstellung“ von Kamel Daoud. Wer vorher noch sein literarisches Gedächtnis auffrischen will, findet eine gute Rezension von „Der Fremde“ von Albert Camus auf dem grauen Sofa von Claudia.

Auf ganz unterschiedliche Resonanz stößt „Der Pfau“ von Isabel Bogdan: Hauke von leseschatz zeigte sich enttäuscht, Petra von Philea`s Blog war sehr angetan. Trotz Neuerscheinungs-Embargo ist mir das Buch zugewandert – ich werde mir das Tierchen wohl noch selbst ansehen dürfen. Vorab jedoch – zum Warmlesen“ – mochte ich das Interview mit der Autorin bei Schöne Seiten. Ihr Plädoyer, endlich mit dem Schubladendenken aufzuhören und diese Trennung zwischen „U“ und „E“ aufzuheben: Meine Worte.

Vom Lesen noch einmal ein Sprung zum Schreiben:

Trotz selbstverhängtem Buchkaufsverbot blinzele ich in die Verlagsprospekte. Und dieses hier machte mich doch sehr neugierig: „Mimikry“ vom Aufbau Verlag:

»MIMIKRY« versammelt 101 Schriftsteller, Journalisten und Künstler zur Literatur-Fälscherei: Wer einen Romananfang am glaubwürdigsten imitiert, eine markante literarische Stimme am besten trifft, gewinnt. Ein Kompendium der literarischen Bildung und Hochstapelei: Zum Mitlesen und Mitraten.

Insgeheim hoffe ich ja, dass Ingrid von der Druckschrift es für uns mal testet…

Uuuuund:

Liebe Jutta,
es wird Zeit, dass Du aus Deinem Urlaub zurückkommst.
Ohne Dich ist der Geschichtengenerator nur halb so schön.
Es fehlt die Generatorengeneralin.

Zum Nein-Sagenden Viktor ist mir einfach nichts eingefallen.
Bin völlig unmotiviert ohne Dich.

Herzlichst, Birgit

Zum Schluss noch was fürs Auge:

Ein herzerweichender kleiner Elefant und ein herzhaft-herziges Kind, das das Richtige macht.

Es grüßt Birgit!

 

 

45 comments on “Brief und Geheimnis und Bloggerpost.”

  1. Liebe Birgit, die Plinsen sind verspreist, natürlich waren es 10 zuviel aber so muss es sein 🙂
    ich glaube du hast alle Voraussetzungen eine freiberufliche Literaturagentin/Lektorin zu werden: unverlangte Manuskripte die ins Haus geflattert kommen, Literatur- und Literatenwissen, Spass und Feingefühl für Worte und Geschichten und Humor (den brauchst du, wenn die Rechnungsbezahlung auf sich warten lässt).
    Also ran an den Literaturspeck!
    p.s. Jutta’s Urlauben ist kein genüglich triftiger Grund KEINE Geschichte zu schreiben… 😉 (sagt die Mama)

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    1. MAMA???? Jetzt halt aber die Luft an 🙂 Ich bin wahrscheinlich vier Wochen und drei Tage älter als Du!!!
      Und ernähr Dich mal gesünder! Nur Plinsen, tss, tss. Sollte nachher was vom Braten übrigbleiben, tue ich in ihn in eine Tubber, damit Du mal was ordentliches zu essen bekommst, Kind 🙂
      Ich wünsch Dir einen schönen Abend!

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  2. Also, ihr zwei Lütten 😉 war herrlich eure Unterhaltung mitlesen zu dürfen! Ich gönne Jutta ja den Urlaub, aber es ist schon komisch so auf ihrer Seite rumzuposten, ohne dass sie da ist. Und dabei kenne ich sie noch gar nicht so lange. (schreibt sich das so, dass man sich „kennt“, wenn es sich um Bloggen handelt? ah, wie auch immer. Ihr vesteht schon, was ich meine) Schönes Wochenende wünsche ich noch!

    Gefällt 2 Personen

    1. Also, ich kenne die Hemmung durchaus, auf „fremden“ Blogs wilde Debatten ohne Beteiligung der Gastgeberin vom Zaun zu brechen – aber in meinem Fall gibt es wenig, was mir so viel Freude bereitet. Eigentlich träume ich von einem Blog, auf dem immer was los ist und ich nur gelegentlich mal vorbeischaue 😉

      Gefällt 3 Personen

    1. Liebe Martina, das stimmt: Handgeschriebene Briefe sind was besonderes, eine besondere Geste der Aufmerksamkeit auch. Leider machen sich zu wenige Menschen noch die Mühe. Was ganz süß ist: Meine Mutter schickt mir ab und an einen Brief (und immer mit 20 Euro drin „für einen Kaffee“) – das ist in dieser Generation noch eher üblich…

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  3. Ja, es ist wirklich interessant, anderen beim Schreiben über die Schulter zu schauen. Ich war zum Beispiel neulich an dem Punkt zu denken, dass ich eher warten soll, wenn mir nichts zu schreiben einfällt. Vielleicht aus Sturheit. Vielleicht aber auch, weil das Schreiben eben auch (wie das Sprechen) Gedanken erst zur Entwicklung bringt. Das stelle ich gerade auch bei meiner Arbeit fest. Wie oft muss ich los schreiben, um überhaupt eine Idee zum Thema zu bekommen. Und wie oft bin ich nachher platt, was rausgekommen ist. Nein, natürlich ist nicht alles genial. Aber oft der erste Schritt für ein weiteres Denkabenteuer. – Ansonsten auch von mir: Danke für die vielen Anregungen. Und schön, dass Du wieder da bist!

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    1. Liebe Stephanie, danke für Deine Freude, dass ich wieder da bin …
      Ja und was Du zum Schreiben und Reden sagst – das geht mir ähnlich. Da ist das weiße Papier (oder heutzutage eher der leere Bildschirm) und das hemmt manchmal erst. Aber nichts wird ja sofort druckreif hingelegt. Schreiben und Reden und Leben ist ein Prozess. Kennst Du den Aufsatz von Kleist von der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden? Zur Sicherheit hier: http://gutenberg.spiegel.de/buch/-589/1

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      1. Hihi, ja, lustig, dass Du den Kleist erwähnst: habe ich neulich erst gelesen, weil ich ein Geräusch-Sound-Stück geschnitten habe, in dem ich quasi nur die Zwischenräume zwischen dem Sprechen (bei Interviews) verwendet habe. Ich merke es eben oft auch selbst: Erst im Gegenüber oder vor dem weißen Bildschirm (Blätter sind bei mir nur noch selten – leider) kommen meine Gedanken auf eine Reihe.

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  4. Liebe Birgit,
    so viele anregende Gedanken und Links. Genau das Richtige, um diesen verregneten und anderweitig öhden Sonntag ordentlich aufzuhellen. Und vielen Dank fürs Camus-Verlinken. Da sage noch einmal jemand, auf den Blogs sei nur die absolout frische Ware gefragt – so viel Interesse an einem Beitrag war selten.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia,
      Sehr gerne – Dein Camus-Text hat einfach soviel wieder wachgerüttelt (ja auch an die Jugendzeit, als „man“ das so las). Und ich finde das ja gerade die Chance der Blogger: Eben auch die Klassiker und älteren Bücher hervorzuholen, auf die Neuerscheinungen stürzen sich ja schon genug. Bei mir ist übrigens seit Monaten neben dem Trafikanten die Besprechungen zu den Büchern von Irmgard Keuner die am häufigsten aufgerufenen.

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  5. Briefe sind toll – jawoll! Die echten ebenso wie die literarischen. Und unter den literarischen die „echten“ ebenso wie die redigierten oder auch nur in diese Form gegossenen – diese Form, die dieses wunderbare Mehr an Einblick verspricht, weil sich die Zeilen ja „eigentlich“ an einen anderen richten. 😉

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  6. Liebe Birgit, ist ja keine Frage, wenn du rufst, komme ich sofort aus dem Urlaub geeilt – um dann begeistert festzustellen, dass es ja dann doch noch ging 😉 Besten Dank auch für den tollen Link zu dem bayerischen Literaturportal und zu dem Bloggerinnen-Projekt – das werde ich mir mal in Ruhe anschauen … Beste Grüße!

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