Madge Jenison: Sunwise Turn (1923).

36 Kommentare

2012-08-03 14.01.40„Bücher! Mache ich zuviel Aufhebens von ihnen? Sie klopfen an die Tür zur Zukunft. Sie sind so abwechslungsreich. (…) Sie schenken uns Motive, Möglichkeiten, Prüfungen und Vorlieben. Wir finden in ihnen die Gedanken, auf denen das moderne Leben aufbaut, die ihm seinen Glanz verleihen, „unser wahres Glück, unseren Stolz“. Wenn ein Mann sein ganzes Geld in seinen Kopf gesteckt hat, dann hat er es, wie Franklin sagte, gut untergebracht.“

Madge Jenison, „Sunwise Turn. Eine Liebeserklärung an die Welt der Bücher.“ edition ebersbach.

Als Madge Jenison gemeinsam mit Mary Mowbray-Clarke 1916 in Nähe der New Yorker Fifth Avenue ihre Buchhandlung eröffnet, ist dies für die beiden Frauen weit mehr als ein nur ökonomisches Abenteuer. Die beiden Damen sind keine geborenen Buchhändlerinnen, aber getrieben vom Verlangen, „das Buch“ und damit Bildung an die Frau beziehungsweise Mann zu bringen. Madge (1874-1960) und Mary (1874-1962) sind Teil eines intellektuellen-künstlerischen Zirkels in New York. Beide schreiben, Madge ist im Kampf für das Frauenwahlrecht aktiv, Mary schreibt und unterrichtet über Bildende Kunst. Beide haben vom Handel, insbesondere Buchhandel, keine Ahnung.

Humorvoll, engagiert, leidenschaftlich und ungeheuer fleißig – so scheint Made Jenison gewesen zu sein und so schreibt sie auch. Und aus jeder Zeile des schmalen Buches wird deutlich, worin der Erfolg von „Sunwise Turn“ lag: Weil hier Menschen mit Herzblut und unbedingter Überzeugung ein „Projekt“ stemmten, dessen Aussichten eher düster waren. Nicht nur die allgemeinen Rahmenbedingungen, der Umgang mit der „Ware“ Buch erschwerten den Betrieb, sondern auch die speziellen Bedingungen dieser Zeit – auch das Binnenleben der USA wurde vom 1. Weltkrieg überschattet. Und dennoch:

„Bücher sind keine besonders lukrative Handelsware, wenn es sich jedoch lohnt, sie zu verkaufen, dann lohnt es sich erst recht, es gut zu machen.“

Die beiden machten es offensichtlich sehr gut: Der Laden, mit viel Geschmack eingerichtet, entwickelt sich zum „Hot Spot“. Hier verkehren Intellektuelle ebenso wie bedürftige, ungebildete Menschen, die von eigens eingerichteten Fonds und dem guten Herz der beiden Buchhändlerinnen profitieren: Manches Werk wandert ohne Bezahlung über den Ladentisch. Im Laden finden Veranstaltungen statt, Lesungen werden abgehalten, auch einige Bücher unter dem Logo von „Sunwise Turn“ publiziert, Madge beliefert Kunden mit auf sie abgestimmten Literaturlisten, berät bei der Einrichtung öffentlicher Bibliotheken, scheint rund um die Uhr aktiv zu sein im Dienste des Buches. Wer dem lebendigen Erzählstil folgt, wird dies genießen. Jedoch: Dieses Buch ist nicht nur höchst unterhaltsam, sondern auch verdammt gefährlich – schlummert doch in vielen Leser(innen) ein(e) verkappte(r) Buchhändler(in). Ich jedenfalls begann bei der Lektüre davon zu träumen, eine „Sunwise Turn“-Filiale in Augsburg zu eröffnen.

ABER: Auch wenn Madge Jenison ausführlich an mehreren Stellen über die ökonomischen Abläufe, zähe Verhandlungen mit Verlegern, Rabattschlachten und Bilanzen schreibt – es geht aus dem Buch nicht hervor, ob die beiden Besitzerinnen jemals von ihrem Kleinunternehmen leben konnten. Ich nehme an, dass aus dem Projekt zwar eine Vollzeitarbeit wurde, die Existenz jedoch anderweitig gesichert war. Sei`s drum – die beiden erfüllten sich und anderen einen Traum, ein Bedürfnis.

„Das Geheimnis unseres Erfolges war, dass wir die Buchhandlung zu einem magischen Ort machen wollten, der sich von anderen abhob und in dem schon der Kauf eines Buches zu einem aufregenden Erlebnis wurde.“

„Wir neigten dazu, unsere Unternehmungen als Heldentaten zu betrachten. Manchmal hatte ich das Gefühl, als flirteten wir nur mit unserer Idee, als inszenierten wir sie wie ein Konzert. Doch sie hatte von der ersten Stunde an etwas an sich, das unabhängig von uns war – etwas Wahres.“

„Sunwise Turn“ ist mehr als ein Buch über Bücher und eine Buchhandlung. Das Buch, das nach seiner ersten Veröffentlichung 1923 ein großer Erfolg wurde, ist auch ein Stück Zeitgeschichte: Das Manhattan dieser Jahre wird lebendig, fast wie auf einem Stück Zelluloid sieht man beispielsweise Madge Jenison auf der Suche nach einem Streifenpolizisten, der den unverschlossenen Laden überwacht, durch die Straßen streifen oder auf einer Bank mit einem selbstmordgefährdeten Kriegstraumatisierten sitzen. Peggy Guggenheim liefert im bodenlangen Pelzmantel ehrenamtlich Bücher für den Laden aus, Theodore Dreiser begeistert die Jenison Kraft seiner Persönlichkeit, völlig fremde Menschen erzählen in der Buchhandlung ihre Lebens- und Liebensgeschichten.

„Schon bald stellte sich heraus, dass die meistgehandelte Ware in unserem Laden das Gespräch war.“

Und es ist schön, dass man als Leser ein Jahrhundert später daran noch teilhaben kann. Bei der edition ebersbach wurde das Buch, das zwischenzeitlich vergriffen war, 2014 wieder neu aufgelegt. Auch dazu gibt es eine schöne Buchhandelsgeschichte – nachzulesen beim Blog der Ulmer Buchhandlung Jastram:

http://jastramkulturblog.wordpress.com/2014/02/

Durch Buchhändler Samy Wiltschek wurde ich auf „Sunwise Turn“ aufmerksam: Die Jastram-Jahresgabe 2013 war ein schön gemachtes Heft mit einem Auszug aus dem Buch. Und das hat nicht zuletzt wieder zu einer deutschsprachigen Neuauflage geführt.

Eine schöne Besprechung ist zudem bei Ingrid vom Block Druckschrift zu lesen.

36 comments on “Madge Jenison: Sunwise Turn (1923).”

  1. Den Verlag habe ich bereits bei anderer Gelegenheit sehr schätzen gelernt. Weil auch das Thema mich sehr interessiert, wird auf jeden Fall d Ihre Empfehlung beim allernächsten Besuch in (m)einer Buchhandlung ein gewichtiges Wörtchen mitzureden haben. Vielen Dank.

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      1. Augsburg spottet wieder einmal … Bogen schieße ich einmal im Jahr, meine Werte, und ich investiere kein Geld darin. Das fließt in Dinge wie Bücher (auch wenn ich derzeit privat wirklich kaum eine Seite lese, herrje) und andere „innere Werte“. So. Oder besser: Ö. 🙂

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      2. Öch, löss möch hölt spötteln, mein Wörtester! Ich glaub Dir schon, dass Du den Bogen nicht überspannst und ziemlich belesen bist. Für einen Mann (hau mir grad selber auf die Finger, schon wieder Spott). Nix für Ungut! Ö. 🙂

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      3. Jetzt bin ich sprachlos. (Auch vor Lachen, keine Sorge.) Aber was Belesenheit betrifft, komme ich mir wirklich zwergenhaft neben dir vor, das muss doch gesagt sein.

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    1. Liebe Anna,
      Du wärst natürlich mit Kind und Kegel herzlich willkommen. Ich setze Dich wie Madge Jenison dann auf eine Liste literaturaffiner Damen, die stundenlang recht unterhaltsam auf dem Sofa plaudern, aber dann kein Buch kaufen, weil der Mann gesagt hat, zuhause gibt es schon genug davon (dies ist im Buch tatsächlich eine Szene, allerdings mit verdrehten Rollen: Der Mann kauft (heimlich) Bücher). 🙂

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      1. Sehr hübsch, sagt mein Mann auch immer, verpufft aber leider wirkungslos, ich würde also gern auf deinem Sofa plaudern und anschließend trotzdem mit dem ein oder auch dem anderen frisch erworbenen Buch von dannen ziehen.

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      2. Liebe Anna,
        so oder so – also ob umsatzsteigernd oder ohne Kauf – für Dich würde ich einen Platz reservieren! Und außerdem haben wir ja immer noch den Suppendeal offen 🙂

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  2. Tolles Buch, ich erinnere mich, dass Madge Jenison auch das Verhalten ihrer Kundinnen und Kunden wunderbar beschreibt, die Unterschiede zwischen den Herumschmökernden mit viel Zeit und den Mittagspauseneiligen usw. Eine großartige Hommage an den Buchladen als sozialen Ort. Schön, dass es wieder erhältlich ist!

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  3. Sunwise Turn war nicht nur eine Buchhandlung liebe Birgit! Das war Kunst, was die beiden Damen dort betrieben. Alleine die Gestaltung der Raume, die Idee, verpackte Bücher ins Schaufenster zu legen (wenn ich mich nicht falsch erinnere) – solch eine Buchhandlung ist ein Traum, den eine meiner besten Freundinnen und ich schon lange hegen. Genau mit demselben künstlerischen Impuls. Ob die beiden Damen davon leben konnten … nun ja, ich denke schon die Art, wie sich die beiden an die Gründung der Buchhandlung machten, legt nahe, dass es ihnen nicht unbedingt auf den Broterwerb ankam sondern auf Vielfalt und Kunst. Solch ein Buch wie Sunwise Turm gehört in JEDE Buchhandlung und JEDES ernst zu nehmende Bücherregal, sonst ist es keines. Schön, dass der Verlag Ebersbach & Simon, wie die edition ebersbach ja jetzt heißt, die Neuauflage gewagt hat. LG und ein großes Danke für die Rezension eines meines Herzensbücher …

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  4. Liebe Bri,
    ja, bis hin zum Logo ein Gesamtkunstwerk…und wie Du hege auch ich solche Träume, eine Art Buchhandlung „Fitzgerald & Co.“, mit vielen tollen Büchern aus dieser Zeit, Jazzmusik und alten, schönen Sofas…ach ja…aber, aber: einst in der Berufsfindungsphase (schon lange her), überlegte ich mir eine Buchhändlerinnen-Ausbildung. Und musste zu meinem Schrecken (ich war damals jung&naiv) feststellen, dass zur „Buchhandlung“ auch „Buchhaltung“ gehört…
    So wurde ich Journalistin: Da braucht man die Buchhaltung nicht so sehr, wenn eine feste Anstellung das Überleben sichert 🙂
    Und letzten Endes ging auch „Sunwise Turn“ leider diesen Weg vieler Dinge in einer marktwirtschaftlichen Welt: Die beiden Damen hatten viel Leidenschaft und Liebe zum Buch und zu den Menschen: Wer mehr „verschenkt“ als verkauft (nicht nur an Büchern, sondern vor allem an Gedanken und Zeit) bekommt wohl nicht den Lohn in dieser Welt…

    Trotzdem: Weiter träumen! Vielleicht mache ich auf meine alten Tage doch noch so einen laden auf und Du einen in Berlin 🙂 Dann können wir eine Book-Connection gründen 🙂

    LG Birgit

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    1. All die herrlichen Kommentare und Gegenkommentare machen immer genauso viel Spass wie der Blog selber. Ich muss hier einfach meinen Senf dazugeben, weil deine Antwort hat mich an mein (abgebrochenes) Buchhandels-und Verlangswirtschaftsstudium in Leipzig erinnert, bei dem ich zu spät festgestellt habe, dass 90% aus Buchhaltung, BWL und Volkswirtschaftslehre bestanden und nur 10% aus Literatur… Ich war komplett am falschen Ort aber seitdem lese ich Studienbeschreibungen und alles andere Kleingedruckte aufmerksamer 🙂

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      1. Liebe Dagmar, ja, so hätte es mir auch ergehen können mit dem Studium … dann doch lieber ein abgebrochenes brotloses Hin-und Her-Studieren in geisteswissenschaftlichen Angelegenheiten. ÜBRIGENS: Am 24. lag die Piaf in meinem Postfach – pünktlich zu Weihnachten. Ich sage nochmals ganz herzlich DANKE!!!

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  5. Liebe Birgit, wenn da „Für Petra“ steht, fühle ich mich angesprochen, auch wenn ich gar nicht gemeint bin ; ) Aber auch wenn ich nicht gemeint bin, freue ich mich über den Beitrag, über das Wissen, dass es solche herrlichen Buchhandlungen gab (und manche noch immer gibt), eine Buchhandlung, wie ich sie am liebsten auch hätte. Liebe Grüße
    Petra

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    1. Liebe Petra,
      gemeint war zwar eine andere Petra, aber eingeladen sind natürlich alle bibliophilen Petras 🙂 Und noch eine im Club derjenigen, die von einer Buchhandlung dieser Art träumen. Das wäre auch mal ein Buchtitel: Frauen, die von Buchhandlungen träumen! Dir alles Liebe zum Fest, mit Hildabrötchen und griechischem Festessen! LG Birgit

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