Margriet de Moor: Mélodie d`amour (2014).

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Bild: Birgit Böllinger

„So fuhren sie durch die still gewordene Stadt in der Nacht nach Hause zurück. Gustaaf mit einer Hand lenkend. Atie von Zeit zu Zeit seufzend, als wäre ihr klar, das ein Tag, ein Tag voller Glück, im All fehlte. Ausgelöscht, bei näherer Betrachtung, von irgendeiner Instanz mit langem, weitreichendem Arm.
Schlichtweg nicht dagewesen.“

 

Moll in allen Variationen ist der Grundton dieses Buches: Ein lang verheiratetes Ehepaar, Eltern von vier Söhnen, erlebt einen glücklichen Abend zu zweit, trotz einiger Irrungen und Wirrungen zuvor, inklusive einer Ménage à trois mit Folgen, wieder glücklich vereint. Doch Atie, Gustaafs große Liebe, verliert an diesem Abend ihr Gedächtnis, später die Beherrschung über ihre Körperkraft, über ihre Körperfunktionen, lebt einem langsamen Tod entgegen. Gustaaf wird sie verlieren.

Ein Verlust, der in den Feuilletons bislang als Folge dieses Seitensprungs interpretiert wird. Ich sehe dies anders: Für mich beschließt Atie, trotz der Kränkung, trotz ihrer Wut und Verzweiflung, eine Trennung aus der Liebe heraus – wohl wissend, wie sehr ihre Krankheit alles verändern würde, auch die letzten Jahre. Aber diese Illusion möchte ich mir gern beibehalten – denn ansonsten ist in diesem Liebesreigen wenig zu finden, was Glück und Seligkeit verspricht.

Margriet de Moor hat zwei Grundthemen: Die Liebe und die Musik. Ersteres wird sie selbst erfahren haben, zweites hat sie studiert – Gesang und Klavier an der Königlichen Akademie in Den Haag. In ihrem jüngsten Buch ist jedoch noch ein dritter Leitfaden zu finden: Der Tod. Die Liebe, der Tod und die Musik.

„Mélodie d`amour“ – leider ein etwas verkitschter Titel für ein stilistisch wunderbares Buch mit einer einfühlsamen, teilweise zarten, bittersüßen Sprache, das kunstvoll arrangiert ist: Wie eine Sinfonie in vier Sätzen. Es ist kein Roman, wie oftmals geschrieben wird, sondern es sind vier mit einander verknüpfte, doch in sich eigenständige Erzählungen, in denen die Grundtonart variiert wird. Und die ist dunkelmoll…

Im ersten, dem sogenannten Kopfsatz, wird – und zwar nur hier – aus der Perspektive des Mannes erzählt, Gustaaf, der seine Liebe verliert – zuerst an das Leben, dann an den Tod. Doch das Gespräch mit ihr endet damit nicht:

„Wie gut, dass wir hier geblieben sind. Du mochtest es immer, morgens durch das Schlafzimmerfenster den Schiffen zuzuschauen. Du liebtest es auch, am Strand spazierenzugehen und in die Bunker des Atlantikwalls hinunterzusteigen. Ich denke an die simpelsten Dinge, das Brot in deiner Hand, deine Röcke, deine Blusen. Du weißt, dass ich nicht metaphysisch veranlagt bin. Trotzdem würde ich gern wissen, was du mir gerade, kaum tot, fast noch lebend, so lieb, heimlich jenseits der Grenze hast zufunken wollen.“

Die weiteren drei Sätze dieser Liebesmelodie sind aus dem Blickwinkel von Frauen geschrieben – drei Frauen, die im Leben von Gustaafs jüngstem Sohn, dem sensiblen Luuk mit der engen Mutterbindung eine Rolle spielen: Cindy, die neurotische, obsessive Geliebte, die zur Stalkerin wird, die den Geliebten eher tot denn in den Armen einer anderen sehen will.

„Kinder, habe ich am Freitag darauf gefragt, was wiegt eurer Meinung nach schwerer, der Tod oder das Glück? Darauf gab es einiges Gemurmel und Geflüster. Ein paar Finger gingen hoch.
Der Tod.
Okay. Ich nickte und nahm einen anderen dran.
Der Tod.

Keines meiner Kinder hatte sich über meine Frage gewundert. Die kann man Dreizehnjährigen ohne weiteres stellen. Die Literatur arbeitet so viel adäquater als die Wissenschaft! Schneller, und wesentlich einleuchtender. Die Jungen und die Mädchen gaben denn auch alle de richtige Antwort. Wussten sehr gut, sowohl im philosophischen als auch im physikalischen Sinn, was es mit Schwere und Leichtigkeit auf sich hat.“

Da ist Roselynde, die zweite Geliebte, die an ihrer Jugendschuld trägt – dem tödlichen Unfall der Freundin ihres Bruders, aus Eifersucht verschuldet, der Tod ihres Bruders, der tatsächlich an gebrochenem Herzen stirbt. Ein Satz, beinahe ein Scherzo:

„Jetzt folgt leise, sogar ein wenig verlegen, seine fast tägliche Floskel: Ich ruf nur schnell an, um dir guten Morgen zu wünschen.
Und ich halte, von meiner Überraschung noch nicht erholt, meine derzeitige Lebenssituation fest. Es gibt einen Mann, der immer an mich denkt. Es gibt einen Mann, der seine Liebe zu mir als unverrückbaren Teil der Wirklichkeit betrachtet, wie beispielsweise geboren zu werden, offenkundig.“

Und es gibt in diesem Satz die leise Hoffnung, dass die Liebe mit allen ihren Komplikationen dazu geeignet ist, alte Wunden zu heilen, im kleinen Tod das tatsächliche Sterben zu überwinden, dass sie alles gut machen kann. So endet dieser Satz denn auch beinahe tröstlich:

Hoch über meinem Kopf machen sich die Schwalben in den Süden auf, obwohl sie bereits wissen: Wir kommen zurück, wir sind uns ganz sicher. Stimmt es, dass man sich vor allem in dem sicher ist, was das Verständnis übersteigt? Es ist ein altmodisch goldener Tag. Ich habe größte Lust, dir einen Liebesbrief zu schreiben oder, noch lieber, ein durch den Äther fliegendes Telegramm wie in früheren Zeiten.
KÜSSE DICH INNIG STOP LIEBE DICH STOP KÜSSE DICH NOCH MAL STOP HABE DIR ALLES ERZÄHLT STOP ROSELYNDE

Und dann zum Ende der Sinfonie werden die Leitfäden wiederaufgenommen, wiederholt, in Person der Ehefrau Myrte, der für mich rätselhaftesten Frauen in Luuks Welt – die, die sich mit den Geliebten arrangiert, die selbst noch nach Jahrzehnten in die unausgelebte Liebe zu einem wesentlich älteren Mann innerlich verstrickt ist, die scheinbar alles und jeden auf Distanz hält und dennoch in unverbrüchlicher Treue an ihren Menschen bleibt. Das Bild von ihr bleibt nach meinem Empfinden unentwickelt:

„Bin ich, soweit ich konnte, mit ihm gegangen in jener Nacht? Habe ich seinen letzten Blick gesucht, seine Hand in meiner gehalten? Mein Herz, meine Seele und die Wahrscheinlichkeit sagen, ja, meine Erinnerungen schweigen. Neben dem Bad mit dem Entwickler fehlte das Fixierbad. Was ich noch immer weiß, ist, dass ich sehr früh am Morgen sah, dass aus den drei Linien Striche geworden waren.“

Was also ist die „Mélodie d`amour“? Margriet de Moor erklärt nicht, interpretiert nicht, sie erzählt „nur“. Das aber streckenweise zum Weinen schön. Und dennoch – in einhelliger Verzückung pries das Feuilleton bislang diesen Liebesreigen als eines, wenn nicht gar zum Besten ihrer bisherigen Bücher. Ich blieb nach dem Lesen im Zweifel zurück – dass die Liebe in ihren Auswirkungen Verheerendes anrichten kann, dass in diesen Verstrickungen wenig bis gar nichts rational zu erklären ist, dass oft selbst die Beteiligten nicht wissen, warum sie wann auf wenn fällt und in welcher Form ereilt, das scheint bekannt. Doch manches in den vier Teilstücken bleibt zu lose, zu wenig nachvollziehbar, zu unvermittelt für meinen Geschmack. Und: Immer sind es die ganz großen Gefühle, die mit ganz großer Traurigkeit und Schuld bei den Protagonisten einhergehen. Einfach nur lieben, gelingt ihnen nicht. Einfach lieben scheint das Meisterstück zu sein, das außer Reichweite ist. Aber eine einfache Liebe ist wohl eben auch kein Stoff für die Literatur.

Fazit: Wunderschön zu lesen, aber nur dann, wenn man gewappnet ist, einer dunkeln, schweren Sinfonie zu lauschen.

Margriet de Moor, „Mélodie d`amour“, Fester Einband, 384 Seiten, Preis: 21,90 € (D) / UVP 29,90 sFR (CH) / 22,60 € (A), ISBN 978-3-446-24478-8, Hanser Verlag

21 comments on “Margriet de Moor: Mélodie d`amour (2014).”

  1. Eine Erzählweise, die „streckenweise zum Weinen schön“ ist, klingt verlockend, liebe Birgit. Aber ich denke, ich werde es lassen. Man muss auch mit seinen Lesekräften haushalten, nicht nur physisch. Danke für die differenzierte Besprechung.

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  2. Ich schließe mich dem Dankeschön für die fein ausbalancierte Besprechung an. Entscheidend waren mir deine Sätze „Einfach lieben scheint das Meisterstück zu sein, das außer Reichweite ist. Aber eine einfache Liebe ist wohl eben auch kein Stoff für die Literatur.“ Genau das wäre doch jetzt mal spannend, eine einfache Liebe, dieses Bombastische, mit Irrungen und Wirrungen und Geliebten und Krankheit und Tod, das ist mir momentan zu „laut“, zu „grell“, obwohl hier die Schreibweise dem wohl wohltuend entgegensteht. LG, Anna

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    1. Danke …stimmt schon, Margriet de Moor schreibt zwar nicht „laut“, aber es ist halt alles so fürchterlich verzwickt. Man wünschte sich ab und an eine einfache Geschichte. Und Happy End dürfte auch mal sein 🙂

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  3. Bin ja erst seit neuem hier. Dieses Buch von ihr kenne ich noch nicht. Werde es aber demnächst mal in Augenschein nehmen. Danke für diese wunderbare Rezension, wo gibt es sowas Gutes sonst
    noch im Lit. Kosmos. Schon Klasse, das muss ich sagen….
    Lese gerade „Der Maler und das Mädchen“, auch keine leichte Kost, denn es beschreibt wie und warum eine Achtzehnjährige im Amsterdam Rembrandts zur Mörderin wird. Mein Lieblingsbuch von ihr ist aber immer noch. „Die Verabredung“.
    Shangri-la
    Beck

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    1. Danke für die netten Worte zum Blog! Das erfreut sehr!
      Und zu Margriet de Moor: Ich bin keine ausgesprochene Kennerin, habe noch nicht allzu viel von ihr gelesen. An Mélodie d`amour interessierte mich, wie sie da – ähnlich wie im „Virtuosen“ – ihre Lebensthemen – Musik (die sie studierte) und Literatur – zusammenbringt. Viele Grüße, Birgit

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    1. Dann hat ja die Frankfurter Buchmesse nächstes Jahr für Dich das passende Gastland ausgesucht! Was mir an Magriet de Moor gefällt, ist ihr „musikalisches“ Schreiben – man merkt, dass hier die Schriftstellerin und die Musikerin zusammenkommen. Ähnlich ist das bei einem anderen Niederländer, Marten T`Haart (hoffentlich jetzt richtig geschrieben). LG Birgit

      Gefällt 2 Personen

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