Sag mal an: Was macht eigentlich so ein Literaturagent?

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Ein kleine Unterbrechung der digitalen Pause – aber Leben ist eben das, was passiert, während man digitale Pausenpläne macht. Und schon wieder ist was passiert: Ich durfte den Literaturagenten Gerald Drews in Aktion erleben. Und habe ihn dann gleich mal zu einem Interview überredet. Weil ich selbst neugierig war: Was macht man eigentlich, so als Literaturagent?
Mein Dank gilt Gerald, der hier Einblick gibt in seinen Berufsalltag, in Herzensprojekte, berufliche Härten und Glückmomente.

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Gerald Drews im Arbeitszimmer – vor einem Regal voller von seiner Agentur mitbetreuter Buchveröffentlichungen. Bild: Arno Löb

Gerald Drews, 61 Jahre, ist Inhaber der Medien- und Literaturagentur Drews in Augsburg. Seine Kollegin Conny Heindl und er betreuen rund 50 Autoren in den Bereichen Belletristik, Ratgeber, Sach-, Kinder- und Geschenkbuch. Als Autor arbeitet er für die Musikredaktion von Readers Digest und hat selbst rund 150 Bücher mit einer Gesamtauflage von rund vier Millionen verkaufter Exemplare geschrieben, allerdings noch keinen Roman. Privat engagiert er sich im Vorstand der Literaturgruppe 42erAutoren. Wenn er nicht selbst schreibt oder Manuskripte liest, dann spielt er Tennis, schaut Fußball oder verbringt ein paar Tage mit seiner Frau, der Autorin Christiane Schlüter, im Harz.

Wie wird man eigentlich Literaturagent – ein Ausbildungsberuf ist das ja gerade nicht?

Purer Zufall. Wie so vieles in meinem Leben. Ich habe eine klassische Journalistenausbildung bei der Augsburger Allgemeinen genossen, war danach mehrere Jahre in unterschiedlichen Positionen in der Weltbild-Gruppe tätig, um mich Mitte der 1980er-Jahre selbständig zu machen. Ich habe mich damals selbst bei einer Agentur verdingt, weil mir die Akquise auf eigene Faust zu riskant erschien. Die Agentur hat mir zunächst jede Menge Aufträge für Illustrierte vermittelt, bis eines Tages die Anfrage kam, ob ich Lust hätte, ein Buch über Nachbarrecht zu schreiben. Ich bin ins kalte Wasser gesprungen – denn ich hatte vom Thema keine Ahnung. Und man war beim Verlag – immerhin Heyne – ganz zufrieden, so dass ich weitere Aufträge in dieser Richtung bekam. Irgendwann hätte ich innerhalb von einem Vierteljahr drei Bücher schreiben sollen, was natürlich nicht ging. Aber absagen wollte ich auch nicht; denn wer weiß, ob der Kunde wiederkommt. Das klassische Dilemma eines jeden Freiberuflers. Also habe ich ein paar befreundete Kollegen gefragt, ob sie mir bei der Recherche helfen oder sogar den einen oder anderen Titel ganz übernehmen wollen. So fing alles an.

Wie kamst Du zu diesem Metier? Und wie kamen die Autorinnen und Autoren zu Dir?

Es war mir, ehrlich gesagt, anfangs ziemlich egal, was ich schreiben oder vermitteln sollte. Denn ich hatte eine junge Familie zu ernähren. Rechtsratgeber waren zu jener Zeit durchaus angesagt und es gab anscheinend nicht allzu viele gute Autoren, die so etwas populär vermitteln konnten. Nach dem Nachbarrecht folgten Mietrecht, Scheidungsrecht, Bausparen, Alles ums Auto und weitere Ratgeber – mir machte das auch Spaß, Fachthemen lesbar aufzubereiten und weiterzuvermitteln.

Wohl gemerkt: alles in der Zeit vor dem Internet. Was ich überhaupt nicht machen wollte, war ein Auftrag für das Buch „Latein für Angeber“. Denn ich habe mein Abitur nur mit Ach und Krach geschafft, nicht zuletzt dank dieses Faches. Ich hab‘s dann doch gemacht und bis heute von diesem Buch eine halbe Million Exemplare verkauft.

Parallel dazu habe ich relativ schnell ein Netzwerk von Leuten aufgebaut, die von den unterschiedlichen Themen Ahnung hatten und habe selbst die Texte, sagen wir einmal, verfeinert. Viele Kontakte entstanden durch Zufall. Mundpropaganda. Das funktioniert bis heute. Als dann irgendwann das ZEIT-Magazin eine große Reportage über mich brachte, konnte ich mich vor Anfragen kaum retten. Manche Autoren von damals haben mich über viele Jahre begleitet.

Gibt es eine klassische Vorgehensweise? Also: Kommen Autoren mit fertigen Manuskripten zu Dir und Du suchst den passenden Verlag? Oder betreust Du auch Autoren von der Idee bis zum Buch?

Manchmal kommt ein fertiges Manuskript, das man nur weiterzureichen braucht. Manchmal kommt nur eine Idee, die man beim gemeinsamen Brainstorming verfeinert und weiterentwickelt. Manchmal treten aber auch Verlage mit Wünschen an die Agentur heran: „Wir hätten da eine Idee – haben Sie vielleicht den passenden Autor?“ Das ist sehr angenehm, denn mit eigenen Ideen Verlage zu überzeugen, ist eine Ochsentour. Entweder die Idee passt nicht. Oder der Autor. Oder der Verlag hat gerade selbst so etwas in Planung. Man braucht an dieser Stelle eine enorme Frustrationstoleranz.

Es gibt immer mehr Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt, gerade auch im Sachbuchbereich. Hat sich Deine Arbeit deswegen in den letzten Jahren erschwert, wird es schwieriger, sich in der Masse mit Ideen durchzusetzen?

Das kannst du laut sagen. Aus meiner Sicht hat vor allem das Internet die Szene ziemlich verändert, aber auch das Fernsehen. Schau dir mal die Sachbuchlisten an! Du findest sehr viele prominente Namen. Ganz selten mal etwas Überraschendes wie zum Beispiel „Darm mit Charme“. Schwieriges Thema, unbekannte Autorin. Hat trotzdem prima funktioniert, einfach, weil das Buch das gewisse Etwas hatte. Aber oft setzt man auf Fernsehgesichter oder internationale Titel. Verlage sind Wirtschaftsunternehmen, sie investieren gut und gern in Spitzentitel. Für Neulinge bleiben oft nur ein paar Brotkrumen. Nur der prominente Spezialist zählt. So kommt es mir jedenfalls oft vor.

Warum sollten Deiner Meinung nach Autoren einen Literaturagenten aufsuchen? Welche Vorteile bringt das den Autoren?

Gerade als unbekannter Autor hast du kaum eine Chance, bei Publikumsverlagen Gehör zu finden. Es gibt einfach zu viele, die glauben, etwas zu sagen zu haben. Ich könnte jeden Monat fünf Coach-Konzepte unterbringen. Hinzu kommt: Verlage sind chronisch unterbesetzt, die Arbeit der Lektoren grenzt in vielen Fällen an Selbstausbeutung, die schleppen abends noch Manuskripte mit nach Hause, um sie dort zu lektorieren. Genauso wie wir in der Agentur eigentlich auch. Ganz zu schweigen von den Autoren, die dürfen ihren Stundenlohn gar nicht hochrechnen. Aber das nur nebenbei.

Zurück zu deiner Frage: Als Agent kenne ich die Türöffner. Ich weiß, welche Themen zu welchen Verlagen passen und wer die richtigen Ansprechpartner sind. Jemand, der den Markt nicht kennt, und davon gehe ich bei Autoren in aller Regel aus, kann diesen Dschungel kaum durchblicken. Natürlich nimmt eine Agentur Provision. Aber bedenkt ein Autor den Zeitaufwand, den er aufwenden müsste, ehe er selbst ein Buch unter Dach und Fach bringt? Hat er Ahnung von Buchverträgen? Weiß er es zu schätzen, sich während des Schreibprozesses Rat und Tat zu holen oder sich einfach mal auszuheulen oder besser noch: seine Freude zu teilen? Für all das sind wir da.

Was sind so die „Härten“ in Deinem Job, was bringt die Glücksgefühle?

Immer wieder gegen verschlossene Türen zu laufen, vor allem mit Manuskripten oder Autoren, von denen man felsenfest überzeugt ist. Das ist hart. Enttäuschungen vermitteln zu müssen. Nach vielen Monaten gemeinsamen Hoffens und Bangens erkennen zu müssen, dieses Thema will niemand haben. Es ist ja nicht nur die Zeit, die man als Agent aufwendet (immer im Hinterkopf, dass da im Hintergrund ein Autor mit klopfendem Herzen wartet). Es sind auch die Emotionen. Mit vielen unserer Autoren sind wir befreundet. Das entsteht einfach durch die Arbeit. Und Freunde will man nicht enttäuschen.

Mit den Glücksgefühlen ist es natürlich das genaue Gegenteil: Wenn du etwas unterbringst, wenn der Anruf von einem Verlag kommt: Das machen wir! Wenn der Vertrag unterschriftsreif vor einem liegt – das hat schon etwas. Und erst recht, wenn sich ein Titel dann auch noch gut verkauft. Hart ist es natürlich auch, wenn man einen Titel untergebracht hat und der dann nicht läuft. Das ist leider eher die Regel als die Ausnahme.

Auf welches Buchprojekt warst Du am meisten stolz?

Für mich sind zunächst einmal alle Projekte mehr oder minder gleich wichtig. Klar gibt es ein paar, bei denen aufgrund des Themas mehr Herzblut drin steckt als bei anderen. So richtig stolz war ich zuletzt auf ein Buch mit dem Titel „Mein Sommer mit den Flüchtlingen“. Die Autorin Beatrice Bourcier hat innerhalb weniger Tage aufgeschrieben, was sie als Ersthelferin in ihrem kleinen Dorf erlebt hat. Ein Dutzend großer Verlage hat den Titel abgelehnt, vor allem weil man sich nicht in der Lage sah, ihn zeitnah zu veröffentlichen. Ein kleiner Verlag, ich denke, ich darf ihn an dieser Stelle nennen, Brandes & Apsel aus Frankfurt, hat uns das Vertrauen geschenkt, obgleich wir einander überhaupt nicht kannten. Erst dieser Tage habe ich eine tolle Besprechung des Buches von Rupert Neudeck, dem Gründer von Cap Anamur, erhalten. So etwas zählt natürlich zu den Highlights.

Gibt es ein Projekt, an dem Dein Herz und Kopf hingen, das aber nicht verwirklicht werden konnte?

 Ja, das gibt es auch. Ich bin ein lebendes Lexikon in Sachen populärer Musik, vor allem in Sachen Schlagern. Frag mich nicht, warum. Was ich ganz besonders faszinierend finde, ist die Biografie des Sängers Peter Orloff. Mal davon abgesehen, dass er ein ausgesprochen sympathischer Mensch ist, hat er wirklich ein faszinierendes Leben. Ein Vorfahre von ihm etwa, Graf Orlow, war der Geliebte von Katharina der Großen. Sein Vater kämpfte an der Seite der Weißen gegen die Roten während der Oktoberrevolution. Später gründete er den Schwarzmeerkosakenchor, in dem Sohn Peter schon als 14jähriger sang – übrigens an der Seite von Ivan Rebroff. Danach wurde er einer der erfolgreichsten Schlagersänger der späten 60er- und frühen 70er-Jahre. Und trotzdem will keiner diese Biografie haben. Daran bin ich echt verzweifelt.

Und welches Buch der letzten Jahre hättest Du gerne betreut?

Ich habe mit viel Vergnügen die Autobiografie von Rod Stewart gelesen. Ich mag diesen alten Haudegen einfach. Ich kann mir vorstellen, dass so ein Abend im Pub mit ihm höchst vergnüglich sein könnte. Wobei ich natürlich alkoholtechnisch gegen ihn keine Chance hätte. Nach zwei Guinness ist bei mir Feierabend. Wenn die Zusammenarbeit an dem Buch so unkompliziert wäre, wie sich Roddie gibt, hätte das wohl Spaß gemacht. Andererseits sind Prominente, oder besser: deren Berater, dann doch nicht immer ganz so einfach zu betreuen.

Jetzt frage ich noch den Literaturmenschen als Privatmann: Welches Buch wünschst Du Dir unter den Weihnachtsbaum?

 Wenn wir schon bei Autobiografien von Musikern sind: die Erinnerungen von Mike Rutherford fehlen mir noch in meiner Sammlung. Er ist nicht nur Mitglied bei Genesis, sondern mit seiner eigenen Band Mike & The Mechanics selbst äußerst erfolgreich. Ich mag nicht nur deren Musik, sondern mich würde auch interessieren, was es da alles so hinter den Kulissen zu erzählen gibt. Die richtige Lektüre zwischen den Feiertagen. Aber da habe ich mich jetzt für „Dictator“, den hochgelobten Cicero-Roman von Robert Harris entschieden.

Nachspann:

Die Homepage von Geralds Agentur – findet ihr hier:
http://gerald-drews.de/

Und wer – so wie ich – mit dem Namen Peter Orloff zunächst nicht viel  anfangen kann – das Gesicht erkennt man sofort wieder, wurde man in den 70er/80ern musikalisch sozialisiert:

http://www.peterorloff.de/

Buchinformationen zu „Mein Sommer mit den Flüchtlingen“:

Brandes & Apel Verlag

13 comments on “Sag mal an: Was macht eigentlich so ein Literaturagent?”

  1. Herzlichen Dank für das Interview, Birgit, was ich mit großem Interesse gelesen habe. Ich weiss, dass ich in einer priviligierten Lage mit meinem Lektor bin, der mich immer wieder gut vertritt. Er kommt auch aus dem Weltbildhaus und vielleicht kennt Herr Drews Herrn Braun? Herr Braun, mein Lektor ist auch aus Augsburg, wie du liebe Birgit. Ich kann jedem Autor nur einen Agenten oder freien Lektor empfehlen. Die Arbeit, die einem selber dadurch erspart wird, ist ernorm.
    Eine schönes Adventwochenende wünscht Susanne

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    1. Hallo Susanne,
      ich frag mal bei Gerald nach, ob er den Herrn Braun kennt – in meinem erweiterten Bekanntenkreis sind noch ein,zwei ehemalige Weltbild-Kollegen, die als Autoren arbeiten – man kennt sich untereinander. Schön, dass Dir die Arbeit mit Herrn Braun hilft – so bleibt Dir ja auch der Rücken frei für das Kreative und die Kunst… Schönes Adventswochenende auch Dir! LG Birgit

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  2. Liebe Birgit,
    wie schön, dass Du eine Pause von der Blogpause gemacht hast! Ich jedenfalls habe mich gerne von Dir in eine Literaturagentur entführen lassen, um einmal zu schauen, was so ein Agent eigentlich so macht. Und bin natürlich sofort angefixt vom Titel „Latein für Angeber“ :-).
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia,
      ich finde nicht nur den Beruf spannend, sondern auch den Werdegang – wie man in etwas quasi „hereinrutscht“, das dann zur Berufung wird. Da bekam ich plötzlich Lust auf Pause von der Pause …
      Ja, und Latein für Angeber ist offenbar ein Evergreen – und sicher auch für Lehrer unterhaltsam 😄
      Viele Grüße von Birgit, jetzt wieder im P-Modus.

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  3. Yeah! Pause von der Pause! Jetzt hätte ich gerne geschrieben: Obwohl mich das Thema eigentlich nicht so sehr interessiert, habe ich den Text verschlungen … Aber das geht nun nicht, weil mich das Thema natürlich doch interessiert 😉 Ein weites Feld auch das … Allerbeste Grüße!

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  4. Liebe Birgit, Danke für die Unterbrechung der Pause und das interessante Interview. Ich habe allerdings zwischendurch Peter Orloff gegoogelt und nun werde ich den ganzen Abend MoMoMonika singen 🙂

    Ich wünsche dir eine gute Fortsetzung deiner Pause und schicke ganz herzliche, adventliche Grüße
    von hier zu dir

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