Richard Yates: Cold Spring Harbor (1986/2015).

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Bild: (c) Michael Flötotto
Bild: (c) Michael Flötotto

„Filme waren wunderbar, denn sie holten einen in eine andere Welt und gaben einem zugleich das Gefühl, vollständig zu sein. In der Realität konnte einen alles auf Schritt und Tritt daran erinnern, dass das eigene Leben verknäuelt und gefährlich unvollständig war, der Schrecken stets kurz davor, von einem Begriff zu ergreifen, doch in der kühlen, wohlriechenden Dunkelheit des Kinos verschwand diese Wahrnehmung fast immer, und sei es auch nur für ein Weilchen.“

„Cold Spring Harbor“, Richard Yates, 1986, DVA Verlag 2015

Es gibt Schriftsteller, die umkreisen in ihren Werken immer wieder dieselben Themen. Und dennoch wird man ihrer nicht überdrüssig. Ganz vorne auf dieser Liste steht für mich Richard Yates. Seine Bücher sind Variationen seiner Lebensthemen: Übermächtige, meist psychisch angeschlagene Mütter, zerrüttete Ehen, traumatisierte Kinder. Gescheiterte Lebensentwürfe, verlorene Illusionen, vernichtete Träume. Zerbrochene Seelen, Abstürze in Alkohol, Landung in der Psychiatrie.

Den Trost des Kinos – vollständig zu sein und werden zu können – den bietet er einem in seinen Büchern nicht. Yates, Chronist der amerikanischen Mittelschicht, der „kleinen Leute“ mit großen Ambitionen, ist ein gnadenloser Realist. Er erzählt vom Scheitern – manchmal, so wie in „Zeiten des Aufruhrs“, enden Lebenslügen dramatisch-tödlich, manchmal, so wie in „Cold Spring Harbor“, liegt der Schrecken „nur“ in den Banalitäten des Alltags.

„Cold Spring Harbor“ ist der letzte Roman, den Yates, schon schwer von seiner Alkoholsucht gezeichnet und von psychischen und finanziellen Problemen erdrückt, vollbringen konnte (die tragische Vita findet sich hier). Gewidmet ist er seinem Freund Kurt Vonnegut – einer der vielen Bewunderer der Yateschen Prosa. Der Roman liegt nun auch in deutscher Übersetzung beim DVA Verlag, der das Gesamtwerk auf Deutsch herausbringt, vor. Yates-Biograph Rainer Moritz bezeichnet in „Der fatale Glaube an das Glück“ (DVA Verlag, 2012) das Buch als eines der besten Werke des amerikanischen Schriftstellers. Es fällt mir schwer, diese Unterscheidung zu treffen – es ist ein sehr gutes unter den übrigen der sehr guten Büchern von Yates, das – auch in der Übersetzung von Thomas Gunkel – durch diese typische verhaltene Mischung aus Realismus und Resignation, Melancholie und Ironie besticht. Allerdings: So gnadenlos wie in diesem vorletzten Roman (Yates ließ bei seinem Tod ein umfangreicheres Manuskript zurück, an dem er gearbeitet hatte) geht er mit seinen Figuren selten um.

„Cold Spring Harbor ist bewusst kein Roman, der Mühe darauf verschwendet, seine Protagonisten mit Sympathiewerten auszustatten“, bemerkt dazu Rainer Moritz.

Im Mittelpunkt stehen der pensionierte Militär Charles Shepard (seine alkoholsüchtige und psychisch kranke Frau Grace kommt fast nur schemenhaft vor) und dessen etwas hohlköpfiger Sohn Evan, der allenfalls durch seine äußerliche Attraktivität hervorsticht:

„Dem Jungen mochte einst eine kriminelle Karriere gedroht haben, doch der erwachsene Mann war von reiner Trägheit befallen. Obendrein wurde er unübersehbar immer attraktiver – die Mädchen waren ihm überall verblüffte Blicke voller Hilflosigkeit zu -, und das Witzige daran war: Für jemanden, der so blendend aussah, schien es nicht richtig, so wenig im Kopf zu haben.“

Die beiden Männer lernen durch Zufall die einsame Gloria und deren Kinder Rachel und Phil kennen.

Nicht weniger böse als Evans` Charakterisierung ist die Beschreibung von Gloria bei einem Treffen mit Charles, der ihr dabei gesteht, dass er nur mangelnde Sehkraft hat:

„Und so war es durchaus möglich, dass er ihre Falten an Hals und Gesicht und den Fettfleck, den eine heruntergefallene Wurstscheibe auf dem Oberteil des besten ihrer drei Kleider hinterlassen hatte, nicht sehen, dass er ihr Alter nicht einschätzen konnte und sich nicht fragen musste, wie er auf die unverhüllte Einsamkeit und Sehnsucht reagieren sollte, mit der sie ihn immer ansehen würde.“

Durch die Beziehung der beiden jungen Leute Rachel und Evans werden die Bande der beiden Familien ineinander verwoben. Gloria, die in der Ehe eine Chance zu gesellschaftlichem Aufstieg und einen Ausweg aus ihrer Einsamkeit sieht, kauft kurzerhand eine Bruchbude für sich und das junge Paar in Cold Spring Harbor, dem Wohnort der Shepards: Das Ende der Ehe ist damit bereits vorgezeichnet. Nichts Spektakuläres an Handlung also, sondern Geschichten, wie sie hier und dort, heute und gestern (der Roman ist in den 1940er-Jahren angesiedelt) spielen könnten.

Doch Richard Yates ist ein Meister darin, dieses alltägliche Scheitern zu sezieren. Er zeichnet oftmals ein Milieu zwischen Mittelschicht und Bohème, nur einen Schritt vom „white trash“ entfernt. Menschen, die dem amerikanischen Versprechen nach freier Lebensgestaltung nachjagen – und sowohl an den äußeren Bedingungen und den eigenen Unzulänglichkeiten scheitern.

In „Cold Spring Harbor“ macht er besonders deutlich, wie unerfüllte Lebensträume in Familien oftmals von Generation zu Generation weitergegeben werden. Väter sehen Söhne in ihren Fußstapfen. Töchtern werden die Träume der Mütter zu eng. So oder so – alles eine Schuhnummer zu groß. Gescheiterte Hoffnungen, die zur Bürde für die Nachkommen werden. Träume, für die auch kein Preis zu hoch erscheint:

„Nach dem Angriff auf Pearl Harbor war Charles Shepard tagelang krank vor Kummer. Er war noch nicht fünfzig; er wusste, wenn seine Augen nicht wären, würden sie ihn beim Militär wieder nehmen. (…) Evan war gesund und geschickt und kräftig: Er würde ein hervorragender Soldat sein und sich vermutlich für die Offiziersausbildung qualifizieren. Es war so gut wie unmöglich, dass er für diesen Krieg zu spät nach Übersee kam; und so könnte er als Lieutenant oder sogar als junger Captain dienen, um das Leben seines Vaters zu rechtfertigen.“

Familie – das ist bei Yates oft genug auch die ganz normale Hölle:

„Noch während Rachel redete und ihrer eigenen Stimme lauschte, wurde ihr allmählich klar, dass die Freude, die es einer erwachsenen Frau bereitete, ihre Mutter herabzusetzen, vielleicht etwas Universelles hatte.“

Auch wenn Yates in diesem Roman mit seinem Personal recht unsentimental umspringt, seine Schwächen messerscharf darstellt und weniger als sonst auch Mitgefühl und Wärme mitschwingen lässt – das Buch ist mitreißend, auch hochironisch, kein Wort zu viel. Yates, der Stilist, wusste, wie er sie zu setzen hatte.

Man schlägt es zu, auch ein wenig mitgenommen von den traurigen Lebensverschwendungen. Ein gutes Gegenmittel dann: Ab ins Kino, den neuen Bond oder ähnliches schauen, zur Erholung von der Realität.

Verlagsseite zum Buch hier.

25 comments on “Richard Yates: Cold Spring Harbor (1986/2015).”

  1. „Zeiten des Aufruhrs“ und „Eine strahlende Zukunft“ fand ich ganz großartig, besonders aufgrund Yates‘ glaubwürdiger Figuren, deren Lebensentwürfe und Ideale gnadenlos seziert und als Trugbilder entlarvt werden – mitunter mit bösem, hintergründigem Humor. Kein Wunder, dass Franzen Richard Yates als einen seiner Lehrmeister bezeichnet – genau diese Dinge sind es, die ich auch an seinen Romanen so schätze.

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    1. Du bringst es auf den Punkt – die Entlarvung von Lebensträumen. Es haben sich ja etliche Schriftsteller auf ihn bezogen, von ihm gelernt, so auch Richard Ford, den ich ebenfalls sehr schätze (sein „Sportreporter“ und Immobilienmann Frank könnte auch eine Yates-Figur sein) wie Stewart O`Nan und eben Franzen. Im Gegensatz zu Franzen, der durchaus manchmal zu langatmig schreibt, hat mich Yates jedoch noch nie auch eine Minute gelangweilt. Young hearts crying: https://saetzeundschaetze.com/2014/03/09/richard-yates-young-hearts-crying/

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      1. Zumindest bei den letzten drei Franzen-Romanen habe ich mich nie gelangweilt und mag das Ausufernde, aber ich verstehe, was du meinst: Bei Yates ist kein Wort zuviel, er kommt in seinen Büchern immer perfekt auf den Punkt. Von Ford und O’Nan habe ich noch nichts gelesen – was würdest du mir da empfehlen?

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      2. Von Richard Ford empfehle ich Dir „Der Sportreporter“, „Unabhängigkeitstag“ (beides in epischer Breite à la Franzen, tolle Portraits eines Mannes, Frank Bascombe, der im Mittelpunkt beider Romane steht) – „Frank“, das nochmals von Bascombe erzählt, habe ich leider noch nicht gelesen.
        Von Stewart O`Nan begeisterte mich „Alle, alle lieben dich“.
        Und ein ungefährer Zeitgenosse von Yates, John Cheever – aber den kennst Du wahrscheinlich ja schon. Hier eine Buchvorstellung: https://saetzeundschaetze.com/2015/05/24/john-cheever-ach-dieses-paradies/

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      3. Na, dann bin ich gespannt, ob Dir Richard Ford zusagt! Von Cheever werden oftmals die beiden Wapshot-Romane (hoffentlich richtig geschrieben jetzt) hervorgehoben, mir gefallen fast noch besser die „kleinen“ Sachen, die Erzählungen und der erwähnte dünne Roman.

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  2. Liebe Birgit, ich hatte es immer mal wieder mit Yates versucht, ohne dass wir zusammengekommen wären. Nun, nach der Lektüre deines schönen Beitrags kommt es mir so vor, als sei die Zeit reif … (Allerdings: WANN? – Du wirst sehen, ich „revanchiere“ mich demnächst mit einem Buchtipp, an dem du kaum wirst vorbeikommen können 😉 Sehr herzlich!

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    1. Liebe Jutta, ich versuche ja hier mühsam die Fassade eines toleranten, offenen etc. Menschen zu pinseln, obwohl ich in Wahrheit ziemlich kleinkariert und engstirnig bin – jedenfalls, was Yates anbelangt. WIE KANN MAN IHN NICHT MÖGEN???? 🙂

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    1. Dann hoffe ich, der Weihnachtsmann lässt sich von meiner Begeisterung anstecken! Es liegt ja jetzt fast alles von ihm vor – wenn Du weniger gern mit einem Roman einsteigen willst, empfehle ich Dir seine Short Stories, zu finden im Band „Elf Arten der Einsamkeit“.

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