Harald Roth: Was hat der Holocaust mit mir zu tun? (2014).

29 Kommentare
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Bild: (c) Michael Flötotto

November 2015:
Als ich im Januar 2014 erstmals auf dieses Buch aufmerksam machte, sah die Welt noch anders aus. Ja, man wußte zwar, der Schoß war fruchtbar noch. Man wusste, dass dieses Gedankengut weiter schwelte. Inzwischen aber wird ein Tabu nach dem anderen gebrochen. Was stillschweigend vor sich hin gärte, darf nun laut rausgeschrien und gepöbelt werden – und findet immer mehr Zuspruch. Das macht manchmal sprachlos. Aber es darf nicht mutlos machen.

Heime brennen. Täglich gibt es Übergriffe auf Menschen – Flüchtlinge, Helfer, Politiker, Andersdenkende. Es gibt Einschüchterungsversuche überall. Ein Beispiel im Netz: Eine rechtsradikale Seite listet im Netz die Namen „linker, verdächtiger“ Personen auf. Das sind üble Zeiten: Menschen werden namentlich der Häme und Hetze freigegeben. Ich fand darauf auch den Namen einer Bekannten, einer Pressefotografin, die sich sozial engagiert. So wird das Gefühl, dass das radikal Schlechte auch in das eigene Leben eingreift, konkret.

„Man wird doch noch einmal sagen dürfen“: Diese Einführung jagt mir Kälteschauer über den Rücken. Denn meist ist es der Prolog zu Äußerungen voller Ressentiments und Vorurteilen. Mit den meisten Menschen kann man Dinge im Dialog noch klären. Ein Bürgermeister erzählte mir von einer Bürgerversammlung in Sachen „Asyl im Dorf“ – tagelang hat ihn das Thema zuvor umgetrieben und nervös gemacht. Ihm gelang die „Ent-Ängstigung“. Ein neues Wort in meinem Vokabular.

Aber es sind finstere Zeiten. Ich habe nicht die Hoffnung, dass die ganz Verblendeten, Radikalisierten mit Worten noch erreichbar sind. Und dennoch: Ich wünschte mir, jeder von denen, die jetzt gegen Flüchtlinge und Andersdenkende pöbeln, würden gezwungen, die Holocaust-Literatur zu lesen: Tadeusz Borowski, Imre Kertész, Bruno Apitz, Jorge Semprun, Aharon Appelfeld, Jurek Becker.

Ob es etwas an deren Denken ändern würde? Ich weiß es nicht. Aber ich möchte wenigstens, dass die, die jetzt zündeln, nochmals daran erinnert werden, wie es ist, wenn die ganze Welt brennt.

Januar 2014

„Nach meiner Auffassung stoße ich, wenn ich mich mit der traumatischen Wirkung von Auschwitz auseinandersetze, auf die Grundfragen der Lebensfähigkeit und kreativen Kraft des heutigen Menschen: das heißt, über Auschwitz nachdenkend, denke ich paradoxerweise vielleicht eher über die Zukunft nach als über die Vergangenheit.“

Imre Kertész, Rede zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur, 2002
Vorangestellt dem Buch „Was hat der Holocaust mit mir zu tun?“, Herausgeber Harald Roth

1998:
Friedenspreisrede von Martin Walser in der Frankfurter Paulskirche. Ein Zitat:
„Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz; kein noch zurechnungsfähiger Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz herum; wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, dass sich in mir etwas gegen die Dauerpräsentation unserer Schande wehrt.“

Weiter sträubt es sich in mir, aus dieser Rede zu zitieren – Walser verdreht gar die Formulierung von Hannah Arendt um in eine „Banalität des Guten“, diskreditiert damit sowohl den Ansatz Hannah Arendts als auch die Anstrengungen vieler, einen Teil zur  Erinnerungsarbeit beitragen zu wollen, die eine Wiederholung verhütet. Vor allem aber predigt er einer „politikfreien“ (moralfreien?) Literatur das Wort.

Ein kluger Beitrag zur Walser-Rede findet sich hier: Erinnern oder Vergessen?

Doch der Dichter sprach dem Volk wohl aus der Seele:
„Ferner stimmen 61 Prozent (1998: 63 Prozent) der Auffassung zu, dass 58 Jahre nach Kriegsende nicht mehr so viel über die Judenverfolgung geredet, sondern endlich ein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen worden sollte.“
(Forsa-Studie)

2003:
„Jeder fünfte Deutsche ist latent antisemitisch. Dies war das erschreckende Ergebnis einer Forsa-Studie im Auftrag des stern im November 2003. Befragt wurden 1.301 Bundesbürger. Bereits 1998 wurde die Studie mit den gleichen Fragestellungen schon einmal durchgeführt, so dass sich Veränderungen über die Einstellung der Deutschen zu den Juden ablesen lassen. Demnach ist der Anteil der Deutschen mit „latent antisemitischen“ Einstellungen von 20 auf 23 Prozent gestiegen. Die Befragten konnten bei ihren Antworten aus einer siebenstufigen Skala auswählen von „trifft überhaupt nicht zu“ (Skalenwert 1) bis „trifft voll zu“ (Skalenwert 7). Wer Skalenwerte von 5 bis 7 angekreuzt hat, wird als „latent antisemitisch“ eingestuft. Auf die bewusst provokant gestellte Frage, ob viele Juden versuchten, aus der Vergangenheit des Nationalsozialismus ihren Vorteil zu ziehen und die Deutschen dafür zahlen zu lassen, antworteten sogar 36 Prozent der Befragten insgesamt mit ja (1998: 41 Prozent), 89 Prozent der Befragten mit antisemitischen Einstellungen waren dieser Meinung. Und 28 Prozent insgesamt glauben, dass Juden auf der Welt zu viel Einfluss haben (1998: 21 Prozent), 81 Prozent der Gruppe mit einer ausgeprägten antisemitischen Haltung stimmten dem zu. 1998 war der Anteil derer, die eine positive Entwicklung bei den Einstellungen gegenüber den Juden zu sehen glaubten, mit 49 Prozent deutlich größer als 2003 (36 Prozent). Heute glauben 30 Prozent, die Einstellung zu den Juden sei negativer geworden (1998: 15 Prozent) Wie aus der Studie weiter hervorgeht, meinen 16 Prozent aller Bundesbürger, die Juden hätten in der Vergangenheit nicht mehr durchgemacht als andere auch.
Quelle: http://www.lpb-bw.de/auschwitz-befreiung.html

2013:
In der ARD läuft – natürlich zu später Stunde – zum 75. Gedenktag anlässlich der „Reichspogromnacht“ ein Beitrag, der die Frage stellt: „Antisemitismus heute – wie judenfeindlich ist Deutschland?“.

Zwei Seiten – Verdrängung und Wiederholung. Die Haltung, >man könne es nicht mehr hören<, und steigender Antisemitismus gehen Hand in Hand.

Es ist also nach wie vor notwendig, vielleicht sogar notwendiger denn je, die Frage zu stellen: „Was hat der Holocaust mit mir zu tun?“. Herausgeber Harald Roth hat dies seinem Sammelband als Titel vorangestellt und 37 Antworten (oder besser: Versuche von Antworten und Annäherungen an diese Frage) zusammengefasst.  Es schreiben Holocaust-Überlebende, Schriftsteller, Politiker, Historiker, Journalisten.

Auch Roth geht in seinem Vorwort auf die Walser-Rede ein. Und stellt sie dorthin, wo sie hingehört, weist sie zurück. „Empirisch wäre zu überprüfen, ob man überhaupt von einer >Dauerpräsentation unserer Schande< sprechen kann. Walser kann man zudem entgegenhalten, dass es in einer freien Gesellschaft eine mediale Selbstbestimmung gibt: Keiner muss sich das Buch kaufen, keiner muss sich die Sendung anschauen.“

Aber: „Die Kritiker, die über ein mediales Überangebot räsonieren, übersehen meist einen simplen Sachverhalt: Für die junge Generation ist es immer eine Erstbegegnung. Zum ersten Mal erfahren sie etwas über Auschwitz, zum ersten Mal sehen sie einen Film über die >Weiße Rose<, zum ersten Mal besuchen sie eine KZ-Gedenkstätte.“

Am 27. Januar ist, in Erinnerung an die Befreiung von Ausschwitz durch die Rote Armee, der Gedenktag zur Erinnerung an die Opfer des Holocaust: In der Bundesrepublik erst (!) 1996 eingeführt, seit 2005 ebenfalls von den Vereinten Nationen. Roth weißt zurecht darauf hin, dass die Geste des Erinnerns emotional und moralisch gefüttert sein muss. Allerdings: „Die authentischen Stimmen der Zeitzeugen“ werden in absehbarer Zeit verstummen – sie jedoch „bilden für die Nachgeborenen eine emotionale Brücke zwischen dem Gestern und Heute.“

Und so sind die Stimmen der Zeitzeugen auch mit die eindrucksvollsten Berichte in diesem Buch:

Otto Dov Kulka, der von seiner späten Wiederkehr an den Ort berichtet, den er in seinem eigenen Buch „Landschaften der Metropole des Todes“ nennt.

Inge Deutschkron, die von der „Schuld der Überlebenden“ spricht und der „Pflicht, die mir meine Schuld auferlegte: Ich musste es niederschreiben Die Wahrheit, die lückenlose Wahrheit, präzise und emotionslos, so wie ich es mit eigenen Augen gesehen hatte. (…) Ich aber war wie besessen von der Idee, dass Vergleichbares nie wieder geschehen dürfe.“

Max Mannheimer, der die Lager überlebt hat, der sich niederließ im Land der Täter und auch im hohen Alter noch über das Studienzentrum in Dachau den Kontakt zu jungen Menschen sucht, um aufzuklären. Er schreibt: „Trotz der bitteren Erkenntnis, wozu Menschen fähig sind, wollte ich nicht, dass der Holocaust mich davon abhielt, an das Gute zu glauben, an die Hoffnung, an das Leben.“  Er appelliert an die Jugend: „Vergesst nicht, was geschehen ist, und entwickelt daraus Maßstäbe für euer eigenes Handeln.“

Edward Kossoy, der als Anwalt das unwürdige Feilschen um die Wiedergutmachungsleistungen erlebte: „Immer blieb es bei 150 Mark.“

Aber auch die Stimmen aus anderen Generationen (das merkwürdige Kanzlerwort von der „Gnade der späten Geburt“) kommen zu Wort – Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, die eindringlich nahebringt, was es heißt, auf der Flucht und im Exil zu sein. Lena Gorelik, deren Fragen darum kreisen, warum das Jüdischsein in Deutschland keine Selbstverständlichkeit ist, sondern immer und stets mit Klärungsbedarf (Erklärungsnot?) verbunden ist. Martina Salzmann erzählt von ihrer „Muttersprache Mameloschn“.

Viele Beiträge kreisen um die Fragen, wie es möglich war, einen Massenmord in Gang zu setzen, wie es möglich war, mitzumachen und wegzusehen, warum die Ausgrenzung und systematische Ermordung einiger Bevölkerungsgruppen in einer scheinbar zivilisierten Gesellschaft stattfinden konnte. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Seibel: „Was Hannah Arendt am Beispiel Adolf Eichmanns deutlich zu machen versuchte, war dies: Gerade dadurch, dass man kein Monster sein musste, um an der Judenverfolgung mitzuwirken, konnte sich, was als Stigmatisierung und Diskriminierung begann, in ein monströses Massenverbrechen steigern. (…) Wenn man sich an den Gedanken gewöhnt, dass sich Massenverbrechen nicht als solche ankündigen, sondern erst durch die Mitwirkung normaler Menschen mit banalen Motiven zu Massenverbrechen werden, versteht man besser, wie sie entfesselt werden und was ihre Vernichtungsdynamik tatsächlich ausmacht.“

Mit diesem Rückgriff auf die „Banalität des Bösen“ beantwortet sich auch die Frage: „Was hat der Holocaust mit mir zu tun?“. Harald Roth will mit seinem Buch junge Menschen erreichen – die Beiträge, die von Augenzeugenberichten über Portraits bis hin zu Fachbeiträgen über einzelne Aspekte (Euthanasie, Wiedergutmachung, Umgang mit Erinnerungsorten, Friedensarbeit) reichen, eignen sich gut als Einstieg und Diskussionsgrundlage. Zu hoffen ist, dass es auch jene erreicht, die die Haltung übernommen haben, „es sei jetzt genug“.

Denn:
„Das Höchste, was man erreichen kann, ist zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist, und dann zu sehen, was sich daraus – für heute – ergibt.“
Hannah Arendt

Zum Herausgeber: Harald Roth, geboren 1950 in Böblingen, unterrichtete bis 2012 an einer Realschule Deutsch, Geschichte und Politische Bildung. Er veröffentlichte Anthologien und didaktische Materialien zur NS-Zeit u.a. eine Auswahl für junge Leser aus Victor Klemperers Tagebuch 1933-45. Roth ist Mitinitiator der KZ-Gedenkstätte Hailfingen/Tailfingen und lebt in Herrenberg.

Zum  Buch: Verlagsseite

29 comments on “Harald Roth: Was hat der Holocaust mit mir zu tun? (2014).”

  1. Vielen Dank für diese kurze Einführung und vor allem der sehr präzisen Einordnung!

    Die Bundeszentrale für politische Bildung hatte vor einigen Jahren eine „Holocaust-FAQ“ im Programm. Darin waren die meisten der Fragen und Antworten enthalten, die Yad Vashem auf ihrer Internetseite bereit hält. Dieser äußerst knappe Band war innerhalb von wenigen Monaten vergriffen.

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  2. Diejenigen, die „über ein mediales Überangebot räsonieren“, empfehle ich eine Reise zu den Konzentrationslagern wie Ausschwitz etc., am besten mit der Teilnahme einer/s Holocaustüberlebenden, wie es mir im Sommer 2010 möglich war. Eindrücklich und unvergesslich! Dann verblasst „Schindlers Liste“, weil alles noch viel grausamer war, als im Film zu sehen. (Ich habe ihn mir übrigens nur nach und nach in Teilen anschauen können!) –
    Sollte anschließend immer noch „über ein mediales Überangebot räsoniert“ werden, sollte sich derjenige vielleicht doch fragen, ob er nicht ganz tief in seinem Inneren eigenem Antisemitismus begegnet. …
    Danke für den Buchtipp!

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  3. Ein sehr guter Beitrag. Die eingangs zitierten Walsersätze sind so unsinnig, dass es einem die Zehennägel aufstellt. Als ginge es beim Holocaust um etwas wie eine nationale Schande der Deutschen, über die man jetzt endlich, nach so vielen Jahren, dann doch bitte den Mantel des Schweigens legen möge. Ich habe auch keine Worte für diese Menschheitskatastrophe, aber ich habe Bücher gelesen von Primo Levi, Ruth Klüger, Jean Amery, Imre Kertész, und bei der Lektüre dieser Augenzeugenberichte kann man gar nicht anders fühlen, als dass einen das etwas angeht. Das hat etwas mit uns zu tun, und man kann nicht genug daran erinnern. Da wird elementar etwas über die Natur des Menschen erzählt, eine bittere Lektion. Und die Möglichkeit, dass etwas wie Auschwitz sich wiederholen könnte, ist real gegeben, das muss man sich immer wieder vergegenwärtigen. Darum ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte ganz allgemein sowieso, und mit den Vernichtungslagern im speziellen, immer wieder wichtig und notwendig, da gibt es keinen Schlussstrich, der da walsermäßig zu ziehen wäre.

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  4. Offensichtlich aus gutem Grund habe ich die Walser-Ergüsse nie richtig zur Kenntis genommen und mir reicht nun auch der von Dir eingangs zitierte Satz völlig. Ich habe an meiner Schule (da hat Schule mal etwas ganz Großes geleistet!) – vielleicht in der Zeit des amerikanischen Films „Holocaust – die Geschichte der Familie Weiss“, genau kann ich mich aber nicht erinnern – eine Dokumentation über die „Befreiung“ der Konzentrationslager durch amerikanische Soldaten gesehen. Nie mehr werde ich die völlig ausgehungerten Körper vergessen, der Toten wie auch der Überlebenden. Dagegen sah man die KZ-Insassen in „Schindlers Liste“ sofort an, dass es sich um wohlgenährte Schauspieleer handelte. Die Erinnerung an die beiden Filme, die ich als Jugendliche gesehen habe, hilft auch nachdrücklich gegen jeden Versuch der Relativierung und des Vergessen-Wollens. Ich begreife nicht, warum dieser Teil unserer Geschichte nicht auch als Möglichkeit begriffen werden kann, dafür zu sorgen, dass solche Gräuel nicht mehr passieren.
    Am Sonntag habe ich „Das weiße Band“ gesehen, ein sehr, sehr beeindrucker Film darüber, welche Auswirkungen eine die Kinder bzw. die Menschen zutiefst verachtende, würdelose und vor allem völlig gewalttätige Erzeiehung haben kann, die in einer partriarchal-autoritären Gesellschaft verankert ist. Der Film kann auch als Parabel gesehen werden für die Deformation einer ganzen Gesellschaft, die in solchen Strukturen lebt. Und dann ist es nicht mehr weit zu erkennen, auf welchem Boden Abwertung, Ausgrenzung und Freude am Quälen ganz wunderbar gedeihen. Warum sollen wir uns dessen heute nicht bewusst sein und mit dazu beitragen, dass es solche Entwicklungen nie wieder geben darf?
    Und wichtig ist der unverstellte Blick, man muss nur an die gerade wieder in Polikermund auftauchenden Begriffe wie „Armutswanderung“ und „Wer betrügt, fliegt“ denken, die ja alle dazu angetan sind, eine Gruppe von Menschen zuerst und vor allem zu diskreditieren, das wirkliche Problem wird dagegen nicht angeschaut.
    Velen Dank für Deinen tollen Beitrag!
    Viele Grüße, Claudia

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  5. Ich bedanke mich zusammenfassend für Eure Kommentare. Nur einige Gedankensplitter aus der Diskussion.
    Zu Walser: Die Impertinenz seiner Worte – das Inhaltliche nicht diskutabel – liegt aber auch in Ort und Zeit. Dafür die Verleihung des Friedenspreises zu nutzen, empfinde ich als zusätzlichen Affront. Zumal er seine Rede auch nutzt, um dem Schriftsteller und dessen Recht, sich nur dem Schönen widmen zu dürfen, das Wort zu reden. „Moralisch“ wäre es in meinen Augen gewesen, an seiner statt den Preis nicht anzunehmen.
    Zur filmischen Aufbereitung: Mit Streifen aus Hollywood etc. habe ich diesbezüglich meine Probleme, auch wenn sie noch so gut gemeint sind (und mit der Darstellung der Figur Schindler insbesondere). Ich verlinke hier zu Claude Lanzmanns Shoah (ausschnitt): http://www.youtube.com/watch?v=QiuDjuOKmtI
    Die dokumentarische, scheinbar einfache Struktur dieses Filmes ist kaum aushaltbar, auch in der „Alltäglichkeit“, mit der z.B. KZ-Häftlinge von ihren Aufgaben innerhalb der Vernichtungslager erzählen.
    Sprung zu Hannah Arendt: Lanzmann lehnt ja deren Begriff „Banalität des Bösen“ ab. Obwohl sein Film im Vergleich zu Schindlers Liste ja ebf. nicht auf Sensation baut – jedoch keinesfalls banal ist. So meine ich, hat auch Hannah Arendt diesen Begriff nicht nutzen wollen – sie wollte ausdrücken, an der Person Eichmanns, eines „alltäglichen“ Bürokraten, wie „normal“ der Schritt vom Handlanger zum Massenmörder ist. Und ich denke, dies ist ja auch eine der „Lehren“, die aus dieser Zeit, aus dem vorgestellten Buch, aus den Berichten und aus den Bezügen zur Gegenwart, wie sie Claudia in ihrem Kommtaren anspricht, zu ziehen sind: Die Ereignisse wären wiederholbar, (sind wiederholbar).

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  6. Es ist die ewig gleiche Litanei ; Das Einfordern „vom Ende der Schonzeit“. Als sei der Holocaust zu relativieren,als könne man die deutsche Vergangenheit,mit ihren Massenverbrechen/morden mit den Verbrechen anderer Länder aufwiegen.Als könne man die Vergangenheit einfach so abschütteln.Für unsere Generation ist es gut machbar die Erinnerung wachzuhalten,denn wir sind nicht involviert gewesen,wir haben heute in der Gegenwart die Möglichkeit ,relativ unbelastet(weil nicht unmittelbar betroffen gewesen),davon zu erzählen und berührt zu sein.Ich sehe es als notwendig an,auch deshalb,um der Opfer zu gedenken und um zu verhindern, dass es wieder geschieht.

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  7. Pingback: Exil |
  8. Danke dir für diesen wichtigen Artikel- einmal mehr weiss ich jetzt warum ich Walser irgendwann als für mich nicht lesbar einsortierte … das ist das eine, das andere ist, dass mich das Jetzt doch auch immer wieder ängstigt, dass ich mich gehörig schütteln muss, um mich mutig dagegen zu stellen, mir hilft das Wissen, dass ich nicht allein damit bin.

    herzliche Grüsse
    Ulli

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  9. There are no generations who have responsibility for previous generations – whether good or bad impressions from these generations – we can not live on other generations success stories – we can not live in the shadow of other generations misdeeds – those who fail are those who decorate themselves the older generations‘ successes or those mirroring and look up to other generations misdeeds – every new generation have their own chance for making their history – .no one need to assume a role of victim, guilt or personal shame, but of course, not use it as a role model.

    My grandfather was very active in the fight against the german occupation troops in the 1940s – thus prominent member of the resistance – but let never hide the fact that the enemy for him was not the german people but those who did it.

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    1. Many thanks!
      Meine Antwort in deutscher Sprache, es fällt mir leichter: Ja, es hat schon jede Generation die Verantwortung für sich selbst. Und es geht auch nicht darum, „Schuld“ weiterzugeben. Aber Geschichte kann dazu dienen, aus ihr zu lernen. Und das ist heute in Deutschland wieder sehr notwendig. Diese Pegida-Demonstrationen, die brennenden Asylheime, der offene Rechtsradikalismus: Das darf nicht sein, das darf kein Massenphänomen werden.
      Und ich gratuliere Dir zu Deinem Opa! Auf solche Menschen darf man stolz sein. Liebe Grüße Birgit

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      1. In Denmark there are (too many) look a like Pegida people – don’t like this „massenphänomen“ at all – lived about 10 years of my childhood and youth in the cities of Schleswig and Flensburg and know very well that „Germans today“ are my friends just as I’m their – yes I admire the man „mein Opa“ was. 🙂

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  10. Dass jetzt links eingestellte Personen von den den Rechtsradikalen wie Staatsfeinde angeprangert werden, macht mir wirklich Angst. Das erinnert mich zu sehr an die 30er Jahre. Dabei sind die flüchtlingsfreundlich eingestellten Bürger doch in der Mehrzahl. Ich hoffe sehr, dass diese Mehrzahl laut genug bleibt, um sich auch durchzusetzen.

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  11. Ich kann keine Holocaust-Bücher mehr lesen, ich kann keine Filme darüber mehr sehen. Ich habe alles gelesen, was es in den 80ern und 90ern dazu gab, hab mit Überlebenden geredet und die Lager besucht und es fröstelt mich, wenn ich daran denke. Irgendwann hat mich das alles erdrückt, und ich wollte nach vorne schauen, wollte wissen, was wir daraus gelernt haben. Und wenn ich jetzt sehe, wie die Mehrzahl der Deutschen die Menschen empfangen, die vor Krieg und Folter fliehen, dann bin ich froh. Ja, es gibt in Deutschland Menschen mit einem festen rassistischen Weltbild, die gibt es schon seit Jahrzehnten. Aber sie werden radikaler, gewaltbereiter und sie haben eine Partei. Kann ich durch das Gedenken an Auschwitz verhindern, das es mehr werden? Auschwitz als System ist für mich unfassbar. Was mich immer wieder aufrüttelt, sind die kleinen Beispiele, die das perverse Denken derer zeigt, die daran beteiligt waren. Als ich vergangenes Jahr das Museum zum „Mittelbau Dora“ im Harz besuchte (ich kann es nicht lassen), las ich da, dass man den Kranken und Schwachen absichtlich die schwerste Arbeit gegeben hat.. Das reichte mir wieder für den Tag.

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    1. Es macht immer den Unterschied, wer es sagt, dieses „ich kann davon nichts mehr sehen“. Wenn es jemand wie Du, der sich offenbar intensiv damit beschäftigt hat, dieses individuell für sich sagt, ist das etwas anderes als wenn es eine Person des öffentlichen Lebens, der zumal als Schriftsteller auch eine Art „moralische“ Instanz ist, dies tut. Weil das ein Signal ist, das von vielen falsch verstanden werden kann (und will). Das ist das Eine. Ob man die Radikalen damit erreicht? Vielleicht nicht. Aber wie sonst? Und wenn einer öffentlich den KZ nachtrauert, dann möchte ich den einfach zwangsweise allen Filmen und Büchern aussetzen, die es gibt, solange, bis er es kapiert hat. Da kommt bei mir einfach Wut auf, dass solche Äußerungen möglich und denkbar sind…

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  12. Danke Birgit für diesen Beitrag. Ich trage mich auch schon mit dem Gedanken, etwas dazu zu schreiben – weil es einfach so unsäglich ist, was gerade passiert und wir nicht still sein dürfen. Zugegeben, anfangs habe ich mich auch gefragt, was dieses Mahnmal mir sagen will, aber jeder, der es einmal betreten hat, dieses Stehlenfeld, hat sofort eine Ahnung davon, wie es war, sich verfolgt zu fühlen, nicht frei einen eigenen Weg wählen zu können. Es ist erstaunlich und eindringlich und wir müssen die Erinnerung an die Geschehnisse wach halten. Für die uns, für eine freie Zukunft. HIer noch ein link zu einem Verein, der eine wunderbare verbindende Arbeit leistet: http://heimatsucher.de/ Solidarische Grüße,

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    1. Das Fürchterliche ist: Dieser Höcke ist Lehrer, wenn auch beurlaubter. Mir graust es bei dem Gedanken, dass solche Menschen auf Jugendliche losgelassen wurden und ihre Haltung da vielleicht weitergaben. Man macht sich – neulich sah ich so einen Tweet, dessen Inhalt es war, man müsse nur die Posts mit den Rechtschreibfehlern löschen und hätte schon weniger Probleme mit den Rechten – lustig über die besorgten Bürger, steckt sie in die Ecke mit ungebildeten „Prols“. Aber wieviele Akademiker da rumspringen, Pädagogen und Philosophen – das ist das Erschreckende. Weil die in der Lage sind, Menschen mit diesem kranken Scheiß anzustecken. Ja, schreib was! Jeder sollte jetzt dagegen anschreiben! Und danke für den Link.

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      1. Ja, ich schreib was. Ich habe ja mein Abi auf dem zweiten Bildungsweg gemacht und am Nürnberg Kolleg war zu der Zeit ein GESCHICHTSLEHRER, der merkwürdige Ansichten hatte zur Naziherrschaft. Ihn konnten sie nicht rauswerfen, denn er war jahrzehnte vebeamtet, deshalb kam er in die Erwachsenenbildung, damit er jüngere, vielleicht nicht so kritische Geister nicht verderben konnte. Wir haben gekämpft gegen ihn, mit allen Mitteln … und irgendwann eine Beurlaubung erwirkt. Es war unsäglich, was dieser Mann in seiner Freizeit getan hat. Er hatte sogar ein Oberlippenbärtchen … wenn ich an den denke, dann kriegt ich Blutdruck … Und dann denke ich an Menschen wie Hardy Krüger und Hans Söhnker … und denke mir, wir kriegen es noch besser hin, weil wir es wissen, weil wir mehr sind, weil die „Alten“ mit uns sind …

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