LESARTEN: #fluchtgeschichten.

Ein Beitrag zur Blogparade beim Literaturfest München 2015: #fluchtgeschichten.

17 Kommentare

2015-10-28 12.23.30

Der Beitrag von Jutta Reichelt zur Blogparade #fluchtgeschichten im Rahmen des Literaturfestes München hallt in mir noch nach. Auch in bin eine, die gerne sagt: „Ich reise lieber mit leichtem Gepäck“.

Unvergesslich für mich die Szenen einer Ehe in der S-Bahn zum Flughafen München. Ein bayerisches Paar, schon vorgebrannt und vermutlich vorgeglüht, auf dem Weg zum Ballermann.
Er: „Hast Du das Reisenessaicare eingepackt?“
Sie: „Nee. Das hast doch Du.“
„Ja, sakra, wozu hast Du das Ding?“, sagt er mit Blick auf ihren Hartschalen-Kosmetikkoffer.
Ein veritabler Ehestreit war die Folge. Das Überleben auf Mallorca ohne Reisenecessaire fundamental in Frage gestellt. Für mich seinerzeit allergrößtes Amüsement: Ich packe in meine Tasche drei T-Shirts, zwei Hosen, Unterwäsche, Badezeug … immer in der Gewissheit, dass das, was verloren geht, nachgekauft werden kann.

Nein, ich will nicht moralisieren und predigen über unseren westlichen Lebensstil. Aber das sind eben die Assoziationen, die mir dieser Tage durch den Kopf gehen, wenn ich über „leichtes Gepäck“ nachdenke: Was für ein Luxus es sein kann, mit „leichtem Gepäck“ unterwegs zu sein. Aus eigener Entscheidung. Unbeschwert.

Die Flüchtlinge, die wir dieser Tage sehen, sind ebenfalls mit „leichtem Gepäck“ unterwegs. Aber keinesfalls unbeschwert. Viele haben nur das Nötigste bei sich, sind für die winterlichen Temperaturen in Europa kaum gerüstet.

In Augsburg entstand die Initiative „Übergepäck eines Flüchtlings“. Ein passender Name. Denn diese Menschen haben nichts dabei. Aber sie tragen ein Gepäck mit sich, das ist tonnenschwer.

Mir fällt das alte Kinderspiel wieder ein:
Ich packe meinen Koffer und in den tue ich

  • das Geräusch einer Fassbombe
  • den Geruch von Feuer und Brand
  • die Schreie verletzter Menschen
  • die Angst in der Nacht
  • den Geruch von Giftgas….

Was fällt Euch noch ein, was zum Übergepäck eines Flüchtlings gehören könnte?
Was geht Euch durch den Kopf, wenn ihr Menschen auf der Flucht seht?
Vielleicht mögen sich noch einige mit ihren Texten an der Blogparade #fluchtgeschichten beteiligen:

http://blog.litmuc.net/2015/10/19/blogparadefluchtgeschichten/

17 comments on “LESARTEN: #fluchtgeschichten.”

    1. …und ich nehme mit: Erinnerungen, die ich nicht in Worte fassen kann, nicht in die der eigenen Sprache und nicht in die der Sprache des neuen Landes. „Sprachlosigkeit“ häufig auch eine Folge von traumatischen Erlebnissen – bei den Flüchtlingen heute, bei Verfolgten vergangener Tage: https://saetzeundschaetze.com/2013/11/10/otto-dov-kulka-aharon-appelfeld-ringen-um-die-sprache-ringen-um-die-erinnerung/

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  1. Guten Morgen liebe Birgit!
    Ich nehme mit in mein Gepäck: – Die Angst vor Ungewissem. Die Angst vor Feindseligkeit. Die Verzweiflung.
    Ich wünsche den flüchtenden Menschen in ihrem Gepäck aber auch : Zuversicht. Mut. Hoffnung.
    In unserer Schule haben wir einige Flüchtlingskinder, es erfordert eine große Sensibilität, den schmalen Grat zu beschreiten zwischen Trost, Verständnis und Struktur.
    Es ist gut zu sehen, dass es vielen Menschen wichtig ist zu helfen!
    Danke für Deinen wunderbaren Beitrag! Liebe Grüße, Petra

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  2. kürzlich fuhren wir mit dem Zug aus Italien zurück nach München. Auffallend viele dunkelhäutige Menschen waren in den Nachbarabteilen. Nein, insgesamt waren es nicht sehr viele, aber genug, um aufzufallen.

    „Flüchtlinge“, raunte man sich in den Abteilen zu. Eine dunkelhäutige Frau mit großer Handtasche und überdimensioniertem Koffer wuchtete ihr Gepäck an unserem Abteil vorbei. „Da, schau, Flüchtlinge!“, hieß es wieder. Ich sagte: „Ich glaube nicht, dass diese Frau Flüchtling ist“ – „Wieso? Die haben doch immer so viel Gepäck“
    Ich schaute verdutzt. „Die haben fast gar nichts. Ich habe bei der Arbeit am Hauptbahnhof niemanden mit so einem riesigen Koffer gesehen – wie sollen sie den auch nach Deutschland bringen?“ – – „Echt? Ich dacht immer, die haben total viel Zeug dabei!“

    Einige der Mitreisenden dunklerer Hautfarbe wurden in Rosenheim aus dem Zug geholt. Die Frau mit dem überdimensionierten Koffer war – natürlich – nicht darunter, sie reiste wie wir alle weiter nach München.

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    1. also, was ich sagen will: Drin, im Übergepäck eines Flüchtlings, sind auf jeden Fall: Unzählige Vorurteile und Gerüchte, Klischees und wildeste Ideen, die andere über ihn haben.

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    2. Danke! Das passt gut zu den Gedanken um das „leichte Gepäck“. Was mich wütend macht: Das Menschen, die im Warmen sitzen und alles haben, dumme Bemerkungen über Smartphones bei Flüchtlingen machen oder über das wenige Persönliche, das diese Menschen retten konnten. Diese ganze Angst, es würde einem jetzt etwas vom Wohlstandskuchen weggenommen…

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      1. Kürzlich habe ich von einem Versuch gelesen, den eine Lehrerin mit ihren Schülern gemacht hat. Sie gab ihnen einen Plastikbeutel und sie sollten schnell all die Dinge einpacken, die sie mitnehmen würden, wenn sie schnell fliehen müssten. Jeder Schüler hat sein Smartphone eingepackt…

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  3. danke für den beitrag. und ach, ich seh immer die füße der menschen, die wundgelaufenen, strapazierten, in flipflops, in turnschuhen, die schon fast auseinanderfallen – und so weit noch zu gehen …

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