Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe (2011).

25 Kommentare

Feature

Noch einmal ein Blick zurück auf meine Favoriten vergangener Buchpreise – Judith Schalansky stand 2011 zwar „nur“ auf der Longlist. Macht nichts. Die Giraffe hat den längeren Atem – das Buch macht immer noch Freude beim Lesen.

„Alle machten sich vom Acker. Nichts hatten sie begriffen. Wer die Welt verstehen wollte, musste zu Hause damit anfangen. In der Heimat. Unserer Heimat. Von Kap Arkona bis zum Fichtelberg. Abhauen war ja keine Kunst. Das hatte sie immer den anderen überlassen. Es hatte nur eine kurze Zeit gegeben, in der sie mit dem Gedanken spielte. Aber das war lange her. Sie war geblieben. Freiheit wurde überbewertet.“

Judith Schalansky, „Der Hals der Giraffe, 2011, Suhrkamp

Was wir natürlich schon immer ahnten: Das Tierreich ist kein Ponyhof. Und schon gar nicht dort, wo sich die selbsternannte höchste Spezies tummelt. Und erst recht nicht, wenn der Schauplatz eine im Niedergang befindliche Schule in Ostdeutschland ist und die Masse der Protagonisten aus „Pubertierern“ besteht. In diesem Biotop bewegt sich die Biologielehrerin Inge Lohmark. Etwa 35 Berufsjahre auf dem Buckel und zwei politische Systeme. Man kann die Studienrätin aus Ostpommern getrost als Misanthropin bezeichnen. Für sie ist der Mensch „ein flüchtiges Vorkommnis auf Proteinbasis“, ihre Schüler sind „Nachschub fürs Rentensystem“.

Das Leben und die Schule. Aus Inge Lohmark haben sie eine Pädagogin gemacht, die nach dem Leitbild handelt: Es braucht „keine Nähe, kein Verständnis“. Darwinismus im Klassenzimmer. Menschliche Stärke schöpft sie aus der alleinigen Konzentration auf ihre Sache, die Biologie. So kann man das Scheitern der Mutter-Tochter-Beziehung, eine lieblose Ehe, ein politisches Unrechtssystem, das bis in die Schule eingreift, draußen halten. Endstation Vorpommern.

Witzig, lakonisch, staubtrocken schildert Judith Schalansky, wie das Weltsystem der Inge Lohmark ins Wanken gerät. So wird der Roman zum antidarwinistischen Manifest. Lesenswert, befand auch die FAZ: „Judith Schalansky hat einen originellen, eigensinnigen und hellwachen Roman geschrieben, mit dem sie sich an die Spitze der literarischen Evolution setzt.“

Und das Buch ist, in seiner gebundenen Ausgabe, auch äußerst sehenswert: Von der Stiftung deutscher Buchkunst wurde der „Hals der Giraffe“ 2012 als schönstes deutsches Buch ausgezeichnet: „Bei diesem Buch passt einfach alles zusammen: das mutig ausgewählte, sehr raue »Bibliotheksleinen«, die grobe, fast ruppig wirkende Schrift für die Deckenprägung und der historisch wirkende Druck der Illustrationen.“

Außerdem von Judith Schalansky hier zu finden:
Der Atlas der abgelegenen Inseln

25 comments on “Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe (2011).”

  1. Ich war auch sehr begeistert von diesem Buch und habe es oft verschenkt. Leider hielt sich die Euphorie der Beschenkten in Grenzen. Inge Lohmark ist schon sehr unsympathisch, aber gerade das finde ich spannend und vor allem auch authentisch. Ich habe solche absolut zynischen Lehrer-Charaktere wirklich kennengelernt. – Die Aufmachung des Buches ist außergewöhnlich und so wunderbar zum Inhalt passend, wie ein altes Biologie-Lehrbuch. Es ist ja heute relativ selten, dass für das Layout so viel Aufwand betrieben wird. Aber ist die Autorin nicht auch Grafikerin? Irgendwie habe ich das so im Hinterkopf. – Vielen Dank noch mal für diesen schönen Beitrag. Liebe Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia, ja, die Aufmachung ist toll, die Illustrationen, die ich vergaß zu erwähnen, die Habtik. Da stimmen Inhalt und Form. Verschenkt habe ich es bisher nur einmal – einem Lehrer, und der fand es gar nicht gut 🙂 LG Birgit

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  2. Das Buch habe ich vor ein paar Jahren auch gelesen, habe es mir als es auf Long- oder Shortlist stand, zu Weihnachten oder zum Geburtstag schenken lassen und es hat mir sehr gut gefallen, bin ich ja sehr an der DDR-Geschichte interessiert, aber auch der Person dieser strengen verknöcherten Lehrerin, der da plötzlich der Boden unter den Füßen weggerißen wurde, konnte ich viel abgewinnen.
    https://literaturgefluester.wordpress.com/2012/02/13/der-hals-der-giraffe/

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    1. Lies es unbedingt! Der knochen (resp. furz-)trockene Ton, das Lakonische, das gefällt Dir bestimmt. Und auch wenn die Naturkunden-Reihe von Judith Schalansky großartig ist: Ich hoffe doch sehr, sie schreibt mal wieder einen Roman…!!!

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  3. Ich hab die Schalansky mal lesen gehört, auf einer mehrtägigen Konferenz. Das war toll. Das Buch ist es sowieso und es gibt das noch einige Details in der Aufmachung, die man so gar nicht schnell bemerkt. Verschenkt habe ich es auch schon und alle hatten damit bisher viel Spass. 🙂

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  4. Ich wünsche mir jedes Jahr gute Bücher zum Geburtstag von einer Freundin und bekomme immer großartige Neuerscheinungen geschenkt, natürlich war da auch vor ein paar Jahren Der Hals der Giraffe dabei. Schön, daß Du hier noch einmal an das Buch erinnerst, noch ein Grund es jetzt wieder zur Hand zu nehmen.
    Nicole xx

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    1. Liebe Nicole,
      zu so einer Freundin mit dem richtigen Bücherhändchen kann man Dich nur beglückwünschen! Und das ist ein Buch, das nimmt man nicht nur wegen des Inhalts immer wieder gerne zur Hand – eine optische + haptische feine Angelegenheit.

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