Gertraud Klemm: Aberland (2015)

Gertraud Klemm schreibt giftig, zubeißend, mitreißend. Ein Roman mit brillanten Alltagsbeobachtungen und Szenen voll schreiend komisch-bissigem Humor.

25 Kommentare

DSC01513„Franziska lehnt an der Wand, die Lesung dieser Rothaarigen will und will nicht enden, sie hört sich offenbar gerne reden, was Beatrice wieder daran findet, aber immerhin ist es nicht dieser knappe, karge Stil, der unparfümiert wirken soll, sondern ein üppiger, als würde sie die Fundstücke mit beiden Händen in einem Bottich mit Worten wühlen und die ins Publikum werfen, Franziska denkt an den letzten Bestseller, den sie gelesen hat, authentische, kraftvolle Prosa, stand in der Zeitung, aber wie so oft blieb es eine trockene Angelegenheit, sie hat ihn schlecht gelaunt weggelegt, nichts darf mehr saftig und opulent sein auf dieser Welt, nicht im Käse und nicht im Wein und nicht in der Literatur (…).“

Gertraud Klemm, Aberland, 2015, Droschl Verlag

Nein, den Vorwurf könnte man dem Roman von Gertraud Klemm nun beileibe nicht machen, dass er eine trockene Angelegenheit sei. Da mäandern die Gedanken der beiden Frauen aus gutem Hause saftig und opulent über kaum endend wollende Sätze hinweg, da jagen sich die Bosheiten und das innere Aufbegehren atemlos und authentisch wirkend, da wird in Worten gewühlt und man fühlt sich – wie Carola Ebeling es in der Zeit trefflich beschrieb – nach der Lektüre beinahe „bespuckt wie von den Essensresten eines Kleinkindes“.

Das Problem jedoch ist, dass die beiden Protagonistinnen weitaus weniger kraftvoll agieren als es die kraftvolle Klemm-Prosa wünschen lässt, dass beide Frauen nur mit Ladehemmung handeln, dass insbesondere Franziska einen zu schwachen Magen hat, um den saftigen Wein des Lebens zu genießen. Sie stellt damit eine weitere jener Frauenfiguren dar, die mir in jüngster Zeit des öfteren in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur begegneten – und die ich im echten Leben nicht unbedingt zur besten Freundin haben wollte.

Mag sein, ich fühle mich inzwischen etwas „milieuschilderungsgeschädigt“. Ein Blick auf „Die Glücklichen“ durch die „bodentiefen Fenster“ und schon bin ich voll im „Aberland“ gelandet. Aber – kann es das gewesen sein, was von der motzigen, wütenden, frechen Frauenbewegung der 70er und 80er Jahre übrig geblieben ist? Diese Resignation, der Rückzug ins Private? Statt des Kampfrufes „Mein Bauch gehört mir“ der eher larmoyante Seufzer „Auweia, mein Bauch gehört mir immer noch nicht“?

Gut, literarisch waren die Erzeugnisse der Emma-Anfangszeit nicht unbedingt ergötzlich („Der Tod des Märchenprinzen“ mein persönlicher Tiefpunkt) und gingen dann sachte über in die schon deutlich im Temperament gezügelten männermordenden Phantasien einer Ulla Hahn („Ein Mann im Haus“), Elke Schmitter („Frau Satorius“) und mündeten in die Kriminalromane der Inge Noll, die für mich den Einzug einer gewissen literarischen Behäbigkeit in der frauenbewegten Literatur kennzeichnen. Der Furor einer Jelinek blieb die Ausnahme.

Und wie sieht es heute, in der nächsten Generation von Frauen, die über Frauen schreiben, aus? Ein allgemeingültiges Urteil kann ich dazu nicht treffen, zu wenig habe ich davon gelesen in letzter Zeit. Mein Eindruck stützt sich auf die drei eingangs genannten Romane:

– „Die Glücklichen“ von Kristine Bilkau (im gemeinsamen Blogger-Leseprojekt hier diskutiert)

– „Bodentiefe Fenster“, das ich, von den Figuren und dem Erzählduktus eher angenervt, abgebrochen habe – eine Besprechung, die meine Leseeindrücke wiedergibt, findet sich bei Zeilensprünge

– und nun „Aberland“ von Gertraud Klemm, auf meiner Leseliste im Rahmen der Buchpreisblogger.

Zwar stehen bei Bilkau vordergründig die Themen der Gentrifizierung, der Globalisierung, der unsicheren wirtschaftlichen Lage kreativer Berufe im Vordergrund, bei Stelling die Milieuschilderung im Selbstverwirklichungs-Biotop Prenzlauer Berg. Doch kreisen beide Bücher auch um die Thematik, wie junge, moderne, meist akademisch gebildete Frauen mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zurechtkommen – oder vielmehr: Mit der Un-Vereinbarkeit nicht zurechtkommen.

Gertraud Klemm fokussiert sich in ihrem Roman einzig auf diese Frage: Wie kann das gehen, seinen Anspruch auf berufliche Selbstverwirklichung mit den Anforderungen des Familienlebens, mit Mann und Kind, in Einklang zu bringen? Sprachlich ist dieser Roman für mich der gelungenste der drei Beispiele: Klemm schreibt giftig, zubeißend, mitreißend, packt in ihre mäandernden Satzschlangen und Wortkaskaden teilweise brillante Alltagsbeobachtungen, teilweise Szenen voll schreiend komisch-bissigem Humor.

„Die Rede neigt sich dem Ende zu, jetzt wird die berufliche Klimax in ihre Einzelteile zerlegt, die wichtigsten Entscheidungen, die Beförderungen, und natürlich wieder die Verschränkung mit dem eigenen Geleisteten, geschickt macht er das, wie eine bunte Strähne in ein Zöpfchen eingeflochten wird, so dezent und dekorativ verwebt er sein Ego in die Rede, eine Kunst ist das, grausig, was alles passiert, wenn einem ehemaligen Platzhirsch erst das sexuelle Selbstverständnis abhanden kommt und dann das berufliche, da müssen Philosophie herhalten und Kunstgeschichte, Zitatebücher werden auswendig gelernt, da wird den Jungen das Wort abgeschnitten, die Sessel werden unter den Hintern weggezogen, überall, wo es nur geht, machen sie sich breit, auf der Universität und in den wohltätigen Gremien, am Buchmarkt, auf den Bühnen und Podien der lokalen Kulturszenen, alles sauer gewordene Männer.“

Der Roman schildert zwei Frauen, beide treten mit einem langen inneren Monolog, einem Gedanken- und Bewusstseinsstrom, in wechselnden Kapiteln auf.

Da ist die 59jährige Elisabeth, die Leere ihres Alltags mit Körperpflege oder besser „Körper-Erhaltung“ beim Sonnenbaden, Massagen und im Kosmetiksalon füllend, mit dem frisch pensionierten Kurt an ihrer Seite und möglichen, aber unausgelebten Affären im Kopf, wie so manches in diesem Leben unausgelebt erscheint.

Und da ist ihre Tochter Franziska, in ihrer Bulthaup-Küche sitzend, mit Atemübungen gegen die Atemlosigkeit ankämpfend („sich zurückatmend in ihr glückliches Leben“), die zwischen dem Wunsch, endlich die Dissertation fertigzubringen, und der Realität von Kindergeburtstagen, Wäschebergen und einem Mann, der der Karriere willen meistens abwesend scheint, entsteht. Dazu werden von Gertraud Klemm noch fast klammheimlich böse die ganzen Klischees moderner, bürgerlicher Familien untergebracht: Yoga, veganes Essen, das übliche Bio-Schuldbewusstsein, etc.

Beide, wie beschrieben, im inneren Aufstand gegen ihr Dasein, ihren Status quo – Elisabeth gegen den der „Nur-Hausfrau“, Franziska gegen den derjenigen, die in der Partnerschaft trotz ihrer Dissertation doch den Hauptanteil an Kindererziehung und Haushalt übernehmen muss. Die jeweiligen Männer dazu: Zeit fließt in die eigene Karriere und in das Pflegen von Männerbünden.
Als Gegenfigur, die sich in ihrer Bindungsunfähigkeit und sexuellen Haltlosigkeit jedoch bald als unbefriedigend erweist, tritt der alternde Künstler Jakob auf. Beide Frauen sind mit ihm verbunden – Franziska geht eine kurzfristige Affäre mit ihm ein, wird aber bald ausgetauscht. Sie weiß nicht, dass auch ihre Mutter ihn schon lange kennt, mit Apfelkuchen und Geldzuwendungen betütelt, aber es beim Platonischen beläßt. Franziska vollzieht sozusagen, was sich Elisabeth versagt. Und findet dennoch darin keine Erfüllung, keinen Ausweg: Beide Frauen sind nicht zur Libertinage begabt, zu sehr denn doch ihren bürgerlichen Vorstellungen verhaftet.

Dies alles blättert Gertraud Klemm gnadenlos von Kapitel zu Kapitel auf. Den Kapiteltexten voran gestellt sind jeweils grafisch gestaltete Einladungen zu den „Events“, die die Zeit der Frauen füllen, Muttertag, Kindergeburtstage, Gartenpartys, etc. Für meinen Geschmack ist das etwas zu verspielt, bricht die fortlaufende Bissigkeit des Textes.

Was mir jedoch an diesem Buch so wenig behagt wie an den anderen genannten – auch wenn es in dieser Reihe das deutlichste ist, die Dinge am deutlichsten benennt, am radikalsten sprachlich und inhaltlich den Finger auf die Wunde legt – es geht keinen Schritt über die Darstellung des gesellschaftlichen Status quo hinaus. Zwar analysiert und demontiert Gertraud Klemm in ihrem wütenden Text den Zustand der Verhältnisse gnadenlos, aber auch ihre Protagonistinnen finden aus dem Zustand der Erstarrung nicht heraus, lassen sich zurück in klassische Rollenmuster drängen bzw. drängen sich selbst.

Gertraud Klemm bezeichnet sich selbst als feministische Autorin. Mit ihrem Roman gelingt es ihr zwar, die Fallen aufzuzeigen, in denen Frauen sich heutzutage verstrickt sehen und selber verstricken. Das kann beim Lesen durchaus Prozesse freisetzen, dazu führen, auch eigene Anspruchshaltungen und Erwartungen zu hinterfragen. Und dennoch wirkt diese Suada von Frustrationen ab einer gewissen Länge erschöpfend: Man ahnt als Leserin, als Leser, der innere Aufstand führt zu nichts. Es ist ein Kreisen um die innere Befindlichkeit ohne Auflösung, ohne Befreiung in einer Aktion.

Noch einmal Carola Ebeling:

„Gertraud Klemm geht es um die gesellschaftlichen Strukturen, die diese Normalität nach wie vor befördern – aller Rede von Fortschritten in der Gleichberechtigung zum Trotz. Kommen Kinder ins Spiel, finden sich auch jene Paare in tradierten Geschlechterrollen wieder, die dies nie vorhatten. Das ist bekannt. Das ist auch Statistik. Kann man daraus Literatur machen? Gertraud Klemm kann es.“

Ja, es ist Literatur. Und von dieser kann man sicher keine Allheilmittel gegen gesellschaftliche Entwicklungen und Zustände erwarten. Doch wenn es zum Trend würde, es bei der Ist-Darstellung zu belassen – und kommt sie noch so böse, witzig oder satirisch daher – so wäre mir dies zu wenig. Auch vor dem Hintergrund der eingangs ebenfalls erwähnten Romane von Bilkau und Stelling, stelle ich mir nochmals die Frage: Wo sind die Utopien, die Visionen? Wo die Frauen, die aufbegehren? Wo bleibt die rote Zora?

Mit Dank an den Droschl Verlag für das Rezensionsexemplar.

25 comments on “Gertraud Klemm: Aberland (2015)”

  1. Liebe Birgit, deine Frage nach den aufbegehrenden Frauen, die ich an einem freien Tag zur Mittagsstunde lese während ich mich gerade behaglich zurücklehnen wollte. Die Gabel mit dem Stückchen Eierschecke schon fast am Mund, fühle ich mich beinahe ertappt als weiblicher Waschlappen, der im Moment lieber deine Rezensionen liest als die Bücher selber… Und wenn ich dann deinen Hinweisen folge – hier mal schnell zum Märchenprinzen springe, merke ich auch noch, was ich alles vergessen habe und fühle mich wie der legendäre H.M.-Patient, der sich aufgrund eines Kurzzeitgedächtnisverlustes immer wieder neu an Dingen erfreuen konnte 🙂
    Ich grüße dich trotzdem fröhlich (und mit vollem Kuchenmund) und freue mich auf den nächsten Beitrag 🙂
    Herzlichst,
    Birgit

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      1. https://de.wikipedia.org/wiki/Eierschecke
        Ich habe gerade bei Wikipedia (und indirekt durch dich) gelernt, dass Eierschecke eine sächsisch bzw. thüringische Sache ist. Ich dachte, das sei sowas wie Mohn- oder Streuselkuchen, den jeder kennt… Ich wünsche dir ein sonniges Herbstwochenende – genießen wir jeden Strahl, denn der Winter ist unabwendbar (aber auch da werden wir was draus machen 🙂 )
        Herzlichst,
        Birgit

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  2. Ich war wie beschriebenhttps://literaturgefluester.wordpress.com/2015/08/22/aberland/schon beim Bachmannlesen https://literaturgefluester.wordpress.com/2014/07/06/klagenfurter-wettlesen/vor einem Jahr etwas erstaunt, welch große Beachtung der Text gefunden hat, wo ich mir eigentlich dachte „Das kennen wir alles schon!“, denn ich habe in den Siebzigerjahren auch die Emma gelesen.
    Ein Jahr später habe ich dann gehört „Der Feminismus ekelt mich an und ist nur etwas für Sozialhilfeempfängerin, ich brauche das nicht!“, von einer jungen https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/05/30/frauenpower-beim-bachmannpreis/ rotzfrechen Frau, die vielleicht auch deshalb studieren und in Klagenfurt lesen konnte, weil ihre Groß- und Urgroßmütter auf die Straße gegangen sind und angesichts dessen, was mit den Frauen in den islamischen Staaten, siehe Hoellebecq https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/03/22/unterwerfung/passiert, ist das Thema vielleicht doch noch nicht so überholt.
    Und der Ruf nach den starken Frauen? Vielleicht können die jungen Migrantinnen, der zweiten oder dritten Generation, die die Schule als sekundäre Analphabeten verlassen und keinen Arbeitsplatz finden, nicht so laut schreien und die Frauen aus Moldawien, Tschetschenien, die in einem Bordell landen, sind da wahrscheinlich ebenfalls beschränkt!
    Franziska und Elisabeth sind dagegen Mittelschichtfrauen in einem sehr eletären niederösterreichischen Städtchen, essen Sushi, trinken Sekt etc.
    Das kranke Kind muß Franziska aber wahrscheinlich vom Kindergarten holen und wenn die Dis dann fertig ist, sind ihre männlichen Kollegen vielleicht schon Dozenten.
    Ich fürchte das Schreien und der kraftvolle Feminismus ist doch nicht so leicht und mit dem, was so flott als das vielleicht „Österreichische Böse!“ gepriesen wird, habe ich meine Schwierigkeiten und vor allem haben mir die „Todesengel“ nicht gefallen, denn das sind slowakische Pflegehelferinnen, auch wenn sie ihre Patienten naturgefmäß meistens in den Tod begleiten, wohl wirklich nicht!
    Auf die Anke Stelling, die ich nach der Jenny Erpenbeck lesen werde, freue ich mich eigentlich schon!

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  3. Großartig! Du kommst mit deiner Rezension meinen Gedanken so nah!
    Auch ich vermisse oft junge, starke Frauen in der heutigen Literatur. Frauen, die rebellieren, statt zu resignieren.
    Deine „rote Zora“ kannst du vielleicht in der Figur der Lola Wolf in Mirna Funks Roman „Winternähe“ finden. Auch Sanela in Lena Goreliks „Von Null bis unendlich“ packt die Probleme, statt über sie zu jammern.
    Beiden Romanen hätte ich einen Platz auf der Longlilst gewünscht.

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  4. Liebe Birgit, genial! Da bleibt nur eines: den Hut ziehen! Dein Text hat mich gestern lange nachdenken und diskutieren lassen. Einerseits empfinde ich auch eine merkwürdige Trägheit gerade von jüngeren Frauen, den Errungenschaften der weiblichen Emanzipation gegenüber – und verstehe nun auch, warum Du Eve Harris „Die Hochzeit der Chani Kaufman“ als lockend empfindest – und frage mich dabei, wo bitte ist der Stolz auf diese hart erkämpften Rechte und Möglichkeiten geblieben? War das alles für die Katz‘? Und andererseits finde ich es noch verstörender, dass gerade die Literatur dieses Phänomen nur beschreibt, quasi Reportagen des Ist-Zustandes zustande bringt ohne eine vision – egal ob zum Guten oder Schlechteren.
    Du triffst mit Deinem Text den Nagel genau auf den Kopf! Danke dafür und für Deinen kämpferischen Einsatz dafür, dass es wird anders wird. Auch in der Literatur.
    LG, Bri

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      1. Jaja, so sind sie, die großmäuligen Frauenbloggerinnen 🙂 Aber nachdem ich noch ca. 15 Jahre bis zum Ruhestand habe, können wir das Projekt wohl doch nicht bis dahin verschieben. Fang Du mal an, ich mach dann weiter 🙂

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  5. Liebe Birgit,
    ja, wo sind sie, die frechen jungen Frauen, die ihren eigenen Weg suchen und nbicht in alle Fallen tappen, die heute ziwschen Familie und Beruf noch vielfältiger sind als früher? Und in der aktuellen Literatur ist tatsächlich ein ziemlicher Rückschritt erkennbar. Sogar in Doris Knachts „Wald“ ist die weibliche Protagonistin doch merkwürdig konservativ in ihrer Akzeptanz der nicht sehr freiwilligen Beziehung zum Dorfgroßgrundbesitzer. Aber: dieser hat sich tatsächlich ein wenig verändert und weiß, dass das auch Veränderungen auf die Beziehung haben wird. – Was die junge Generation betrifft, so habe ich schon vor über zehn Jahren gelernt, dass sie offensichtlich wieder so Familie leben wollen (siehe nur den Hochzeitseventwahnsinn), wie es unsere Großeltern vorgelebt haben. Das spiegelt sich dann auch in der Literatur wieder.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia (und auch als Antwort noch auf Bri),
      einerseits denke ich, liegt auf jüngeren Frauen auch ein hoher Erwartungsdruck.
      Meine Schwester weiß davon zu berichten – sie hat fünf Kinder. Und wird dennoch von anderen Frauen immer noch gefragt, was sie eigentlich beruflich mache. Als ob das a) kein Job wäre und b) es auch ein wenig eine Statusfrage ist, dass man „beruflich“ was macht.
      Andererseits: Ich stelle bei jüngeren auch oft dieses Hin- und Hergerissensein fest – „frau“ will beides. Dass dies eine Doppelbelastung ist, Familie und Beruf, das ist klar – dass man dabei auch immer Kompromisse eingehen muss, wahrscheinlich leider auch. Aber gerade darin liegt dann oft die Unzufriedenheit.
      Und: Ich stelle auch fest, dass die Frauen aber auch automatisch bestimmte Rollen übernehmen – nicht nur gegenüber den Kindern, sondern auch gegenüber der älteren Generation, was angesichts der steigenden Pflegefälle sicher noch ein großes Thema wird: Frauen begeben sich oft freiwillig jedoch in die „Kümmerrolle“, balancieren zwischen Job und Pflege – der Job des Mannes scheint häufig wichtiger. Da muss einfach zwischen den Geschlechtern noch viel passieren – aber auch dazu können Frauen noch klarer beitragen, in dem sie sich nicht selbst komplett für alle häuslichen und sozialen Angelegenheiten als Ansprechpartnerinnen zur Verfügung stellen…

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      1. Liebe Birgit,
        naja, diese Frage nach dem was machst Du eigentlich bezieht sich IMMER auf den Beruf. Wir sind eine Arbeitsgesellschaft, die sich über ihre berufliche Tätigkeit identifiziert. Und nicht über das, was wir als Menschen leisten. Was ich im übrigen ganz furchtbar finde. Bei mir zuhause ist Rollentausch angesagt, ich geh arbeiten und bin die „Familienernährerin“ – mein Mann versucht von Zuhause aus den Durchbruch zu schaffen und kümmert sich seitdem unser Sohn da ist, um Haushalt und Kind … was glaubst Du, wie oft ich gefragt werde: und was macht Dein Mann so? Diese Frage regt mich derart auf, weil sie erstens nicht so oft gestellt werden würde, wenn wir den normalen Weg gingen und zweitens implliziert, dass ich als Frau es eh nicht schaffen kann, die Familie zu ernähren. Was ja nicht ganz einfach ist, zugegebenermaßen mit einem Gehalt …
        Also Birgit, das Buchprojekt sollten wir ernsthaft angehen 😉 Das habe ich mir wirklich schon häufiger gedacht.
        Was uns Frauen angeht: es scheint so etwas wie ein kollektives Gedächtnis zu geben, was uns „zwingt“ perfekt sein zu wollen. Während Jungs immer stark sein müssen, müssen Mädchen gut organisiert und in allen Dingen perfekt sein. Ein guter Lesetipp, der mir dahingehend die Augen geöffnet hat: Verletzlichkeit macht stark von Brené Brown …

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      2. Liebe Bri,
        Du bringst eine Sache auf den Punkt: Solange unsere Gesellschaft sich an Kapital, Status quo und materiellem Wohlstand misst, wird auf beiden Geschlechtern dieser Leistungsdruck lasten (Männer erleben den ja auf eine ganz andere Weise – auch ich kenne einige, die die Rollen getauscht haben und da tut sich die Gesellschaft noch sehr schwer). Ändern können wir das nur individuell – indem wir andere Leben leben und das vorleben. Der Perfektionszwang – ja, gebe ich zu, ich als „älteste“ Tochter kenne das besonders gut – und brauche immer noch, mich da zu lösen…

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  6. Liebe Birgit,
    nun bin ich zwar bloss ein halbwegs aufgeklärter Mann, der immer nicht weiss, ob er sich als solcher überhaupt als Feministen bezeichen darf, aber diese traurige Entwicklung, die Claudia so schön in dem Satz zusammengefasst hat

    “ Was die junge Generation betrifft, so habe ich schon vor über zehn Jahren gelernt, dass sie offensichtlich wieder so Familie leben wollen (siehe nur den Hochzeitseventwahnsinn), wie es unsere Großeltern vorgelebt haben.“

    habe ich in den letzten 10 bis 12 Jahren, die ich an einer Hochschule verbracht habe, auch immer wieder mit zunehmendem Grusel bei den jungen Frauen festgestellt.

    Ich glaube, das ist oft so ein seltsamer Rückzug ins Private, wo dann alles wohlug bekannt ist.

    Und dass diese Entwicklung sich dann auch in der Literatur niederschlägt, ist ja leider nicht so verwunderlich.

    Liebe Grüße
    Kai

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