Evelyn Waugh: Wiedersehen mit Brideshead (1945).

„Wiedersehen mit Brideshead“ gilt es als das englische Gegenstück zu „The great Gatsby“: Die brillante Schilderung des Niedergangs einer bestimmten Klasse.

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Schauplatz der Verfilmung 1981 war Howard Castle in Yorkshire. Bild: Pexels/pixabay.com

„Die Erbauer ahnten nicht, wie sehr man ihr Werk einmal missbrauchen würde. Sie bauten ein neues Haus aus den Steinen einer alten Burg, und Jahr für Jahr, Generation um Generation bereicherten sie und vergrößerten es. Jahr für Jahr reifte das Holz im Park heran, bis bei einem unerwarteten Frost Hoopers Zeitalter anbrach. Das Haus verkam und das ganze Werk wurde zunichtegemacht; Quomodo sedet sola civitas. Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.“

Evelyn Waugh, „Wiedersehen mit Brideshead“, 2013 in neuer Übersetzung als Schmuckausgabe mit Schuber und Lesebändchen beim Diogenes Verlag erschienen, 544 Seiten, ISBN 978-3-257-06876-4.

Quomodo sedet sola civitas: Und wie liegt die Stadt so wüst! Wie einst der Prophet Jeremiah in seinen Klageliedern, so klagt auch Captain Charles Ryder bei seinem „Wiedersehen mit Brideshead“: Wie liegt der Landsitz, der ihm wenige Jahre zuvor die Welt bedeutete, so wüst, von seinen Bewohnern verlassen, von Soldaten als vorübergehende Unterkunft belegt, niedergekommen und missbraucht vor ihm.

„Wiedersehen mit Brideshead“ ist ein seltsames Buch. Es weckt Enthusiasmus oder aber Verdruss. Andere Leser empfahlen mir es wärmstens: „Ein einzigartiges Lesevergnügen, ein Genuss, sagenhaft!“  Auf dem Blog eines anderen Lesers war zu sehen, er habe sich selten so gelangweilt und gequält mit einem Buch. Bei seinem Erscheinen 1944 erntete der Autor Kritik und böse Worte. Heute gilt es als das englische Gegenstück zu „The great Gatsby“: Die brillante Schilderung des Niedergangs einer bestimmten Klasse.

Seit ich aus dem Leserausch wieder aufgetaucht bin, bin auch zwischen den Polen gefangen. Die Rezension musste einige Wochen warten. Ich war mir nicht schlüssig, ich war irritiert.

Tatsächlich – beim Wiedersehen mit Brideshead kann man die Welt vergessen. „Die heiligen und profanen Erinnerungen des Hauptmanns Charles Ryder“, so der Untertitel, entwickeln eine magische Sogwirkung. Die Sprache, mich hat vor allem die Sprache (und hier muss auch der Übersetzer unter dem Pseudonym (?) „pociao“ erwähnt werden), der Stil, die Atmosphäre gefangen genommen. Die Sprache in diesem opulenten Roman, der sich um eine Familie im Niedergang und die unheilbare Liebe des Aufsteigers Charles Ryder zu deren Mitgliedern dreht, ist wirklich von einer einzigartigen Macht und stilistischen Schönheit. Voller unverwechselbarer und unvergesslicher Momente – seien es die Dialoge zwischen Charles Ryder und seinem skurril-exzentrischen und lieblosen Vater, die düstere Kulisse im afrikanischen Exil des alkoholkranken Jugendfreundes oder auch die erste Begegnung mit seiner späteren großen Liebe.

Die eigentliche Hauptrolle spielt – neben der Religion, dazu aber später mehr  – tatsächlich ein Haus, besser gesagt einer dieser typischen englischen Landsitze mit Brunnen, Butler, Kindermädchen und allem was dazu gehört. Als Waugh das Buch 1944 schrieb, da „war der heutige Kult um die englischen Landsitze unmöglich vorauszusehen“, so der Autor in einem 1959 verfassten Vorwort.

„Damals schien es, als wären die uralten Stätten, die zu den bedeutendsten künstlerischen Errungenschaften unserer Nation gehören, dazu bestimmt, wie die Klöster des sechzehnten Jahrhunderts der Plünderung und dem Zerfall anheimzufallen“.

Waugh setzte mit seinem Buch diesen einzigartigen Landgütern ein literarisches Denkmal – das zunächst auf Skepsis und Kritik stieß.

Zum einem lag der Misserfolg wohl daran, dass Waugh mit seinem Buch zu offen an die englische Nationalwunde rührte: Das Ende des Empires, der Niedergang des Adels, eine gewisse Erstarrung in den 1920er und -30er Jahren, in denen der Roman hauptsächlich spielt.

Zum anderen thematisiert Waugh eine Minderheit im anglikanischen Großbritannien: Die aristokratische Familie Flyte ist geprägt von ihrer streng katholischen Moral, Abweichungen und Sünden werden geahndet, schwarze Schafe aus der Herde verbannt, selbst die Liebe hat sich dieser Konvention zu beugen. Somit wird „Wiedersehen mit Brideshead“ zu einem der traurigsten, aber auch unbegreiflichsten Liebesromane des letzten Jahrhunderts. Dass Kirche und Klassenbewusstsein den menschlichsten Gefühlen entgegenstehen können – das war für mich irritierend an einem Roman, der in den 1930ern und zumal noch in Großbritannien spielt. Ungeduld, ja Ärger und fast Zorn empfand ich dabei stellenweise – ich wollte Julia, Charles` große Liebe rütteln, sie anherrschen, einen Gott fahren zu lassen, der die Menschen auf Erden unglücklich macht.
(Na, wenn das kein Zeichen für die stilistische Qualität eines Buches ist: Dass man beim Lesen mit den Figuren nicht nur lebt, sondern auch mit ihnen spricht.)

Kurz zum Handlungsablauf: Charles Ryder kehrt als Captain der englischen Armee nach Jahren nach Brideshead zurück. Während seiner Studienzeit in Oxford lernte er zunächst den jüngsten Sohn der Familie, Sebastian, kennen (und lieben). Dieser leidet, wie alle der Kinder der Familie Flyte, unter den strikten religiösen Normen und Regeln, die vor allem von der Mutter, Lady Marchmain, vorgegeben werden. Lord Marchmain ist bereits vor Jahren nach Venedig geflüchtet, lebt dort mit einer Geliebten, die Ehe besteht nur noch auf dem Papier und der Form halber. Letztendlich scheitern alle Protagonisten an den selbstgewählten Konventionen und Pflichten: Sebastian wird alkoholkrank und verkümmert im Ausland, Julia, seine Schwester, versagt sich nach einer unglücklichen Ehe dem möglichen Glück mit Charles und jener – der sicher auch von der Faszination des Reichtums und des Adels angezogen wurde – bleibt allein und zwischen allen Klassen haften.

Es wird in diesem Roman viel getrunken unter den Männern, und so kommen auch weinselige Wahrheiten auf den Tisch:

„Ich habe dich ausdrücklich und detailliert vor der Flyte-Familie gewarnt. Charme ist die große englische Plage. Außerhalb dieser feuchten Insel existiert sie nicht. Sie erfasst und zerstört alles, was sie berührt. Sie zerstört die Liebe, sie zerstört die Kunst, und sie hat, so meine große Befürchtung, auch dich zerstört, Charles.“

Zerstört, allein, gebrochen: das sind sie am Ende alle. Ein Buch, das von Verlusten handelt, solchen, die unausweichbar sind, solchen, die unnötige Opfer sind. Julia und Charles bei ihrem Abschied:

„Jetzt werden wir beide allein sein, und ich kann dir nicht dabei helfen, es zu verstehen.“
„Ich möchte es dir nicht leichter machen. Ich hoffe, es bricht dir das Herz, aber ich verstehe es.“
Die Lawine war herabgestürzt, die Bergflanke blieb kahl zurück. Die letzten Echos verhallten auf den weißen Hängen; der neue Eishügel funkelte und lag still im schweigenden Tal.

Exzentriker und Ekelpaket

Die irritierende Thematik des Romans ist eng mit der Biographie seines Schöpfers verknüpft: Evelyn Waugh, ein Exzentriker, Dandy, Ekelpaket zuweilen. 1903 in London geboren, die Familie gehört dem britischen Bildungsbürgertum an, bereits der Vater ist ein bekannter Journalist und Publizist. Auch Waugh studiert unter anderem in Oxford, schlägt zunächst den Weg des Journalisten ein, fällt aber vor allem durch Trinkgelage und einen exzessiven Lebensstil auf. 1928 heiratet er, trennt sich aber bereits ein Jahr später, veröffentlicht die ersten satirischen Romane und kehrt dann genauso konsequent, wie er zuvor den Lebemann markierte, dieser Lebensweise den Rücken. 1930 konvertiert er zum Katholizismus. Seine erste Ehe wird 1936 aufgelöst, er heiratet ein zweites Mal, und bezieht mit seiner zweiten Frau, mit der er sieben Kinder hat, einen englischen Landsitz. Waugh stirbt 1966 auf seinem Landsitz in Sommerset.

„Wiedersehen mit Brideshead“ gilt als vollendete Gestaltung eines Grundthemas, das Waugh auch in seinen satirischen Romanen immer wieder aufgreift: Die Kluft zwischen der Verklärung einer idealisierten Vergangenheit und der Gegenwart, die die Figuren auf die nüchternen Tatsachen des Lebens zurückwirft.


Zwei weitere Bücher des Autors kann ich aus eigener Leseerfahrung wärmstens empfehlen – darüber hinaus zeigen sie die Vielgestaltigkeit dieses Schriftstellers:

„Tod in Hollywood“ ist eine 1948 erschienene Satire, eigentlich von ihm als „angloamerikanische Tragödie“ bezeichnet. Während der romantische Realismus von „Brideshead“ in seiner Heimat auf Kritik stieß, war die amerikanische Unterhaltungsindustrie von dem Roman begeistert – Waugh reist nach Hollywood, um über eine eventuelle Verfilmung zu verhandeln. Heraus kommt jedoch ein Buch, mit dem dieser bissige Brite den ewigen Kult der Amerikaner um Jugend und Schönheit bis auf die Spitze karikiert. Ein junger britischer Schriftsteller, als Autor in den Filmstudios gescheitert, strebt eine Karriere als Tierleichenbestatter bei den „Ewigen Jagdgründen“ an, bei denen die Reichen und Gelangweilten ihren überfütterten Schoßtieren einen würdigen Abschied geben. Was absurd klingt, könnte heute durchaus Realität sein…

„Befremdliche Völker, seltsame Sitten“ erschien in „Die Andere Bibliothek“ und ist eine köstlich zu lesende Reisereportage, wenn auch nicht frei von der Perspektive eines snobistischen Angehörigen einer Kolonialmacht.

Aus dem Verlagsprogramm:
»Ein englischer Snob in Afrika«
Als Evelyn Waugh am 10. Oktober 1930 von London aus nach Addis Abeba aufbrach, wusste er nicht recht, was ihn erwarten würde. Aus einer Laune heraus hatte er beschlossen, aus dem fernen Afrika über die Krönung von Haile Selassie zum König der Könige in Äthiopien zu berichten. Alle bedeutenden Weltmächte reisten zu den Feierlichkeiten in die unfertige Hauptstadt Äthiopiens – und bauschten das Ereignis gewaltig auf. In Europa klangen die Berichte von der ungeheuerlichen Prachtentfaltung bei der Krönungszeremonie des Königs der Könige wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Waugh dagegen fühlte sich wie ein englischer Gentleman inmitten geschmackloser Barbarei und sah ganz andere Dinge als seine Journalisten-Kollegen – und auch bei seiner Heimreise über Aden, Sansibar, Kenia, Belgisch-Kongo und Südafrika zeigte sich Waugh als Mann totaler Illusionslosigkeit mit staubtrockenem Humor.

16 comments on “Evelyn Waugh: Wiedersehen mit Brideshead (1945).”

  1. Alles klar, das hat mich überzeugt, mir auch die neue Ausgabe zu holen … Wiedersehen mit Brideshead steht seit langem als eines meiner all time favs in meinem Regal. Die Fremden Sitten ebenfalls. Mein zweites Buch nach Brideshead war vor Jahren „Eine Handvoll Staub“ – ebenso großartig, wie alle anderen von Waugh. Danke für die tolle, fundierte und umfangreiche Rezension!

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  2. Bisher habe ich nur „Eine Handvoll Staub“ von Evelyn Waugh gelesen – allerdings hat schon dieses Werk gereicht um mich zum „Fan“ werden zu lassen. „Tod in Hollywood“ hört sich richtig gut an und Brideshead liegt schon seit geraumer Zeit auf meinem „Zu-lesen“-Stapel. Danke für Deine Besprechung, hiermit rückt dieses Werk wieder in meinen Fokus.

    Viele Grüße und einen schönen Restfeiertag wünscht Dir
    Friederike

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    1. Liebe Friederike,
      das Schöne ist, dass beide Bücher wiederum so unterschiedlich sind – der Tod in Hollywood eine bitterböse Satire, Brideshead eine traurig-melancholische Geschichte – ich hoffe, Du kommst zum Lesen, das Buch ist wunderbar! Herzliche Grüße, Birgit

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  3. Liebe Birgit, ich gehöre zu der Fraktion, die dem Buch nichts abgewinnen kann. Leider, muss ich sagen. Ich hätte es so gern gemocht, da allein schon das Thema „englische Landsitze“ zu meinen Lieblingsthemen gehört. Aber leider fand ich die männlichen Charaktere so ätzend und unsympathisch, dass ich den Roman auf halber Strecke aufgegeben habe, was ich wirklich sehr schade fand, da er stilistisch durchaus reizvoll ist.

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    1. Es stimmt schon, dass es keine echten Sympathieträger in dem Buch gibt, eigentlich auch recht verwöhnte Bengels mit Luxusproblemen. Aber vor allem die Lady fand ich abstoßend…dennoch: Man fängt an und kann es nicht mehr zur Seite legen. Jedenfalls ging mir das so …Aber wie schon im vorigen Kommentar – das Buch ist wie Rote Beete, da gibt es kein dazwischen 🙂

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  4. Vor 30 Jahren fand ich’s klasse, ebenso wie die mehrteilige Verfilmung mit Jeremy Irons.
    Vor einigen Jahren konnte ich der Mini-Serie nicht mehr viel abgewinnen, ob es mit dem Roman ähnlich läuft, wäre einen Versuch wert.
    Viele Grüße,
    Gerhard

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    1. Hätte ich jetzt gar nicht gedacht, dass das Dein Art von Literatur ist (so schnell bildet man sich Urteile, sorry!). Aber kommt vielleicht auch daher, dass ich von vielen männlichen Lesern auch gehört habe, sie fänden es stinklangweilig. Jedenfalls ein Buch, das die Geister spaltet…

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  5. Ich erinnere mich, damals (wann auch immer das war) von der Verfilmung schwer angetan gewesen zu sein, ich weiß, dass ich das Buch daraufhin auch las. Hm. Sollte ich vielleicht nochmal machen 😉
    Liebe Grüße
    Christiane

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