LESARTEN: Herz, Schmerz und dies und das.

Der Blogger Frank Duwald fragte bei Verlegern, Autoren und Bloggern nach deren liebsten Liebesgeschichten. Gar nicht so einfach, diese Wahl.

28 Kommentare
Bild: Rose Böttcher
Bild: Rose Böttcher

Frank Duwald vom Blog dandelion rief im vergangenen Jahr auf, man möge seine liebsten Liebesgeschichten „outen“. Blogger, Autoren, Verleger, Herausgeber, Lektoren und andere Verrückte öffneten ihre Herzen und stellten  ihre persönlichen Lieblings-Liebesgeschichten vor. Mein Beitrag zu der Reihe noch einmal hier – vielleicht findet sich doch der eine oder andere, der seine liebsten Liebesgeschichten bei dandelion kundtun möchte…

Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden – der Titel eines Bandes mit Erzählungen von Raymond Carver ist für mich immer wieder ein Denkanstoß, der im Bücherregal lauert.
LIEBE – eines der großen, wenn nicht das große Thema der Literatur. Aber wovon schreiben sie, die Tolstois, Flauberts, wovon handeln Romeo und Julia und der Werther? Meistens doch von der Liebe in ihrer unglücklichen Variante. “Wovon sie schreiben, wenn sie von Liebe schreiben“: Es endet tödlich oder mindestens mit einem bis zwei gebrochenen Herzen.
Gefragt wurde von Frank Duwald jedoch nach drei der schönsten Liebesromane beziehungsweise Liebesgeschichten in der Literatur. Eine Frage, die Kopfzerbrechen und Herzschmerz bei mir auslöste. Denn: “Wovon ich lese, wenn ich von Liebe lese“, dann sind es meist doch jene Geschichten, deren Ausgang höchst tragisch sind. Die glückliche Liebe, für die große Literatur ist sie offensichtlich nicht geeignet als Stoff.
Hier scheidet sich die Literatur eindeutig vom Leben: Tatsächlich verzichtet man doch gerne auf Tragik, Eifersucht und Trennungsschmerz im eigenen Dasein. Und manches Mal, muss ich gestehen, wünschte ich mir als Leserin, würde ich die großen Stoffe gerne umschreiben hin zu einem Ende, das da heißt “und sie lebten glücklich und zufrieden…“. Oder wünschte mir schlicht und einfach – außerhalb der Jane Austen-Welt – mehr Liebesglück, das in den Klassikern verborgen ist.
Langer Prolog zu einer scheinbar einfachen Frage: Der nach den drei schönsten Liebesgeschichten.
Aus purem Trotz gegen die geballte Tragik in der Weltliteratur sage ich: “Ich will ein Happy End“. Und nenne daher – unabhängig von allen literarischen und sonstigen Kriterien – drei Romane mit “gutem“ Ausgang.

Die Liebe in den Zeiten der Cholera (1985)
Gabriel García Márquez beweist es – Geduld und Ausdauer lohnen sich, wenn es sich um die eine, die große Liebe handelt. Florentino Ariza wartet mehr als ein halbes Jahrhundert auf seine Jugendliebe Fermina Daza. Als Jugendliche können die beiden nicht zueinander kommen, Fermina heiratet letztlich einen anderen. Der Tod ihres Ehemanns beschert uns als Leser nicht nur ein Happy End, sondern auch ein wunderbares Romanende:

Der Kapitän sah Fermina Daza an und entdeckte auf ihren Wimpern das erste Glitzern winterlichen Reifs. Dann schaute er Florentino Ariza an, sah seine unbezwingbare Fertigkeit, seine unbeirrbare Liebe und erschrak bei dem späten Verdacht, dass nicht so sehr der Tod, vielmehr das Leben keine Grenzen kennt.
“Und was glauben Sie, wie lange wir dieses Scheiß-Hin-Und-Zurück durchhalten können?”
Florentino Ariza war seit dreiundfünfzig Jahren, sieben Monaten und elf Tagen und Nächten auf die Frage vorbereitet:
“Das ganze Leben”, sagte er.

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (1984)
Milan Kundera lässt seine Romanfiguren Tomas und Teresa nicht ganz so lange warten wie GGM, bis sie zusammen kommen. Aber leicht machen sie es sich dennoch nicht – die politischen Umstände (Prager Frühling, Exil), die persönlichen Dispositionen (die Unerträglichkeit in einer Liebe, wenn einer der beiden, sprich Tomas, zu leicht und zu viele andere liebt), sie sind die Stolpersteine auf dem Weg zur Zweisamkeit. Hier ist Teresa die Wartende, die Duldende – bis sie selbst das Heft in die Hand nimmt und geht. Unabhängig von der politischen Dimension des Romans ist Kundera mit diesem Bestseller eine wunderbare Liebesgeschichte gelungen, die den Kampf der Geschlechter in eine späte “Waffenruhe“ einmünden lässt. Teresa und Tomas kommen wieder zusammen und finden zur Ruhe. Auch hier ein schönes Ende:

„Jetzt erlebte sie dasselbe sonderbare Glück, dieselbe sonderbare Trauer. Diese Trauer bedeutete: wir sind an der Endstation angelangt. Dieses Glück bedeutete: wir sind zusammen. Die Trauer war die Form und das Glück war der Inhalt. Das Glück füllte den Raum der Trauer aus. […].
Tomas drehte den Schlüssel im Schloss und zündete den Lüster an. Sie sah zwei aneinandergeschobene Betten, neben dem einen den Nachttisch mit einer Lampe. Ein großer Nachtfalter, vom Licht angezogen, flatterte vom Schirm empor und zog seine Kreise im Zimmer. Von unten erklangen gedämpft die Melodien von Geige und Klavier.“

Sommerwogen
1867 sieht der 32-jährige Samuel Langhorne Clemens bei einer Fahrt auf einem Schaufelraddampfer das erste Mal ein Bild von Olivia Langdon. Fortan ist es um den etwas windigen Journalisten geschehen: Liebe auf den ersten Blick, das erste und einzige Mal in seinem Leben. Clemens fackelt nicht lange, schaut sich die Frau zum Bild an, macht ihr nach wenigen Tagen den ersten Antrag, erobert erst ihr Herz, dann ihre Hand und schreibt ihr über 30 Jahre lang leidenschaftliche, liebenswerte, sehnsuchtsvolle Briefe. Eine der schönsten Liebesgeschichten – und eine, die das “echte“ Leben schrieb. Eine Auswahl der Briefe des verliebten Mark Twains an seine Ehefrau Livy erschienen unter dem Titel Sommerwogen in deutscher Übersetzung durch Alexander Pechmann im Aufbau Verlag. Es ist eine lebenslange Liebe, auch über den Tod hinaus: Olivia stirbt 1904, einige Wochen später schreibt Mark Twain in seinem Tagebuch:

„In diesen vierunddreißig Jahren haben wir viele Reisen zusammen gemacht, liebe Livy – und nun machen wir unsere letzte; du unter Deck und einsam, ich oben unter den Menschen und einsam.“

Und, Hand aufs Herz: Welches sind Eure liebsten literarischen Entengut, alles gut? Hier gibt es noch die Chance, Verschämtes zu outen. Und dann ist wieder gut mit herzig.

28 comments on “LESARTEN: Herz, Schmerz und dies und das.”

  1. GGM wär mir jetzt auch so ziemlich als erstes eingefallen. Und – man mag es kaum glauben – Stephen King hat mit „Hearts In Atlantis“ eine unglaublich berührende Herz-Schmerz-Nummer geschrieben.
    Und „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ von John Irving, logo.
    Viele Grüße,
    Gerhard

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      1. Das ehrt mich jetzt aber, dass Du mir das glaubst. Das mit dem Bären ist eine gute Frage, die kommen bei ihm ziemlich oft vor, oder? „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ ist jedenfalls das Buch über das Waisenhaus bzw. die Abtreibungsklinik, wurde auch mal mit Tobey Maguire, Michael Caine und Charlize Theron verfilmt, hab ich aber glaub ich nur mal teilweise in der Glotze gesehen.

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      2. Absolut. Ich hab sie ja fast alle gelesen, aber wo kein Bär vorkommt, ich kann mich ehrlich gesagt nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich war’s „Laßt die Bären los“ 😉 Caine: auch hier – absolut! ;-))

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      3. Find ich auch, bis auf einige wenige Ausnahmen hab ich seine Bücher immer sehr genossen. Sein letzter, „In einer Person“, flackt noch ungelesen auf dem Stapel, sollte ich auch mal….

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  2. Die Sommerwogen verlocken mich auch ungemein.

    Mein liebste Liebesgeschichte endet zwar nicht gut, aber eigentlich doch.
    „Brief an D.“ von dem Philosophen André Gorz: „Bald wirst Du jetzt zweiundachtzig sein. Du bist um sechs Zentimeter kleiner geworden. Du wiegst nur fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist Du schön, graziös und begehrenswert… Ich liebe Dich mehr denn je. Kürzlich habe ich mich von neuem in Dich verliebt, und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme Deines Körpers an dem meinen auszufüllen mag.“, schreibt er. Ds rührt mich immer zu Tränen.
    Weil keiner ohne den anderen leben will, gehen sie gemeinsam in den Freitod.

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  3. Ich wünschte, es wäre anders – aber ich weiß bei vielen Büchern gar nicht mehr, wie sie enden. Zum Beispiel Anne Tyler (kann es eigentlich sein, dass wir noch nie über Anne Tyler geredet haben 😉 – es kommt mir so vor, als wenn es da durchaus auch mal ein Happy End (also jedenfalls etwas in der Richtung) gegeben hätte. Aber sind es überhaupt Liebesgeschichten, nur weil es um Beziehungen geht? Ich darf wohl „nicht über Los“, sondern muss zurückrücken ans Regal …

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    1. Über Anne Tyler rede ich nicht 🙂 Ja, das sind auch Liebesgeschichten, irgendwie. Aber natürlich sind das auch Liebesgeschichten – gerade weil es um Beziehungen geht. Da kann es auch um die Liebe gehen, die verschwunden ist, aber die Beziehung ist noch da. Was macht das mit Paaren, mit Familien? Welche Traumata löst das bei den Nachfahren aus? Wie kommt man wieder zusammen? Und überhaupt: Was ist das, was Paare zusammenhält? Ja nicht nur die rosarote Anfangszeit. „Herzklopfen“ von Anne Tyler ist für mich da ein gutes Beispiel: Dieses ältere Ehepaar auf dem Weg zu einer Hochzeit von Freunden (wenn ich mich recht erinnere): Alles verkorkst, die Kinder verkorkst, usw. usf – und die Autofahrt ist auch verkorkst. Aber irgendwie mobilisieren sie die Reste ihrer Zuneigung auf der Fahrt. Und kommen wieder zusammen daheim an. Anne Tyler analysiert ganz gut, wie Paare ticken.

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      1. Liebe Birgit, jetzt muss ich leider dringend los, kämpfe aber noch mit Heiterkeitsanfällen wegen Anne Tyler: Meinst du vielleicht „Atemübungen“ (Vorsicht Pulitzer-Preis!)?! Da fährt ein älteres Ehepaar zu einer Beerdigung … (Was ich nur deswegen noch weiß, weil ich es in der Romanwerkstatt immer mal wieder als lobendes Beispiel für: geglückter Anfang, wunderbare Figuren und vor allem extrem beiläufig eingewebte Rückblenden verwende 😉

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      2. Ja, siehste schon so lang her – statt Atemübungen Herzklopfen (ich wußte zumindest, es war was Organisches) und Hochzeit statt Beerdigung – ist ja alles nur knapp daneben. Aber mein Eindruck war ja ungefähr richtig?

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  4. Márquez und Kundera habe ich auch gelesen 🙂 Huch … Herzschmerzbücher … Mir fällt nur spontan eines ein „Dreimal im Leben“ von Arturo Pérez-Reverte, und ansonsten muss ich mal in mich gehen 🙂

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  5. Dazu fällt mir ein: „Mut Und Gnade“ von Ken Wilber, allerdings gefallen mir die Passagen fast besser, wo seine Frau schreibt… 😉
    Dann : „Die Frau des Zeitreisenden“ von Audrey Niffenegger, verrückte Geschichte….
    Und im weitesten Sinne eine Liebesgeschichte: „Stein und Flöte“ von Hans Bemman… 🙂

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      1. Dann muss ich gestehen: Das meiste was du vorstellst, kenne ich auch nicht… 🙂
        Bin immer froh, wenn mal wieder was dabei ist, was ich schon mal las, so den Kundera und den Marquez oder Julian Barnes…
        Viel Spass beim Dr. Guggel… 😉

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