E. T. A. Hoffmann: Das steinerne Herz (1817).

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3cirale2015 077Eine Liebe, die das Herz zerreißt, statt es zu nähren: So stoßszeufzt der Hofrat Reutlinger noch im hohen Alter vor der Frau, die ihn einst geliebt hatte, die er jedoch zurückstieß. Nicht die äußeren Umstände, nicht der Charakter der Frau, keine schicksalshaften Widrigkeiten waren es allerdings, die die beiden Liebenden in jungen Jahren trennten. Das Dilemma lag und liegt in des Hagestolzes (hach, endlich kann ich das Wort hier mal verwenden!) Hirn, vielmehr in der Brust: „Das steinerne Herz“.

„War es denn nicht Ihr starrer unversöhnlicher Sinn, Ihr träumerischer Glaube an Ahnungen, an seltsame, Unheil verkündende Visionen, der Sie forttrieb von mir und der mich zuletzt bestimmen mußte, dem sanfteren, beugsameren Mann, der mit Ihnen zugleich sich um mich bewarb, den Vorzug zu geben? Ach! Maximilian, Sie mußten es ja wohl fühlen, wie innig Sie geliebt wurden, aber Ihre ewige Selbstqual, peinigte sie mich nicht bis zur Todesermattung?“ Der alte Herr unterbrach die Dame, indem er ihre Hand fahrenließ: „O Sie haben recht, Frau Geheime Rätin, ich muß allein stehen, kein menschliches Herz darf sich mir anschmiegen, alles, was Freundschaft, was Liebe vermag, prallt wirkungslos ab von diesem steinernen Herzen.“

In seiner 1817 in den Nachtstücken erschienenen Erzählung beschreibt E. T. A. Hoffmann, wie ein Mann mehr und mehr aus Misstrauen, geplagt von Verschwörungstheorien und Wahnvorstellungen, sein Herz gegen die Menschen verschließt, die ihm am nächsten stehen: Ein „wundes Gemüt“, heute würde man vielleicht von einem psychotischen Depressiven sprechen.

Äußeres Symbol für dieses Herz, das sich versteinert, weil es zu verwundbar ist, weil Herz und Hirn zu verwirrt sind, zu unruhig in ihrer Zerrissenheit, ist ein Grabmal, das sich der Hofrat schon zu Lebzeiten errichten ließ:

„Am Ende des Gartens trittst du in einen finstern Hain von Trauerweiden, Hängebirken und Weymouthskiefern. Der Gärtner sagt dir, daß dies Wäldchen, wie man es, von der Höhe des Hauses hinabschauend, deutlich wahrnehmen kann, die Form eines Herzens hat. Mitten darin ist ein Pavillon von dunklem schlesischen Marmor in der Form eines Herzens erbaut. Du trittst hinein, der Boden ist mit weißen Marmorplatten ausgelegt, in der Mitte erblickst du ein Herz in gewöhnlicher Größe. Es ist ein dunkelroter, in den weißen Marmor eingefugter Stein. Du bückst dich herab und entdeckest die in den Stein eingegrabenen Worte: Es ruht!

Hoffmann, allseits bekannt als Hauptvertreter der „schwarzen Romantik“, ja der Schwärzeste von allen eigentlich, geht hier recht sachte mit seiner Hauptfigur um: Reutlingers steinernes Herz lässt sich letzten Endes doch noch erweichen, nimmt seinen verstoßenen Neffen wieder an und auf, begünstigt die Verbindung zweier junger Leute: Hoffmann mit Happy End. So darf das Herz beruhigt sein, darf in Frieden und ungebrochen gehen – am Ende stehen die Worte: „Es ruht!“.

Die Erzählung kann man in voller Länge hier lesen.

Arno Schmidt betitelte 1956 einen Roman mit Hoffmanns Überschrift: „Das steinerne Herz“. Aber der Schmidt ist ein Ding für sich – der kommt irgendwann eigens.

„Das steinerne Herz: nur durch die dünne Nabelschnur der Staatshandbücherreihe hing die Welt noch an mir ! Die Nacht schleifte immerfort leise. Leervorbei.“

27 comments on “E. T. A. Hoffmann: Das steinerne Herz (1817).”

  1. Ich fand den immer gut, v.a. die „Elixiere des Teufels“. Hab noch irgendwo eine dicke Sammlung, die ich vor ungefähr 100 Jahren in der DDR für die Zwangsumtausch-Kohle erstanden habe, muss ich mal wieder rauskramen, insofern: Vielen Dank für den Hinweis.
    Irgendwie war er ja ein geistiger Vater für die „Horror-Größen“ E.A. Poe und Stephen King…
    Viele Grüße,
    Gerhard

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    1. Ja, der alte Knabe hatte eine facettenreiche, wenn auch düstere Phantasie – aber kein Wunder bei dem Leben und der Verfassung. Ich lese seine Erzählungen immer wieder gern – v.a. wenn ich, wie in diesen Tropennächten eh nicht schlafen kann und hier irgendwelche seltsamen Riesenfalter ins Haus kommen.
      Viele Grüße, Birgit
      PS: Mein Zwangsumtauschgeld – die „Jungen“ wissen gar nicht mehr, was das ist, hihi 🙂 – habe ich erst vergeblich versucht, in Naturalien umzusetzen – aber da kam man nicht weit. Und dann in der Buchhandlung Unter den Linden gefühlte 25 Kilo Marx und Lenin gekauft – das Papier war so sch…., die sind inzwischen förmlich verfallen – was ja fast schon wieder Symbolkraft hat.

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      1. Ein Früh-Grufti, der ETA, in der Tat.
        Da sagst Du was, beim Papier haben’s damals gut gespart, die „Volkseigenen Betriebe“… Die Nummer mit den Naturalien kann ich nur bestätigen, das Bier kostete damals glaub ich so an die 50 Pfennig, da hätte man lange hinpicheln müssen, bis die 20 (oder 25?) Ostmark weggewesen wären, und die Kippen, sorry. liebe Brüder und Schwestern im Osten, die waren wirklich unterirdisch (und ich war damals nicht zimperlich, was Rauchware betrifft…;-)))

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      2. Bier 25 Pfennig, Gulasch 1 Mark. Da hätte man an einem Tag ca. 25 Mal essen gehen müssen. 1 Tafel volkseigene Schokolade 30 Pfennig – da ging es mir wie Dir mit den Kippen. Ich wollte dann einen Trabi kaufen, aber der war zu teuer.

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      3. Schallplatten, anyone? Wenn wir Verwandte besucht haben, bin ich eigentlich sehr oft nicht nur mit Büchern („unbedenklichen“), sondern auch mit Platten nach Hause gefahren. Frage mich gerade, mit welchen, erinnere mich lebhaft an eine Lesung von Christa Wolf „Kein Ort. Nirgends“ (sehr geliebt) und an die Puhdys …
        Liebe Grüße
        Christiane

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      4. Was heißt schon „Ahnung“? Wenn man plötzlich gefühlt unermesslich reich ist (der Zwangsumtausch wollte ja ausgegeben werden), dann bleibt man, also ich, halt bei Büchern und Platten und Kunstgewerbe kleben. Fehlgriffe inbegriffen.
        Christa Wolf war toll, da sie selbst las. Ich mochte ihre Stimme sehr.

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      5. Ja, aber trotz Zwangsumtausch und Kosumdruck: Die innere Schwäbin in mir, die stand das alles durch und blieb eisern 🙂
        Ich hab meine restlichen Ostmark dann vor dem Grenzgang einfach auf ne Bank gelegt.

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      6. Okay, unsere Situationen waren unterschiedlich. Ich habe mit meinen Eltern Verwandte besucht. Da war die Frage, was mit dem restlichen Geld geschehen sollte, nie offen.
        „Innere Schwäbin“ *grins* …

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    2. Oh ja, mit Büchern (die in der DDR tatsächlich sehr preiswert waren) und mit Kunsthandwerklichem aus dem Erzgebirge haben wir unsere Westverwandten auch gern versorgt. Und von ETA Hoffmann gab es tatsächlich in den 80ern eine wunderschöne Gesamtausgabe – die hab ich aber dann allerdings selbst behalten 😉
      Herzlichst,
      Marlis

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      1. Liebe Marlis,
        was die Literatur anbelangt – das waren ja tatsächlich volksnahe Preise, was natürlich an sich eine gute Sache ist. Aber es gab eben nur systemkonformes oder unbedenkliches zu lesen.
        Witzigerweise habe ich aber dann auch mal so Schinken wie „Vom Winde verweht“ aus DDR-Druck erhalten – und da war das Papier echt so schlecht, das hat sich beim Umblättern aufgelöst.

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      2. Ach naja, es gab zum Beispiel die Taschenbibliothek der Weltliteratur – eine wunderbare Ausgabe (sogar am ZeitungsKiosk zu erstehen) und da war von Falkner über Werfel, Hesse, Stendhal wirklich alles dabei. und meine sämtlichen Gesamtausgaben von Brecht angefangen über Th. Mann, Feuchtwanger, ETA Hoffmann 😉 usw. stammen sämtlich aus DDR-Zeiten, heute würde ich mir die wahrscheinlich nicht mehr kaufen, aber die waren damals wirklich billig, du kannst dir gar nicht vorstellen, was meine preisbewussten Verwandten aus Stuttgart damals alles gekauft haben. Leider sah es dahingegen mit Fachbüchern wirklich miserabel aus, daran denke ich mit Grauen. meine Freundin, die Sekretärin gelernt hat, hat mir mal ein ganzes Kompendium in Windeseile abgetippt, dass ich mir kurze Zeit von einem Freund ausborgen durfte. Dafür danke ich ihr manchmal noch heute 🙂
        Herzliche Morgengrüße an dich von
        Birgit

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      3. Preiswert waren die, in der Tat. Diese braunen Reclam-Taschenbücher fand ich auch klasse, da konnte man sich für ein paar Groschen jede Menge Weltliteratur reinziehen.
        Viele Grüße,
        Gerhard

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  2. Irgendwie wart Ihr kurz aus meinem Reader verschwunden – WIE KONNTE DAS DENN PASSIEREN?! Böse Technik, oder in meinem Fall wahrscheinlicher: dummer Anwenderfehler 😉 Ich habe mich glatt gewundert, warum es plötzlich so still um Sätze&Schätze geworden ist… hüstel… Ich seh´s mal positiv: Heute kann ich ganz, ganz viele „neue“ Beiträge auf einmal lesen!

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  3. Liebe Birgit, wie schön beginnt der Tag – Hagestolz, ich bedaure auch immer, dass man es viel zu selten benutzen kann 🙂 Und ich liebe ETA Hoffmann, aber da ich immer einfach nur darauf losgelesen habe, ohne mich um irgendwelche Einordnungen zu scheren, fand ich ihn immer regelrecht heiter und humorvoll und zwar nicht nur den legendären Kater Murr, auch seine Personenbeschreibungen und bei KleinZaches (genannt Zinnober) versetzt mich schon der Name in Entzücken 🙂 irgendwie gar nicht sooo schwarz romantisch für mich, eher irgendwie satirisch.
    liebe Tagesgrüße an dich von
    Marlis

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    1. Liebe Marlis,
      der Murr ist heiter, da hast Du vollkommen recht…E.T.A. hat die satirische Seite, jedoch auch diese dunkle. Wie Gerhard schrieb – einer der Wegbereiter der düsteren Geschichten ähnlich wie Edgar Allan Poe. Vor allem aber ein Ergründer der Abgründe der menschlichen Psyche…

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      1. und ich fand immer, gerade deshalb irgendwie gültig – mit (vielen vielen) altmodischen Worten werden auch ewig aktuelle menschliche Schwächen (nicht immer nur Abgründe) beschrieben. Doch auch hier gestehe ich: manch eine Einleitung habe ich einfach nur überflogen – ich denke da an die Kreisleriana, ich glaube, da habe ich seitenweise überblättert :-(((( gestehe ich beschämt
        LG, Birgit

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  4. „Oh, der Mensch sieht es oft spät ein, wie sehr er geliebt wurde, wie vergeßlich und undankbar er war und wie groß das verkannte Herz!“

    Es ist schon lange her, dass ich die Geschichte vom ’steinernen Herzen‘ von Hoffmann las. Das Ende stimmt versöhnlich: Es ruht.
    Eine sehr Geschichte mit so viel Hintersinn und Tiefe.
    Danke für diesen wunderbaren Beitrag dazu und liebe Grüße
    von der Karfunkelfee

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    1. Das versöhnliche Ende – stimmt, das macht die Geschichte auch so schön. Denn zunächst bei der Beschreibung des Hauses, aber auch des Sommerfestes, das ja was leichtes haben sollte, ahnt man und fürchtet man ein dunkles Verhängnis. Und das Herz schlägt auch etwas mitfühlend für den Herrn Hofrat mit seinem steinernen Herzen, der so viel Leben versäumt – so ist es schön, dass er am Ende seinen Frieden machen kann…

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  5. Was für eine wunderbare Grabinschrift. Und da sie der Hofrat selbst in Auftrag gab, war er offenbar nicht nur über die Maßen verwundbar-abweisend, verwirrt und zerrissen, sondern auch voller Sehnsucht. Was ja überhaupt kein Widerspruch ist. Ach, welche Tragik! Macht mir Lust, mal wieder zu E.T.A. Hoffmann zu greifen. Und auf das steinerne Herz von Arno Schmidt bin ich schon seeehr gespannt.

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      1. Ich versichere ausdrücklich: Allfällige Neugier-Bekundungen meinerseits sind in dem hier interessierenden literarischen Kontext niemals in der Absicht geäußert, Druck irgendwelcher Art auszuüben. 😉

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