Die Vogel schreibt ihrem himmlischen Heinrich

3cirale2015 071Mein Heinrich,

mein Süßtönender, mein Hyazinthenbeet, mein Wonnemeer, mein Morgen- und Abendrot, meine Äolsharfe, mein Tau, mein Friedensbogen, mein Schoßkindchen, mein liebstes Herz, meine Freude im Leid, meine Wiedergeburt, meine Freiheit, meine Fessel, mein Sabbath, mein Goldkelch, meine Luft, meine Wärme, mein Gedanke, mein teurer Sünder, mein Gewünschtes hier und jenseits, mein Augentrost, meine süßeste Sorge, meine schönste Tugend, mein Stolz, mein Beschützer, mein Gewissen, mein Wald, meine Herrlichkeit, mein Schwert und Helm, meine Großmut, meine rechte Hand, mein Paradies, meine Träne, meine Himmelsleiter, mein Johannes, mein Tasso, mein Ritter, mein Graf Wetter, mein zarter Page, mein Erzdichter, mein Kristall, mein Lebensquell, meine Rast, meine Trauerweide, mein Herr Schutz und Schirm, mein Hoffen und Harren, meine Träume, mein liebstes Sternbild, mein Schmeichelkätzchen, meine sichere Burg, mein Glück, mein Tod, mein Herzensnarrchen, meine Einsamkeit, mein Schiff, mein schönes Tal, meine Belohnung, mein Werther, meine Lethe, meine Wiege, mein Weihrauch und Myrrhen, meine Stimme, mein Richter, mein Heiliger, mein lieblicher Träumer, meine Sehnsucht, meine Seele, meine Nerven, mein goldner Spiegel, mein Rubin, meine Syringsflöte, meine Dornenkrone, meine tausend Wunderwerke, mein Lehrer und mein Schüler, wie über alles Gedachte und zu Erdenkende lieb ich dich.

Meine Seele sollst du haben.

Henriette

Mein Schatten am Mittag, mein Quell in der Wüste, meine geliebte Mutter, meine Religion, meine innere Musik, mein armer kranker Heinrich, mein zartes weißes Lämmchen, meine Himmelspforte. H.

Uff. Erst einmal Luft holen. Was Adolphine Sophie Henriette Vogel da (wahrscheinlich im November 1811) an Heinrich von Kleist schrieb, macht beim Lesen beinahe atemlos. So viele Kosenamen, der Brief sozusagen ein einziger Kosename. Es scheint jedoch ihr Umgangston gewesen zu sein – denn Kleist schrieb 1810 bereits etwas ähnliches an sie:

Mein Jettchen, mein Herzchen, mein Liebes, mein Täubchen, mein Leben, mein Liebes süßes Leben, mein Lebenslicht, mein Alles, mein Hab und Gut, meine Schlösser, Äcker, Wiesen und Weinberg, o Sonne meines Lebens, Sonne, Mond und Sterne, Himmel und Erde, meine Vergangenheit und Zukunft, meine Braut, mein Mädchen, meine liebe Freundin, mein Innerstes, mein Herzblut, meine Eingeweide, mein Augenstern, o Liebste, wie nenn‘ ich Dich? Mein Goldkind, meine Perle, mein Edelstein, meine Krone, meine Königinn und Kaiserinn. Du Liebling meines Herzens, mein Höchstes und Theuerstes, mein Alles und Jedes, mein Weib, meine Hochzeit, die Taufe meiner Kinder, mein Trauerspiel, mein Nachruhm. Ach, Du bist mein zweites besseres Ich, meine Tugenden, meine Verdienste, meine Hoffnung, die Vergebung meiner Sünden, meine Zukunft und Seligkeit, o, Himmelstöchterchen, mein Gotteskind, meine Fürsprecherinn und Fürbitterinn, mein Schutzengel, mein Cherubin und Seraph, wie lieb‘ ich Dich!

Zynische Geister würden sagen: Schöne Worte, in den Sand geschrieben. Denn es ist nicht gewiß, ob die beiden – zumal Adolphine anderweitig verheiratet war – sich „nur“ platonisch oder mit allen Sinnen liebten. Und der Gefühlsüberschwang (vielleicht nicht einmal ausgelebt) fand ein tragisches Ende:  Im Doppelselbstmord 1811 in Wannsee.

Adolphine Henriette Vogels Brief erschien von Yvonne Kuschel illustriert bei der Edition Büchergilde in der Reihe der „Petit Fours“ – eine schöne Liebesgabe, wenn man selbst nicht zur Feder greifen resp. in die Tasten hauen mag.

 

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Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

25 thoughts on “Die Vogel schreibt ihrem himmlischen Heinrich

  1. fast ein bisschen too much… aber dann kommt nach dem „zarten Pagen“ auch wieder so viel Inniges, das man einfach vor sich hinlächeln muss (und ‚wenigstens‘ haben die beiden Liebenden einen gemeinsamen Grabstein – die Vogel und der himmlische Heinrich)
    Liebe Abendgrüße,
    Birgit

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      1. Nein, nein, nein – ich hatte es nicht überlesen, auch das Herzensnarrchen nicht. Aber wahrscheinlich wusste sie schon genau, was sie schrieb 🙂
        Liebe Morgengrüße und einen schönen Tag

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      2. Recht hast du, liebe Birgit! Wir belassen es bei Geschmackssache für Narrchen und zarter Page – aber beim Schoßkindchen sind wir uns wirklich einig!!!! Ich hab frei und muss mal nicht in die Hitze 🙂 und wünsche dir, dass du hin und wieder auch Zeit hast, um an einem schattigen Plätzchen wenigstens ein bisschen Pause zu haben…

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      3. Ach, im Büro ist es ein großes Stöhnen und Jammern. Aber das Wetter kann es den Leuten ja auch nie recht machen…
        Ich hatte gestern japanische Besucher hier, die haben ein sinnvolles Geschenk überreicht. Eine umweltschonende Klimaanlage:

        Fehlt nur noch einer, da da steht und immer fächelt.

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      4. Was für ein schönes, praktisches Stück! Auch wenn es aus Japan stammt, drängt sich mir jetzt eher ein Carmen-ähnliches Bild auf, mehr feurig… und meine Gedanken schweifen noch mehr ab… Mantilla und Flamenco und zu dem jungen Antonio und ich merke, ich habe igendwie zuviel Zeit heute, wenn ich von einem japanischen Fächer auf so was komme – wahrscheinlich, weil das Wetter heute nicht mehr heiß ist, muss es die Musik sein…

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    1. Stimmt auch, Maren, jetzt wo Du darauf hinweist – aber vielleicht die übersteigerte Erwartung, weil da nix ausgelebt werden konnte? Und weil das zwei „überreizte“ Gemüter waren? Oder doch nur Schwärmerei und Papier ist geduldig?

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  2. Oh Gott wie furchtbar. Ich stelle mir gerade vor, ich bekäme so einen Brief… viel gelesen und hinterher weiß ich immer noch nicht, was es nun eigentlich bei ihm so zu sagen gibt 😀
    wenn es um Liebesbriefe geht, geht für mich nichts über die Briefe, die Oscar Wilde aus dem Gefängnis an Bosie Douglas geschrieben hat. Pure Poesie!

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  3. Es waren schon seltsame Zeiten, in denen Kleist lebte und schrieb, viel Schwärmertum. Es gibt da so Passagen in der Marquise von O… wo ich fast meine, dass er sich einen Spaß macht in Übertreibungen (Versöhnungsszene Papa und Töchtechen), aber ich fürchte, so warn’s die Leut damalen. War eben so Mode. Bei Chamisso errötet Schlemijl bei der Begegnung mit dem feinen Herrn auf dem Feld. Die etwas jüngere Bettine Brentano war auch ziemlich überkandidelt…

    Der Wannsee steht auch für Gutes, zum Beispiel hat dort Max Liebermann gewirkt. Die paar üblen Geister waren eben extrem übel, aber meistens war es doch ein Ort von friedlichem Miteinander ungeachtet des Standes (am Strandbad), von Seglern und Künstlern, von gesitteten Anwohnern. Auf der Pfaueninsel wurden heimische Handwerker verdingt, die mit lokalen Werkstoffen arbeiteten, um damit die fremde, ferne Welt nahezubringen. Das finde ich fortschrittlich für die Zeit des Friedrich Wilhelm II. Und bald reise ich wieder hin zum Fest der kleinen Verlage in der Villa des Literarischen Colloquiums. Na, bitte sehr. Is dat denn nix?

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