Henry James: Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren (1879 – 1901/2015).

9 Kommentare

2012-08-13 09.25.17

Henry James (1843 – 1916) zu lesen ist, als würde man Champagner trinken: Man weiß, da hat man etwas ganz Seltenes, Erlesenes, Elegantes. Ein Genuss. Jedoch mit Nachwirkungen: Ein Schluck zu viel davon, und man ist verloren. Und unter dem Glanz dieser Sprache, des Stils liegt schon der Hauch eines bitteren Nachgeschmacks – bald schon bricht in die schillernde Kulisse dieser Satz- und Dialogkonstruktionen die Ahnung einer dunkleren Seite ein, lauert unter dem Glanz etwas Morbides, weht uns eine Vorkenntnis von Herzeleid und Seelenqual, von Scheitern und Zerbrechen an.

Ob in „The Portrait of a lady“, „Daisy Miller“ oder „Washington Square“: In allen seinen großen Roman geht es im Grunde um gescheiterte Lebensentwürfe, um verlorene und vergebliche Liebe (meist sind es die großen Frauenfiguren des Henry James, die sich den Konventionen beugen, sich in eigenen Lebenslügen verstricken und sich, ganz klassisch ausgedrückt, an den „Falschen“ verschenken), um zertrümmerte Träume. Und um Verluste – wer sich sein privates Glück gegen alle Regeln seiner Klasse erkämpft, muss dafür einen anderen Preis bezahlen, so die bittere Erkenntnis. Einfach so kommt keiner davon.

Henry James, der große literarische Psychologe (sein Bruder William war der praktische Vertreter dieser Disziplin, gilt als der Begründer der Psychologie in den USA), spürt den feinen seelischen Beben, dem Hin und Her des Lebens, das sich oftmals zunächst im Inneren abspielt, den inneren Kämpfen feinfühlig nach – und kleidet es in eine Sprache, die in dieser Geschliffenheit wenige so beherrschten wie er. Seine Bücher werden gerne mit dem Etikett „Gesellschaftsroman“ versehen – eine Einschränkung, die ihnen nicht gerecht wird. Denn man kann den Romanen weitaus mehr entnehmen als „the portrait of a society“, die es in dieser Form schon lange nicht mehr gibt. James ist einer, der den Menschen – freilich aus sicherer, kühl beobachtender Distanz – auf den Grund geht. Und so haben seine Romane und Erzählungen in der treffenden Analyse unserer psychisch Beschränkungen (und Beschränktheiten) immer noch ihre Gültigkeit. Lebensweisheiten à la James, die in Sätze verkleidet sind, die man sich durchaus mehrmals über der Zunge zergehen lassen muss, bis sie ihr vollständiges Aroma entfalten:

„Es ist meine Überzeugung, dass es einer Freundschaft meistens nicht zum Vorteil gereicht, wenn mein Freund meine wahre Meinung kennt, denn er kennt sie hauptsächlich dann, wenn es eine ungünstige ist, und dies gilt insbesondere dann, wenn (falls ich das so schief ausdrücken darf) er eine Frau ist.“
Aus der Erzählung „Louisa Pallant“ (1888)

Gerade an seinen kürzeren Arbeiten, den zahlreichen Erzählungen, wird sichtbar, wie sehr Henry James mit den Irrungen und Wirrungen der Menschenseele mitging – die größten Gefahren lauern auf ein Herz, das sich öffnet, die tiefsten Wunden vermag die Liebe zu schneiden, weil sie verletzbar macht. James, selbst ein Lebensvermeider und Liebeverweigerer – mutmaßlich aus Lebensangst, liest man sich in die Biographie dieses von Schwermut geplagten Mannes ein – wusste dies. Und machte sich wenigstens im Schreiben frei davon. Zudem erlaubte es ihm die Position des neutralen Beobachters, sich jede Freiheit in der Beschreibung seiner Mitmenschen erlauben zu können. Und so sind in seinen Büchern immer wieder einige der schönsten Giftigkeiten zu finden:

„Natürlich ist sie nicht einmal mehr auch nur ein bisschen jung; sie hat sich nur gut gehalten – oh, aber gut gehalten wie eingemachtes Obst in Sirup! Ich möchte ihr gerne helfen, und sei es nur, weil sie mir auf die Nerven geht, (…).“
Aus: Der Beldonald-Holbein (1901)

Beim Manesse Verlag sind nun sechs Erzählungen unter dem Titel „Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren“ in einer schönen Schmuckausgabe erschienen, kongenial übersetzt von Friedhelm Rathjen – Henry James hat tatsächlich nur die besten Übersetzer verdient. Sie alle kreisen mehr oder weniger um die oben angesprochenen Themen. In ihrem Nachwort für den Manesse-Band (auch dieses für sich ist übrigens ein literarisch-essayistischer Genuss) schreibt die Literaturwissenschaftlerin Maike Albath:

„James war von der Feinmotorik der Psyche fasziniert, die er auch in den sechs hier zusammengefassten Erzählungen so glänzend auffächert. Er und sein Bruder William schienen sich gegenseitig zu inspirieren. William James prägte nicht nur den Begriff des stream of consciousness und betonte die Vorläufigkeit aller Erfahrung von Welt, sondern sah auch das Ich als etwas Vielgestaltiges an. Er unterschied zwischen dem „I“, dem Ich als Subjekt, und dem über sich selbst reflektierenden „me“, dem Ich als Objekt. Beides zusammen ergibt das „self“. Diese Erkenntnis zusammen bargen für Henry James ein ungeheures erzählerisches Potenzial, das sich durch gesellschaftliche Zwänge wie Klassenzugehörigkeit oder Besitz noch akzentuieren ließ.“

Oder durch einen dritten Blick, den Blick von außen: Mein Favorit unter diesen Erzählungen ist nicht die titelgebende Geschichte über das vergeudete (Liebes-)Leben eines verbitterten Mannes (1879), der sich selbst im Wege stehend, Opfer seiner Vorbehalte wurde oder die ähnlich konstruierte Erzählung „Louisa Pallant“ (1888). Sondern „Die Eindrücke einer Cousine“ (1884), die allerdings einen wesentlichen Schönheitsmakel hat. Davon wird noch zu sprechen sein. In erster Linie ist es jedoch amüsant, unterhaltend und fesselnd, jener Dame dabei zuzusehen, wie sie mit dem „Ich“ ihrer jüngeren Verwandten umgeht, während sie versucht, deren „Es“ zu ergründen. Irrungen und Wirrungen vorprogrammiert.

Zu den Vorzügen der Eindrücke: Eigentlich eine klassische Konstellation, jene der älteren Cousine, die als „Anstandsdame“ und Gesellschafterin einer jungen, elternlosen Dame zur Seite steht. Der Treuhänder des Vermögens lässt seinen jüngeren Bruder im Hause antichambrieren, arbeitet auf eine Verbindung der beiden jungen Leute hin. Natürlich dämmert es beim Lesen bald – das Vermögen ist perdu, veruntreut, die vom Vermögensverwalter forcierten Hochzeitspläne dienen dazu, den Betrug zu bemänteln. Die scharfsinnige und scharfzüngige Cousine durchschaut dies zwar wohl, aber nicht ihr eigenes Herz und das der anderen – da geht es erst einmal kreuz und quer. James Stil zeigt sich hier, in den Tagebuchaufzeichnungen der Dame, von seiner luftig-leichten, fast mediterranen Seite. Sie spielt ausnahmsweise nicht in der „alten Welt“, sondern in den Vereinigten Staaten spielt, dem Geburtsland von Henry James, das er floh und gegen ein Leben auf dem Kontinent eintauschte. Die geographische Verortung der Erzählung gibt ihm jedoch Spielraum genug für ironische Seitenhiebe auf seine Landsleute, auf die Engstirnigkeit einer bestimmten Klasse in „the land of the free“.

„Kurz, in Sachen Pflicht ist sie wahrhaft eine kleine Künstlerin; und ihr Meisterwerk (in jener Hinsicht) besteht darin, dass sie zurückgekehrt ist, um hier zu leben. Es kann ihr nicht gefallen; ihr Geschmack ist anderswo. Würde es ihr doch gefallen, so hätte sie sich sicherlich nicht eine solche Formulierung einfallen lassen wie diejenige, die sie neulich benutzte: „Ich glaube, in seinem eigenen Land zu leben, hat mehr Würde.“ Das ist eine Formulierung, die der Sachlage angepasst ist. Niemand würde je ein Leben in Europa aufgeben, weil es ihm sonst an Würde mangelt. Die bedauernswerte Eunice spricht vom eigenen Land, als verwahrte sie die Vereinigten Staaten im Hinterstübchen. Die Würde, die darin liegen soll, in der 53rd Street zu wohnen, hat sich mir noch nicht erschlossen.“
Aus: Die Eindrücke einer Cousine (1884)

Leider bleibt jedoch auch Henry James selbst von diesem Charakterzug nicht verschont: Mehr als in anderen Arbeiten tritt in dieser Erzählung sein Antisemitismus deutlich, der in einem bestimmten Milieu in den USA grassierte, siehe auch manche Anmerkungen in den Werken der Schriftstellerin Edith Wharton, mit der James befreundet war.

Dennoch, bis auf diesen schwarzen Fleck auf der makellos gepflegten Weste des Mr. James, sind die Erzählungen ein Genuss. Was in der modernen Literatur allzu oft als dröge Seelenschau und Bauchnabelbetrachtung daherkommt, beherrschte Henry James auf das Feinste: Den verschlungenen Wegen des menschlichen Inneren nachzuspüren. Und auch wenn an Äußerlichkeiten wenig geschieht, hält der große Stilist einen in Bann. Und zeigt auf seine unnachahmliche Weise: Die Liebe ist ein seltsames Spiel (sie kommt und geht von einem zum anderen, singt Connie Francis), doch die meisten Menschen werden, einmal von der Hoffnung auf sie getroffen, zu ganz tumben und dümmlichen Toren.

Mit Dank an den Manesse Verlag für das Rezensionsexemplar.

9 comments on “Henry James: Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren (1879 – 1901/2015).”

  1. Ein wundervolles Buch – in Inhalt und Aufmachung! Dass Du Friedhelm Rathjens Übersetzung lobend hervorhebst, hat mich besonders gefreut. Er gehört in der Tat zu den Besten und seine Arbeiten schätze ich sehr, (nahezu) ausnahmslos. lg_jochen

    Gefällt 1 Person

    1. Ein Eleganter wie James braucht einen erstklassigen Übersetzer – und Rathjen ist für mich neben Schönfeld (Winesburg, Ohio) und Andreas Nohl (Schatzinsel, Dracula) derzeit einer der Lichtgestalten, wenn es um amerikanische und englische Literatur geht…

      Gefällt 1 Person

      1. … und ich hebe noch Dirk van Gunsteren (Pynchon u.a.), Ulrich Blumenbach (Wallace, Cohen u.a.), sowie Markus Ingendaay (Gaddis u.a.) in den Kreis der Lichtgestalten, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Und natürlich Hans Wollschläger (unsterblich wegen Ulysses und Poe) …. ach, und Arno Schmidt natürlich. 😉

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s