Hanns Heinz Ewers: Freche Fee und lustiger böser König. Märchen. (1905/2014)

So morbide Hanns Heinz Ewers sich in seinen Werken für Erwachsene gab, so licht und leicht schrieb er für Kinder: Märchen, gegen den Strich gebürstet.

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Augsburg (10)
Bild: Birgit Böllinger

Heute wollen viele Mädchen wie Prinzessin Lillifee sein. Da wünschte man sich fast, die Eltern würden Hanns Heinz Ewers kennen und dessen Märchen. Und ihren Nachwuchs zur Abwechslung einmal damit vertraut machen. Pädagogisch klug wäre das freilich dann nicht, wenn man schon früh einen anpassungsfähigen Leistungsträger heranziehen will. Denn die Märchen dieses 1943 verstorbenen Kultautors, der heute leider beinahe vergessen ist, die sind gegen den Strich gebürstet. In diesen Erzählungen aus einem ganz eigenen Zauberkosmos spielt, tobt und regiert das wilde, ungebärdige, aber dennoch (oder gerade deswegen) ganz und liebenswerte Kind.

So morbide Hanns Heinz Ewers sich in seinen Werken für Erwachsene gab, so zauberhaft licht und leicht schrieb er für Kinder. Tatsächlich sind ja auch der „Lustmord einer Schildkröte“ und andere Erzählungen nichts anderes als phantastische, exotische, überbordernde Märchen für Erwachsene. Und während dort die Lust am Übertreten von Grenzen eine „gefährliche“ Seite hat und mit Drogenexzessen, Vodoo und Orgien einhergeht, drückt sich dieses Grenzenlose in seinen Geschichten für Kinder durch eine schier unbegrenzte Phantasie und einen verspielten Witz aus, der diese Märchen zu einem echten Lesevergnügen macht.

Lise reist durch die Milchstraße. Urheberrechte bei: Elena Zjazeva, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags
Lise reist durch die Milchstraße. Urheberrechte bei: Elena Zjazeva, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Eines meiner Lieblingsstücke erzählt von der Ginsterhexe oder „Wie der Fasching entstand“:

„Denn die Schwester ihrer Urgroßmutter, die Prinzessin Johanna Nepomuca Hubertina hatte damals, als sie noch ein junges Mädchen war, durchaus keinen Prinzen heiraten wollen, und auch keinen Grafen und keinen Fürsten oder Herzog. Die seien ihr alle viel zu dumm, hatte sie gesagt und dann hatte sie den krummbeinigen Zauberer Kakerlak geheiratet. Das hatte natürlich einen großen Skandal im ganzen Lande gegeben, aber darum hatte sich die Prinzessin gar nicht bekümmert. Sie war einfach mit Kakerlaken durchgegangen, war mit ihm durch die ganze Welt gereist und hatte überall herumgezaubert. Der alte Zauberer, der gar nicht mehr erwartet hatte, daß ihn auf seine alten Tage noch so ein hübsches, junges Prinzeßchen heiraten würde, gewann sie sehr lieb und lehrte sie zum Dank alle Zauberkunststücke und Hexengeheimnisse, die es auf der ganzen Welt gab.“

Man sieht: Prinzessin Johanna Nepomuca Hubertina ist ein echter Eigensinn, ein Original. Und davon gibt es in den Ewers-Märchen einige, die den Leser durch mehrere Geschichten begleiten: Die widerspenstige Lise, die auf ihrer Reise durch die Milchstraße sogar die Engelchen in ihren Schabernack einspinnt, den etwas schnöseligen Otto Bender aus gutem Hause, der von „Underdog“ Joseph Quetschbüdel zu allerlei Abenteuern verführt wird und vor allem Josephs Großmutter, die die herrlichsten Geschichten kennt.

Otto und Jupp, die beiden Bengel - Illustration zum Märchen
Otto und Jupp, die beiden Bengel – Illustration zum Märchen „Die verkaufte Großmutter“.
Urheberrechte bei: Elena Zjazeva, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Trotz seiner Drogenabstürze und politischen Verwirrungen bis hin zur Anbiederung an die Nazis – irgendwie bleibt einem dieser Autor gerade durch solche Geschichten sympathisch, denn man merkt diesen Märchen an: Hanns Heinz Ewers war und schrieb selbst wie ein großes Kind, voller Abenteuerlust, voller Lebensfreude und Lust am Fabulieren. Und dieser Spieltrieb sowie die unersättlich erscheinende Neugier auf die Welt, die den erwachsenen Schriftsteller zwar auf unzählige Reisen führten, aber auch oft genug in die Bredouille brachten, dies hat etwas Kindliches, das er sich und seinen Lesern auch in seinen Märchen bewahrt. Freilich setzt er sich damit auch in Gegensatz zur Welt der Erwachsenen oder nimmt diese ironisch aufs Korn:

„Die Feenprinzessin las also „Neueste Nachrichten“ und da sie natürlich gern die neuesten Nachrichten aus aller Welt kennen lernen wollte, so las sie weiter. Sie erfuhr, daß ein Kind sich ganz schrecklich verbrannt hatte, weil es unvorsichtigerweise mit Streichhölzchen gespielt habe, und das tat ihr sehr leid. Sie erfuhr auch, daß ein neues Denkmal enthüllt worden sei und daß jemand eine Rede dabei gehalten habe, und das war ihr ganz egal. Und dann stand noch in der Zeitung, wie hoch der Weizen im Preise stehe und wie hoch der Roggen und was ein Schwein koste und was ein Ochse. Und das war ihr erst recht gleichgültig. Aber vom Feenland stand gar nichts in der dummen Zeitung, und darüber ärgerte sich die Prinzessin Bora, sie hätte so gern was über ihre Verbannung gelesen. Aber sie wußte schon, woher das kam: seit nämlich der Herr Purzel Minister von Avalon war, wurde die Zensur dort ganz außerordentlich streng geübt, und das ist auch der Grund, warum wir Menschen so wenig Nachrichten vom Feenlande bekommen können.“

Dass die Leser heute wieder mehr aus dem Feenlande des Hanns Heinz Ewers lesen können, ist auch einem Mann mit zu verdanken: Sven Brömsel, der auch mitverantwortlich für den Band „Lustmord einer Schildkröte“ bei der Anderen Bibliothek war, ist ebenfalls Herausgeber von „Freche Fee und lustiger böser König“. Das Buch mit den Ewers-Märchen, die damit nach fast 100 Jahren erstmals wieder aufgelegt wurden, erschien in der schönen, liebevoll gemachten Reihe „Literarische Kunststücke“ (die auch andere literarischen Schätze, u.a. von Paul Heyse und Jean Paul zu bieten hat) beim Verlag Ripperger & Kremers und sei jedem mit Kind im Herzen an dasselbe gelegt.

Den Eindruck, hier schrieb das Kind im Manne, bestätigt Sven Brömsel in seinem fachkundigen Nachwort:

„Das Äußre ist ein in Geheimnißzustand erhobenes Innre – Die Novalis-Sentenz könnte als Motto für Hanns Heinz Ewers` gesamtes Schaffen dienen. Seine Märchen sind für die Zeit zwischen 1902-1905 sehr unprätentiös und bestechen noch heute, jenseits höherer Moral und politischer Korrektheit mit Charme und Lässigkeit. Und wirklich, der Dichter ist sein Leben lang – wie die Kunstfigur Jupp Quetschbüdel – ein Lausebengel geblieben.“

Gute Aufsätze, aber schlechte Manieren, ein renitentes Wesen, Schulverweis, Jurastudium und Ausflüge in die Halbwelt, Festungshaft und Studentenverbindung, Rauswurf wegen Faulheit und Impertinenz aus dem Staatsdienst, Varietékünstler, Schriftsteller, Frauenheld, Filmschaffender, Weltreisender und Skandalautor: Der Ewers hat beileibe nichts ausgelassen. Und alles ausgekostet – bis zur bitteren Neige, wie Sven Brömsel schreibt.

„Der gefeierte Autor, Filmemacher, Myrmekologe, Freund sphärischer Musen und realer Drogen hatte die Sinne für Tagespolitik verloren und glaubt, nunmehr 60-jährig mit einem Horst Wessel-Roman reüssieren zu müssen. Zum ersten Mal versucht er sich, mit seiner Kunst anzubiedern – und es wird ein miserables Werk. Aber es ist nicht schäbig genug, um den Nazis zu gefallen, denn es wird, neben seinen ganzen wundervollen Büchern, die auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, verboten. Der magische Erzähler Hanns Heinz Ewers ist nun ein aus seiner Märchenwelt derb erwachter Autor und stirbt 1943 vereinsamt in Berlin.“

Das Märchenerzählen lag Hanns Heinz Ewers im Blut. Das Talent hat er von der Mutter, der er mit Johanna Nepomuca Hubertina unverkennbar ein literarisches Denkmal setzte. Ihr, der Märchenerzählerin, half HHE schon in frühen Jahren aus, geriet sie ins Stocken – seine Phantasie versiegte offenbar nie. Sein Freund Erich Mühsam schrieb 1904 über ihn, er habe eine neue Ära der Kinderliteratur eingeleitet:

„Im Gegensatz zu allen anderen Kinderbüchern vereinigt es die Anschaulichkeit, den plastischen Stil, die behagliche Vertrautheit, die notwendig ist, um sich dem Kinde verständlich zu machen mit einer erquickenden Phantasie, einem entzückend naiven Humor, und einem prachtvollen Verständnis für alles das, was das Leben in der Kinderseele pulsieren lässt.“

Ewers veröffentlicht zwischen 1901 und 1923 zahlreiche Märchenbücher. Für den vorliegenden Band wurden vor allem Geschichten aus den Jahren bis 1905 ausgewählt. Der Verlag ließ diese von Elena Zjazeva neu illustrieren.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://verlag-ripperger-kremers.de/freche-fee-maerchen

27 comments on “Hanns Heinz Ewers: Freche Fee und lustiger böser König. Märchen. (1905/2014)”

  1. Ein toller Tipp! Ein bisschen tu ich mich zwar schwer damit,dass ein solch phantasievoller Freigeist sich letztendlich „bei den Nazis anbiedern“ wollte,…
    aber Lilifee? – Das ist keine Alternative.

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    1. Ja, das ist natürlich ein dunkler Fleck. Aber man muss es evt. auch aus der damaligen Perspektive betrachten – erstens war er da wohl schon ziemlich von Drogen zerrüttet und zweitens angezogen von allem zunächst, was „anders“ war. Und die Nazis waren ja anfangs auch ein Sammelbecken für alle möglichen wilden, bunten Hunde, die abseits der Gesellschaft oder der gängigen Normen standen – bis sich dann ihr wahres Gesicht ganz und gar entschleierte. Selbst die Geschwister Mann, ja überaus kritisch, nahmen seine Anbiederung nicht zu ernst – zumal sich Ewers dann auch bei den Nazis dermaßen wild aufführte und irgendwelche Bonzen beleidigte, dass die ihn schnell rausschmissen…
      Unabhängig davon: Die Märchen sind wild, anarchistisch, liebevoll, toll.

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      1. Du hast mich überzeugt. Schon alleine dass sein Herz für für alles was anders war schlug,nimmt mich sehr für ihn ein.Und Drogen und Unglück können einen Menschen zugrunde richten.Ich glaube von mir selbst,ich sei unerschütterlich in Bezug auf Opportunismus,aber was weiß ich schon,ich bin nur ein Nach – Nachkriegskind,ich bin nie in die Situation geraten um Leib und Leben meiner Familie fürchten zu müssen!

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    1. Ja, er war vergessen, wohl auch der bereits angesprochenen Mesalliance mit den Nazis wegen – und wird nun langsam wiederentdeckt. Es lohnt sich. Seinerzeit ein Kultautor – so was vielleicht wie der Robbie Williams der Literatur: Die Frauen fielen bei seinen Lesungen in Ohnmacht 🙂

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  2. Liebe Birgit, ich, die ich eine sehr intensive Lillifee-Zeit mit meinen Töchtern durchmachen musste, lese mit einem weinenden Auge von diesen feinen Märchen, die ein klein wenig zu spät kommen, damit Lillifee hätte vertrieben werden können, aber sie kommen nicht zu spät, um sie zu genießen – ob älter oder jung 🙂
    Danke für diesen Tipp und einen lieben Frühlingsgruß aus Jena

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    1. Liebe Birgit,
      egal, was man selbst vorlebt als Mutter und Frau: Ich glaube, fast jedes Mädchen hat diese Rosa-Prinzess-Pferde-Phase 🙂 Aber es ist nie zu spät, die Lillifee auszutreiben! Will sagen: Diese Märchen sind auch wunderbarer Lesestoff für Erwachsene (Frauen und Männer). Schön, mal wieder was von Dir zu lesen – rimbau 🙂 Liebe Grüße zurück, Birgit

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  3. Liebe Birgit,
    alleine Deine kleinen Ausschnitte aus Ewers Märchen sind ganz wunderbar: eine selbstbewusst-moderne Prinzession heiratet, wen sie will, auch wenn er Kakerlak heißt. – Die Namen sind überhaupt durchgängig eine Wucht: der Minister Herr Purzel! toll. – Und die Fee ist entsetzt über die Berichterstattung von der Börse und wünscht sich mehr Artikel zum Feenland. Wir schließen uns an!
    Wieder ein toller Tipp, obwohl ich ja nicht die Märchenleserin bin. Aber diese hier scheinen so recht nach meinem Geschmack.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia,
      das hat mich von der ersten Seite an bezaubert – diese Namen, schon das ein Ausdruck der über-purzelnden Phantasie…Und die Feen sind eben gar nicht lillifeenmäßig-zierlich, sondern anpackend und frech. Ewers ist für mich – nicht nur wegen der Märchen – die Entdeckung der letzten Zeit.
      Viele Grüße, Birgit

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      1. Ist das toll, liebe Birgit! Ob ich will? Aber sowas von! Ich bin ja ebenfalls literarisch-lyrisch-politisch mit Wagenbach groß geworden. Und nun die von ihm signierten Erinnerungen… ick freu mir! 🙂

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  4. Nachdem meine Meinung zu Ewers bisher eher zwiegespalten war, habe ich mich ihm jetzt auf Deine und Xenianas Empfehlung von der Märchenseite her genähert, mittels einer alten Ausgabe von 1923, die auch die herrliche Ginsterhexe enthält. Wunderbar! Und das nicht nur, weil völlig rosa-Pony-frei. Das wird wohl bald ein Hörbuch werden müssen.

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    1. Liebe Birgit,
      das freut mich, dass Dir die Märchen gefielen – sie sind ja wirklich klasse (und eben nicht lilifee). Und natürlich zeigt sich Ewers da von einer weit weniger morbiden, sondern mehr verspielten, kindlichen Seite. Ich freue mich, wenn eine Vertonung dazu beiträgt, die Märchen weiter im literarischen Gedächtnis zu erhalten!

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