Ágota Kristóf: Das große Heft (1986).

So schmal das Werk, so enorm die Wirkung. Die Sprache ist von einer glasklaren, präzisen Nüchternheit. Kein Wort zu viel in diesem düsteren Werk.

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2012-04-29 15.11.48
Bild: Birgit Böllinger

„Das große Heft“ ist zunächst einmal ein schmales Heft. Knappe 170 Seiten zählt der Roman, der zwar aus einer chronologisch erzählten Geschichte besteht, aber auch stückweise gelesen werden kann – die Kapitel sind wie kleine in sich abgeschlossene Kurzerzählungen, Miniaturen mit maximaler Nachwirkung. Von manchen kann der Roman der gebürtigen Ungarin Ágota Kristóf (1935 – 2011) vielleicht sogar nur stückweise gelesen werden: Denn so schmal das Werk, so groß der Nachhall. Die Sprache ist von einer glasklaren, präzisen Nüchternheit. Kein Wort zu viel in diesem düsteren Werk. So klar und hart, dass damit die seelische Schutzschicht auch geübter Leser geschnitten werden kann.

Geschildert wird die „Entwicklung“ eines Zwillingspaares, das in Kriegszeiten von der Mutter aus der belagerten Stadt auf das scheinbar sicherere Land zur Großmutter gebracht wird. Entwicklung deshalb in Anführungszeichen, weil uns – den sicher in sein zivilisiertes Leben eingehüllten Leser – der Werdegang der Brüder zunächst wie eine Retardierung anmuten muss. Ein Rückfall in barbarische Grausamkeit. Die beiden Kinder gelangen in eine archaisch anmutende Welt. Bei der Großmutter, die sie als „Hundesöhne“ betitelt, heißt es, zunächst auch ohne Krieg vor Ort um das nackte Leben kämpfen zu müssen – um das tägliche Brot, den Schlafplatz, wärmende Kleidung im Winter.

Das Leben reduziert auf das Notwendigste – dies auch verdeutlicht in den meist kargen Kapitelüberschriften:

„Großmutter“

Großmutter wäscht sich nie. Sie wischt sich den Mund mit dem Zipfel ihres Kopftuchs ab, wenn sie gegessen oder wenn sie getrunken hat. Sie trägt keine Unterhose. Wenn sie urinieren muß, bleibt sie stehen, wo sie sich gerade befindet, macht die Beine breit und pißt auf die Erde unter ihren Röcken.

„Der Schmutz“

Bei uns zu Hause, in der Großen Stadt, wusch unsere Mutter uns oft. Unter der Dusche oder in der Badewanne. (…) Bei Großmutter ist es unmöglich, sich zu waschen. Es gibt kein Badezimmer, es gibt nicht einmal fließendes Wasser. Man muß das Wasser aus dem Brunnen im Hof pumpen und es in einem Eimer tragen. Es gibt keine Seife im Haus, auch keine Zahnpasta oder Waschpulver für die Wäsche.

Die Zwillinge sind klug genug zu wissen, dass sie sich behaupten müssen, wollen sie nicht untergehen: Gegen die Großmutter, den Briefträger, den Pfarrer, die Magd des Pfarrers.

Übungen in Grausamkeit

Anfangs hängen sie an den Resten ihres alten Lebens, erstreiten sich Papier und Stifte, später geht es dagegen um Schuhe für den Winter, Essen für den Tag, Munition für den Kampf. Sie trainieren und bilden sich praktisch selbst, werden Überlebenskämpfer. Ihr Training spiegelt sich ebenfalls in den Kapitelüberschriften wieder: „Übungen zur Abhärtung des Körpers“, „Übung in Blindheit und Taubheit“, „Übung in Fasten“, „Übung in Grausamkeit“. Mehr und mehr fällt die dünne zivilisatorische Schicht ab in dieser grausamen Schule des Lebens: Selber Objekt und Opfer des Missbrauchs, unter anderem durch einen Besatzungsoffizier und die Pfarrhaushälterin, wenden die Zwillinge ihr Schicksal, drehen den Spieß um. Dass man sich als Leser wiederum nicht in Abscheu von ihnen wendet, hat zweierlei Ursachen – zum einem ihre Unzertrennlichkeit, die menschliche Bindung zwischen ihnen, zum anderen ihr gelegentliches Eintreten für andere Geschlagene und Geprügelte.

Die Zwillinge sind das Paar aus Gut und Böse

Dennoch müssen sie bis zum bitteren Schluss sprichwörtlich über Leichen gehen: Der Krieg zieht auch in das Dorf ein, die Mutter wird im Vorgarten von einer Granate zerfetzt, die Nachbarstochter zu Tode vergewaltigt, der Vater stirbt im Grenzstreifen, die Großmutter an ihrer eigenen Verbitterung. Auch wenn die Zwillinge sich letzten Endes trennen müssen, damit einer über die Grenze, in die Freiheit gelangt – sie sind die Überlebenden. Als Zwillingspaar verkörpern sie Gut und Böse, die Frage, die sich am Ende stellt, ist: Kann man in Zeiten der Finsternis Gut und Böse trennen? Vielleicht wollte uns die Autorin mit diesem eigenartigen, grausamen Buch zeigen: Auch in jedem Leser steckt dieser Zwilling. Welcher zum Vorschein kommt, hängt von den Verhältnissen ab. Die Zwillinge sind Opfer und Überlebende des Krieges – ihm mussten sie Kindheit, Mutterliebe, Wärme, gesicherte Umstände opfern. Sie werden in einen archaischen Zustand zurückgeworfen.

Man liest im großen Heft von schrecklichen Gewalttaten und Zuständen – durch die nüchterne Sprache noch potenziert. Doch mit ihrer klaren Erzählweise erschüttert Ágota Kristóf den insgeheimen Glauben, dies sei „nur“ Literatur. Denn solche Grausamkeiten fanden statt – und finden irgendwo auf dieser Welt auch in diesem Moment statt. Und wir „Zwillingsleser“ sind nur geschützt durch einen dünnen Firn.

Ágota Kristóf erfuhr dies an eigener Person: 1935 geboren, erlebte die Ungarin die Auswirkungen des Weltkrieges und des Nationalsozialismus als Kind. 1956 die Flucht vor einem anderen totalitären Regime in die Schweiz. Fortan begann die Schriftstellerin auf Französisch zu schreiben. So entstand auch „Das große Heft“ in dieser später erworbenen Schreibsprache – und dennoch ein brillantes Buch. Um welchen Krieg es sich handelt, um welche Armee, die das Dorf überrennt und befreit, bleibt ungenannt. Auch das Verschwinden und der Abtransport ganzer Familien und Bevölkerungsgruppen wird nicht mit dem Holocaust benannt. Diese Verortung des Romans in das Wüten während der Nazi-Jahre läge nahe. Aber die Namens- und Schmucklosigkeit macht deutlich: Dieses Buch ist zugleich eine Parabel für jeden Krieg und jede Grausamkeit, die zu jeder Zeit irgendwo auf der Welt geschehen kann.

Claudio Miller

Die Werke von Ágota Kristóf erscheinen beim Piper Verlag – hier gibt es auch Leseproben und einen Trailer zur Verfilmung aus dem Jahr 2013: http://www.piper.de/buecher/das-grosse-heft-isbn-978-3-492-30433-7

15 comments on “Ágota Kristóf: Das große Heft (1986).”

  1. Man sollte nicht im Bus mit dem iPhone schreiben. Jetzt aber: Ich habe die Trilogie vor Jahren gelesen, war zutiefst beeindruckt. Vielleicht noch einmal lesen …? Danke für die Erinnerung!

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    1. Ach so erklärt sich das „Och“. Kein Och sondern ein Ich. Es überrascht mich positiv, dass die Trilogie doch bei einigen Leser(innen) bekannt ist und in Erinnerung. Vielen Dank ebenfalls.

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  2. Lieber Claudio! Ja,ein sehr eindrückliches Buch und große Literatur! Die Sprache jedoch,diese nüchternen Beschreibungen von Gewalt ,die so gleichmütig und gnadenlos anmuten,die haben mich an meine Grenzen gebracht. Die Vorstellung,dass Menschen,die Gewalt und Kriege erleben müssen, eine gewisse Abstumpfung und Gleichgültigkeit erlangen,macht mich sprachlos. Es gibt ein Photo aus dem Warschauer Ghetto,(im Buch:“Erzählt es euren Kindern/Der Holocaust in Europa“,von Stéphane Bruchfeld und Paul A. Levine)“das zeigt ein sterbendesKind auf dem Gehsteig – Menschen gehen einfach daran vorbei,werfen einen kurzen Blick,mehr nicht. – Erschütternd! Daran musste ich beim Lesen von „Das große Heft“ auch denken. Es ist gut ,dass es solche Literatur gibt.
    Danke für den Klasse – Beitrag!
    Mensch Päddra

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    1. Die Sprache des Buches bringt einen an Grenzen, aber gerade deshalb ist das Buch auch wichtig, weil man sich selber als Leser zu hinterfragen beginnt. Das Essay, das die Schroersche Buchhandlung zum Hilsenrath-Besprechung empfohl, von Susan Sontag, scheint auch um diesen Themenkreis zu gehen. Danke für die positive Rückmeldung, Claudio.

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      1. Susan Sontag! „Das Leiden anderer zu betrachten – und gleichzeitig versuchen es zu lindern.“Ich kenne das Essay nicht als Ganzes,nur den Hinweis darauf,aus „The Doors und Dostojewski“.Faszinierend! (Wahrscheinlich werde ich es mir jetzt zulegen,Danke! 🙂 )

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  3. Ich werde mir das Buch auch mal auf meine Leseliste packen. Vielen Dank für den Lesetipp. Eine Geschichte aus der Sicht der Kinder oder mit Blick auf die Entwicklung eines Kindes finde ich immer sehr spannend. Auch das Cover hätte mich sehr angesprochen, hätte ich es im Buchladen zuvor entdeckt. Viele Grüße

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    1. Das freut mich – ich war positiv überrascht, hier doch auf einige Kenner und Schätzer dieses Buches zu treffen. In meinem Bekanntenkreis ist sie entweder unbekannt oder aber bei einigen kam diese nüchterne, packende Sprache überhaupt nicht an.

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