LESEZEICHEN von: Karl Kraus

Karl Kraus (1874 – 1936) schrieb nicht nur, sondern lebte beinahe im Kaffeehaus. Dort entstanden viele Texte des Österreichers.

18 comments
2014-03-10 09.25.57
Im Kaffeehaus mit Blick auf den Augsburger Rathausplatz. Bild: Birgit Böllinger

„Dem Bedürfnis nach Einsamkeit genügt es nicht, daß man an einem Tisch allein sitzt. Es müssen auch leere Sessel herumstehen. Wenn mir der Kellner so einen Sessel wegzieht, auf dem kein Mensch sitzt, verspüre ich eine Leere und es erwacht meine gesellige Natur. Ich kann ohne freie Sessel nicht leben.“

Aus: Karl Kraus, „Pro domo et mundo“, 1912

Picture perfect morning. Morgens der erste Kaffee. Die Zeitung. Sonne. Der Blick aus dem Fenster. Und der Platz, der sich erst langsam belebt. Der Wunsch, den Moment einzufrieren. Die trügerische Annahme, der Tag, das Leben könnte einfach so sein.

18 comments on “LESEZEICHEN von: Karl Kraus”

  1. Very nice. Und gleich mal was für den Merkzettel, muss mir mal wieder die Qualtinger-Aufnahmen von „Die letzten Tage der Menschheit“ anhören – allein schon dafür vielen Dank für den Beitrag / die Erinnerung.
    Viele Grüße + relaxte Stunden im Kaffeehaus
    Gerhard

  2. Ein gutes Zitat und ein wunderbares Photo. Sessel allein schaffen es nicht, es gehört der Mensch dazu. Wir hatten einen Kalender mit professionell aufgenommenen Caféhaus-Szenen, und da war kein Mensch drauf weit und breit und alles wirkte etwas wie von einem anderen Stern und kalt und lieblos. Hier aber ahnt man (und sieht gespiegelt) den Caféhausbesucher hinter der heißen Tasse und der aufgeschlagenen Zeitung, und im Hintergrund entdecke ich schattenhaft weitere Gäste. Fein!

  3. Es gibt Tage, die können bedeutend hässlicher beginnen. Oder ist das anzunehmen, auch trügerisch?

    Auf dass der Tag so bleibt, wie er anfing. Es gibt ja immer auch Inseln irgendwo.

    1. Nein, liebe Sonja, ein Tag könnte wirklich bedeutend schlimmer anfangen 🙂 Bei den Inseln fällt mir immer dieses Nick Hornby-Zitat aus „About a boy“ ein: Jeder ist eine Insel. Und ich bin dann Ibiza (oder so ähnlich)…

  4. Ja, und das Verrückte ist, dass es manchen tatsächlich nicht reichen würde, so bei sich den Tag zu beginnen. Die Angst hätten vor dem Ruhigsein, dem Hinschauen, dem Innehalten. Da muss dann gleich Lärmen und Tun sein. Ein schöner Post. Danke.

    1. „Solche Kaffeehäuser gab es sehr, sehr viele, und solche Kaffeehäuser gibt es heute nur noch sehr, serh wenige (…).“ Es gibt zwar noch, so Friedrich Torberg sinngemäß weiter, Cafés – aber ihnen fehlt das Publikum, der Geist. Es gibt zwar auch noch Intellektuelle, Kreative – aber die haben keine Zeit, ins Kaffeehaus zu gehen. „Sie sind nur noch potentielle Kaffeehaus-Stammgäste, keine praktischen mehr“. Zeithaben ist die wichtigste, die unerläßliche Voraussetzung jeglicher Kaffeehauskultur.
      Herr Hund, wenn Sie die verlorene Zeit, die Wiener Sitzgelegenheit, das Kaffeehaus dazu und dann noch einige Menschen, die tarocken können, so geben Sie bitte Bescheid. Höflichst usw.!

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