Ulrich Becher: Murmeljagd (1969). Berg- und Talfahrt im Exil – Fix Laudon!

„Murmeljagd“ von Ulrich Becher gilt als Geheimtipp. Dabei ist es eines der sprachmächtigsten und umwerfendsten Werke des vergangenen Jahrhunderts.

19 Kommentare

 

2013-09-03 14.56.50
Bild: Birgit Böllinger

Ein Beitrag von Claudio Miller

Dieses Buch haut einen um wie eine Naturgewalt. Es macht atemlos. Und zunächst auch sprachlos. Als ich es zur Seite legte, war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt eine halbwegs anständige Besprechung dazu zustande bekäme. Sicher bin ich mir immer noch nicht. Aber es sollte, ja, es muss vorgestellt werden – denn jeder, der Sprache und das Spiel mit ihr liebt, der Wortkapriolen zu schätzen weiß, der sehen und lesen und lernen möchte, wie phantastisch phantasievoll man mit Sprache umgehen kann, der wird daran seine Freude haben. Und noch mehr: Einen langen, nachklingenden Genuss.

1969 erstmals erschienen, ist „Murmeljagd“ von Ulrich Becher (1910-1990) lange so etwas wie ein Geheimtipp gewesen. Dabei brächten Buch und Autor alle Voraussetzungen mit, in eine Ruhmeshalle der sprachmächtigsten, exaltiertesten und umwerfendsten Werke des vergangenen Jahrhunderts zu gelangen. Und man hätte sogar den Vorteil, Ulrich Becher als „Drei-Länder-Schriftsteller“ für sich vereinnahmen zu können: Becher, zwar 1910 in Berlin geboren, hatte über seine Mutter, eine Pianistin, Schweizer Wurzeln. Sein Schwiegervater war in Österreich ein Berühmter: Roda Roda. Österreich und die Schweiz zudem Stationen im Exil.
Und vor allem war Becher wohl ein allseits talentierter Mensch: Er studierte Jura, wurde der einzige Meisterschüler von George Grosz und begann zu schreiben. 1932 erschien sein Debüt „Männer machen Fehler“ – das kaum ein Jahr später von den Nationalsozialisten als entartete Literatur eingestuft wurde.

„Er konnte etwa für sich beanspruchen, der jüngste Autor gewesen zu sein, dessen Bücher die Nazis verbrannten. Keine geringe Ehre, das musste einer erst schaffen: knapp über zwanzig, ein erster schmaler Band und schon ein entarteter Staatsfeind. Becher war, als bildender Künstler, als der er begann, Schüler von George Grosz, fing an zu schreiben, floh aus den genannten Gründen über Österreich und die Schweiz schließlich nach Brasilien, schrieb eine ganze Reihe Romane, Erzählungen und Theaterstücke und starb, relativ vergessen, 1990 in Basel. Sein Theaterstück „Der Bockerer“, das  er gemeinsam mit Peter Preses verfasste, ist seit der Verfilmung mit dem Volksschauspieler Karl Merkatz immerhin in Österreich nationales Kulturgut, wenngleich dort kaum ein Mensch weiß, wer es eigentlich geschrieben hat“, so die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse in ihrem lesenswerten Artikel in der „Welt“.

Der Verlag Schöffling brachte das Buch heraus (inzwischen ist es auch bei btb als Taschenbuch erschienen). Und in der Presse brach Begeisterung aus, als handele es sich darum, das Erscheinen eines fulminanten Debütromans (siehe die Pressestimmen auf der Verlagsseite) zu feiern. Gut für das Buch, schade für Ulrich Becher: Der hätte die Aufmerksamkeit zu Lebzeiten genossen und verdient, Aber ihm ging es wohl, wie vielen seiner Schicksalsgenossen: Die Naziverfolgung, das Exil – es zerstörte viele Existenzen und Karrieren. Nicht alle von denen, die überlebten, fassten später wieder Fuß.

Das Überleben in finsteren Zeiten, die Flucht vor den Häschern, Exil und Vertreibung: Das sind auch die Hauptthemen dieser 700 Seiten starken, turbulenten Parforcejagd durch die Schweiz. Eine Berg- und Talfahrt, eine Tour de Force: Knallbunt und prallvoll wie das Leben, ab und an auch zappenduster und schwarz wie der Tod.

Den abtrünnigen Adeligen Albert Trebla, der sich – noblesse oblige – dem Sozialismus verschrieb, hat es (nach dem Anschluss von Österreich „heim ins Reich“) mit seiner Frau Xane in die Schweiz verschlagen. Dort versucht man einigermaßen durchzukommen, ständig unter Kuratel durch die Schweizer Behörden, versucht, mit den Verwandten im Vielvölkerstaat Österreich Kontakt zu halten, und, wenn möglich, weiter Politik zu treiben. Plötzlich häufen sich im Umfeld Treblas jedoch undurchsichtige Unfälle mit tödlichem Ausgang. Der Exilant wird auch in der Schweizer Bergwelt zum Gejagten – in seiner Gedankenwelt jedenfalls. Zwei Murmeltierjäger geraten ihm ins Visier, sein Verdacht: Mögliche Nazischergen. Trebla wird zum „Murmelmurmeljäger“. Zugleich häufen sich die finsteren Nachrichten aus der Heimat von Freunden und Weggenossen, die in den Konzentrationslagern und am spanischen Himmel ihr Leben verlieren.
Was Trebla, der seine Frau zwar abgöttisch liebt, jedoch nicht davon abhält, sich durch die Lokalitäten zu charmieren, den einen oder anderen amourösen Fehltritt zu begehen und letztendlich doch seine geliebte Xane noch zu schwängern.

Man sieht: In diesem Buch liegt alles nahe beieinander, Liebe und Leid, Leben und Wahn. Und dies in einer Sprache, die in ihrer Lust zum Spiel an Arno Schmidt erinnert, die die elegante Grandezza eines Heimito von Doderer mit der speziell österreichischen Melancholie eines Joseph Roth vereint. Manches Mal kapriolt er vielleicht zu sehr, manches Mal macht ihm das Groteske so viel Freude, dass man als Leser um das Niveau zu bangen beginnt – aber schnell schlägt Becher dann die nächste Volte. Und man ist schon wieder im besten Sinne: Mitgenommen. Dazu kommen noch zahlreiche Anspielungen und Verweise auf Jahrhunderte europäischer Geschichte und Kultur, die man beim ersten Lesen des Buches wohl auch kaum in ihrer Fülle erfassen kann. Hilfreich ist da die grandiose Seite des Schweizers Dieter Häner – dank dieser Hilfe wird so manches aufgeschlüsselt und erläutert, nicht zuletzt auch den Fluch „Fix Laudon!“, den Trebla zu gerne in den Mund nimmt.

Noch einmal seine Verehrerin Eva Menasse zum Schluss:

„Mag sein, dass einige dramaturgische Volten zu gewagt sind, mag sein, dass in diesem Buch zu viel und zu aufsehenerregend gestorben wird, mag sogar sein, dass der Schluss des Romans gegen den Rest etwas abfällt – dies ist dennoch eines der ganz seltenen Bücher, die einen mit physischer Gewalt ergreifen, die einen ihre Geschichte hören, riechen, schmecken, erleiden lassen. Und schließlich beweist dieses Hauptwerk eines fast vergessenen Teufelskerls wieder einen Hauptsatz der Literatur: Nur wer, wie Ulrich Becher, der Katastrophe auch ihre Grotesken abzulauschen versteht, vermag seinen Leser wahrhaft zu erschüttern. Denn das tiefste Erschrecken liegt direkt neben dem brüllenden Lachen, nirgendwo sonst.“

Stoff zum Weiterlesen:

Eva Menasse über Murmeljagd in der „Welt“
„Murmeljagd“-Leseprojekt
Leseprobe bei Schöffling

19 comments on “Ulrich Becher: Murmeljagd (1969). Berg- und Talfahrt im Exil – Fix Laudon!”

  1. Ich danke für die schöne Besprechung – mich hatte damals die Empfehlung von Eva Menasse neugierig gemacht, so dass ich mir das Buch gleich bestellt habe. Gelesen habe ich es noch nicht, es liegt nun aber schon bereit für die Osterfeiertage und ich bin sehr gespannt auf die Lektüre. Bevor ich den Artikel von Eva Menasse gelesen hatte, habe ich übrigens noch nie etwas von dem Autor oder dem Buch gehört!

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    1. Das ist sicher ein gutes Buch für Ostern, man braucht schon seine Zeit dazu. Ich bin auch durch Zufall auf den Titel gestoßen. Der Autor scheint leider immer noch relativ vergessen, sein Name taucht beispielsweise nicht einmal im Buch der verbrannten Bücher auf. Das ist schade – das Buch ist einzigartig. Ein Hammer.

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  2. Es ist immer wieder toll von einem Autor zu hören, der durch die Maschen des Literaturnetzes gefallen ist. Bin schon sehr gespannt das Buch zu lesen. Danke für die schöne Besprechung, es hat doch gut geklappt, entgegen der Befürchtung!

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    1. Ich danke auch! Aber dieses Buch ist nicht so einfach zusammenzufassen, es ist zu prall, zu toll. Und mich riss die Begeisterung um. Ich bin gespannt, wie es bei anderen ankommt!

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      1. Lieber Claudio,
        habe mir das Buch von Becher besorgt und lese mich durch die Wortklaubereien durch, Es wird ein längeres Projekt, aber Murmeljagd ist eine echte Entdeckung, auch für mich.
        LG
        Scherbensammlerin

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      2. Wortklaubereien – das passt gut. Es freut mich, daß ich nochmals eine Leserin für die Murmeljagd gewinnen konnte. Ob man es schnell liest, wie ich bei der Erstlesung oder länger – und dabei diese Wortklaubereien so richtig genießt – dieses Buch ist ein Genuß und Gewinn.

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      3. Lieber Claudio,
        nun habe ich das Werk endlich durch und bin erschöpft aber begeistert. Wenn es darum geht, welcher Autor über den größten Wortschatz verfügt, Ukrich Becher wäre mein Favorit. Es gibt keine drei Worte die sich auf den 700 seiten wiederholen. Außer Namen (viele Protagonisten) Füllworten und FixLaudon! Ich mag seine Sprachkapriolen und vielleicht sind einige Kriegsremineszenzen etwas zu langatmig und der Plot verwirrend mäandernd bis zur unerwartet schnellen Auflösung, aber ich habe unterwegs viel gestaunt und geschmunzelt und mich gegruselt… Eva Menasse hat recht, das Groteske an dieser Zeit versteht er wie kein anderer rüberzubringen. Die lakonische Art, in der Becher/Trebla den Kleinhäusler/Hüttler/Hitler und seine Himmlerschen Heerscharen zeichnet ist erfrischend. Fern der Betroffenheits-Schreibe, in die man leicht verfällt bei diesem Thema. Danke noch mal für diesen austriakischen „Geheim-Tipp“. FixLaudon!

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      4. Liebe Larissa,
        sehr schön! Da freue ich mich, dass ich eine Leserin mit meiner Begeisterung für diesen großartigen Autoren anstecken konnte! Viele Grüße, Claudio

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  3. Bin leider ein bisschen spät dran (aber hoffentlich nicht zu spät), um meinen Dank auszurichten für die animierende Besprechung von Claudio Miller. Wenn ich mir noch den Hinweis auf das Hörbuch der „Murmeljagd“ gelesen von Wolfram Berger erlauben darf, da kann man den Roman (wenn man ihn schon gelesen hat) auf andere Weise erleben.
    dieter häner

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