Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen (1932).

Mit dem „kunstseidenen Mädchen“ brachte Irmgard Keun einen weiblichen Ton in die Literatur, der so gar nicht zum Frauenbild der Nationalsozialisten passte.

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Bild: Birgit Böllinger

„Tilli sagt: Männer sind nichts als sinnlich und wollen nur das. Aber ich sage: Tilli, Frauen sind auch manchmal sinnlich und wollen auch manchmal nur das. Und das kommt dann auf eins raus“.

Irmgard Keun, „Das kunstseidene Mädchen“, 1932.

Sie vertrat die falschen Ansichten. Sie hatte eine Meinung. Und: Sie war selbstbewusst und frei. Alles, was eine Frau in Nazi-Deutschland nicht sein durfte. So musste auch Irmgard Keun (1905 – 1982) den Unrechtsstaat verlassen – kurz, nachdem sie mit dem „kunstseidenen Mädchen“, ihrem zweiten Buch, einen Sensationserfolg erzielt hatte. Aber die darin geschilderte Frauenfigur passte eben so gar nicht zum Frauenideal des Dritten Reiches: Zu kess, zu flatterhaft, zu eigenständig – das ist die 18jährige Doris, die Kunst- und Halbseidene, die in der Metropole Berlin unbedingt „ein Glanz“ werden möchte.
Das gelingt am Ende nicht – zum einem, weil Doris mit ihrem weichen Herzen und dem Hang zu falschen Männern halt doch nicht ganz zum Glanz taugt, zum anderen, weil die Umstände nicht so sind in der Weimarer Republik. Denn Doris schildert nicht nur das schillernde und glitzernde Berlin der 20er Jahre in ihrem unablässigen monologischen Gedankenfluss – Keun, als Vertreterin der „Neuen Sachlichkeit“ zeigt in diesem Roman, dass auch sie den „stream of consciousness“ perfekt beherrscht – sondern auch die Schattenseiten. Götterdämmerung ist angesagt: Armut, Arbeitslosigkeit, Nationalismus, Antisemitismus, Rassenhass…all das sind die Unter- und Hintergründe, die durch die (nur scheinbar) belanglose Plauderei der kleingroßen Naiven durchschimmern. Und nicht zuletzt ist „Das kunstseidene Mädchen“ auch einer der herausragenden Großstadtromane dieser Zeit. Die pulsierende Metropole, betrachtet aus den großen Augen einer staunenden Frau:

„Und ich kam an auf dem Bahnhof Friedrichstraße, wo sich ungeheures Leben tummelte. Und ich erfuhr, daß große politische Franzosen angekommen sind vor mir, und Berlin hatte seine Massen aufgeboten. Sie heißen Laval und Briand – und als Frau, die öfters wartend in Lokalen sitzt, kennt man ihr Bild aus Zeitschriften. Ich trieb in einem Strom auf der Friedrichstraße, die voll Leben war und bunt und was Kariertes hat. Es herrschte eine Aufregung! Also ich dachte gleich, daß sie eine Ausnahme ist, denn so furchtbare Aufregung halten auch die Nerven von einer so enormen Stadt wie Berlin nicht jeden Tag aus.“

Doris, die einerseits ein kunstseidenes Mädchen und andererseits doch eine ganz starke Frau ist, scheitert und bleibt allein – als hätte Irmgard Keun ihren eigenen Lebensweg vorgezeichnet. Man mag an dem Frauenbild und Frauentyp zweifeln – trotz ihres Ehrgeizes, aufzusteigen und aus den kleinen Verhältnissen ihrer Familie auszubrechen, verkörpert Doris eben nicht die neue, emanzipierte Frau, sondern das Mädchen, das sich verkauft. Aber auch das ist immer noch zeitgemäß:

„Aktuell sind gerade heute Stoff wie Schreibweise. Junge Mädchen, die als Germanys next Topmodel oder als Schlagersternchen „ein Glanz werden“ wollen, sehen, wie Keuns Doris, in einer Krisenzeit keine anderen Möglichkeiten für sozialen Aufstieg.“

Sonja Hilzinger in einem Keun-Portrait für die Deutsche Welle.

„Und so war auch das Buch, so wie das Leben, so wie im Film, schnell und oberflächlich und genau, weltmitschreibend, sich selbst verschenkend an die Welt, spielend mit der Welt, Schritt für Schritt Berlin erobern, die Männer erobern, das Leben erobern. Nicht mit Arbeit. Mit einem Glanz, der von innen kommt, mit einem Magnetismus, der die Welt tanzen lässt, um das kunstseidene Mädchen herum.“

Volker Weidermann in „Das Buch der verbrannten Bücher“.

Doch der Tanz wird – die Zeitumstände sind schuld daran, zugleich aber auch eine charakterliche Disponierung zum Alles-Verschlingen, zur Sucht, zur Selbstzerstörung – der Tanz also wird zum traurigen Walzer. Denn Irmgard Keun war sicher nicht das, was man eine in sich ruhende Persönlichkeit nennen könnte – zu temperamentvoll, zu sprunghaft, zu lebenslustig und lebenshungrig.

Wenn man Glück mit den Männern haben will, muß man sich für dumm halten lassen.

Und manches Mal auch mutig bis hin zum Übermut: Ihr erster Roman „Gilgi – eine von uns“ (1931) machte sie über Nacht berühmt, 1932 folgt der Bestseller „Das kunstseidene Mädchen“, 1933 werden ihre Bücher von den Nazis beschlagnahmt und verboten. Bevor Keun jedoch ins Exil flüchtet (und dort Joseph Roth, ihrem Schicksalsmann, wie unter anderem auch in Weidermanns „Ostende“ beschrieben, begegnet), legt sie sich mit der Zensur an: Sie erhebt Schadensersatzklage wegen des Verdienstausfalls, den sie durch die Beschlagnahmung ihrer Bücher erlitten habe. Zugleich aber beantragt sie auch die Aufnahme in die Reichschrifttumskammer. Auch das ist ein wenig kunstseidene Doris – die Hin- und Hergerissenheit zwischen den Möglichkeiten und dem Notwendigen. Manches wird später zurechtgebogen von ihr selbst und überhöht – eine Gestapo-Haft erlebte sie nie, auch nicht Folter und Verhöre.

Die Keun-Biografin Hiltrud Häntzschel schreibt in ihrer rororo-Monographie über Irmgard Keun:

„Irmgard Keun hatte zur Wahrheit ihrer Lebensumstände ein ganz spezielles Verhältnis: mal aufrichtig, mal leichtsinnig, mal erfinderisch aus Sehnsucht nach Erfolg, mal phantasievoll aus Lust, unehrlich aus Not, mal verschwiegen aus Schonung.“

Ganz so, wie auch das kunstseidene Mädchen war.

In ihrer Heimat kann sie nicht mehr arbeiten, verlassen will sie sie jedoch ebenfalls nicht. 1936 ist es jedoch unumgänglich, Irmgard Keun flieht in das Exil. Es folgen Wanderjahre, Existenzsorgen, zudem ein zunehmender Alkohol- und Tablettenmissbrauch, vor allem aber treibt Irmgard Keun die Sorge um die im Deutschen Reich zurückgebliebene Mutter und das Heimweh um. 1940 kehrt sie heimlich – aber von den Nazis wohl durchaus wahrgenommen – nach Deutschland zurück, überlebt in der Illegalität. Nach Kriegsende fällt es ihr, wie vielen anderen Autoren der Weimarer Republik auch, schwer, im Literaturbetrieb wieder Fuß zu fassen.

Eigentlich wäre „Das kunstseidene Mädchen“ auch eine Frau der zweiten Nachkriegszeit in Deutschland – eine, die sich durchschlagen muss, durchaus selbstbewusst und frech, die aus der Not heraus versucht, das Beste aus ihren Lebensumständen zu machen, eine Frau, die „ihren Mann“ steht. Aber es scheint, als habe die neue Zeit keinen Raum für diese schnodderige Sprache mehr, keinen Sinn mehr für diesen Stil, der doch eng auch mit den „Roaring Twenties“ verknüpft ist. Das Frauenbild der Weimarer Republik hat ausgedient, die Kunstseidene wird zur Trümmerfrau.

Bei Irmgard Keun im wahrsten Sinne des Wortes – sie verarmt immer mehr, lebt kurzfristig in einem zerbombten Haus, immer weiter geplagt von ihren Abhängigkeiten. Kurze Phasen von Produktivität wechseln sich mit Krankenhausaufenthalten ab, 1966 wird sie dann für Jahre in die Psychiatrie eingewiesen. Nach ihrer Entlassung 1972 erlebt sie wenigstens in ihren letzten Lebensjahren als Schriftstellerin neue Beachtung – sie wird als Stimme der Weimarer Republik von Jürgen Serke im Rahmen seiner Recherche für seine verdienstvolle Stern-Serie „Die verbrannten Dichter“ wiederentdeckt, ihre Bücher werden wieder aufgelegt (zum Verlag hier) und erfahren erneut größeres Interesse. 1982 stirbt Irmgard Keun in Köln.

Was von ihr bleibt?

Ihre Romane, nicht nur „Das kunstseidene Mädchen“, auch die „Gilgi“ oder das bedrückende Buch „Nach Mitternacht“. Eine Frauenstimme, die klingt zwischen Lebenshunger und Verzweiflung. Die Sehnsucht nach der dunkelblauen Glocke wie im kunstseidenen Mädchen:

„Ich wünsche mir sehr mal die Stimme von einem Mann, die wie eine dunkelblaue Glocke ist und in mir sagt: hör auf mich; was ich sage, ist richtig; und wünsche mir dann ein Blut in mein Herz, was ihm glaubt…“

25 comments on “Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen (1932).”

  1. Das kunstseidene Mädchen ist das einzige Hörbuch (Brigitte-Edition), das ich bis zum Ende durchgehalten habe. Doris‘ Stimme packt einen, so dass ein Abschweifen der Gedanken gar erst nicht in Frage kommt. Was ich mich gefragt habe, ist, ob ihre anderen Bücher auch in diesem naiven Schnodderstil geschrieben sind und inwiefern die Keun mit dem fesch-naiven Frauenbild der Zeit kokettiert hat.

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    1. „Nach Mitternacht“ ist schon deutlich weniger schnodderig, sondern wesentlich dunkler. Wie meinst Du das mit dem kokettieren?
      Die Mann-Geschwister haben ihr ja so ein wenig vorgehalten, sie sei da auf einer Popularitätswelle geritten, es hieß gar (und kam zu einer rechtlichen Auseinandersetzung), die „Kunstseidene“ sei ein Plagiat. Andererseits beschrieb die Keun damit auch einen Frauentyp oder sagen wir einen Stereotyp – den des kleinen Ladenmädchens, der Stenotypistin etc. – der zu jener Zeit gang und gäbe in der Literatur war. Siehe auch bei Vicki Baum oder hier bei Lili Grün: https://saetzeundschaetze.com/2014/02/21/judische-lyrikerinnen-im-portrait-7-lili-grun-neusachlich-und-lebenslustig/

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  2. Das Kunstseidene Mädchen steht schon länger auf meiner Leseliste und nach deinem Beitrag habe ich gedacht, dass ich es jetzt wirklich mal lesen möchte. Über die Geschichte der Autorin wusste ich bislang nur sehr wenig und so fand ich es sehr interessant noch etwas mehr über die Entstehung bzw. den Hintergrund des Romans zu lesen. Ein toller Bericht, der echt Lust auf das Kunstseidene Mädchen aber auch die anderen Bücher von Irmgard Keun macht!

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  3. Liebe Birgit,
    ich mag die „Neue Sachlichkeit“ in der Malerei, bin ihr in der Literatur aber sozusagen noch nie begegnet und freue mich nun – ganz besonders nach deiner lustmachenden BuchVorstellung – auf die schnoddrige Sprache der I. Keun.
    Herzliche Abendgrüße und vielen Dank für die Anregung
    Birgit

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      1. wohl wahr, aber ich gestehe dir, nicht unter dem Aspekt. Du weißt doch, ich lese recht wahllos und meist nur so zum Genuss, ohne mich gründlich zu informieren. Deshalb bin ich ja immer so froh, wenn ich das auf vergnügliche Weise ganz zwanglos bei Dir machen kann 🙂
        Liebe Grüße und einen schönen Tag auch für Dich!
        Birgit

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      2. Liebe Birgit,
        es soll ja auch Spaß machen – alles andere (Literaturwissenschaft, Theorie etc) ist nur der Zusatz…
        Hier ist es grau-düster-kalt und meine Laune entsprechend auch 😦 Liebe Grüße, Birgit

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  4. „Tilli, Frauen sind auch (so)….“ – ein Satz (sorry, von mir gerade etwas verkürzt), der damals wie eine Bombe gewirkt haben muss. Heute für die einen oder anderen vielleicht auch noch. Tatsächlich scheint diesen „modernen“ Frauen im miefigen Nachkriegsdeutschland die Luft ausgegangen zu sein. Dabei wären sie die besten, klügsten und auch lustigsten Vorbilder einer jungen emanzipierten Frauenemanzipation gewesen. Die erste Frau von Max Ernst, Louise Straus-Ernst war auch so eine. Ihre Biographie „Nomadengut“ ist in dieser Hinsicht und in vielen anderen zu empfehlen.

    Gefällt 2 Personen

    1. Vielleicht damals nicht nur ein deutsches Phänomen – ähnliches z.B. habe ich aus den USA erfahren: Während des Krieges waren die Frauen als Arbeitskräfte begehrt, danach wieder ab an den Herd. Es hat (und dauert) halt lange…

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    1. Das ist ja sehr schade…aber ich kann mir vorstellen, dass es auch nicht zu einfach war, ihre Tochter zu gewesen zu sein. Wie alt ist die Dame denn jetzt? Und was hat sie dann erzählt? Schreibt sie auch?

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  5. Liebe Birgit,
    eine schöne Rezension zu einem wirklich tollen Roman. Ich habe meine Bachelorarbeit über Das kunstseidene Mädchen geschrieben, es ging mir besonders um die Rolle des Pelzmantels und die Verbindung von Frauen und Tieren. Aber es ist ja noch so viel mehr in diesem Roman. Die Keun-Biographie klingt auch wirklich gut. Danke für den Tipp! 🙂
    eva

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    1. Liebe Eva,
      da Du ja dann Keun-Expertin bist, freut mich das besonders, dass Dir die Besprechung gefällt! Danke sehr. Ja, der „Feh“ ist im kunstseidenen Mädchen mit eine symbolträchtige Hauptfigur – und leider hat es sich bei vielen Frauen immer noch nicht „ausgepelzt“. Ich lese gerade übrigens von ihr „Nach Mitternacht“, gefällt mir auch sehr gut.
      Herzliche Grüße, Birgit

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