Scheidungsgrund und Adoptionsfreigaben: 30 Jahre „Die Andere Bibliothek“

18 Kommentare

2015-03-05 20.04.02_resizedBeitrag: Claudio
Manche Menschen wissen noch genau, wo sie waren und was sie taten, als John F. Kennedy ermordet wurde. Oder Lady Di starb. Als die Beatles sich auflösten oder – die Jüngeren – Take that. Und dann gibt es noch die Bibliophilen. Die Dir genau hersagen können, wann, warum und welcher Band der erste war, den sie von der Anderen Bibliothek erstanden haben.

Geht es um diese besondere Buchreihe, dann scheidet sich der normale Leser vom Bibliophilen. Und der Bibliophile entpuppt sich schnell als Biblioman-iker. Als Hans Magnus Enzensberger und Franz Greno dieses Abenteuer vor 30 Jahren starteten, trauten dem Projekt nicht wenige kaum eine lange Lebensdauer zu: Zu ungewöhnlich die Wahl der Titel und Autoren, zu aufwändig die Herstellung, und das Ganze noch als Abonnement?
Allen Unkenrufern zum Trotz und trotz einiger stürmischer Zeiten: Die Andere Bibliothek lebt – dem Büchergott sei Dank. Und wie – davon berichten ihre treuesten Leser in einem Heft zum Jubiläum (hier zum Download).

Auch mich hat die Andere Bibliothek von der ersten Ausgabe an in Bann gezogen. Ein Abonnement jedoch war seinerzeit nicht drin: Als junger Familienvater setzt man andere Prioritäten. Und nicht jeder Titel übte den gleichen Reiz auf mich aus – wenn auch, unabhängig von Autor und Inhalt, jedes Buch das Druckerherz erfreute, ein optisches und haptisches Vergnügen war und ist.

Mein Einstiegsband war schließlich die Nummer 65 – „Europa in Ruinen“, von Hans Magnus Enzensberger (nebenbei bemerkt: dass Enzensberger ein gebürtiger Kaufbeurer ist, die Druckerei Greno in Nördlingen sitzt, also die Reihe ihren Anfang mittelbar im bayerischen Schwaben nahm, lässt das Herz der Leute hinter Sätze&Schätze doch immer noch etwas lokalpatriotisch anschwellen). Weitere Bände folgten peu à peu – und sorgten nicht nur für viele anregende Lesestunden, sondern auch für innerfamiliäre Verwerfungen.

Meine stundenlangen mentalen Abwesenheiten, die Versenkungen in Bücher, Lesen wie im Rausch – dies alles vermag meine Frau, selbst eine Leserin, noch nachzuvollziehen.
Über das manische Glitzern im Auge, das Jagdfieber und die Obsession, wenn es darum geht, einen vergriffenen Band im guten Zustand antiquarisch aufzutreiben – da kommen dann die Bemerkungen.
Ich bemerke zurück (über was, oute ich hier nicht – sie liest mit), und damit hat sich der Fall meist erledigt.
Einmal jedoch führte „Die Andere Bibliothek“ zu einer leidenschaftlichen Diskussion über Grenzen, Freiräume, eigene Räume, Respekt, etc. inklusive Scheidungsandrohung. Auslöser war: „Die französische Enzklopädie“ (die Ausgabe 2001). Nach langem Ringen hatte ich das großformatige Buch erstanden, gehegt und gepflegt, gehätschelt und gestreichelt. Um das Buch eines Tages als Ablage für die Teetasse meiner Tochter vorzufinden. Etwa so:
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Sätze fielen wie: „Ich gebe das Kind zur Adoption frei“, „Du kannst Dich entscheiden, entweder die Bücher oder wir“, „Man muss das Eigentum anderer respektieren“, „Ein Buch ist ein Buch“, „Das war teuer“, „Du und deine andere Bibliothek, dann leb` doch mit ihr“, usw.
Am Ende jedoch wurde alles gut: Der Teetassenfleck wurde für mich zu einem strategischen Vorteil. Danach bekamen wir ein eigenes Bücherzimmer – die andere Bibliothek und ich.

18 comments on “Scheidungsgrund und Adoptionsfreigaben: 30 Jahre „Die Andere Bibliothek“”

  1. Auch für mich war das eine besonders schöne Sonntagmorgenlektüre. Ich habe erst gestern „Die Andere Bibliothek“ entdeckt und nun bin ich mit mir am Ringen. Welche innerfamiliären Zwistigkeiten das auslösen würde kann ich mir schnell ausrechnen. Vielen Dak für den wunderbaren Text.

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  2. Das mit dem Fleck merke ich ich mir mal auf alle Fälle.
    Ja, ja, die andere Bibliothek. Komisch, dass ich nicht weiß, welcher mein erster Band war, obwohl ich mich schon als bibliophil bezeichne – nun ja. Lange Jahre jedenfalls darum gestrichen, waren / sind für mich halt nach wie vor teuer. Um so erstaunter war ich dann mal, als ich jemanden kennen lernte, der alle (!) hatte, da Abo. Ich nahm mir ein Herz und sprach ihn dann auf die Bände an, die ich kannte und siehe da … er hatte sie zwar alle im Regal stehen, aber noch nie in einen reingeschaut.

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  3. „– wenn auch, unabhängig von Autor und Inhalt, jedes Buch das Druckerherz erfreute, “ – genau! deswegen habe ich auch immer noch einen kleinen Stapel der von Greno unglaublich sorgfältig erstellten Werbebroschüren zu den Bänden – ein Trost für den, der das Buch sich nicht leisten konnte. Ich hab stundenlang darin geblättert, geguckt, gelesen und gestaunt.

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    1. Genau diese Broschüren habe ich mal verschenkt, dafür ich könnte mir heute in den Nämlichen beissen 😉
      Die waren so sauber recherchiert, das hat der Enzensberger in den ersten beiden Jahren noch selbst gemacht….

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  4. Kenne ich gut, diese familiären Verwerfungen. Wegen Büchern. Weil man vielleicht wegen einer Arno Schmidt Vorzugsausgabe nachts losstartet in eine dreihundert Kilometer entfernte Buchhandlung. Was den Angehörigen schwer vermittelbar ist. 😉

    Die Andere Bibliothek hatte ich von Anfang an. Lukian.
    Anfangs haben wir Viel- und Rundumleser viel geboten bekommen. (Wezel, Wieland, Seume, Ransmayr, Sebald etc..) Und dann nahms so nach und nach ab. Viele Bände waren zwar schön, doch Inhalte gefielen eventuell Herrn Enzensberger, aber… Und wieder aufgelegte entbehrten jeglichen Kommentars, Registers oder Glossars. Im Lauf der Jahre zeigten sich die Mängel bei Grenos Materialauswahl: ausgeblichene Einbände und vergilbtes Papier. Dass die Bücher unhandlich sind und wegen ihres Gewichtes statt im Bett besser auf dem Tisch liegend gelesen werden, halte ich für ein billiges Gegenargument, obwohl es so abwegig auch nicht ist.
    Greno ist Drucker, der kann und konnte schöne Bücher machen, schon früher bei Zweitausendeins (die wunderbaren Haidnischen Alterthümer z.B.), deswegen wurde er zu diesem Pojekt ja uch dazugeholt. Doch dann machte er Pleite. Und Eichborn druckte keine Bücher, sondern vervielfältigte Filmvorlagen und stürzte sich obendrein marketingmässig auf die Sammler mit sogenannten „limitierten Erstausgaben“, und das Konzept ging ein paar jahrelang auch auf.
    Einzig die Sonderbände, Humboldt etwa oder Diderot waren und sind erstrebenswert.
    Die gebrauchten Erstausgaben sind für Nachkäufer meist zu teuer, weil „limitiert“. Mit bibliophil hat das nicht zu tun.
    Ich habe alle bis auf wenige (signierte) Ausnahmen verkauft und habe sie keinen Augenblick vermisst (Na, bis auf die EA von Thalmayr). Manche Ausgaben habe ich inzwischen von anderen Verlagen gekauft, billiger und inhaltlich profunder gestaltet.

    Abendschöne Grüsse aus dem lesefreudigen Bembelland

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  5. Genau, Lukian. Stimmt. Lustig, wie so eine Kombination: ‚Lukian‘ und ‚Die andere Bibliothek‘ gleich eine ganze Aera – Erscheinungsform und Stimmung – heraufbeschwört. Es geht mir auch mit Reihen wie ‚es‘ oder ‚Rowohlt das neue buch‘ so. All die Uffrejung in jenen Zeiten über Neuerscheinungen, die Diskussionen. Was war das ein Ereignis, als Ullstein sein ‚Erich Fromm, Die Kunst zu Lieben‘ ins Publikum entließ, wobei wir wissenden Buchhändler uns ins Fäustchen lachten über all die in die Irre geführten Käufer. Hihihi. Als ‚The Passion of Christ‘ in die Kinos kam, wurde ich noch mal an die Zeit erinnert. O unsterbliche Sehnsucht nach Liebe.

    Gefällt 2 Personen

  6. Ja, Lukian, natürlich…aber leider leider war alles immer viel zu teuer, denn es war ja nicht nur die Andere Bibliothek, sondern auch noch die Bücher drum rum, die man ja auch brauchte…viel Lesen ging (und geht) leider immer nur mit viel Taschenbüchern…wobei ich leider auch sagen muß, daß die Grenobücher zwar schön waren, aber sich nicht sehr gut aufklappen ließen…aber ich hätte sie doch gerne ! Liebe Grüsse

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      1. o, herzlichen dank, lieber Herr Ärmel, für den Tipp! Hatte grad den „Spaziergang nach Syrakus“ in der Hand, sind einfach besonders, diese Bücher, werd mich mal umschauen…bei uns ist es eh egal, wenn Besuch kommt, müssen wir stets Bücher- und Zeitungsstapel soweit zur Seite schieben, daß wenigstens ein dritter Suppenteller auf den Tisch passt, schwierig wirds bei zwei Besuchen…viele Grüsse vom Südostrand der Republik!

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      2. Aber gerne, ich bin ja ein bisschen gespalten, was die AB angeht. Ich habs oben geschrieben, aber so bestimmte Bände habe ich schon noch…
        Nachmittäglichsiebensonnige Grüsse aus dem leuchtenden Bembelland

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