Oskar Maria Graf: Anton Sittinger. Ein satirischer Roman (1937).

„Anton Sittinger“ erschien 1937, fünf Jahre nach dem „Bolwieser“. Die Romane von Oskar Maria Graf gehören zusammen: Darstellungen des spießigen Kleinbürgers.

5 Kommentare
2013-09-03 07.07.55
Bild: Birgit Böllinger

„Menschen wie Sittinger gibt es in allen Ländern. Abertausende. Ihre Zahl ist Legion. Alle Gescheitheit und List, aller Unglaube und alle Erbärmlichkeit einer untergehenden Schicht ist in ihnen vereinigt. In manchen Zeiten heißen sie „du“ und „ich“. Dennoch wird niemand daran glauben, daß er auch zu ihnen gehört. Er würde sich schämen und belächelt sie verächtlich. Er weiß nicht, daß diese Verachtung ihn selber trifft. Sie erscheinen harmlos, und ihr giftiger Egoismus gibt sich stets bieder. Sie sind die plumpsten und verheerendsten Nihilisten unter der Sonne. Man hat politisch mit ihnen zu rechnen, wenn man die Welt verändern will, nur darf man sich nie dem Wahn hingeben, als seien sie für das Erringen einer besseren Zukunft brauchbar. Sie sind nicht einmal gärende Gegenwart, nur Vergangenheit und darum die unangreifbarsten Totengräber jeder gerechten Gesellschaftsordnung. Instinktiv hassen sie den sozial Benachteiligten, den Arbeiter und Armen, und ihr tückischer Haß wird sofort zur unversöhnlichsten Feindschaft, sobald sie merken, daß sie bei einer unsozialen Umwälzung etwas einzubüßen hätten. Deswegen ist ihnen die wirkliche Demokratie ein Greuel. Darum sind sie so schrullig konservativ, so stockreaktionär und meist monarchistisch.“

Nein – dies ist kein Portrait einer dieser Menschen, die derzeit durch deutsche Straßen ziehen und skandieren „Wir sind das Volk“. Aber es könnte einer von ihnen sein, der hier beschrieben ist – so genau, so haarscharf hat Oskar Maria Graf (1894 geboren am Starnberger See, 1967 verstorben in New York) den verbitterten Kleinbürger, den opportunistischen Mitläufer gezeichnet. Ein Typ, den es heute gibt, den es morgen immer noch geben wird, den es zu Zeiten von Oskar Maria Graf en masse gab und der letztendlich in all seiner Banalität das Böse zuließ.

„Anton Sittinger. Ein satirischer Roman“ erschien erstmals 1937, fünf Jahre nach dem „Bolwieser“. Beide Romane können oder sollten in Zusammenhang gelesen werden – es sind seine „Spießer-Romane“, in denen er scheinbar banale Lebensläufe, durchschnittliche Einzelschicksale nimmt, um an ihnen die Mechanismen der Kleinbürgerseele zu zeigen. Und auch, um deutlich zu machen, wie die Politik sich auf den Einzelnen auswirkt und, wie – vive versa- der Einzelne mit seinen Entscheidungen die Politik mitprägt. Beide Romane sind treffende Charakterisierungen der „kleinen Leute“, die mit ihrer Unterwürfigkeit nach „oben“ und dem Treten nach „unten“ letztlich das gemeinschaftliche Zusammenleben prägen. Eine Variation und spätere Fortsetzung der von Heinrich Mann im „Professor Unrat“ und dem „Untertan“ beschriebenen Typen.

Fokussiert sich der Bolwieser noch vor allem auf die Szenen einer Ehe, ist „Anton Sittinger“ ein durch und durch politischer Roman: Graf, ab freiwillig 1933 im Exil, nachdem er zuvor von den Nationalsozialisten verlangt hatte, auch seine Bücher zu verbrennen, zeichnet am Werdegang des Sittinger die Entwicklung eines Postinspektors von der Münchner Räterepublik bis zur Wahl Hitlers und der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten nach.

Sittinger verabscheut sie eigentlich alle – die „roten Revoluzzer“ und den braunen Abschaum. Was er vor allem will, ist seine königlich-bayerische Ruhe – auch vor der gut deutsch-hysterischen Ehegattin, die für schmucke blonde Männer in Uniform entbrennt – und das Zusammenhalten seines Geldsäckels. Den Unruhen in München glaubt er entkommen, als er nach der lang ersehnten Pensionierung ein Haus auf dem Lande erwirbt. Doch auch dort holt ihn „die Politik“ wieder ein: Im Wirtshaus werden die Nachrichten debattiert, das Dorf spaltet sich bald in Anhänger und Gegner Hitlers. Sittinger spürt, er muss sich entscheiden und positionieren, will er an der neuen Zeit teilhaben beziehungsweise nicht der Rachlust des örtlichen Nazis ausgeliefert sein. Da hilft auch sein pseudophilosophisches Spinnisieren nicht, nicht die – freilich meist falsch und für eigene Zwecke mißbrauchte – Inanspruchnahme philosophischer Leitsätze von Seneca über Schopenhauer bis Macchiavelli. Der kleinmütige, eigensüchtige Zögerer, ein Wendehals, springt unter äußerstem Druck letztendlich auf den nationalsozialistischen Zug auf – getrieben vor allem von einem Motiv: Seine Ruhe zu erhalten.

In beiden Romanen zeigt sich Oskar Maria Graf als der kraftvolle Volksschriftsteller, der wie wenig andere das dörfliche und kleinstädtische Leben auf dem bayerischen Lande mit Bildern zu füllen vermochte: Da geht es mitunter durchaus krachledern bis hin zu saukomisch zu, die Figuren sind einerseits satirisch leicht überzeichnet, andererseits lebendig und lebensecht.

„Beim Begräbnis des Toni füllte sich der ganze Friedhof. Grimmig schauten die Bauern drein. Laut weinten Weiber und Kinder, und viele Kränze wurden auf das Grab gelegt. Alle Ehren wurden den Toten erwiesen, doch diesmal kling die Predigt des Pfarrers wehleidig. Der Grimmenmoser hatte eine Grippe vorgeschützt und war nicht zu sehen.
Hernach, in der Postwirtsstube, schimpften die Reitlmooser verdrossen über diese „braune Sauwirtschaft“. Immer wieder hieß es, der Hitler sei nichts für einen Reichskanzler.
„Und überhaupt – Bayern bleibt Bayern! Was wir machen, geht keinen Preußen was an!“ schloß der Pflögl.
Eine mißgünstige Bedrückung machte sich breit.
„Unsere Minister sind auch Hosenscheißer! Wenn`s Männer wären, täten`s einfach vom Reich weggehn und die ganze Hakenkreuzlerschippschaft `nausjagen…Meinetwegen alle zu den Preußen! Alsdann wär` gleich eine Ordnung!“ murrte der Kergler. „Aber mein Gott, wenn nirgends Männer sind!“
Alle nickten und schauten trüb geradeaus.“

Das Zitat zu Eingang des Blogbeitrags ist eher atypisch für den Roman – hier, in der Mitte des Buches, nutzt Graf den Raum, um den beschriebenen Typ zu analysieren, auch um seine eigene Haltung diesem Menschenschlag gegenüber, der sich durch Nichthandeln schuldig macht, zu verdeutlichen. Graf beschreibt die „kleinen Leute“ zwar einerseits voller Empathie – jeder habe einen inneren Kleinbürger und Schweinehund in sich: „In manchen Zeiten heißen sie „du“ und „ich“…“. Andererseits zeigt er sich auch resigniert, glaubt nicht an einen Wandel der Menschheit: „Ich glaube, daß man die Sittingers im besten Falle neutralisieren kann, aber nichts weiter.“

Wie recht er doch hatte, schaut man heute nach Dresden, Leipzig oder anderswo…

5 comments on “Oskar Maria Graf: Anton Sittinger. Ein satirischer Roman (1937).”

  1. „Anton Sittinger“ ist ein toller Roman über Mitläufertum und Opportunismus, der Graf ist mir eh immer einer der liebsten gewesen. Die Verfilmung mit Walter Sedlmayr ist auch, vor allem wegen Sedlmayr selber, sehr gelungen. viele Grüße, Gerhard

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    1. Danke Dir! Da müssen wir Bayern ja auch ein wenig zusammenhalten: OMG hätte mehr Aufmerksamkeit verdient, ist für viele aber eben auch so eine Art Regionalschriftsteller. Wie ich gelesen habe, wurden seine Bücher auch deswegen erst nicht verbrannt, weil seine Kalendergeschichten und das Bayerische Leserbücherl durchaus den Nazis in ihre „Volkstümelei“ gepasst hätten: Wie dumm die einerseits auch waren, zeigt genau dies – sind doch auch die frühen Sachen von OMG unterschwellig subversiv. Zu Recht hat er die Verbrennung seiner Bücher eingeklagt!
      Und Sedlmayr – der passt so herrlich als Sittinger, weil er ja auch das „Schmierige“ gut konnte. Ich mochte den immer, gerade im Händler der vier Jahreszeiten und den anderen Fassbinder-Filmen, aber auch bayerischer Ehegespons in den Buddenbrooks.

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      1. 100% Zustimmung !!! Dass Graf ungeschoren davonkam, verwundert tatsächlich, zumal er den Hitler in seiner Schwabinger Zeit das Treppenhaus runtergeprügelt hat (kommt in einer seiner autobiografischen Schriften vor, „Wir sind Gefangene“, glaub ich, bin mir aber nicht mehr sicher, müsste ich glatt mal wieder lesen). Sedlmayr: sehe ich genau so: ein begnadeter Schauspieler.

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  2. … schließe mich dem Vorredner an, mal wieder lesen … Meine Lektüre von „Wir sind Gefangene“ liegt lange zurück, es bleibt die Erinnerung an ein fesselndes, autobiografisches Buch, untertitelt „Ein Bekenntnis“. Oskar Maria Graf schildert die Jahre der Jugend und als junger Erwachsener, seine Flucht vor familiärer und ländlicher Enge in die pulsierende Großstadt München, seine Teilnahme am Bohèmeleben, Ersten Weltkrieg einschließlich Befehlsverweigerung, Irrenhaus sowie sein Engagement in der Münchner Räterepublik mit Inhaftierung.

    „So lernte ich allerhand Literaten, Maler und sonstiges Kaffeehausvolk kennen. Ich saß dumm zwischen ihnen und versuchte ein möglichst bedeutendes Gesicht zu machen. Es wurde philosophiert, gestritten oder psychoanalysiert. Mit aller Anstrengung hörte ich oft hin, verstand aber nicht das mindeste. Da wurden literarische Größen und ewige Werte mit ein paar Worten abgetan, förmlich vernichtet. Ich staunte wie ein junger Spatz und sagte nichts. Das war eine neue Welt. Hier also, dachte ich, fängt dein Weg an.“

    (Erschienen 1927, Drei Masken-Verlag München; Ausgabe: Süddeutscher Verlag, München 1978, S. 87)

    Danke für die Besprechung des Sittinger-Romans.

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    1. Danke für den Hinweis auf „Wir sind Gefangene“ – auch ich habe das vor langer Zeit gelesen und wollte nach Sittinger und Bolwieser im vergangenen Jahr die OMG-Lektüre wieder aufnehmen: Da sind so großartige, bedenkenswerte Sachen dabei. „Das Leben meiner Mutter“ ist ebenfalls ein Stück wichtiger Zeitgeschichte, sehr zu empfehlen. Hier wird sein Andenken gepflegt: http://www.oskarmariagraf.de/

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