#VerschämteLektüren (6): Die Verschämung kam nach dem Drittgedanken

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Ganz begeistert bin ich von einer Entdeckung neueren Datums in der Blogosphäre: Bei Drittgedanke, den Sonja mit vielen erstklassigen Gedanken füttert, findet man richtige Schätze zu Kunst, Musik und Literatur außerhalb des Mainstreams. Aber zur Leichtigkeit des Lebens gehört eben doch manchmal auch die Seichtigkeit des Lesens. Und da hat Sonja nach dem dritten Gedanken darob bei sich doch noch eine kleine Schwäche entdeckt:

gable

„Menschen, Tiere, Sensationen – derzeit spielt sich Sonderbares ab auf Sätze und Schätze: Unter dem Hashtag #VerschämteLektüren darf man dort endlich ungestraft der Freude an seinen aufs Allerheimlichste verschwiegenen Lieblingen frönen, was reihenweise Stoßseufzer auslöst und gekiekste Kommentare provoziert. Ich bin schon jetzt Fan dieser Rubrik; speziell der liebevolle Beitrag von Buchpost über James Herriot, Der Doktor und das liebe Vieh löste einen hartnäckig anhaltenden und vom herbstlichen Gemütlichkeitswahn unterstützten Britishness-Anfall bei mir aus. Bezüglich eigener verschämter Lektüren äußerte ich mich in meiner unendlichen Hybris anfangs reichlich naiv: Gibt´s nicht. Peinliche Lieblingslieder? Schuldig, reihenweise – dazu stehe ich problemlos. Filme fürs Herz? Zerknirschtes Ja, allerdings mit Seltenheitswert. Heimlicher Hang zu nostalgischen Kitsch-TV-Serien? Volltreffer! Aber Banal-Literatur? Niemals. Dann jedoch kam das Thema Historischer Roman auf den Tisch und mir schwante die Fehlerhaftigkeit meiner Selbsteinschätzung.

Der Name Ingrid Krane-Müschen steht für atemlose Spannung vor mittelalterlicher Kulisse, heimlich ins Spitzentaschentuch verdrückte Tränen der Rührung und der Trauer, mitreißende Plots im schottisch-englischen Adelsmilieu und unüberwindliche Schicksalshürden, die mit Liebe und Edelmut schließlich doch überwunden werden. Bevor sich nun jemand in Spott und Häme angesichts meiner Lieblingsschmonzettenautorin ergeht, sollte er sicherheitshalber zunächst im eigenen Regal nach ihrem Künstlernamen Ausschau halten, unter dem sie sich so erfolgreich verkauft, dass ich schlechterdings unmöglich allein mit ihren Büchern dastehen kann: Rebecca Gablé.

An langen Winterabenden oder während des beruflichen Pendelns zwischen Buchhandlung und Zuhause ließ ich mich von ihrer vieltausendseitigen Waringham-Saga vollkommen hingerissen einlullen. Als Unterhaltungsmittel taugt diese Lektüre ungemein, Frau Krane-Müschen/Gablé beherrscht ihr Handwerk souverän, gestaltet lebendige Charaktere und Settings, produziert keine Längen, verknüpft die Kapitel mit kunstvollen Cliffhangern und baut trickreich Spannung auf. Für mich ist und bleibt sie die unangefochtene Königin des historischen Schmökers.

Die Familiengeschichte der Waringhams erstreckt sich über mehrere Generationen, beginnend im Jahr 1360 mit Stammvater Robin of Waringham, der in Das Lächeln der Fortuna die angekratzte Familienehre wiederherstellen muss. Als Sohn des ehemaligen Earls ist er den Schikanierungen durch Mortimer, den Sohn des neuen Earls, ausgesetzt und muss sich seinen Weg zurück in den Adels- und Ritterstand unter selbstredend größten Entbehrungen abenteuerlich erkämpfen. Angesichts solch hartnäckigen Edelmuts bleiben entflammte Damenherzen nicht aus. Weiter geht es in Die Hüter der Rose. Dort büxt John of Waringham, Sohn Robins,  aus Angst davor zwecks klerikale Karrierevorbereitungen ins Kloster gesteckt zu werden von Zuhause aus und setzt sich nach Westminster ab, wo er zufällig König Harry begegnet. Eine Freundschaft mit dem Königshaus, eine glanzvolle Laufbahn als Ritter während des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich sowie zahlreiche amouröse Verwicklungen sind damit vorgezeichnet. In Das Spiel der Könige müssen sich die Waringham-Sprösslinge Julian und Blanche im Konflikt zwischen den Adelshäusern York und Lancaster für eine Seite entscheiden und geraten in fiese Intrigen, hundsgemeine Machtspielchen und dramatische Verwirrungen des Herzens. Im vierten Band, Der dunkle Thron, stellen die machtpolitischen Auswirkungen der Reformation den Waringham-Erben Nick vor die knifflige Aufgabe seine Familie durch kluge Bündnispolitik auf die sichere Seite zu bringen – Querelen des Herzens und Vater-Tochter-Konflikte sabotieren dabei einige seiner Bemühungen.

Neben der Waringham-Saga hat Rebecca Gablé einen meterbreiten Schwung weiterer nur wärmstens zu empfehlender Historienschinken verfasst. Wie sonst auch, wenn ich beim Beitragsbild auf Ersatzabbildungen ausweiche (in diesem Fall musste es unbedingt diese betörende Rossetti-Postkarte sein), habe ich das besprochene Buch inzwischen entweder weiter verliehen oder selbst wieder zurückgegeben. Dass ich nicht einen einzigen Gablé-Roman für ein Beitragsbild vor meine Linse bekommen habe, liegt in folgendem Mechanismus begründet: Sobald ich mich dabei hatte erwischen lassen, eine neue Gablé zu lesen, wurde sie mir – teilweise noch während ich die letzten drei Sätze unter Kampfanstrengungen zu Ende las – von Gablé-hungrigen Bestien aus den Händen gerissen, so dass ich froh bin, heute noch alle zehn Finger zu besitzen. Meine Mutter war die einzige unter den Raublesern, die vorher immerhin höflich um Leiherlaubnis gefragt hat. Auch Männer gehören zu den Ausleihern, in deren Regalen in einer verschämten Ecke sich nun meine Gablés finden, die ich wohl nie wieder zurückbekommen werde.

Der Winter kommt. Deckt Euch ein mit ein paar Pfund Earl Grey, kramt die Blümchentassen heraus, backt ein paar Scones und stellt das Telefon ab. Ich gebe zu, ich schäme mich gar nicht so ehrlich dafür, mir diesen Schmus gegeben zu haben – ich würd´s wieder tun.“

Und hier geht es zum tollen Blog der Autorin: http://drittgedanke.wordpress.com/

11 comments on “#VerschämteLektüren (6): Die Verschämung kam nach dem Drittgedanken”

  1. Liebe Sonja,
    es ist zwar so, dass ich mit so dicken Historienschinken meistens nicht so richtig warm werden (also ich habe so etwas, wie eine literarische Kostümfilmphobie), aber sich für die Lektüre zu Schämen, das schient mir auch und sowieso totaler Quatsch.
    Unterhaltungsliteratur ist, glaube ich, bloss und vor allem bei uns in Deutschland in den ‚richtigen‘ Kreisen verpönt.
    Wie auch immer, ich habe mich jedenfalls bei der Lektüre Deines Textes ausgesprochen amüsiert und unterhalten gefühlt. Übrigens, der echte Name von Frau Gablé, Ingrid Krane-München ist einfach der Hit. Das ist mal ein Autorenname. Aber wahrscheinlich hätte niemand ihre Bücher gekauft, hätte Sie sie unter diesem Namen veröffentlicht. Schade eigentlich.
    Das schönste ist aber, dass ich über diesen Prost Deine schöne Seite kennengelernt und gerade abonniert habe. Da werd ich in Zukunft wohl mal stöbern müssen.

    Liebe Birgit,
    deine neue Reihe ‚Verschämte Lektüren‘ finde ich klasse. Habe mir natürlich auch schon überlegt, was da bei mir in Frage kommt, aber im Moment fällt mir da bloss die gelegentliche Lektüre des Kickers ein, den ich dann auch wirklich kaufe und nicht angeblich irgendwo beim Zahnarzt gelesen habe….

    Liebe Grüsse an Euch beide, ich werde mich jetzt bei einem Earl Grey auf mein Sofa am Kamin verbringen und den Montags-Kicker inhalieren…
    Kai

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    1. Lieber Kai,
      bittebittebitte schreib doch was Verschämtes über den Kicker…ich denke, das wäre auch mal was für den angenommen überwiegenden weiblichen Teil meiner Leserschaft. Bei der sogenannten Herrenlektüre habe ich nämlich riesige Verständnis- und Wissenslücken. Ich kann zwar theoretisch nachvollziehen, was manch einen zu AutoMotorSport treibt (die schönen Bilder) und zu Hefners Heft (der tolle Kulturteil), aber das mit dem Kicker habe ich noch nie verstanden: Weder schöne Bilder noch Kultur.
      Überdies wäre das auch eine tolle Gender-Tat von Dir mit einem VerschämtenText: 80 Prozent der Beiträge, die ich bisher habe, sind von den weiblichen Leserinnen. Norman ist der erste Mann, der am Donnerstag voraussichtlich mal in diese Phalanx einbricht. Sei tapfer und tue es ihm gleich! Herzlichst Birgit

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      1. Liebe Birgit,
        Deine Serie macht mir immer mehr Spass – und ich werde mal überlegen, wie ich das mit dem Kicker erklären kann. Nein nein, da ist mit Erklären nix zu machen. Aber vielleicht finde ich ja noch ein paar Verschmähtesten, die ich ausplaudern kann, damit der Kicker da nicht so allein steht. Vielleicht wird es ja was. Wenn ja, schicke ich es Dir gerne.
        Liebe Grüsse
        Kai

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  2. Allerherzlichsten Dank für diese ausgesprochen schöne Einleitung – die freut mich wirklich sehr! Ich übe mich just darin, meine Gesichtsröte damenhaft hinter einen Spitzentaschentuch zu verbergen (guckt ja gerade keiner zu), aber mich dünkt, mit Tempo-Taschentuch anstatt hochherrschaftlicher Aussteuer-Ware sehe ich dabei eher so aus, als kaschierte ich dicke Backen nach einem Zahnarztbesuch. Also, ich strahle jetzt mal lieber ganz unverschämt vor mich hin… 🙂 Viele Grüße!

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  3. Ich habe die gleiche Schwäche, und ich kann ihren neuesten Roman auch wieder wärmstens empfehlen 🙂 Aber auch ich schäme mich nicht im Geringsten, dafür ist es manchmal einfach zu schön, sich gepflegt unterhalten zu lassen .-)

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