Albert Cohen: Die Schöne des Herrn (1968).

Keine Besprechung im eigentlichen Sinne: „Die Schöne des Herrn“ ist ein Roman, der seine Zeit braucht – ein Buch für den „Super-SuB“ sozusagen.

26 Kommentare

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„Erklären Sie auch die Gründe für die Verführungswut Don Juans. Denn in Wirklichkeit ist er ja keusch und hat nicht viel für diese Bettgefechte übrig, findet sie eintönig und primitiv, lächerlich im Grunde. Aber sie sind unerlässlich, damit die Frauen ihn lieben. So sind sie nun mal. Sie bestehen darauf. Und er braucht ihre Liebe. Erstens als Ablenkung, um den Tod zu vergessen und dass es kein Leben danach gibt, keinen Gott, keine Hoffnung, keinen Sinn, nur das Schweigen eines unbeseelten Alls. Kurzum, aus Liebe zu einer Frau sich das Leben kompliziert machen, um die Angst zu übertönen. Zweitens die Suche nach Trost. Ihre Anbetung tröstet ihn über sein Alleinsein hinweg.“
Albert Cohen, „Die Schöne des Herrn“.

Neben Abbruch-Büchern, Flutsch-Büchern, Empfehlungs-Büchern, Lebens-Büchern gibt es in meinem Leserleben noch die besondere Kategorie der Bücher, die ich mir für bessere Zeiten aufhebe. Bücher, in die ich reingelesen habe, fasziniert war, aber weiß: Dieses Buch geht nebenher nicht einfach so. Dieses Buch braucht Zeit. Seine Zeit. Ein Buch für den Super-SUB sozusagen.
Das ist jener Stapel ungelesener Bücher, der auf die Zeiten der Ruhe, der Kontemplation, des Müßiggangs wartet – auf einen sehr, sehr langen Urlaub (der nicht ansteht), auf ein Sabbatjahr (das unrealistisch ist) oder die Rente (also in 15,16, 17 Jahren, wenn die Herrschaften in Berlin sich da mal festlegen wollen).

Bei mir liegen auf diesem Stapel vor allem die Franzosen. Warum? Je ne sais pas. Aber ich denke: der Proust, die Balzacs, die Stendhals, jetzt sind sie schon so alt, mögen sie noch ein wenig sich gedulden. Erdrückt werden sie derzeit von einem Wucht-Franzosen, der nicht allzu sehr hier bekannt ist: Albert Cohen. Weil aber dessen Buch „Die Schöne des Herrn“ schon beim ersten Reinschnuppern so seltsam faszinierend ist, möchte ich doch ein wenig dafür die Trommeln schlagen – wer weiß, vielleicht findet sich auf diesem Wege ein Financier, eine Mäzenin, die mir einen langen Leseurlaub am Geburtsort Cohens ermöglicht…

2013CohenDort, in der Stadt Korfu, stieß ich erstmals auf den Namen dieses Schriftstellers (1895 geboren auf Korfu, 1981 verstorben in Genf), der in Frankreich und der Schweiz zu den Großen zählt. Eine Tafel nahe der Synagoge in der Altstadt Korfus erinnert an den berühmten Sohn der Insel – der allerdings nur seine Kindheit dort verbrachte. Die Familie, französischer Abstammung, zog 1900 nach Marseille, später studierte Cohen in Genf Jura und nahm die Schweizer Staatsbürgerschaft an. Er war als Rechtsberater für die Jewish Agency und die UNO tätig, ansonsten widmete er sich dem Schreiben. Sein Hauptwerk ist die Romantetralogie „Solal“ – in neuerer Übersetzung ins Deutsche liegt allerdings nur deren dritter Teil, „Die Schöne des Herrn“ vor, 2012 bei Klett-Cotta erschienen.
Einmal neugierig gemacht durch diese simple Tafel, bestellte ich beim Buchhändler meines Vertrauens unbesehen diesen Roman, den derzeit einzig greifbaren Nicht-Antiquarischen – um zunächst vor Schreck einmal zu prokrastrinieren.

Schreckmoment 1: Allein der dritte Teil der Tetralogie umfasst 891 eng- und kleinbedruckte Seiten!
Schreckmoment 2: Der Klappentext. Von Elke Heidenreich. Elke Heidenreich. Na ja.
Sie flötet: „Wenn ich jetzt sagen müsste, welches das schönste Buch ist, was ich in meinem Leben gelesen habe, wäre es dieses.“

Einen echten Bibliomanen schreckt aber letztendlich auch Frau Heidenreich nicht ab. Dagegen jedoch: Der Respekt vor dem Werk. Ich habe ein Viertel des Buches gelesen und beschlossen – ich will die ganze Tetralogie. Und ich will die Zeit dazu. Und weil beides noch in weiter Ferne steht, liegt das Buch nun erst einmal auf dem Super-SUB.
Wer schon vorher dem Charme Albert Cohens und seiner Hauptfigur Solal erliegen will, dem sei diese euphorische Besprechung von Andreas Isenschmid in der ZEIT nahegelegt:
http://www.zeit.de/2013/20/albert-cohen-die-schoene-des-herrn
Auf der Verlagsseite findet sich eine Leseprobe:
http://www.klett-cotta.de/buch/gegenwartsliteratur/die_schoene_des_herrn/21745

Und wer sich – wie ich – auf bessere (Lese-) Zeiten vertrösten muss, den nehme ich zum Trost mit auf einen Bilder-Spaziergang rund um die Geburtsinsel Cohens. Wie gesagt, Mäzene für Bildungsurlaub gesucht.

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26 comments on “Albert Cohen: Die Schöne des Herrn (1968).”

    1. IHH,
      hoffe doch, dass Einzelhaft/Verbannung nicht die einzigen Optionen sind. Die Enden der Parabel erfuhr ich während einer Grippe mit Fieber, das passte irgendwie. Zu Kierkegaaaaaaaaard könnten Maaaaasern paaaaasen, haaaatte ich aber schon. Aber noch besser: MUßE. 🙂 LG sätzebirgirt

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      1. Zu Kierkegaard fiele mir eine Frage ein, die ich Ihnen schon einmal stellen wollte. Gibt es für Sie Autoren wie „Heilige“, denen Sie sich, wenn überhaupt, nur mit großer Scheu und Demut nähern, weil sie Ihnen zu groß (zu nahe) sind, die Sie nicht verstehen, aber so gerne verstehen möchten. Ich drücke mich ungeschickt aus, aber Sie verstehen mich vielleicht trotzdem.

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      2. Nein, das ist nicht ungeschickt, sondern trifft es genau. Andeutungsweise habe ich das, glaube ich, schon mal bei einem der Beiträge zu Pessoa und/oder Arno Schmidt geschrieben – das sind Autoren, die ich immer wieder lese (Lebensbücher), bei denen ich mir aber keine Besprechung in dem Sinn zutrauen würde. Und vor wem ich eben (noch) erstarre, ist Proust. Wenn ich gerne verstehen würde: Finnegans Wake. Einmal reingeschaut, nachdem ich den Ulysses gemeistert hatte, und sofort gemerkt: Da übernehme ich mich. Prokrastrinierendes Verhalten auch bei Sartre und Kafka – da traue ich mich nur über die kleinen Sachen ran. Kafkas Tagebücher – ich lese mich fest, rätsle, muss wieder zurückblättern. Schon abgegriffen, aber noch nicht begriffen.

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      3. Meine Heiligkeit ist eben Kierkegaard. Im Grunde nichts gelesen, außer dem „Verführer“, und noch weniger verstanden und dennoch, ich weiß, weiß es ganz bestimmt, Sören hat mir etwas zu sagen.

        Vielleicht hat es etwas mit Seelenverwandschaft zu tun.

        Übrigens ist Proust ein ähnlicher Fall. Bei ihm kann ich sagen, mich macht meine Liebe blind und blöd, wie jede gute Liebe. Da fehlt mir die Distanz.

        Anders etwa als bei Th.Mann, um es einmal zu wiederholen.

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  1. Wenn es in einer Rezi darum geht, dem potentiellen Leser Appetit zu machen, ist das hier hervorragend und besonders anschaulich gelungen. Aber es sind keine bloßen Buchbesprechungen hier auf diesem Blog: Es sind Bekenntnisse eines Besessenen, der alles schreibend einbindet: Sein eigenes Leben und Dasein, seine Gefühle und Emotionen.

    Bekenntnisse eines Liebenden, eines in Literatur verliebten. Was er schreibt ist selbst Literatur. Die Luft hier schmeckt mir. Es riecht nach Büchern und Leben und ich fühl mich wohl, wo ein offenes Wort auch mal Unwohlsein ausdrückt und ein Buch einfach zuschlägt, das nicht gefällt.

    LG Dunkelpoet

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      1. Es gibt ja den alten Germanistenwitz über Arno Schmidt, dass seine Schreibmaschine defekt gewesen wäre. Aber ich hatte mir „Zettels Traum“ aus der Stadtbücherei Offenbach ausgeliehen (das Buch musste aus dem Keller geholt werden, weil sonst nie jemand danach fragt) und hab mal etwas geblättert (viele Anmerkungen und Randnotizen zu Poe), aber es dann nach drei Tagen aufgegeben. „Brand’s Haide“ war leichter zu lesen, aber die Metaphern bremsen das Verständnis. Kafka ist für mich leichter zu lesen, weil er im Herzen ein Romantiker ist, der die Realität in Wachträumen verarbeitet. Er selbst litt unter Schlaflosigkeit.

        Ich les zur Zeit Gaarder: „2084 – Noras Welt“ mit gemischten Gefühlen. Es ist eine Analogie zu Orwell, aber ganz anders. Es geht darum, dass der Co2-Ausstoss und die Wilderei an der Natur den folgenden Generationen kaum eine Chance mehr bietet.

        Vorgenommen für besinnliche Stunden hab ich mir Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. Ich wünsch dir noch viel Freude. Prokrastination – ich muss erst mal die Treppe kehren. LG und schönes WE Dunkelpoet

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      2. Oh ja,
        ich schiebe auch einige haushälterische Dinge vor mir her – und beantworte lieber zuvor Kommentare. (Aber nach diesem wird geputzt, gekehrt, was auch immer). Zettels Traum ist insofern ein abseitiges Buch, weil es – aufgrund der enormen Belesenheit seines Autors – stets auf Abwege führt, man will dann noch dieses und jenes nachschlagen, verzettelt sich, liest Querbezüge etc. – ich mach seit ungezählten Jahren daran rum. Das Gaarder-Buch sagt mir leider nichts, da muss ich mal schauen. Ich habe von ihm noch gar nichts gelesen, nicht einmal Sofies Welt, mit dem er ja wohl bekannt wurde. Du hörst dich aber nicht allzu überzeugt an, täusche ich mich?

        Jedenfalls: Jetzt nicht nur in der Vorstellung, sondern mit ganzem Willen: gekehrt wird, nicht nur vor der Haustüre. Schönes Wochenende auch Dir!

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      3. Bei den Philosophen schweige ich etwas still – da fühle ich mich wenig qualifiziert mitzureden, mein Schwerpunkt lag auf der politischen Philosophie zu Studienzeiten. Aber das wäre doch mal eine Guttatt, Herr Hund, wenn Sie uns philosophische Konstrukte (die ja in Ihren Beiträgen bislang schon enthalten sind) näherbrächten?

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  2. Da weckst Du mit Deinem appetitanregenden Text, den Links und natürlich auch den wunderschönen Bildern ganz viel Interesse für einen Autor, von dem ich – große Bildungslücke – noch nie etwas gehört habe. — Aber ist es nicht schade, dass wir alle soclhen Sehnsuchstwerke auf unserer Liste haben, die noch warten müssen, bis wir viel Zeit haben. Und dann kommt etwas dazwischen, und wir kommen doch nicht zum Lesen. Das ist eigentlich zu blöd. Naja, ich habe ja auch keine Lösung.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia,
      eine Bildungslücke vermute ich da nicht – ich befürchte, dass ganz wenige leider Cohen kennen (ich bin ja auch nur durch reinen Zufall über ihn gestolpert). Ja, die Sehnsuchtswerke – ich warte ja immer noch auf einen Lotteriegewinn, Sponsoren oder ähnliches 🙂
      Viele Grüße, Birgit

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  3. Liebe Birgit,
    auf dieses Buch bin ich vor einiger Zeit in meine Buchhandlung des Vertrauens gestossen, habe mich festgelesen aber dann doch Abstand genommen, des Umgangs wegen. Nach Deiner wunderbaren Liebeserklärung – und auch nach der von Isenschmid, den ich sehr schätze) kommt es auf die Liste weit nach oben, in der Hoffnung, dass mir irgendwann die Zeit bleibt, dieses Buch zu geniessen. Erstmal muss ich auch prokrastinieren, wie Du das so treffend beschreibst (hat mich sehr amüsiert).
    Deine Bilder von Korfu sind sehr verlockend, ich denk mich dann in eine kleine Kneipe (heisst das da Taverne) an einem klitzekleinen Hafen mit einem nicht griechischen Wein sitzend…
    Liebe Grüsse, Kai

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    1. Lieber Kai,
      diese vertrauenswürdigen Buchhändler -ginge es nach ihnen, gäbe es bereits schon Leserkolonien auf sämtlichen griechischen Inseln 🙂 Mir hat beim Reinlesen auch dieses schön übertriebene Ironische gefallen, die Beschreibungen der Beamten-Speichelleckerei, etc. In dem Roman ist soviel drin! Und mich ärgert es, dass der liebe Herr einem nicht SOFORT die Zeit gibt für die Schöne des Herrns. Taverne ist der passende Ort und ebenso passend ist es, dort die Finger vom einheimischen Wein zu lassen 🙂
      Liebe Grüße, Birgit

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    1. Eine Woche nur? Das ist ja verdammt kurz. Ich wünsche Dir trotzdem erlösende Leserauschtage – und hoffe auf einige deiner gewohnt guten, differenzierten Buchvorstellungen im Anschluss daran.

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  4. OK, das mit der Elke Heidenreich ist schon ein Ding! Aber Danke für den Tipp.
    Da ich denke, dass eben nie die Zeit der Ruhe kommen wird, schiebe ich keine Bücher auf aber behalte mir vor, sie nach der Hälfte ggf. nicht weiter zu lesen.

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    1. Bei dem Buch ist nur das Problem, dass schon die Hälfte 500 Seiten sind…also beispielsweise zwei Joseph Roths…und bei dem Volumen (und der Qualität) fällt mir das Abbrechen schwer, wenn ich schon so lang mitgegangen bin…

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  5. Sich auf die Rentenzeit verlassen, um mehr Zeit zu haben?
    Ein verlockendes Bild, das selten in Erfüllung geht,
    es sei denn, man nimmt sich bewusst die Zeit ( ich weiß, wovon ich rede)
    :-).
    Gerne besuche ich diesen Blog, um mir Anregung zu holen oder
    mich an Gelesenes zu erinnern und es vielleicht !
    erneut zu lesen.

    „Die Schöne des Herrn“ kommt auf meine Liste.
    Vielen Dank.

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    1. Ach ja, wenn man soviel Zeit hätte, alles, was einem sehr gefällt, SOFORT zu lesen…so tröstet man sich auf bessere Zeiten. Was aber, wie Du richtig anmerkst, auch keine Lösung ist…
      Und vielen Dank fürs regelmäßige Mitlesen und Vorbeischauen!

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  6. Die Fotos sind ja ganz fein, liebe Birgit! Ich komme sofort in Urlaubsstimmung. Obwohl ein Urlaub vorläufig nicht ansteht, schade eigentlich.
    Das Buch klingt auch interessant … Aber ich denke, da warte ich auf dein abschließendes Urteil.

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    1. Liebe Petra,
      auf das abschließende Urteil musst du ggbf. lange warten – auch bei mir steht ein Leseurlaub in nächster Zeit leider nicht an…die Bilder sind zum „Durchhalten“ gedacht 🙂

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