Djuna Barnes: Paris, Joyce, Paris (1922).

1919 kam Djuna Barnes erstmals nach Paris. Sie blieb bis 1940 und wird zur „Gallionsfigur“ der amerikanischen Szene an der Seine.

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2015-04-22 05.52.56
Bild: Birgit Böllinger

„Als ich eines Abends aus dieser Kirche kam, schaute ich ins Café Aux Deux Margots hinein und trank ein Glas Wein, während Joyce, James Joyce, der Autor des verbotenen Ulysses, über die Griechen sprach.
Ein ruhiger Mann, dieser Joyce, mit dem Hinterkopf eines afrikanischen Götzen, lang und flach. Dem Hinterkopf eines Mannes, der mit der vulgären Notwendigkeit geistigen Stauraums gebrochen hatte.“

„Joyce lebt in einer Art dem Zufall überlassener Zurückgezogenheit. Es freut ihn, wenn Freunde vorbeischauen, und angeblich geht er dann überall mit hin und trinkt, was sich bietet. Er hat einen Widerwillen gegen Kunstgespräche, und seine Freunde sind ganz gewöhnliche Menschen.
Sein Hauptthema ist die griechische Mythologie, und er wird niemals müde, darüber zu sprechen, was es mit dem Ursprung des namens Orion auf sich hat, ein Stück Aufklärung, das dem streng akademischen Geist höchst anstößig erschiene, denn er macht aus den Griechen `ungezogene Jungs´, und sorgt dafür, dass sie sich, über die Kluft hinweg, mit Rabelais die Hand schütteln.“

Djuna Barnes, „Paris, Joyce, Paris“, insel taschenbuch

Wenn Djuna Barnes (1892-1982) über Joyce in diesem schmalen Buch im Anschluss an das zweite Zitat noch schreibt: „Er gleitet von einem Thema zu nächsten, ohne eindeutige Unterteilungen vorzunehmen“, so ist darin vielleicht auch eine Selbstskizzierung enthalten. Abschweifend, assoziativ, mysteriös ihr Stil. Aber auch: Leichthändige, luftige Skizzen. Das alles sind diese drei Impressionen, dieses Trio kurzer Stücke über die Stadt, in der die amerikanische Schriftstellerin lange Jahre lebte. 1919 kam sie erstmals nach Paris – zuhause bereits eine anerkannte Journalistin, im Auftreten außergewöhnlich und extravagant. Sie blieb, trotz ihrer anfänglichen leichten Enttäuschung (oder enttäuschten Erwartungshaltung) bis 1940.

Paris, so möchte man meinen, war für die Bohémienne aus Greenwich Village, wie gemacht. Doch es ist durchaus nicht Liebe auf den ersten Blick. In „Vagaries Malicieuses“, dem ersten der im Taschenbuch versammelten Prosastücke, wird die Stadt an der Seine einem kritischen, ironisch-distanzierten Blick unterworfen:

„Ich antwortete ihm, der Blumenmarkt lasse mich vergleichsweise kalt. „Denn einmal“, sagte ich, „hatte ich einen Freund, dem ich Blumen schickte, und nun, da ich keine mehr schicken darf, gehören Blumen für mich zu den Dingen, über die ich besser nicht nachdenke“, und ich setzte hinzu, der Vogelmarkt löse in mir Empfindungen aus, denen ich nicht nachgeben könne. Ich hätte nämlich gern fünf zierliche Freundinnen, denen ich sie schicken könnte. Fünf kleine Mädchen, die mit geschlossenen Augen und geöffneten Händen in einer Reihe sitzen müssten, um fünf sich drängende Hänflinge in Empfang zu nehmen. (…)
Und was nun die Gemüsemärkt und Märkte angeht, wo Fisch und Leber und Hirne in Tümpeln ebenso kalten wie schönen Bluts liegen, über all diese Dinge mag ich überhaupt nicht nachdenken…“

Leicht macht Djuna Barnes ihren Lesern den Zugang nicht. Abschweifende Gedanken, herumschweifende Sätze – erst nach und nach erschließt sich der Sinn, wird die Spöttelei in den maliziösen Launen, Einfällen (ihre Biographin Kyra Stromberg weißt im Nachwort des Buches darauf hin, dass Barnes auch aufgrund ihrer bleibend mangelhaften Beherrschung der französischen Sprache oftmals Mutter- und Gastsprache mischte wie in den „Vagaries Malicieuses“) zu einer versteckten Liebeserklärung an die Stadt Paris.

„Spötter behaupten, Djuna Barnes habe mit ihrem feingestochenen Stil, der bombastisch und theatralisch, aber auch kalt und messerscharf sein kann, keine Romane, Theaterstücke, Kurzgeschichten, Essays und so weiter verfasst, sondern lauter erste Sätze. Wahr ist, dass viele ihrer Sätze so komplex sind, dass man ihre Bedeutung nicht beim ersten Lesen verstehen kann“, so Verena Auffermann in einem biographischen Aufsatz über die Barnes. Deren Pariser Jahre fallen in ihre größte Zeit – später wird sie, eine der bekanntesten „expatriates“, verarmt und vergessen in New York leben. Doch in den 20er Jahren ist sie Mitglied und Vorzeigefrau der amerikanischen Emigranten an der Seine.

„…in jenem wuseligen Paris, in dem James Joyce lebt, den Djuna Barnes verehrt wie niemanden sonst. Aber auch Ezra Pound, T. S. Eliot, Ernest Hemingway und Scott Fitzgerald haben sich dort eingefunden. Sie haben alle ihre Rolle beim Aufbruch in die Moderne. Die Rolle der Frauen im Kreis der Intellektuellen und Künstler war weit mehr als die der Hebamme bei der Geburt des Modernism. 1922 verlegte Sylvia Beach, die in der Rue de l`Odéon ihre Buchhandlung betrieb, den Ulysses von James Joyce. Die Journalistin Janet Flanner schrieb ihre Letters from Paris, die im New Yorker erschienen. Berenice Abbott fotografierte das Pariser Leben, Gertrude Stein hielt Hof und arbeitete nachts an ihrer eigenen Moderne. Djuna Barnes war 1919 im Auftrag von „McCall`s Magazine nach Paris gekommen.“

Verena Auffermann über Djuna Barnes in „Leidenschaften – 99 Autorinnen der Weltliteratur“, btb Taschenbuch.

So war also Paris. Für Djuna Barnes aber – wie auch für die anderen der genannten Literaten, bis auf die Stein, die Joyce in herzlicher Abneigung verbunden war – war er das Epizentrum: Der Schöpfer des „Ulysses“. Eines der drei Prosastücke ist ausschließlich ihm gewidmet: „James Joyce“, ein Portrait, das 1922 wenige Wochen nach dem Erscheinen des Mammutwerkes in der „Vanity Fair“ erschien. Das erste Zusammentreffen, es wird geradezu mystifiziert:

„Und dann, eines Tages, kam ich nach Paris. Ich saß im Café Aux Deux Margots, das auf die kleine Kirche Saint-Germain-des-Prés hinausgeht, und sah, wie sich aus dem feuchten Nebel ein großer Mann löste, der, den Kopf leicht gehoben und abgewandt, dem Wind ein wohlgeordnetes Durcheinander von rotem und schwarzem Haar überließ, das sich an einem vorgereckten Kinn in einem schütteren Keil fortsetzte.“

Mit Worten Bilder schaffen, Szenen festhalten – das ist eine Qualität, die der amerikanische Journalismus hatte. Zumal sich Djuna Barnes sich auch nicht um journalistische – oder andere – Konventionen kümmerte, literarische Grenzen überschritt. das Portrait wird zu einer eindeutigen Ergebenheitserklärung:

„Man sagt ihm nach, er sehe gleichzeitig traurig und müde aus. Er sieht zwar traurig aus, und er sieht auch müde aus, doch ist das die Traurigkeit eines Mannes, der ein mittelalterliches Anrecht auf eine Betrübnis erwirkt hat, die ohne Zeit ist und ohne Ort; es ist die Müdigkeit eines Mannes, der sich aus freien Stücken der Schaffung einer Überfülle in der Beschränkung verschrieben hat.“

„Das ist ungefähr Joyce, und man fragt sich doch, ob Irland nicht endlich seinen Mann hervorgebracht hat.“

1941, schon in den USA, erinnert sich Djuna Barnes an ihr Paris, an ihrer Pariser Jahre. Ein wehmütiges „Klagelied auf das Linke Ufer“ entsteht. Erinnerungen an Menschen, Orte, vor allem aber an James Joyce:

„James Augustin Joyce (er war dank der geistigen Verwirrung eines Gemeindeschreibers in Rathgar Augusta getauft worden) wies einem Zeitalter den Ausgang.“

Durch den Tod, die Flucht vor den Nazis, durch einen Ozean getrennt von all jenen, die sie kannte und liebte, entfährt ihr in diesem Essay ein letzter Seufzer:

„Das Schreckliche ist ja nicht, dass all diese Dinge geschehen konnten, sondern, dass sie alle vorbei sind.“

13 comments on “Djuna Barnes: Paris, Joyce, Paris (1922).”

  1. Djuna Barnes‘ „Nachtgewächs“ ist eines dieser Bücher, die ich unbedingt mal lesen möchte. Leider haben es die Literaturwissenschaftler zu einem derart furchteinfößenden Buch gemacht, dass ich noch ein bisschen Angst davor habe.

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    1. Die Literaturwissenschaft kann einem schon Angst machen:-) Ich habe es vor Jahren gelesen, aber kann nur noch einen Gesamteindruck wiedergeben: Wunderschöne, verwirrende Sätze, kein „einfaches“ Buch – ich habe es auf der Wiederlesen-Liste, zögere aber auch noch etwas rum: Dieses Buch braucht mehr Zeit+Muse als andere.

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  2. Ach, wäre das toll, mal kurz eine Zeitmaschine besteigen und für ein paar Tage im Paris der 20er Jahre herumstromern zu können! Aber drüber zu lesen, immer wieder zu lesen, ist auch toll! 🙂

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  3. Ja, schön anregend, dieser Einblick. Irgendwann, irgendwo habe ich mal als deutsches Bühnenstück „The perfect Murder“ von Djuna Barnes aufgeführt gesehen, was kabaretthaft aber ganz geistreich daherkam.

    Zu Paris Anfang des 19. Jahrhunderts hat unsere Vorleserunde letzten Montag in die Erinnerungen von Kunstkritiker und Chronist Max Oswald hineingeschaut und seine Aufzeichnungen – ein Kapitel über Pariser Künstlerateliers und Bars – mit Freuden gelesen. Ein sehr menschliches Zeugnis von einem, der später wegen der Nazibande fliehen musste. Der Verlag Edition Memoria hat verdienstvoller Weise sorgfältig dieses Buch wieder hervorgebracht, und ich empfehle es sehr. Buch und Verlag verdienen mehr Aufmerksamkeit.

    Die Beach ist auch unbedingt lesenswert, natürlich. Und die Erinnerungen von der Toklas (geschrieben von besagter Stein).

    PS: stimmungsvolles und schönes Photo da oben.

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    1. Danke für den Hinweis auf das Oswald-Buch – das kannte ich ebenso wenig wie den Verlag. Schöner Tipp. Barnes Paris-Essais sind natürlich auch deswegen lesenswert, weil aus ihnen auch diese komplizierte Frau hervortritt, die es sich und anderen nicht einfach machte – man muss auch sehr aufmerksam lesen, manche Sätze müssen entschlüsselt werden. Beach ist da natürlich ein anderer Typ – handfest, zupackend. Ich bewundere das immer noch – einfach zu sagen: So, da mache ich jetzt eine Buchhandlung in Paris auf, verlege den Ulysses und ziehe das Ding durch…eine „Powerfrau“, würde man heute sagen. Die Toklas habe ich gelesen – und war überrascht: Stilistisch lesbar, und da kommt der „bB“ (bissiger Besen), der die Stein ja im echten Leben wohl auch war, voll durch – den Leser amüsiert das, ist ja streckenweise auch voller Literatur- und Kunstklatsch. Ob ich mich allerdings mal an ein anderes Buch der Stein wage, weiß ich nicht…

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      1. Ja, Birgit, wie Du schon warntest: „Abschweifende Gedanken, herumschweifende Sätze – erst nach und nach erschließt sich der Sinn, wird die Spöttelei in den maliziösen Launen, Einfällen […] zu einer versteckten Liebeserklärung an die Stadt Paris.“ Aber das anfängliche Zitat zu Joyces Hinterkopf – „Dem Hinterkopf eines Mannes, der mit der vulgären Notwendigkeit geistigen Stauraums gebrochen hatte.“ – ist schon großartig. Schön übersetzt von Karin Kersten, gell? Wenn, dann lese ich aber das Original. Eines schönen Tages …

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      2. Liebe Margarete,
        schön, dass Du die Übersetzerin erwähnst – ich denke, da braucht es bei Djuna Barnes jemand, der gut und sensibel mit der Sprache umgehen kann – so empfand ich jedenfalls die Übersetzung. Selber würde ich mir das nicht zutrauen, das im Original zu lesen -da reichen meine Sprachkenntnisse glaube ich bei weitem nicht aus…

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