Paul Bowles: Taufe der Einsamkeit (1950-1972).

Paul Bowles schreibt am schönsten dort, wo er über die Wüste schreibt. Der amerikanische Schriftsteller verbrachte selbst sein Leben wie ein Nomade.

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2015-04-24 10.52.06

„Die Wüstenlandschaft ist immer am schönsten im Zwielicht der Morgen- und Abenddämmerung. Um diese Zeit fehlt das Gefühl für Entfernungen: Ein naher Hügel kann wie ein weit entfernter Höhenzug wirken, jedes Detail kann zu einer Größe erster Ordnung im monotonen Thema der Landschaft werden. Der nahende Tag ist voller Verheißungen; erst wenn er sich voll entfaltet hat, kommt dem Betrachtenden der Verdacht, daß es der vorangegangene Tag sein könnte, der wiedergekommen ist – der gleiche, den er wieder und wieder erlebt hatte, immer noch blendend hell und unberührt von Zeit.“

Paul Bowles, „Himmel über der Wüste“, im Original: „The Sheltering Sky“, Erstausgabe 1949

„Es ist eine einzigartige Empfindung, und sie hat nichts mit Verlassenheit zu tun, denn Verlassenheit setzt Erinnerung voraus. Hier, in dieser vollkommen mineralischen Landschaft, von Sternen erhellt wie von Leuchtfeuern, verschwindet sogar die Erinnerung; es bleibt nichts übrig als Ihr eigenes Atmen und das Geräusch Ihres schlagenden Herzens. Ein merkwürdiger und keineswegs angenehmer Prozess, bei dem Sie sich neu zusammensetzen, beginnt in Ihrem Innern abzulaufen, und Sie haben die Wahl, entweder dagegen anzukämpfen und darauf zu bestehen, dass Sie die Person bleiben, die Sie immer gewesen sind, oder es geschehen zu lassen. Denn niemand, der längere Zeit in der Sahara war, ist noch genau derselbe, wie bei der Ankunft.“

Paul Bowles, „Taufe der Einsamkeit“, Reiseberichte 1950-1972, Liebeskind Verlag 2012

Paul Bowles schreibt am schönsten, am klarsten dort, wo er über die Wüste schreibt – bei ihm wird sie zu einer Metapher für das Leben, ein Ausdruck unserer Existenz. Der amerikanische Schriftsteller und Komponist (1910-1999) verbrachte selbst sein überwiegendes Leben beinahe wie ein Nomade, insbesondere bereiste er Südamerika und Nordafrika. Ab 1947 lebte er in Tanger, zunächst mit seiner Frau, der Schriftstellerin Jane Auer (Jane Bowles) bis zu deren Tod 1973.

In seinem ersten Roman, „Himmel über der Wüste“, ist, obwohl Bowles dies stets abstritt, sicher auch einiges über diese Ehe herauszulesen. Das amerikanische Paar Kit und Port Moresby versucht nach zwölf Jahren Ehe bei einer Reise durch Algerien ihre verloschene Liebe wiederzufinden. Doch – zum Teil fernab der Zivilisation, zurückgeworfen auf das eigene Selbst, zum Teil konfrontiert mit exzentrischen Figuren der Außenwelt – der Versuch misslingt. Port stirbt an Typhus, Kit verirrt sich im wahrsten Sinne in der Unendlichkeit der Wüste. Durch dieses Buch und den nachfolgenden, 1952 erschienenen Roman „So mag er fallen“, der ebenfalls die gescheiterte Flucht eines Mannes, aus der Leere des amerikanischen Daseins nach Tanger beschreibt, hatte Bowles sein Thema gefunden – auch in seinen weiteren beiden Büchern stehen zivilisationsmüde Menschen im Mittelpunkt, die hoffen, in einer anderen, exotischen Umgebung zu sich zu finden. Und die darin scheitern.

Zudem hatte sich Bowles, in dessen Büchern immer wieder auch auf die Wirkung des „Kif“ eingegangen wird, damit auch eine literarische Fangemeinde erschrieben – er wurde zum Vorbild für die Schriftsteller der Beat-Generation Ginsberg, Burroughs und Kerouac, aber auch andere Autoren wie Capote folgten ihm nach Tanger. Später geriet Paul Bowles zu Lebzeiten mehr oder weniger in Vergessenheit – nach dem Tod seiner Frau lebte er bis 1999 mit seinem Lebensgefährten Mohammed Mrabet in Tanger. Erst in seinen letzten Lebensjahren wurde die Öffentlichkeit wieder auf den Schriftsteller und seine Bücher aufmerksam – 1990 kam „Himmel über der Wüste“ in der berauschenden Verfilmung von Bernardo Bertolucci in die Kinos. Ein Fest für das Auge, für die Sinne – und dabei auch eine gelungene Literaturverfilmung, in der Bowles sogar selbst als Erzähler aus dem Off mitwirkt. Was lange unbekannt blieb, war, dass Paul Bowles nicht nur ein herausragender Romancier und einer der Vertreter des englischsprachigen Existenzialismus war, sondern – auch für die eigene materielle Existenz – zahlreiche Reiseberichte schrieb. Eine Auswahl davon erschien 2012 erstmals in deutscher Sprache beim Liebeskind Verlag: „Taufe der Einsamkeit“. Übersetzt wurden die Reportagen, die auch heute noch mitreißen und kaum von der Zeit überholt erscheinen, von dem Schriftsteller Michael Kleeberg (hier im Interview in der Sendung des Schweizer Rundfunks, „52 beste Bücher“, zum Buch).

Deutlich werden an den Berichten nicht nur die Vielzahl der Orte und Welten, die Bowles sich reisend und forschend (so hält er im Auftrag der Rockefeller-Stiftung in Marokko die Formen der Berber-Musik fest) erschreibt, sondern auch seine stilistische Bandbreite: Mal faktenreich über die Wüste, mal voller Humor über den Versuch, in Indien einen Brief aufzugeben, mal kritisch über den Tourismus- und Bauboom an der Costa del Sol, mal voller Poesie über die Schönheit des Lebens auf Ceylon.

„Der amerikanische Schriftsteller Paul Bowles verbindet einen kristallinen Stil mit geradezu verblüffend anmutender Aktualität. Seine ursprünglich für angelsächsische Reisemagazine geschriebenen Reportagen sind konzise Erzählungen, die keinerlei Patina angesetzt haben“, so begeistert äußerte sich Marko Martin im Deutschlandradio.

Dabei bewahrt sich Bowles, trotz seiner Affinität für Orte und Menschen und trotz seiner spürbaren Neugier für das, was hinter den Mauern vorgeht, auch die Distanz des kritischen Beobachters, urteilt subjektiv, erzählt aus seiner Warte.

„Seit dem ersten Morgen im Jahr 1931, als ich in einem Hotelzimmer erwachte und das Getöse draußen auf der Straße hörte, habe ich eine heftige Abneigung gegen diese Stadt empfunden. Ich kenne Marokko, aber nicht Casablanca, und das liegt daran, dass ich es, wann immer es ging, gemieden habe (…) In den Jahren des französischen Protektorats war es ein Gemeinplatz zu sagen, dass Casablanca das Schlimmste beider Welten vereinigte; seine Franzosen waren die arrogantesten und unangenehmsten und seine Marokkaner die dekadentesten, was so viel heißt wie: die europäisiertesten. (…)“

Ironisch-lapidar äußert sich Bowles über die Tücken des Taxiverkehrs in der Stadt:

„Sie verlassen also morgens ihr Hotel und winken eines der spielzeugartigen Taxis heran, die die Boulevards entlangrasen, und ob Sie es glauben oder nicht, Sie werden direkt in die Welt von Lewis Carroll versetzt. Quasi jedes Gespräch mit einem Taxifahrer kann das erreichen. Präzise Unlogik, einstudierte sinnlose Schlußfolgerungen, schamlose Widersprüche, die beiläufige Einführung völlig abseitiger Themen, dazu eine verdruckste Miene prinzipieller Mißbilligung – alle Zutaten sind vorhanden, um die Illusion zu vermitteln, man sei plötzlich in einen Kaninchenbau gefallen oder durch den Spiegel getreten.“

Diese humoristisch-subjektiven Schilderungen machen jedoch nur einen Teil des Reizes dieser Berichte aus. Vor allem Bowles Bemühen, die anderen Kulturen zu ergründen, zu verstehen und diese äußeren mit einer inneren Reise zu verbinden, also im besten Sinne eine Begegnung der Welten zu erfahren, prägen diese lesenswerten Reportagen. Sie sind eine nichtfiktionale Erweiterung seiner Romane, sie können im besten Falle auch beim Leser Prozesse und zumindest Neugier auf „das andere“ in Gang setzen. Sein Bericht – oder fast besser noch „Reiseerzählung“ – über Sevilla endet mit diesen Worten:

„Ya es la hora de la siesta. All das wird ihn zurück nach Amerika begleiten, nichts wird verschwendet gewesen sein. Jede einzelne Stunde, die er mit offenen Augen verbracht hat, wird ihn ein Stückchen auf dem Weg zu einem Verständnis der Welt weitergebracht haben, und das ist schließlich der wahrhaftigste Gradmesser für Kultur, den wir bisher gefunden haben.“

Und – als ewige Träumerin von der Wüste – hier noch meine Lieblingsstelle aus der titelgebenden Reportage über die Sahara:

„War ein Mann (Anmerkung der Verfasserin: „eine Frau“ dazu denken) dort und hat die Taufe der Einsamkeit über sich ergehen lassen, dann kann er nicht anders. Ist er einmal dem Zauber des gewaltigen, gleißenden, stillen Landes erlegen, dann ist kein anderer Ort mehr kraftvoll genug für ihn, dann kann keine andere Umgebung das unüberbietbar befriedigende Gefühl in ihm hervorrufen, mitten im Absoluten zu stehen.“

Vorangestellt ist den Reportagen eine Art Programm, das Bowles 1958 in „The Nation“ veröffentlichte: „Eine Herausforderung an die Identität“.

„Noch vor einem Jahrhundert ist das Reisen eine Sache für Spezialisten gewesen. Da ferne Orte außer für sehr wenige Glückliche und Widerstandsfähige abseits jeder Erreichbarkeit lagen, war es ganz normal, dass man die Sehnsucht nach dem Exotischen indirekt durch das Lesen von Büchern befriedigte. Heutzutage, wo rein theoretisch ein jeder überall hingehen kann, dient das Reisebuch einem anderen Zweck; die Gewichtung hat sich von dem Ort selbst auf den Eindruck verlagert, den der Ort auf einen Menschen macht. So ist das Reisebuch zwangsläufig subjektiver geworden, sozusagen literarischer.“

Und in diese Beschreibung reiht sich Paul Bowles selbst mit seinen Reiseberichten in grandioser Manier ein. Seinem Satz„Es gibt nichts, was ich mehr genieße als die akkurate Schilderung eines intelligenten Schriftstellers über all das, was ihm weit weg von zu Hause widerfahren ist“ – kann man nicht nur zustimmen, sondern er selbst erfüllt ihn auf die beste Weise.

16 comments on “Paul Bowles: Taufe der Einsamkeit (1950-1972).”

  1. Die Auswahl Deiner Lektüren, von denen schon viele in meiner Leseliste stehen [und sich neben meinem Leselebenssessel „türmen“], spricht auch für den Liebeskind Verlag, den ich so schätze. Danke Dir wieder einmal für die lesenswerte Vorstellung und Besprechung!
    Sonntagslesegrüße von Karin

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  2. Liebe ewige Träumerin von der Wüste, kannst du vielleicht zwischendurch mal Bücher vorstellen, die keine Pawlowschen Reflexe bei mir auslösen? Jetzt kommst du auch noch mit Paul Bowles! „Himmel über der Wüste“ habe ich vor ewigen Zeiten gelesen (und auch die großartige Verfilmung gesehen), aber ich fürchte, das Buch werde ich noch mal zur Hand nehmen „müssen“ – nach der „Taufe der Einsamkeit“ natürlich, die ich noch nicht kenne. Bin schon gespannt, ob ich auch seine Worte über die Wüste am schönsten und klarsten finde. Wundern würde es mich nicht, schließlich gibt es keinen Ort, an dem das Unterwegssein so sehr Normalzustand ist wie in der Wüste: zu anderen wirtlicheren Orten, zu sich selbst, zum Wesentlichen… Liebe Grüße!

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    1. Liebe Maren,
      ich bekenne mich gerne schuldig, aber ich kann nicht anders – wenn es ein gutes, empfehlenswertes Buch gibt, schreib ich frecherweise drüber. Dass Dir der Bowles gefällt, hätte ich mir natürlich denken können müssen…Ich meine: Die Taufe der Einsamkeit ist Dir als Wüstenreiterin sicher ein Genuss! Liebe Grüße, Birgit

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      1. Kennst Du die Verfilmung mit John Malkovich und Debra Winger? Himmel über der Wüste steht auch in meinem Regal der Bücher, die man mehrmals liest und behalten muss 😉
        LG, Bri

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  3. „Himmel über der Wüste“ hatte ich vor Jahren gelesen und bestimmt hat es meine Entscheidung, mein Schreibcamp in Marokko aufzuschlagen, beeinflusst. Als ich dann dort war, habe ich es wieder gelesen, zuletzt auch die Briefe, die Jane ihm (meistens aus Marokko) geschrieben hat. Lieblingszitat Paul Bowles: „Es war ganz richtig mit voller Geschwindigkeit in die Wüste hineinzufahren und keine Spuren zu hinterlassen.“ Die Reiseberichte wollte ich auch noch lesen, aber eigentlich habe ich momentan von Marokko genug. Burroughs ist damals auch Bowles gefolgt. Später schrieb er an Ginsberg „Und fall mir bloß nie auf diese Kacke von wegen orientalischer Unergründlichkeit rein, wie Bowles sie zu Papier bringt (der schamlose Fälscher) […] Sie sind nichts weiter als ein Haufen geschwätziger, klatschsüchtiger, einfältiger, fauler Spießer.“ – Mein Resümee fällt nicht so hart aus, aber generell sind die Menschen aus dem Süden des Landes auch ein anderer, angenehmerer Menschenschlag. Ich ertappe mich aber dabei, im Zusammenhang mit meinen Erfahrungen, der Lektüre von „Ein Leben voller Fallgruben“ und „Das nackte Brot“ meinen grundsätzlichen Respekt für Religionen in Frage zu stellen und den Thesen von Houellebeqc oder Oberkotzbrocken Pirincci zuzustimmen, dass der Islam „die dümmste aller Religionen“ ist… Das beschäftigt mich seit einiger Zeit und irgendwie komme ich aus diesem Konflikt nicht ganz heraus und stelle wieder einmal fest, dass die Welt verdammt kompliziert wird, wenn man sich bei ihrer Beurteilung nicht mit den Kategorien „Gewinn“ und „Verlust“ begnügt.

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