Robert Domes: Nebel im August (2008).

Der 14jährige Ernst Lossa fiel der Euthanasie zum Opfer. Robert Domes verarbeitete das Schicksal des Jungen zu einem gelungenen Jugendbuch.

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Ein Stolperstein für Ernst Lossa bei Kloster Irsee. Bild: Ordercrazy. commons Wikimedia

„Er schließt die Augen und versucht, sein aufgeregtes Herz zu beruhigen. Die Stimme seiner Mutter klingt aus einer fernen Zeit zu ihm her. Nach Sonnenuntergang beginnt die Stunde der Engel, hat sie immer gesagt. Er stellt sich vor, ein Engel geht durch die Station, vorbei an den Krüppeln und Idioten, an den Gelähmten und Blinden, an den Schreienden, die man ans Bett gebunden hat, und den Stillen, die nur vor sich hin sabbern. Der Engel geht vorbei und alle werden ganz friedlich. Am Ende kommt er auch zu Ernst, berührt ihn mit seinem Flügel an der Schulter und zwinkert ihm zu.

Robert Domes, „Nebel im August“. Die Lebensgeschichte von Ernst Lossa. Verlag cbt, ab 13 Jahren, Taschenbuch, 352 Seiten, ISBN: 978-3-570-30475-4

Im Januar 1934 trat das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses in Kraft. Damit gaben sich die Nationalsozialisten den scheinbar gesetzlichen Rahmen für alle Maßnahmen im Rahmen der Euthanasie-Aktionen. Letztendlich verstand sich darunter nichts anderes als der Massenmord an psychisch kranken und geistig behinderten Menschen, die massenhafte Zwangsterilisation und die Beseitigung von Menschen, die nicht in das System passten. Menschen, deren Dasein als „lebensunwertes Leben“ bezeichnet wurde – ein Begriff, der bereits 1920 geprägt worden war. Die kursierenden und zum Teil absurden pseudowissenschaftlichen Thesen zur Volksgesundheit, der Begriff von einem gesunden „Volkskörper“ – der gedankliche Boden war bereits schon bereitet, damit Ärzte und Pfleger ohne moralische Bedenken von Heilern zu Mördern werden konnten. Im Nationalsozialismus wurde, was bereits gedacht war, getan und auf eine perverse Spitze getrieben.

Ein schwieriges Thema für ein Jugendbuch – doch der Autor Robert Domes hat daraus ein sehr berührendes Buch gemacht, in dem er behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen den Schicksalsweg eines Jugendlichen nachzeichnet, der der Euthanasie zum Opfer fiel. Es ist ein Buch, das jungen Leuten die Augen öffnen kann – darüber, was es heißt, andere auszugrenzen, Vorurteile zu hegen, aber auch darüber, dass jeder Zivilcourage zeigen kann: So wie es Ernst Lossa tat.

Domes zeigt in seinem berührenden Jugendbuch „Nebel im August“ an einem wahren Schicksal die Geschehnisse in einer Heil- und Pflegeanstalt auf. Nicht ohne Grund wurde das Buch ausgezeichnet mit dem „Marion-Samuel-Preis“ der Stiftung Erinnern, mit dem „Bronzenen Lufti“, dem Literaturpreis der Jugendbuch-Jury der Mecklenburgischen Literaturgesellschaft und mit der Verdienstmedaille des Jenischen Bundes.

Ernst Lossa stammt aus einer Landfahrerfamilie, sie sind Jenische, ziehen mit ihren Waren durch ganz Süddeutschland. Im Nationalsozialismus sieht sich die Familie immer häufiger Übergriffen und Verfolgung ausgesetzt. Als die Mutter stirbt und der Vater in ein Konzentrationslager deportiert wird, kommt Ernst in ein Waisenhaus. Als „Zigeuner“ abgestempelt, flüchtet sich der Junge in der Strenge der Institution in eine Traumwelt, lernt zu lügen und zu stehlen. 1940 wird der Zehnjährige in ein NS-Erziehungsheim überstellt, auch dort fällt er auf, statt Hilfe und Verständnis erhält das Kind die Diagnose „angeborene Stehlsucht“. Damit ist der Weg in den Untergang vorgezeichnet: Als diagnostizierter „asozialer Psychopath“ gilt er als nicht heilbar, ist „lebensunwert“.

Zitat von der Internetseite des Autors:

„Am 20. April 1942 – ausgerechnet am „Führergeburtstag“ – wird Ernst in eine Heilanstalt eingewiesen. Der Junge, der weder behindert noch geisteskrank ist, findet unter den Verrückten, Gelähmten und Anfallskranken das, was er lange vermisst hat: Eine Familie. Ernst erlebt Geborgenheit, Freundschaft und verliebt sich über beide Ohren in eine Mitpatientin. Doch bald entdeckt Ernst, dass hinter der Fassade der Heilanstalt unheimliche Dinge geschehen. Patienten werden fortgebracht, ausgehungert oder sterben aus mysteriösen Gründen. Ernst versucht, das unmenschliche System zu unterwandern, schlitzohrig, mutig und mit großem Herzen. Und weiterhin träumt er von der Freiheit und dem Leben im Planwagen. Dabei ahnt der 14-Jährige nicht, wie sehr er selbst in Lebensgefahr schwebt. Im Sommer 1944, als den Deutschen dämmert, dass der Krieg verloren ist, bekommen die Todespfleger die Weisung: Ernst Lossa muss beseitigt werden.“

Robert Domes hat mit „Nebel im August“ Ernst Lossa, dessen Kindergesicht uns von der Titelseite her so ernst anblickt, dem Vergessen entrissen. Dafür hat der Autor akribisch in den Unterlagen und Akten der Allgäuer Anstalt, in der Ernst Lossa die letzte Zeit seines Lebens verbrachte, recherchiert. Die anrührende Lebensgeschichte dieses Jungen, dessen einziger „Fehler“ (in den Augen der Mörder) es war, unangepasst zu sein, eignet sich gut als Lektüre mit Jugendlichen in diesem Alter. Zum Buch gibt es Unterrichtsmaterial für Lehrer und Schüler.

Wer in das Thema „Euthanasie im Nationalsozialismus“ einsteigen möchte, findet dazu einen lesenswerten Aufsatz von Gerrit Hohendorf, Psychiater und Medizinhistoriker, in dem eben erst erschienen Taschenbuch, „Was hat der Holocaust mit mir zu tun? 37 Antworten“, Herausgeber Harald Roth, Pantheon Verlag, 304 Seiten, ISBN: 978-3570552032. Der Sammelband, für den Überlebende des Holocaust, Politiker, Schriftsteller und Fachleute verschiedener Gebiete Essays geschrieben haben, wendet sich an Jugendliche und Erwachsene, will bewusst einladen, das Thema und die im Buch aufgeworfenen Fragen zum Nationalsozialismus zu diskutieren.

Zitat aus dem Aufsatz von Gerrit Hohendorf:

„Doch die beunruhigende Frage bleibt: Warum haben Ärzte, die doch heilen sollen, beim Töten von kranken Menschen und Menschen mit Behinderungen mitgemacht? Weder Gesetz noch Befehl oder Terror haben sie dazu gezwungen. Viele waren überzeugt, an einem großen „Erlösungswerk“ mitzuwirken. (…) Die grausame Realität der Krankenmorde im Nationalsozialismus lässt uns ratlos zurück. Doch bleiben zwei Gedanken, die zur Vorsicht mahnen.
Wenn Ärzte und Bürokraten des Gesundheitswesens meinen, über den Wert menschlichen Lebens entscheiden zu können, so maßen sie sich ein Urteil an, das unheilvolle Konsequenzen nach sich ziehen kann. (…)
Und: Es gibt kein gutes ärztliches Töten – auch dann nicht, wenn man meint, aus Mitleid oder aus dem Gedanken der Erlösung heraus zu handeln.“

Link zur Internetseite des Autoren Robert Domes:
http://www.robertdomes.com/nebel-im-august.html

Link zur Verlagsseite „Nebel im August“:
http://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Nebel-im-August-Die-Lebensgeschichte-des-Ernst-Lossa/Robert-Domes/e261951.rhd?edi=261951

Link zur Verlagsseite „Was hat der Holocaust mit mir zu tun?“:
http://www.randomhouse.de/Paperback/Was-hat-der-Holocaust-mit-mir-zu-tun-37-Antworten/Harald-Roth/e419453.rhd?mid=1

12 comments on “Robert Domes: Nebel im August (2008).”

  1. Ich lese gerade Wolfgang Martynkewicz Buch über „Das Zeitalter der Erschöpfung“, eine Rückbesinnung auf die „Burn-out-Debatte“ der Wende zum 20. Jahrhundert. Auch damals beklagten die Menschen, überfordert, übermüdet und nicht leistungsfähig zu sein. In diesem Zusammenhang referiert Martynkewicz auch Auszüge der damaligen öffentlichen Debattte über „die große Gesundheit“, also die Gesundheit des Volkes, auf. Eugenik und Euthanasie sind durchaus – und ziemlich erschreckend – in vielen Ländern (USA, Skandinavien seit Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre) und unterstützt von vielen Wissenschaftlern, Schrifstellern und Reformpädagogen, gar nicht nur rechtester Couleur, völlig normale Ideen (S. 163-192). Das erschreckt beim Lesen, weil ich das immer für Nazi-Ideologie gehalten habe, aber offensichtlich sind diese Ideen tief in der Gesellschaft verankert gewesen. Martynkewicz zeigt auf, dass wir heute wieder in eine ähnliche Diskusion (PID, Sloterdijk, S. 164) hineingeraten.
    Wie schnell dann solche Ansätze polisch instrumentalisiert und in einem absoluten, menschenunwürdigen und zutiefst abscheulichen Irrsein enden, das zeigt dann wohl das Buch deutlich auf, dass Du hier vorstellst. Das ist, wenn auch einen schwere, so doch eine wichtige (Schul-)Lektüre, ein Buch, das hoffentlich mit Schülern gemeinsam erkundet wird, damit auch sie nicht vergessen und auch sie neue Diskussionen zu diesem Thema einordnen können. —
    Und dann stelle man sich den weiteren Irrsinn der aktuellen Bildungspolitik vor, dass ich mit meinen Schülern – zugegeben, in der Sekundarstufe II – an einem Berufskolleg mit wirtschaftlicher Ausrichtung solche Themen gar nicht mehr lesen kann, denn auch die Literatur muss beruflichen Bezu haben. Ich denke das jetzt mal gar nicht weiter…
    Vielen Dank für Deine beeindruckende Besprechung, Claudia

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    1. Liebe Claudia, herzlichen Dank für Deine informative + engagierte Antwort. Danke für den Hinweis auf „das Zeitalter der Erschöpfung“ – ich habe heute beim Querlesen auch diesen Gedanken gehabt: Vor dem 1. WK wurde ja die Neurasthenie bei vielen Menschen – wenn man 1913 von Florian Illies liest, gewinnt man den Eindruck, v.a. viele Künstler, aber dort wird es auch ironisiert – festgestellt. Eine Erschöpfung, die mit dem heutigen Burnout sicher vergleichbar ist. Und es stellt sich sicher die Frage, woran die Gesellschaft erkrankt ist, wenn die Menschen mit dem Alltag nicht mehr zurechtkommen.
      Das zweite Thema ist natürlich auch mit Bezug zu heute zu sehen: So „normal“ wie es wohl früher war, über Euthanasie wissenschaftlich-sachlich zu diskutieren, so nimmt es ja auch heute wieder zu, bestimmte Themen ethik- und moralfrei ins Gespräch zu bringen.
      Dir wünsche ich, dass Du trotz des Korsetts „Lehrplan“ Schüler(innen) unter den Deinen hast, die ihre Sinne für andere Themen nicht ganz unter dem Stoff erdrücken lassen müssen. Viele Grüße Birgit

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    2. PS: Bei Interesse – wenn jemand das Buch doch in seinem Unterricht vorstellen und diskutieren will – zum einem meine ich, dass der Autor für solche Gelegenheiten gerne zur Verfügung steht (ich habe ihn einmal persönlich getroffen, ein sehr sympathischer Mensch), oder aber dass man einen Psychiater aus einer nahegelegenen Einrichtung dazu bitten kann. Außerdem gibt es zu dem Thema auch eine Wanderausstellung, muss ich aber noch recherchieren, wie die heißt und wer sie verwaltet…

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    1. Danke! Da sich das Ganze in einer Psychiatrie abspielte, die hier in der Nähe von Augsburg ist (Kaufbeuren), war ich mit der Geschichte bereits etwas vertraut, als das Buch veröffentlicht war. Die Euthanasie ist leider ein dunkles Kapitel, das bislang eher immer regional aufgearbeitet wird, daher ist es gut, dass jetzt auch ein Film kommt! Denn: Auch das könnte wieder geschehen und Menschen betreffen, die wehrloser als andere sind, weil sie eben krank sind…

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